Reisen kann Gefühle von Fremdheit auslösen. Gut so!


Vor ein paar Tagen hat auf facebook jemand ein sehr hübsches Video über Apulien gepostet und darunter geschrieben: "ich würde gerne mal ein Video über die dunklen Seiten Apuliens drehen." Ich habe nachgefragt, welche das sind, bekam aber keine Antwort. Schade, denn es hätte mich wirklich interessiert.

Aber ich nehme das zum Anlass, ein paar Bilder aus Apulien zu zeigen, die nicht so der Postkartenidylle entsprechen, sondern ein bißchen befremden können. Und ich möchte damit ein  kleines Plädoyer für das Gefühl der Fremdheit halten.

 

Dazu mache einen kleinen Ausflug in die Theorie der Fotografie. Roland Barthes beschreibt in seinem Buch "Die helle Kammer" sehr schön das Fremdheitsgefühl, das ihn beim Betrachten bestimmter Fotos überkommt und das, so meine ich, auch das Reisen auslösen kann. Seine Ausgangsfragen lauten: Was ist das Wesen der Fotografie? Was passiert beim Betrachten von Fotos?

 

Er unterscheidet bei der Auseinandersetzung mit der Fotografie zwischen "studium" und "punctum". Man kann Fotos lesen und studieren, denn jedes Foto liefert bestimmte Informationen auch über die jeweilige Kultur, in der es aufgenommen wurde. Diese Fotos kann man mögen oder nicht, aber in der Regel lösen sie keine heftigen Gefühle wie Schmerz, Leidenschaft, Lust oder Liebe aus.

Interessanter ist, was Barthes über das "punctum" schreibt. Das punctum verletzt und erschüttert den Betrachter des Fotos, es stellt seine Souveränität in Frage, weil es sich nicht in Information, Wissen oder Sprache übersetzen lässt. Es sind gestörte, rissige Bilder, die einen blinden Fleck verbergen, ein Geheimnis. Das punctum sucht den Betrachter da auf, wo er sich selbst unbekannt ist. Darin besteht seine Unheimlichkeit. Das punctum schreit nicht, es ist ein stiller, singender Rest, der gleichzeitig verführt und verletzt. Dieses Gefühl schreibt Barthes ist rein subjektiv.

 

"Sobald ich mich aber dem Wesen der Fotografie im allgemeinen näherte, geriet ich auf Abwege. Statt dem Weg einer Logik zu folgen hielt ich inne und bewahrte bei mir wie einen Schatz, meine Sehnsucht und meinen Schmerz. Als spectator interessiere ich mich für die Fotografie nur aus Gefühl. Ich wollte mich in sie vertiefen nicht wie in ein Problem, sondern wie in eine Wunde."

 

Seht ihr das ähnlich oder hört sich das für euch ein bißchen masochistisch an?

 

Byun Chul Han, ein deutscher Philosoph, meint, wir erleben gerade nicht nur eine Krise der Finanzmärkte und der Beschleunigung, sondern auch eine der Schönheit, weil wir alles Negative, Fremde, Andere, Verletztende immer mehr zum Verschwinden bringen.

 

"Heute befinden wir uns insofern in einer Krise des Schönen, als das Schöne zu einem Objekt des Gefallens, des Like, zum Beliebigen und Behaglichen geglättet wird."

(Aus: Die Errettung des Schönen)

 

Die zehn Fotos, die ich hier aus meinem Archiv zusammengestellt habe, entstanden alle in einer Phase, in der ich mich in Apulien verloren und fremd gefühlt habe. Sie sind aus dem Bauch heraus, ohne lange zu überlegen geknipst worden. Acht davon sind mit einer analogen Kamera gemacht, an der man nichts einstellen kann außer Biltz an /aus. Viele sind technisch mangelhaft, aber ich finde die Bilder schön und bin mir nicht sicher warum? Weil sie für mich eine Erfahrung zum Ausdruck bringen, die ich nicht missen möchte? Denn zur Erfahrung im allgemeinen und vielleicht insbesondere der des Reisens gehört auch die des Fremd- und Verloren-sein,  Erschüttert- und Ergriffensein.

 

Es gibt mindestens zwei Arten von Fremdheit und die Übergänge sind manchmal fliessend. Es kann ein angstbeladenes Gefühl der Absurdität, der Sinn- und Oreintierungslosigkeit sein oder aber ein sehr beglückendes Gefühl. Eine erlösende seelische Bewegtheit, sogar sowas wie der Einbruch der Eigentlichkeit in eine als uneigentlich erlebte Welt.

Vor allem für Menschen, die sich zuhause bisweilen entfremdet fühlen und ich zähle mich dazu, kann die zweite Art von Fremdheit eine heilende Erfahrung sein. Nachdem man das Gefühl überwunden hat, die Welt nicht mehr zu verstehen, kann es bedeuten die Welt wirklich mit anderen Augen zu sehen, vielleicht sogar mit unschuldig staunenden Kinderaugen.

 

Mit der Frage, was die dunklen Seiten Apuliens sein könnten, werde ich mich demnächst beschäftigen. Ich habe da so eine Ahnung... und würde gerne versuchen, es in einem anderen Licht zu sehen.

 

 

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Tessa (Samstag, 25 März 2017 20:35)

    Sehr interessanter blog. Bin gespannt auf die dunklen Seiten Apuliens.

  • #2

    Alexandra (Sonntag, 26 März 2017 19:02)

    Vielen Dank! Soviel kann ich ja schon mal verraten. Es wird um die Settiman Santa (Karwoche) gehen, die Assoziationen zu den "düsteren" Ritualen des Mittelaters wecken kann.