Italien-Wahl. Hintergründe des Nord-Süd-Konflikts

 

Mafia und Korruption, Kirche und Moral - in Italien und Deutschland. Versuch eines Perspektivwechsels.

 


Taranto, 2017
Taranto, 2017

Der Nord-Süd Konflikt

 

Diesen Artikel habe ich vor den Wahlen am 4. März geschrieben. Da er sich aber auf die historischen Hintergründe konzentriert und um einen Perspektivwechsel bemüht, ist er immernoch sehr "aktuell."

 

Letztes Jahr war ich auf einer Veranstaltung der „cinque Stelle“ in Berlin. Dabei habe ich erfahren, dass der Frust in Italien groß ist. Viele Italiener sind depressiv oder sehen sich gezwungen ins Ausland zu gehen, meinte Luigi di Maio, der zum Vorstand der Partei gehört.

31 Prozent der jungen Italiener zwischen 20-24 gehören zur sogenannten Gruppe der NEET (Not engaged in Education, Employment or Training).

 

In Italien habe ich vor allem von Leuten aus dem Norden aber auch Sprüche wie diese gehört: "Die Jugend will ja gar nicht arbeiten. Sie will nur Party machen und verprasst das Geld ihrer Eltern." Noch immer ist der Süden in den Augen des Nordens Synonym für eine zurückgebliebene Gesellschaft, für Armut, Kriminalität und Aberglaube, meint Franco Cassano, Soziologieprofessor an der Universität Bari. Und fast immer ist der erste Kommentar zu Artikeln, die ich über das Mediterrane Denken bekomme: " Aber die Süditaliener sind doch alle so katholisch - das kannst du doch nicht gut finden. Und was ist mit der Mafia?"

 

Mafia und Korruption - nicht nur in Italien

 

Zur Zeit ist Roberto Saviano, der wohl bekannteste Mafiaautor, mit seinem Roman "Der Clan der Kinder" in Deutschland auf Lesereise.  Das Kulturmagazin TitelThesenTemperamente sendete gestern ein Interview mit ihm.  "Als ich Kind war, hatte die Arbeit einen Wert", so Saviano. "Es hieß: Unabhängig von dem, was dir deine Arbeit finanziell einbringt: Sie macht Dich zum Menschen. Alle Demokratien haben die Menschenwürde immer an die Möglichkeit zu arbeiten, an eine Würde der Arbeit gekoppelt. Das ist vorbei."

Der These, dass Arbeit Dich zum Menschen macht würde ich entgegenhalten , dass die Arbeitsmoral der Nordeuropäer eine englische Erfindung des 17./18. Jahhunderts ist. Tüchtigkeit löst Weltklugheit als bis dahin höchste Tugend ab, so Richard David Precht in seinem Buch "Jäger, Hirten, Kritiker". Aber erstmal zurück zur Mafia.

 

Im 15. Jahrhundert entstand in Spanien die erste ehrenwerte Bruderschaft „Confraternidad de la Garduna“ die ihre Dienste wie Prügel, Bastonaden, Totschläge ect. organisiert und gegen eine bestimmte Bezahlung anbot. Im Lauf der Zeit gewann die Bruderschaft an Beliebtheit, der Großmeister der Bruderschaft wohnte am Hof und war zur Zeit Phillip II Vertrauter des Generalinquisitors. 400 Jahre später am 12.September 1842 gibt sich die Camorra in Neapel eine Verfassung, die dem mittelalterlichen Vorbild aus Spanien gleicht. Kirche und Könige waren an ihre Existenz interessiert, denn im 18. Jahrhundert war Neapel bereits eine Stadt mit 600 000 Einwohnern - eine verarmte Bevölkerung auf engstem Raum- unregierbar für den König allein. Das Volk von Neapel erkannte die Herrschaft der Camorra an und zog sie einer impotenten, korrupten Regierung vor, die für sie nur eine Verbrecherbande im Hermelin war. Die Camorra sprach dagegen die Sprache der Straße, ihr Ehrenkodex war der des Volkes aus den Elendsvierteln.

 

Der nächste Bericht bei TTT handelte von dem Dokumentarfilm "trustWHO". Darin heißt es,  die Weltgesundheitsorganisation WHO wird zunehmend von Geldern aus privater Hand, Stiftung und Industrie finanziert – ein System wie geschaffen für Korruption.

