Rituale gegen die Angst

 

Vormoderne Kulturen hatten ihre Rituale gegen Angst und  fast immer ging es dabei darum, Gemeinschaft herzustellen. Moderne Menschen sehen Nachrichten, um sich sich zu informieren und zu beruhigen. Warum das jetzt nicht mehr funktioniert.

 

Statue des Heiligen San Trifone - aufgestellt als Schutz vor dem Coronavirus
Statue des Heiligen San Trifone - aufgestellt als Schutz vor dem Coronavirus

 

Ein älterer Herr wunderte sich angesichts der Hamsterkäufe in Italien vor einigen Wochen darüber, dass die Angst vor dem Coronavirus größer sei als zu Beginn des 2. Weltkriegs. Woran liegt das?  Meine erste spontane Antwort wäre: es gab noch kein Fernsehen während des zweiten Weltkriegs und kein Internet. Seit Wochen werden wir mit Bildern von Menschen in Schutzanzügen, Krankenhäusern, Viren konfrontiert, die wir nur aus Horrorfilmen oder aus dem fernen Afrika ( Ebolaausbruch ) kennen. Und viele Menschen erleben jetzt das Gefühl eines Realitästverlusts: "Das ist wie im Film - das kann nicht wahr sein." Es erinnert ein wenig an den Schock der Bilder vom 11. September. Was weit weg war oder im Reich der Fiktion, ist plötzlich ganz nah und "echt".

 

Nachrichten - ein modernes Ritual gegen Angst?

 

Umfragen zeigen, dass viele Menschen sich kaum noch an die Meldungen und Themen einer Nachrichtensendung erinnern, wenn man sie  kurz danach dazu befragt. Die meisten Menschen sehen Nachrichten, um sich zu vergewissern, dass keine wirklich bedrohliche Gefahr auf sie zukommt. In der Regel sind lebensbedrohlichen Gefahren wie Hunger, Krieg und Krankheit für uns Europäer ziemlich weit weg gewesen. Andererseits erzeugen Nachrichten, den Eindruck einer stämdig schwelenden Gefahrenlage, die Angst und Abstumpfung zugleich erzeugt.

 

 

CNN Concatenated 2002 ist ein Video des Künstlers Omar Fast, das von der Berichterstattung der Ereignisse des 11. Septembers inspiriert wurde. Es besteht ausschließlich aus Ausschnitten des amerikanischen Fernsehnachrichtensenders CNN und hat die Rolle der Medien bei der Schaffung öffentlicher Angst zum Thema. Die kurzen Schnitte parodieren die Non-Stop-Natur der vierundzwanzigstündigen Nachrichtenkanäle und die Dringlichkeit, mit der Nachrichten präsentiert werden. Es entstehen Monologe, in denen sich die Nachrichtensprecher mit folgender Message direkt an den Zuschauer richten: ...." you're afraid of dying alone but you're even more terrified of dying in public look its not happening at this very moment perhaps not as long as you listen and watch people don't die in front of their televisions ".... Das Video ist eine Kritik daran, wie Nachrichtensendungen Bildmaterial verwenden, um emotionale Reaktionen der Zuschauer zu erzeugen.

 

Pierre Bourdieu kritisiert die Berichterstattung vieler Journalisten als eine aus einzelnen Momentaufnahmen zusammengesetzte Repräsentation der Welt, die in keinen geschichtlichen Kontext eingebettet wird. Diese Sichtweise findet ihren deutlichsten Ausdruck in dem Bild, das die Fernsehnachrichten von der Welt vermitteln: eine Abfolge scheinbar absurder Geschichten, die sich letztendlich alle irgendwie ähneln, ein ununterbrochener Aufmarsch bedauernswerter Völker, eine Folge von Ereignissen, die ohne jede Erklärung auftreten und deshalb auch ohne jede Lösung wieder im Dunkel verschwinden werden. Sie unterscheiden sich kaum mehr von Naturkatastrophen. So trägt diese Art der Berichterstattung zu einer pessimistischen Geschichtsphilosophie bei, die eher zu Rückzug und Resignation als zu Widerstand und Empörung anhält.

