Alleinreisen in stürmischen Zeiten. Der beste Weg zu uns selbst?

 

Für die Suche nach den eigenen Grenzen muss es nicht immer das ganz große Abenteuer sein. Erste Etappe einer Art unreligiösen Pilgerreise, bei der ich gefunden habe, was ich gar nicht suchte.

 



 

 

Heute ist "blue monday", der 3. Montag des Jahres und damit statistisch gesehen der deprimierendste Tag des Jahres. Allerdings habe ich vorhin im Radio gehört, das sei nur ein Marketinggag der Tourismusindustrie, denn wer deprimiert ist, ist eher motiviert Reisen zu buchen. Ich sitze nicht deprimiert aber voller Sehnsucht nach woanders in einem Cafe im Prenzlauer Berg und erinnere mich an meine 2. Reise nach Apulien, die mir manchmal wie die erste Etappe einer Pilgerreise vorkommt.

 

Das Wort „Pilger“ heißt eigentlich Fremdling und stammt vom Lateinischen peregrinari, „in der Fremde sein“ ab. Heute versteht man darunter eine Person, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht, um einen heiligen Ort aufzusuchen.

Hape Kerkelings Buch über seine Pilgererfahrungen auf dem Jakobsweg stand 100 Wochen auf Platz eins der Bestsellerlisten in Deutschland. Danach ist Pilgern in Deutschland zu einer Massenbewegung geworden. Religiöse Motive spielen dabei oft keine große Rolle mehr, allerdings scheint es eine große Sehnsucht nach spirituellen Erfahrungen zu geben. In erster Linie geht es den Pilgern um die Suche nach Sinn und nach sich selbst, wie eine Studie herausgefunden hat, die 5 Pilgertypen unterscheidet:

 

  1. Der Bilanzierer, der Rückschau auf das eigene Leben nimmt.

  2. Der Übergangspilger, der vor einem neuen Lebensabschnitt steht.

  3. Der Auszeitnehmer, der Abstand vom Alltag braucht.

  4. Der Neustarter (z.B. Nach Scheidungen oder Berufswechsel), dem vor allem das Durchhalten wichtig ist.

  5. Der Krisenbewältiger, der einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat und sich wiederfinden will.

 

Allein-Reisen als Sinnsuche oder Weg aus der Krise

 

Ich war damals eine Mischung aus Typ 4 und 5. Ich hatte eine Krise, weil innerhalb von ein paar Monaten so ziemlich alles, woran ich glaubte, wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen war. Ich konnte nicht mehr richtig essen und schlafen, hatte manchmal Angst auf die Straße zu gehen, gleichzeitig aber eine große Sehnsucht nach Bewegung und ich hatte ich etliche Bücher über Menschen gelesen, denen das Reisen aus einer Krise geholfen hatte.

 

 

Reiseerzählungen, die mir Mut gemacht haben

 

Da war Hape Kerkelings „ Ich bin dann mal weg“. Kerkeling nimmt das mit dem Durchhalten nicht ganz so streng. Wenn er zu erschöpft ist weiterzugehen, fährt einfach mal eine Etappe mit dem Bus. In „Eat Pray Love“ findet eine Frau nach einer Scheidung in Italien ihren Appetit am Leben wieder, in Indien findet sie zu einer spirituellen Lebensweise, in Bali lernt sie eine neue Liebe kennen. „Der große Trip“ erzählt die Geschichte von Cheryl, die nach dem Tod der Mutter 1000 Meilen über den Pacific Crest Trail wandert. Durchhalten ist ihr Motto. Alle Bücher haben ein happy end, alle sind Bestseller und inzwischen verfilmt. Es gab aber auch Berichte über Reisen, die tragisch endeten. „In eisigen Höhen“ schildert, wie eine Gruppe zu ehrgeiziger Bergsteiger erfriert, weil sie trotz schlechtem Wetter nicht umkehren wollen. In „Into the Wild“ verschenkt Chris McCandless Geld und Besitz, trampt quer durch die USA und verhungert in der Wildnis Alakas. Auf der Rückseite des Buches ist sein letztes mit Selbstauslöser gemachtes Foto abgebildet. Erschreckend abgemagert aber mit verstörend glücklichem Gesichtsausdruck lächelt er in die Kamera.

 

Der Everest war mir eindeutig zu hoch und der Jakobsweg zu weit. Für eine lange Auszeit fehlten mir Geld, Zeit und Selbstvertrauen. Am meisten inspirierte mich daher eine Kurzgeschichten von D.H. Lawrence „Die Sonne.“ In der Sonne liegen, spüren dass ich noch da bin. Sinnsuche über die Sinne. Das war mein Plan.

 

Nach dem Sturm ist vor dem Sturm

Verglichen mit den oben erwähnten Abenteuergeschichten über das Alleinreisen, scheint eine 10-tägige Campingreise nach Apulien keine große Herausforderung. Für mich wurde es aber trotzdem eine. Ich sprach kein Italienisch und die meisten Apulier weder Deutsch, Englisch oder Französisch. Mein Stresspotenzial war groß, mein finanzielles Budget klein, sehr klein. Hotels kamen nicht in Frage, Camping war angesagt.