So seien nach dem Reaktorunfall in Fukushima keine Jodtabletten verteilt worden, denn die Experten, die zum Teil aus der Atomlobby stammten, hätten die Verstrahlung als ungefährlich eingeschätzt. Der Pressesprecher der WHO antwortet auf die Frage, ob die  WHO-Richtlinien nicht eine Jod-Einnahme innerhalb von sechs Stunden nach einem nuklearen Unfall empfiehlt: "Ich bin wirklich der Meinung, Sie verschwenden Ihre Zeit damit."

 

Laut Transparency International gehören Griechenland und Italien hinter den Ländern der dritten Welt in Europa zu den Ländern mit der höchsten Korruptionsanfälligkeit. Deutschland bewegt sich im unteren Drittel. In dem Artikel " Die pervertierte Gabe" vergleicht der französische Ethnologe und Philosoph Marcel Henaff Formen der Korruption in den sogenannten "entwickelten Ländern" und der "dritten Welt". Er meint, die in der dritten Welt grassierende Korruption ist eine Mischung aus Traditionen, Formen des Tausches, wirtschaftlichem Elend und fehlendem Ordnungsrahmen. "Die Korruption der entwickelten Länder dagegen achtet darauf, Korruption einen legalen Rahmen zu geben.

 

Armer Süden- reicher Norden?

Berlin Februar 2018
Berlin Februar 2018

Wenn ich in Apulien mit Menschen über Politik rede, heißt es oft: "Deutschland ist stark, gute Ingenieure, gute Autos, starke Wirtschaft." Nicht selten verbirgt sich dahinter eine höfliche Kritik daran, dass Deutschland dem Süden Europas seine Wirtschaftspolitik und damit seine Lebensweise aufdrückt. Manche sagen es auch ganz direkt: das ist ein Wirtschafskrieg.

Jedesmal wenn ich im Fernsehen einen Reisebericht über Süd- Italien oder andere Länder im Südosten Europas sehe, wird im Grunde die gleiche traurige Geschichte erzählt. Die Menschen können vom Fischfang oder der Landwirtschaft nicht mehr leben. Die Menschen sind arm, aber dabei so wahnsinnig entspannt, heißt es. Die Fischerboote werden in Touristenboote verwandelt, die gut ausgebildete Jugend sucht ihr Glück im Norden oder versucht es mit neuen Ideen für den Tourismus: z.B. als Schuhputzer in Sizilien.

 

Der „fleißige Norden“ verteufelt den zurückgebliebenen Süden immer dann, wenn es um wirtschaftliches Wachstum oder die Beschwörung einer europäischen Einheit geht. Geht es um eine gesündere, nachhaltige Lebensweise scheinen Aspekte wie Langsamkeit, nichtindustrielle Landwirtschaft, Regionalität statt Nationalität sehr modern.

Die Rolle von Kirche und Moral

 

Im Hinblick auf den wirtschaftlichen Vorsprung des Nordens fragt Cassano, wie Länder, die nicht von der  Ethik des Protestantismus geprägt sind, einen Prozess der Rationalisierung ankurbeln sollen. Beim italienischen Nord-Süd Konflikt geht es nicht nur um Lokalpatriotismus, sondern um Unterschiede im Weltbild: den Gegensatz von protestantischer Rationalität und mediterraner Vernunft. Wenn wir uns also über die Frömmigkeit der Katholiken in Italien wundern, sollten wir uns zumindest klarmachen, inwieweit wir von der protestantischen Arbeitsmoral beeinflusst sind.

 

Antike und Mittelalter hatten ein völlig anderes Verhältnis gegenüber Arbeit, die bis zur Reformation als Strafe aufgefasst wurde. Bei den alten Griechen war körperliche Arbeit verpönt, weil das Philosophieren Muße voraussetzte. Der mittelalterliche Kalender besaß eine unglaubliche Zahl kirchlicher Feiertage, an denen aus religiösen Gründen nicht oder nur wenig gearbeitet wurde. Der Historiker Mark Mirabello meint sogar, unsere moderne Wirtschaft beruhe auf Werten, die im Mittelalter als Laster galten. Es gab das Konzept des fairen Preises, sodass der Kornpreis bei drohenden Hungersnöten gesenkt wurde. Zinseintreibung galt als Diebstahl.

 

Max Weber schrieb über den Einfluss der protestantischen Arbeitsethik auf den Kapitalismus: „Die Fähigkeit der Konzentration der Gedanken sowohl als die absolut zentrale Fähigkeit, sich der Arbeit gegenüber verpflichtet zu fühlen, finden sich hier besonders oft vereinigt mit strenger Wirtschaftlichkeit, die mit dem Verdienst und seiner Höhe überhaupt rechnet und mit einer nüchternen Selbstbeherrschung und Mäßigkeit, welche die Leistungsfähigkeit ungemein steigert. Der Boden für jene Auffassung der Arbeit als Selbstzweck, als „Beruf“, wie sie der Kapitalismus fordert, ist hier am günstigsten.