 

Haben uns die Naturkatastrophen vergangener Tage aber emotional und körperlich nicht erreicht oder geängstigt, so ist sie jetzt da: die Corona Angst und dazu ein Dauerbeschuss mit den entsprechenden Bildern und Worten. Einige Staatschefs wie Macron sprechen inzwischen von Krieg ( Gesundheitskrieg) und die Massnahmen zur Eindämmung ähneln denen im Krieg.

 

 

Isolation, Angst, Enge

 

Zweiter möglicher Grund  für das Ausmass an Angst ist die Isolation, die durch social distancing, Ansteckungsgefahr und das Berührverbot, also den Mangel an Körperkontakt wie Umarmungen, Händeschütteln, Küssen entsteht. Sich in einer solchen Krise körperlich voneinander fern halten zu müssen, kann den Halt, den viele Menschen jetzt brauchen, nochmal erheblich erschüttern. Andere sitzen unfreiwillig auf engstem Raum zusammen und die häusliche Gewalt nimmt zu.

 

Angst kommt etymologisch von Enge, was auf eine körperliche Dimension verweist. Das Gefühl der Enge entsteht durch eine Bedrohung, auf die nicht mit Flucht oder Angriff reagiert werden kann. Quarantäne, volle Bahnen und Gedränge in kleinen Räumen - das verstärkt Engegefühle, die sich wiederum im Körper manifestieren. Der Körper zieht sich zusammen, verkrampft, der Atem wird flach. Diese Verengung spiegelt sich dann auch in der Wahrnehmung: wir bekommen einen Tunnelblick, blenden alles, was unwichtig scheint, aus, um uns nur auf die eine wichtige Sache zu konzentrieren.

 

Je mehr dann weiter auf einen Menschen einstürmt an Reizen, Nachrichten, Bildern, Angst-Phantasien, desto wichtiger wird es, den Blick wieder zu weiten. Ganz konkret kann das sein: einen Ort aufsuchen, an dem man möglichst weit sehen kann - am besten bis zum Horizont. Im übetragenen Sinn kann ein Blick in die Geschichte, den geistigen Horizont weiten und vielleicht ein bißchen Halt, Orientierung, Relativierung oder Trost spenden.

 

Wie begegnet man der Medusa, ohne vor Schreck zu erstarren? Und wie ging man in vormodernen Zeiten mit Angst, Tod, Trauer um? Ist es der Verlust von Ritualen und Gemeinschaft, der einer ohnehin schon verunsicherten Gesellschaft jetzt den Boden unter den Füßen wegzieht oder lernen wir wieder ein bißchen mehr solidarisch zu sein? Eine Gemeinschaft ohne Kommunikation wird durch den Verlust gesellschaftlicher Rituale zur Kommunikation ohne Gemeinschaft, meint der Philosoph Byun Chul Han.

 

Einige dieser (antiken) Rituale sind in Apulien noch lebendig.

 

Hier eine Auswahl an Artikeln über diese Rituale ( einer der meistbesuchten Artikel dieses blogs ist übrigens -> Magische Rituale und böser Blick )

 

 


Aby Waburg und die Bannung der Angst in Bildern

Berlin
Berlin

 

Die existenzielle Funktion von Bildern und Kunst sah der Kulturwissenschaftler Aby Warburg darin, Ängste zu bewältigen. Bilder zu malen oder Skulpturen zu schaffen sah Aby Warburg als Versuch, Orientierung in einem bedrohlichen Chaos zu schaffen. Es ist eine Art Beschwörungsformel, mit der der Mensch den in Bildern gebannten Ängsten entgegentritt. Sie lautet: „Du lebst, aber du tust mir nichts.“  Bewußtes Distanzschaffen zwischen sich und der Außenwelt sieht er als Grundakt menschlicher Zivilisation.
Telefon und Telegramm sah Warburg aber bereits als modernen Prometheus und Ikarus, die das Gefühl von Distanz zerstören.

