Der Süden: Ein von Teufeln bewohntes Paradies

 

Kaum ein Italienbuch ohne ein Kapitel mit dem Titel  „Teufel im Paradies“. Gemeint sind die Süditaliener, die noch heute von Norditalienern als "terroni" (Erdfresser) beschimpft werden.

 


Tarantismus - eine Krankheit der Ungebildeten?

 

Als der italienische Religionshistoriker Ernesto de Martino 1959 nach Apulien aufbrach, um den Tarantismus zu erforschen, war das vorherrschende Bild des heutigen Urlaubsparadiese ein finsteres. Seit Goethes Italienischer Reise wurde in europäischer  Reiseliteratur die Überzeugung verbreitet, der Süden sei ein vom Teufel bewohntes Paradies. Süditalien galt als rückständig, archaisch, primitiv und hatte angeblich kulturell, sozial, politisch und anthropologisch mehr Ähnlichkeit mit dem Nahen Orient, Indien oder Afrika als mit Italiens Norden und dem Rest Europas. Im apulischen Tarantismus sah man lange den primitiven und orientalistischen Zug des Mezzogiorno par excellence. Er galt als Tanzwut, die als Folge von Spinnenbissen auftrat. Die Taranteln wurden für eine Besessenheit verantwortlich gemacht, die vor allem Frauen befiel. Symptome waren Übelkeit, obszönes Verhalten, rasende Wut, Apathie, Erschöpfung. Das einzig wirkungsvolle Gegengift gegen den Tarantelbiss war Musik, die Tarantella.

 

De Martino wollte zeigen, dass der Tarantismus mit der Logik der Naturwissenschaft nicht zu begreifen ist, sondern der Symbollogik des Mythos gehorcht. Zwar habe es Spinnenbisse gegeben, diese seien aber nicht giftig genug für die ausgelösten Symptome. Vielmehr projiziere der Tarantierte ungelöste Konflikte und Gewissensbisse auf ein mystisches Monster, die Tarantel, die wegen ihres gruseligen Aussehens und ihrer Gewohnheiten ausgewählt wurde. Sie war haarig, sprang ihre Beute an und hauste in dunklen Höhlen.

 

Das Tarantelsymbol verleiht dem gestaltlosen Gestalt, verleiht Rhythmus und Melodie dem bedrohlichen Schweigen, Farbe dem Unfarbigen, in dauernden Streben nach Gestaltung und Gliederung dort, wo sich ungeformte Erregung und isolierende Depressionszustände ablösen. (“

 

Im Tanz der Tarantella identifizierte sich der Tarantierte mit der Spinne und bekämpft sie gleichzeitig. Wenn es den Musikern gelang die richtige Musik zu finden, konnte die schuldige Tarantel solange zum Tanzen gebracht werden bis sie müde wurde und zermalmt werden konnte. Die Wurzeln des Tarantismus liegen im 11. Jahrhundert. Zur Zeit der Ausbreitung des Islams einerseits und des Gegenstoßes des Westens andererseits wurden Spinnenbisse zur Massenerscheinung zunächst unter Soldaten. Mit dem Versuch, die Tanzepidemien des Mittelalters, die es in ganz Europa gab, durch Exorzismus auszumerzen, hatte die Kirche nur in Nordeuropa Erfolg. In Apulien entstand der mystisch-rituelle Symbolismus der Tarantel. Seit dem Aufkommen der Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert wurde der Tarantismus auf Aberglauben und Fanatismus der ungebildeten Volksmassen zurückgeführt. Man war der Meinung, es sei eine Krankheit der Einbildungskraft und der Unwissenheit.

 

Der Süden als das Fremde des Nordens

 

Noch immer ist der Süden in den Augen des Nordens Synonym für eine zurückgebliebene Gesellschaft, für Armut, Abweichung, Kriminalität und Aberglaube, meint Franco Cassano, Soziologieprofessor an der Universität Bari. Für ihn wäre eine Aufwertung der südlichen Kulturen allerdings eine Möglichkeit, den Westen aus einer Lebensweise herauszuführen, die geprägt ist von krank machender Beschleunigung, Umweltzerstörung und Ökonomisierung aller menschlichen Beziehungen. Vor allem im südlichen Mittelmeer seien Spuren eines alten Kultursystems, in dem sich seit Jahrhunderten verschiedene Kulturen gegenseitig beeinflussen, noch vorhanden. Es sei eine Kultur der Langsamkeit, der Weisheit, des sozialen Miteinanders und des kulturellen Kompromisses. Im Hinblick auf den wirtschaftlichen Vorsprung des Nordens fragt er, wie Länder, die nicht von der religiösen Ethik des Protestantismus geprägt sind, einen Prozess der Rationalisierung ankurbeln sollen. Sollen sie etwa konvertieren?