 

Für Cassano wäre eine Aufwertung der südlichen Kulturen eine Möglichkeit, den Westen aus einer Lebensweise herauszuführen, die geprägt ist von krank machender Beschleunigung, Umweltzerstörung und der Ökonomisierung aller menschlichen Beziehungen.

 

Die Wochenzeitung "Die Zeit" hat ( wie viele andere Zeitungen)  im Vorfeld der Wahlen in Italien ihre Berichte fast immer auf wirtschaftliche Aspekte reduziert.  "EU und Investoren geben sich anlässlich der Wahlen in Italien gelassen" war eine der Headlines. Für mich nur ein weiteres Indiz für den Fundamentalismus von Ökonomie und Wachstum und leider alles andere als beruhigend. Jetzt hat der Herausgeber der Zeit ein Buch veröffentlicht. Es heißt  "Der gute Deutsche: Karriere einer moralischen Supermacht." Er bestätigt damit eines der häufigsten Vorurteile gegen Deutsche im Ausland: der Deutsche als moralisierender Besserwisser.

 

 

Wahlausgang, Lega und 5 Sterne Bewegung

 

Die Verteilung der Stimmen im Norden und Süden Italiens zeigte ein in der Mitte gespaltenes Italien. Im Norden wurde mehrheitlich die Lega gewählt. Als ehemalige Lega Nord schimpfte die Partei noch auf den faulen Süden und wollte sich von ihm abspalten. Inzwischen hat sie sich in Lega umbenannt, um den Süden für sich zu mobilisieren.

 

Der Süden hat mehrheitlich die 5 Sterne Bewegung gewählt. Sie sind für ein Grundeinkommen von 780 Euro (Existenzminimum in der EU), denn eine vergleichbare soziale Sicherung wie in Deutschland gibt es bisher nicht. Sie sind wie die Lega gegen die Austeritätspolitik Europas.

 

 

-> mehr über Franco Cassano und das mediterrane Denken

 

 

Aktuelles zur Entwicklung in Italien

 

"Italien und die Populisten - eine Gefahr für Europa" ist der Titel einer Dokumentation auf Arte vom 23.10.2018. Ein gelungener Film, der viele Stimmen zu Wort kommen lässt und geschichtliche Hintergründe von Berlusconi bis Finanzkrise miteinbezieht. Heiner Flassbeck deutscher Wirtschaftswissenschaftler, gibt dem Spardiktat aus Brüssel die Schuld für die Stärke der Rechtspopulisten in Italien. Im Klartext heißt das, Italien sollte jetzt mehr Schulden machen.

Kritiker und Oppositionelle, die gegen den zunehmenden Nationalismus und Rassismus ankämpfen, hab ich wie in der Doku angekündigt, leider kaum gesehen. Wenn dann kamen sie aus dem Süden, wie der Bürgermeister von Palermo Gianluca Orlando.

Neu war mir, dass Steve Bannon ( ehemaliger Trump- Berater ) zusammen mit Salvini jetzt die Rechten in ganz Europa einen will. Da kann einem wirklich der Allerwerteste auf Grundeis gehen.

"Italien und die Populisten - eine Gefahr für Europa"  noch zwei Jahre in der Arte Mediathek verfügbar.

 

Als Matteo Salvini Anfang September Apulien besuchte, klärte ihn der Ministerpräsident Apuliens, Michele Emiliano, über den Schutzheiligen von Bari (San Nicola) auf:

„Der wichtigste Schwarze Apuliens, der uns gelehrt hat, wie wir den Frieden bewahren in unseren Geschäftsangelegenheiten und unseren menschlichen Beziehungen.“

 

Der Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, würde auf die Frage, wie viele Migranten nach Palermo gekommen sind, antworten: "Keiner! Wer nach Palermo kommt, wird Palermitaner."  Orlando nennt Matteo Salvini einen Populisten der Intoleranz, der die klassische Kultur der italienischen Gastfreundschaft pervertiert.

 

Anfang Oktober wurde Domenico Lucano, Bürgermeister von Riace (Kalabrien) festgenommen. Lucano soll unter anderem Scheinehen zwischen Flüchtlingen und Einwohnern seines Ortes organisiert haben. Er wollte das aussterbende Dorf mithilfe der Migranten wiederbeleben. Seit 14. Oktober lässt Salvini die Migranten zwangsumsiedeln.