Vom Recht auf Trägheit

Frühmorgens an der porta vecchia beobachte ich zwei Fischer in Monopoli und erinnere mich an eine Anekdote von Heinrich Böll.

 



 

Ein etwas ärmlich gekleideter Fischer döst in der Sonne im Hafen, als ein Tourist vorbei kommt und ihn fragt, warum er denn nicht ausfahre zum Fischen. Der Fischer erwidert, er sei heute schon ausgefahren und habe einen ganz guten Fang gemacht, der für heute, morgen und vielleicht sogar übermorgen reiche.

 „Ich will mich ja nicht in ihre Angelegenheiten mischen, aber stellen Sie sich mal vor, Sie würden noch ein zweites, drittes oder viertes Mal ausfahren. Was könnten Sie da für einen riesigen Fang machen? Und was könnten sie sich alles davon leisten? Sie könnten sich einen Motor für ihr Boot kaufen, dann einen Kutter oder sogar zwei. Später könnten sie eine Räucherei aufmachen, eine kleine Marinadenfabrik oder ein Fischrestaurant und dann...“

 „Was dann? fragt der Fischer.

 „Dann könnten sie beruhigt hier im Hafen sitzen und auf das herrliche Meer hinausschauen.“

 „Aber das tue ich ja jetzt schon.“ antwortet der Fischer. „Nur das Klicken ihres Fotoapparates hat mich geweckt.“ Nachdenklich geht der Tourist davon und bemerkt, dass sich sein anfängliches Gefühl von Mitleid in Neid verwandelt hat.

 

 


Darstellung eines Fischer, gefunden in Monopoli.
Darstellung eines Fischer, gefunden in Monopoli.

 

 Die Geschichte ist von Heinrich Böll und heißt „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ (1963). Vielleicht ist es eine moderne Version des Märchens "Der Fischer und seine Frau". Es gibt aber eine ähnliche, wahre Geschichte über Antonio, einen Fischer in Monopoli:

 

Antonio hat es sich nicht ausgesucht, Fischer zu sein. Er hat den „Job“ von seinem verstorbenen Vater übernommen, um die Familientradition weiterzuführen. Die Kleinfischerei jedoch reicht kaum noch aus, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. Antonios Tagesverdienst liegt an guten Tagen bei 25 Euro. Vorübergehend hat Antonio deshalb in einem Möbelgeschäft gearbeitet, aber er hatte dabei das Gefühl innerlich auszutrocknen. Es zog ihn zurück aufs Meer. Seine Familie kann er nur ernähren, weil seine Frau putzen geht, das Haus im Familienbesitz ist und die Lebenshaltungskosten in Monopoli relativ gering sind. Der „pescaturismo“, bei dem Fischer Touristen mit an Bord nehmen und auch mal selber mitanpacken lassen, ist für Antonio keine Alternative. „Eine wunderbare Idee, aber nicht für mich.“ meint er. Die Lizenz ist teuer und worum man sich da alles kümmern muss..“ Dazu sei er, ehrlich gesagt, zu träge.

 

 

Kleinfischerei in Apulien

 

Der Fischfang in Apulien hat seine Haupthäfen in Molfetta, Manfredonia und Gallipoli. Etwa 13% des italienischen Fischfangs stammen aus Apulien. Zwar hat die Fischerei immernoch noch eine wichtige Bedeutung für die regionale Wirtschaft, aber die Konkurrenz aus Afrika und Asien ist billiger und der Umsatzt italienischer Fischer sinkt stetig. Eine Lizenz zum Fischfang kostet ca. 20 000 Euro und kann gekauft oder geerbt werden. Frischer Fisch ist elementar für die apulische Küche und roher Fisch ist eine landestypische Spezialität. Trotzdem ist das Leben für Kleinfischer nicht mehr besonders einträglich, sodass einige auch anbieten, Touristen die Küste vom Boot aus zu zeigen.

 

 

Immer wieder höre ich, die Süd-Italiener seien faul und würden nur das Allernötigste tun. Zugegeben manchmal hab ich mich selbst über die Unpünktlichkeit geärgert und vielleicht ist meine Vorstellung vom Leben eines Fischers zu romantisch (eine Fischerin habe ich leider noch nie gesehen). Aber eigentlich bin neidisch auf Antonio und denke: das ist der Weg.

 

(Der Bericht über Antonio stammt aus dem Buch: Apulien. Typen, Träumer, Lebenskünstler. Land und Menschen an einem Ende Europas. Von Katja Büllmann. Corso Verlag. Wiesbaden.)


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