Lazzaro, geh arbeiten

"Glücklich wie Lazzaro" ist ein wunderschöner Film über Ausbeutung, Landflucht und die (Un)möglichkeit, ein guter Mensch zu sein. Klingt absurd ? Das italienische Kino kann das.

 


 

Lazzaro und etwa vierzig andere Bauern arbeiten wie Leibeigene auf der Tabakplantage der Marchesa de Luna. „Ein demütiger Bauer, der Gott dient, ist besser als ein Wissenschaftler.“ lehrt die Marchesa die Kinder. Inviolata (deutsch: unangetastet) heißt der Ort, an dem die Geschichte spielt, und es ist eine Welt, in der es trotz feudaler Ausbeutung auch viele Momente des Glücks gibt. Ein Glück, das aus Gemeinschaft entsteht und einer Gegend, unwirklich schön wie eine Mondlandschaft, in der noch die Wölfe heulen. Lazarro ist überall zur Stelle, wo eine helfende Hand gebraucht wird. „Lazzaro trag die Großmutter!“ „Lazarro, die Tabakblätter. Lazarus – wörtlich bedeutet der Name »Gott hat geholfen.

 

Regisseurin Alice Rohrwacher zeichnet im ersten Teil des Films das Bild eines archaischen, bäuerlichen Italiens nach, das noch in den 1980er Jahren nicht viel anders ausgesehen hat als in Jahrhunderten davor. Der erste Teil des Films endet mit Lazzaros tödlichem Sturz in einen tiefen Abgrund und der plötzlichen Befreiung der Bauern aus der Knechtschaft der Marchesa. „Die Zeit der Leibeigenschaft ist vorbei. Es gibt Löhne, Regeln, Schulen.“ verkünden die Befreier. Befreit aber ohne Landbesitz suchen die Menschen ihr Glück in der Stadt.

 

20 Jahre später, von einem Wolf auf wundersame Weise wieder zum Leben erweckt, trifft Lazzaro in der Stadt auf Migranten aus aller Welt, die sich auf dem Arbeitsmarkt gegenseitig unterbieten. „Drei Euro für die Olivenernte! Das ist ein leichter Job. Wer macht es für weniger?“ Lazzaro trifft auch Menschen aus Inviolata wieder. Die schlagen sich mit kleinen Betrügereien durch und führen eine Randexistenz auf einer Eisenbahnbrache. Erst halten sie Lazzaro für einen Geist. „Geist oder Heiliger, wenn Du bleiben willst, musst Du arbeiten.“ Für eine kurze Zeit wächst wieder eine kleine Gemeinschaft zusammen. Lazzaro weckt Träume und Erinnerung an Inviolata, aber für einen Heiligen ist kein Platz mehr in dieser Welt. Er wird am Ende auf absurde Weise zum Sündenbock und Märtyrer.

 

"Glücklich wie Lazzaro" ist ein Film über Politik, Ausbeutung, ökonomische Gewalt und Migration. Radikal in seiner Verweigerung von Hoffnung, aber ohne zu moralisieren oder zu deprimieren. Wie Pasolini hat Rohrwacher eine grandiose Fähigkeit, Gesichter und Gesten vor der Kamera zur Entfaltung zu bringen. Sie teilt Pasolinis Liebe zum Subproletariat als Gegensatz zur bürgerlichen Verlogenheit und wie Pasolini hat Rohrwacher kein Interesse daran, eine Heiligengeschichte nachzuerzählen, sondern an einer Remythologisierung von Geschichte.

 

 

Alice Rohrwacher im Interview über "Glücklich wie Lazzaro":

 

"Diese Leute wie Lazzaro zeigen etwas zutiefst Menschliches, das auch in uns schlummert. Es ist eine magnetische Anziehung: Bestünden wir nicht aus demselben Grundstoff, wären aus Pappe oder Papier, könnten wir den Magnetismus nicht spüren. Aber wir spüren ihn."

Kann das ein Trost sein?

"Nein, es ist eher eine Wehmut, ein Schmerz."

 

-> meine ausführliche Filmkritik im Eulemagazin

 

 

Sfruttazero (Null Ausbeutung) in Nardò

 

"2017 wurden zum ersten Mal nicht nur in Italien, sondern in Europa, Urteile wegen der Straftat der Sklaverei ausgesprochen. Unter den Verurteilten waren auch Landbesitzer aus Nardò", meint Angelo Cleopaz, stellvertretender Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins "Sfruttazero" (deutsch: null Ausbeutung).

 

„Caporalato“ (deutsch: Ausbeutung der Landarbeiter) ist nicht nur im Süden Italiens verbreitet und existiert seit Jahrhunderten. Früher waren es Einheimische, heute sind es vorwiegend Afrikaner. In Nardò (Apulien) gab es bis vor wenigen Jahren eines der größten Landarbeiter-Gettos Italiens. Hier wurde auch der erste Aufstand von afrikanischen Landarbeitern organisiert. Der Verein "Sfruttazero" setzt sich seither für faire Entlohnung ein. 2018 konnte 19 Landarbeitern ein geregelter Saisonvertrag angeboten werden, also "freien Bauern", wie man auf den Etiketten der Tomatengläser lesen kann, auf denen auch die Gesichter der Arbeiter abgebildet sind. Vertrieben werden die Tomatengläser über das Netz "Fuori Mercato" (außerhalb des Marktes).

 

-> mehr über Sfruttazero

 

Guter Mensch oder Gutmensch?

 

Ein guter Mensch und ein Gutmensch unterscheiden sich im wesentlichen so voneinander:  der gute Mensch tut Gutes, der Gutmensch belehrt, moralisiert und will die anderen zum Gutsein missionieren. Die Grenzen sind allerdings fließend. Schon der Hinweis, wie man Gutes tun könnte, wird von immer mehr Menschen als Provokation empfunden. Auch mir geht es entschieden zu weit, wenn Leuten ins Gewissen geredet wird, weil sie Fleisch essen, mit ryanair oder anderen Billigairlines fliegen. Abgesehen davon, dass sich sich ein Hartz IV-Empfänger keinen teureren Flug leisten kann, gibt es da für mich ein Ungleichgewicht zwischen dem, was dem Verbraucher alles an Verantwortung zugeschoben wird und der Verantwortungslosigkeit vieler Regierungen.

 

Ich möchte also niemanden bekehren und der Film "Glücklich wie Lazzaro" ist auch keine Anleitung zum "gut sein". Er zeigt eher, dass "gut sein" unter heutigen Verhältnissen fast unmöglich ist. Worum es mir geht, zeigt ein anderer Film, der sich mit dem Thema "Sklaverei" beschäftigt. Er heißt " Free State of Jones" (USA, 2016). Darin gründen Soldaten und Slaven während des Bürgerkriegs einen eigenen Mini-Staat. Das ist ihr Manifest:

 

1. Kein Mann soll arm werden, damit ein anderer reich wird.

2. Kein Mann darf einem anderen vorschreiben, wofür er leben oder wofür er sterben soll.

3. Was Du in den Boden sähst, sollst nur Du hegen und ernten und kein Mann hat das Recht, es Dir wegzunehmen.

4. Jeder Mensch ist ein Mensch. Wenn Du aufrecht gehen kannst, bist Du ein Mensch. So einfach ist das.

 

Der Film beruht auf einer wahren Geschichte. Ob das Manifest wahr oder erfunden ist, weiß ich nicht. Aber mir gefällt es.

 

-> Trailer Free State of Jones