 

In Zeiten großer Krisen orientierten sich Philosophen wie Albert Camus an den Kulturen rund um das Mittelmeer. Der Schwerpunkt der Sendung „Die lange Nacht des Mittelmeers“ im Deutschlandfunk lag darauf, den Süden als Kontaktzone des Handels, der Religionen und der Kulturen zu zeigen, die seit der Antike miteinander verbunden sind. Eher selten wird gesehen, dass Antike und Mittelalter ein anderes Verhältnis gegenüber Arbeit hatten, das bis zur Reformation als Strafe aufgefasst wurde. Bei den alten Griechen war körperliche Arbeit verpönt, weil das Philosophieren Muße voraussetzte. Der mittelalterliche Kalender besaß eine geradezu unglaubliche Zahl kirchlicher Feiertage, an denen aus religiösen Gründen nicht oder nur wenig gearbeitet wurde. Der Historiker Mark Mirabello meint sogar, unsere moderne Wirtschaft beruhe auf Werten, die im Mittelalter als Laster galten. Es gab das Konzept des fairen Preises, Zinseintreibung galt als Diebstahl.

 

In der Antike bedeutete Kultur so viel wie ein pflegender Umgang mit etwas, von dem der Mensch hoffte, dass es wächst, allerdings wohl wissend, dass er dabei nicht alle Faktoren kontrollieren kann. Deshalb beinhaltete die antike Kultur Akte der Verehrung, des Bittens, Betens und Hoffens. Der Kulturarbeiter der Antike war der Priester, der dem Menschen klarmachte, wie wenig er sein Schicksal in der Hand hat. Dieses Menschenbild scheint im Norden in unvereinbarem Widerspruch zur Idee der individuellen Freiheit, in der der Mensch losgelöst von den Fesseln der Vergangenheit, Kirche, Eltern und Heimat seines eigenes Glückes Schmied sein muss. Bei der Stressbewältigung orientiert wir uns lieber an fernöstlichen Praktiken wie Yoga und Meditation als an der Kunst des dolce farniente.

 

Feste, Traditionen, Musik, Kino und kulturelle Identität

links: Figur einer Tarantella-Tänzerin
links: Figur einer Tarantella-Tänzerin

 

Entschleunigung ist kein Heilmittel in einer Zeit, in der alle Zeit Arbeitszeit geworden ist, meint der deutsch-koreanische Philosoph und Kulturwissenschaftler Byun-Chul Han. Was wir brauchen ist eine Zeit, die dem Anderen gewidmet ist und Gemeinschaft stiftet. Die Zeit des Festes ist für Chul Han eine Zeit, die der profanen Zeit der Arbeit entgegengesetzt war. Das lateinische Wort „feriae“ bedeutete „die für die religiös kultische Handlung bestimmte Zeit.“ Patronatsfeste, Prozessionen, Sagre sind in Apulien tief verwurzelte Traditionen, die eine andere Zeit und Gemeinschaft stiften. Bei einem dieser Feste begegne ich der Tarantella wieder.

 

TerraRoss ist eine Tarantellagruppe, über die ARTE in einer Dokumentation über Apulien berichtet hat. Es sei eine eher aufmüpfige Musikgruppe, deren Liedtexte mit Ironie von der schwierigen Lage Italiens handeln. Bei ihrem Auftritt in Locorotondo müssen TerraRoss warten bis die Prozession vorbei ist und sich dann die Bühne mit dem Pfarrer teilen. Eine pikante Kombination, hieß es im Kommentar. TerraRoss selbst beschreiben sich als musikalisches Projekt, das sich der Erforschung und Wertschätzung einer Kultur und Zeit widmet, die bereits verloren und vergangen ist. Wir geben unser Geschichte, den Gebärden und Gesten unsere Ahnen Stimme und musikalischen Ausdruck (…)

 

Tarantella und Pizzica sind heute ein Aushängeschild Apuliens. Ein Beispiel von vielen für das Wiederbeleben fast verschwundener Traditionen. Unter dem Titel „Terrae / Indie Italiane“ porträtiert Nicola Amato in seinen Videos die Veränderungen Apuliens aber auch die Traditionen und Feste, die bleiben. Nicki Vendola, von 2005-2015 Präsident von Apulien, setzte sich erfolgreich für Umweltschutz und Agrotourismus ein. Er bezeichnete sich als schwul, kommunistisch und katholisch. Auch das für Deutsche eine pikante Kombination.

 

Ein anderer schwuler Kommunist und Katholik, Pier Paolo Pasolini, beklagte 1975 in seinem Aufsatz „Das Verschwinden der Glühwürmchen“ die Gleichschaltung vieler verschiedener Kulturen, die mit der Industrialisierung in den 60er Jahren begonnen hat. Den Zusammenstoß einer vielfältigen, archaischen Welt mit der industriellen Nivellierung bezeichnet er als Trauma, das in Europa nur einen Präzedenzfall hat: Deutschland in den 20er Jahren.

 

In Apulien haben scheinbar einige Glühwürmchen überlebt, indem Le Pugliese Kompromisse zwischen Moderne und Antike geschlossen haben. In Deutschland scheint dem Verschwinden archaischer Kulturen niemand nachgetrauert zu haben, auch wenn das Wort "Heimat"  kurzzeitig eine seltsame Renaissance erlebte.