In den Gassen von Taranto

Fliegende Fische auf halb verfallene Mauern gemalt, Seefahrer und Seejungfrauen, afrikanisch wirkende Gesichter, Madonnen und Muslima, Poetisches und Politisches. Auf den ersten Blick wirkt die Altstadt von Taranto, das legendäre Taras der Griechen, dem Untergang geweiht. Auf den zweiten Blick ist sie für mich alles andere als trostlos.

 

Taranto

Nach ein paar Tagen in Taranto frage ich unsere Gastgeberin, was diese Stadt so besonders macht. "Mentalità di isola." antwortet sie. Die Inselmentalität der Bewohner, wie in Lampedusa.



 

 

 

 

Verstand, Herz, Hände, Augen

Arm, Bein, Name.

Es gibt immer Zeit, zu singen, der Himmel,

die Sterne, der Fluß, das alles.

Dann kannst du gehen, wohin du willst.

Dann kannst du sein, wie du willst.

Dann kannst du bleiben, mit wem du willst.

Dann kannst du zugreifen oder loslassen.

Dann kannst du wählen zu geben.

 

 



Hintergrundinfo zu Taranto und Ilva

 

Das unweit von Taranto gelegene Stahlwerk Ilva ist das größte und schmutzigste Stahlwerk Europas. Die Menschen in der Umgebung von Ilva leiden vermehrt an Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, bösartigen Tumoren und Leukämie. Etwa 400 Menschen sollen an der Folgen der Umweltverschmutzung durch Ilva gestorben sein. Im Mai 2017 begann in Taranto der Prozess wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Umweltverschmutzung  gegen drei Gesellschaften des Stahlkonzerns und 44 Personen, darunter auch Nichi Vendola, ehemaliger Präsident der Region Apulien, und Nicola Riva, den Sohn des inzwischen verstorbenen Firmengründers Emilio Riva. Seit Jahren schwelt der Konflikt zwischen denen, die eine Schließung des Werks fordern und denen, die für den Erhalt von ca. 15000 Arbeitsplätzen kämpfen. Die Anti-Ilva-Aktivisten Tarantos haben sich in zahlreichen Vereinen organisiert. ( „Tamburi 9. Juli 1960“, „Peacelink“, „Annozero“ „Taranto Libera“). Ende Mai 2017 hat der Stahlhersteller Arcelor Mittal das Werk für ca.2 Mrd. Euro gekauft.

 

"Taranto, die perfekte Stadt. Hier lebt man wie in einer Muschel, in einer geöffneten Auster. Hier das neue Taranto, dort die überfüllte Altstadt, ringsum zwei Meere und die Strandpromenade." so beschrieb Pier Paolo Pasolini Taranto 1959 in seinem Buch Die lange Straße aus Sand. Italien zwischen Armut und Dolce Vita . 1975 schreibt er in seinem Aufsatz  Das Verschwinden der Glühwürmchen:  "Ich gäbe, auch wenn er ein Multi ist, den ganzen Montedison-Konzern für ein Glühwürmchen." Ob er in Taranto heute wohl Glühwürmchen finden würde?


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