Camping in der Natur ist wunderbar, solange das Wetter gut ist, aber einen Tag vor meiner Abreise zeigte der Wetterdienst eine ausgedehnte Gewitterfront über Apulien. Ich änderte meinen Plan und fuhr in eine billige Jugendherberge nach San Cataldo.

Das war eine gute Entscheidung, denn die nächsten 2 Tage regnete es fast ununterbrochen. In San Cataldo war jedoch Anfang September der Hund begraben oder schlimmer: auf der verwaisten Strandpromenade knurrten mich wilde Hunde an. Also fuhr ich mit dem Bus nach Lecce und an der Küste entlang nach Otranto, aber im Regen schien mir alles trostlos.

 

Ich bekam schlechte Laune und wagte nach der dritten Nacht den Umzug auf den Campingplatz weiter im Norden. Wie durch ein Wunder kam ich trocken an, baute mein Zelt auf und wollte gerade am Strand ein Bier aufmachen, als ich das Donnern hörte: die nächste Gewitterfront.

Nachts um drei merkte ich, dass mein Zelt undicht war, es tropfte an mehreren Stellen auf meinen Schlafsack. Am Morgen war alles klamm und ich fror. Ich musste Mülltüten besorgen, um meine Sachen vor dem nächsten Regen zu schützen.

Mit Gewittern muss man in Apulien zwar immer mal rechnen, aber eine 5-tägige Gewitterfront mit stundenlangem Dauerregen war ungewöhnlich. Das war, als wäre der innere Sturms, der seit einem Jahr in meinen Kopf tobte, jetzt nach außen verlagert. Angst hatte ich keine (eigentlich mag ich Gewitter sogar), aber es war sehr, sehr ermüdend.

 

Mein Basislager
Mein Basislager

Finden, wonach man gar nicht gesucht hat.

 

Meine Ziele waren: Durchhalten, es-alleine-schaffen, nicht in Panik geraten, aber nach fünf sturmgeschüttelten Tagen habe ich die Erfahrung gemacht, die andere Pilger erst nach wochenlangem Alleinsein machen: dass der Mensch den Menschen braucht. Und jetzt kam  für mich die größte Herausforderung: mir einzugestehen, dass ich irgendwie Hilfe brauchte. Ich versuchte mich zwar damit zu trösten, dass es auf dem Mount Everest mindestens 30 Grad kälter war und dass ich keine Angst vor Bärenangriffen haben musste wie Cheryl auf dem Pacific Crest Trail, aber meine Grenze war erreicht: mir war kalt, ich hatte Hunger, ich war erschöpft. Es gab zwei Möglichkeiten: Aufgeben oder um Hilfe bitten.

 

Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Freundliche Apulier auf dem Campingplatz luden mich zum Essen ein und ich musste sie nur annehmen. Ich bekam eine Sonnenliege als Bett  und es folgten Ausflüge in die Umgebung, Einblicke in eine ganz andere Kultur. Als Alleinreisende fällt man in Apulien auf, denn Italiener finden das irgendwie merkwürdig. Mir ist es später in Apulien immer wieder passiert, dass Fremde mir von sich aus Hilfe angeboten haben und jedesmal habe ich bemerkt, dass ich mich dann schäme. Wieso eigentlich? Vielleicht weil es mir fremd ist, ich nicht weiß ob und welche Gegenleistung dafür erwartet wird?

 

Auf dieser Reise jedenfalls hatte ich einiges richtig gemacht. Ich hatte durchgehalten, solange es ging, rechtzeitig meine Grenzen gespürt und war über meinen stolzen Schatten gesprungen. Die Sonne kam dann doch noch raus, ich hatte Gesellschaft, ich staunte über mich selbst. Den Sinn des Lebens habe ich nicht gefunden, aber ein kleines Stück mehr Abenteuerlust und Selbstbewußtsein für ->die nächste Etappe, die ich vier Monate später als Freiwillige in der ökologischen Landwirtschaft im Itriatal anging. Es war nicht der letzte Sturm, mit dem ich in Apulien zu kämpfen hatte.

Meine kleine Pilgerreise hatte keinen religiösen oder spirituellen Hintergrund, aber Apulien ist ein sehr religiöses Land. Echte Pilgerziele in Apulien sind:

 

-  das Grab des Heiligen ->Padre Pio in San Giovanni Rotondo.

- der Monte S. Angelo und die Wallfahrtskirche San Michele, wo der Legende nach 492 der  Erzengel Michael erschien.

- das Grab des Heiligen Nikolaus in der Basilica San Nicola in ->Bari.

 

 

Für alle, die gerade ganz unten sind, noch ein paar Zeilen von Rumi:

 

Wenn du durch eine harte Zeit gehst
Und alles gegen dich zu sein scheint,
wenn du das Gefühl hast, es nicht mehr eine Minute länger zu ertragen,
GIB NIE AUF
Weil dies die Zeit und der Ort ist, wo sich die Richtung ändert.

Rumi

 


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