Die Spur des Emirs: Ein apulischer Roman.

 

Der Roman erzählt von den Traditionen und Legenden Apuliens und zeigt, dass die Zeit der arabischen Herrschaft nicht nur eine Zeit der Kriege, sondern auch des regen kulturellen Austauschs war. "Die Spur des Emirs" geift ein Grundmotiv der apulischen Geschichte auf: die Auseinandersetzung mit dem Fremden.

 



Zia Jann führt in ihrem Trullo ein einfaches, fast archaisches Leben und kennt viele alte apulische Legenden. Zia Jann ist eine masciàre, eine Heilerin, die in Apulien noch heute aufgesucht wird, wenn eine Person vom bösen Blick befallen ist. Zu ihren Behandlungsmethoden gehören Heilkräuter und magische Rituale, die auch bei Beziehungs- oder Entscheidungsproblemen helfen. Zia Jann ist eine der Hauptfiguren des Romans „Die Spur des Emirs“, der im Itriatal angesiedelt ist.

 

Eines Abends erzählt Jann ihrer Nichte Lia die Legende vom verlorenen Schatz der Giacomini, der in einer Höhle versteckt sein soll. Laut Familientradition hat die Geschichte, die aus der Zeit der arabischen Herrschaft in Bari stammt, einen wahren Kern. Lia ist erst skeptisch, aber dann macht sie sich zusammen mit der Höhlenforscherin Alessandra in Bibliotheken, Archiven und historischen Stätten Apuliens auf die Suche nach dem Schatz.

 

Damit beginnt für Lia und den Leser eine Zeitreise ins neunte Jahrhundert, eine Zeit in der die Geschichte Süditaliens selbst für Historiker ziemlich unübersehbar wird und die oft als chaotische, schwere, kriegerische oder dunkle Zeit beschreiben wird. Die Franken erhoben Anspruch auf das langobardische Süditalien, es gab kirchenpolitischen Zwist zwischen Rom und Byzanz (u.a. wegen des Bilderstreits), Sizilien wurde von den Arabern erobert, kleinere Herzogtümer, wie das Herzogtum Benevent spalteten sich ab. Die permanenten Kriege und Eroberungen, bei denen viele antike Städte niedergebrannt, geplündert und die Bevölkerung versklavt wurde, führten in Apulien zu einer regelrechten Untergrundzivilisation. Die Hauptträger dieser Zivilisation waren basilianische Mönche, d.h. griechisch-orthodoxe in der Tradition des syrisch-eremitischen Mönchtums, die sich in die Grotten und Höhlen Apuliens zurückzogen.

 

Der Roman „Die Spur des Emirs“ zeigt aber, dass es nicht nur eine Zeit der Kriege, sondern auch des regen kulturellen Austauschs war. Damit greift er ein Grundmotiv der apulischen Geschichte auf: die Auseinandersetzung und Einschmelzung des Fremden. Apulien ist seit Jahrtausenden Kontaktzone und Brückenkopf für verschiedene Völker, wo nicht nur wirtschaftlicher Ausstausch stattfand, sondern auch neue Ideen, Religionen und Kunstformen miteinander verschmolzen. Dabei gelingt dem Roman, was ein Blog oder eine bloße Aufzählung historischer Fakten nur bedingt leisten kann: er erzählt die Geschichte Apuliens aus verschiedenen Perspektiven, verknüpft verschiedene Zeiten und lässt Geschichte in unserer Vorstellung wieder lebendig werden. Die Autorin Ursula Janßen ist selbst Archäologin und lebt seit einigen Jahren im Valle d`Itria. Die Idee zum Roman entstand während ihrer Recherchen zu dem Artikel -> "When were Arabs"  über den Einfluss der islamischen Welt auf Sizilien für National Geographic.

 

Tatsächlich war auch Bari von 847 bis 871 arabisches Emirat und gelangte erst in dieser Zeit zu großer kultureller und wirtschaftlicher Blüte. In vielen Orten Apuliens gibt es heute ein Hotel Orient, eine Via Sarazeni und eine Piazza Levante (Morgenland). Der Bareser Dialekt ist eine Mischung aus italienischen, griechischen und arabischen Wörtern. Sichtbare Spuren wie Moscheen haben die Araber in Apulien kaum hinterlassen. Vielleicht ein Grund dafür, dass diese Periode weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

 

In apulischen Legenden lebt diese Geschichte weiter und ist eng mit anderen verpflochten. Denn nicht nur über das kulturelle Erbe der Araber erfahren wir aus dem Buch, sondern auch von der Legende des San Nicola, dem Ritual der Santa Monica, der Stadtgeschichte Trarantos, davon, dass es mehr als 1000 bewohnte Höhlen in Apulien gab oder davon, dass selbst die Trulli ihre Wurzeln in Syrien haben könnten. Magische Rituale, wie die Heilung des bösen Blicks erscheinen aus der Perspektive von Zia Jann nicht mehr als düsterer Aberglaube, sondern als ein "weiser Trick", um Verstimmungen zwischen Menschen aufzulösen.

 

"Wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden" heißt es im Vorwort des Romans. Das trifft auf die Legende vom Schatz der Giacomini wie auch auf den Roman " Die Spur des Emirs" selbst zu. Einiges ist gut erfunden, ein großer Teil der historischen Handlung des Romans beruht auf Fakten. Dazu gehört auch das Zitat einer arabischen Geheimgellschaft von Gelehrten, die ihr Wissen in der Enzyklopädie der Bruderschaft der Reinheit festhielten. Den perfekten Menschen stellten sie sich so vor:

 

„ Perser der Herkunft nach, von babylonischer Bildung, scharfsinnig wie ein Jude, christlich im Betragen, so fromm wie ein syrischer Mönch, ein Grieche in naturwissenschaftlichen Dingen, ein Inder in der Auslegung von Mysterien und überdies ein Sufi in seiner gesamten Anschauung.“
Eine schöne multi-ethnische Vision, wie ich finde und ein spannendes, lehrreiches Buch nicht nur für Apulienliebhaber.

 

 

Die Spur des Emirs: Ein apulischer Roman. Von Ursula Janßen.

Zur Zeit nur über amazon erhältlich. Demnächst auch in Italien bei dem Verlag poeisis editrice.