 

-> Aby Warburgs Atlas der Leidenschaft

 

Settimana Santa - Osterrituale in Apulien

Locorotondo
Locorotondo

Als ich diesen Artikel über die Osterritaule in Apulien schrieb, wurde mir klar, was antike und moderne Kultur so grundlegend entscheidet. Antike Kulturen beinhalten Akte der Verehrung, des Bittens, Betens und Hoffens. Der Kulturarbeiter der Antike war der Priester, der dem Menschen klarmachte, wie wenig er sein Schicksal in der Hand hat und kontrollieren kann.  Rituale, wie Prozessionen, heilige Messen und Feste stellen angesicht des Leids Gemeinsamkeit her.

"In Apulien sind die Ereignisse, die mit der Settimana Santa in Verbindung stehen, immer ein Bezugspunkt für Gemeinschaftlichkeit im Sinne von Teilnahme, emotionaler Mitwirkung und Ergiffenheit gewesen."

-> Settimana Santa - Ostern in Apulien

 

Tarantismus als Heilmethode

Carovigno
Carovigno

Tanzwut war im Mittelalter eine epidemische Erscheinung und lässt jetzt ein Bißchen an Corona- Partys denken. Der heilige Veit war der Schutzpatron der Tänzer und wurde in Fällen von Krämpfen, Epilepsie, Tollwut angerufen. Diese Tanzepedemien versuchte die Kirche überall in Europa durch kanonischen Exorzismus zu disziplinieren. In Nordeuropa hatte sie damit Erfolg, in Apulien entstand der mystisch-rituelle Symbolismus der Tarantella. Ernesto De Martino zeigte, dass der Tarantismus, der seit dem 17. Jahrhundert als Krankheit der ungebildeten, abergläubigen Bevölkerung galt, eine wirksame Heilbehandlung seelischer Krisen und Ängste durch Tanz, Musik und Farben war. Der Tarantismus war eine häusliche Kur, bei der Angehörige aus Solidarität mit den Tarantierten häufig mittanzten und bei der angestaute psychische Energien abreagiert werden konnten. -> Ernesto  de Martino und der Tarantismus

 

Schutz, Trost, Halt

Berlin
Berlin

"Die Katholiken malen Madonnen, um sich zu trösten." meint Navid Kermani. Sie malen Bilder eines makellosen Gesichts, rein von Erfahrung, weil es ohne Trost nicht geht.

Ist Religion eine Antwort auf das Schweigen der Welt? Religion kümmert sich um die großen Menschheitsthemen – Schutz, Tod, Trost, Mitleid oder Trauer. Jedes Dorf in Apulien hat mindestens einen Schutzheiligen, dem magische Kräfte z.B. beim Kampf gegen Heuschreckenplagen oder die Pest zugeschrieben werden. Drei Artikel zum Thema Religion:

 

 -> Madonnen und Ikonenmalerei der Byzantiner

-> Die unheimliche Schönheit religöser Bilder

 -> Das Fest des Schutzheiligen San Trifone

Trauer und Trauerriten

"Freund, warum gehst du unbemerkt vorüber? Bleib ein bißchen! Ich bin Orlando Girolamo, der Elektriker, Opfer der Pflicht.  Ein Unglück riss mich aus der Mitte meiner Lieben mit nur 33 Jahren am 11.4.1947. Betet für mich."
"Freund, warum gehst du unbemerkt vorüber? Bleib ein bißchen! Ich bin Orlando Girolamo, der Elektriker, Opfer der Pflicht. Ein Unglück riss mich aus der Mitte meiner Lieben mit nur 33 Jahren am 11.4.1947. Betet für mich."

 

Mehr als in Deutschland sind die Toten in Apulien wie hier am Strassenrand oder auf Todesanzeigen, die öffentlich mitten im Ort aufgehängt werden, sichtbar und Teil der Gemeinschaft. Der Tod ist dadurch vielleicht weniger tabuisiert als bei uns, was nicht heißen soll, dass man damit lockerer umgeht.

 

Auch Menschen früherer Kulturen hatten keine naturalistische Sichtweise des Todes nach dem Motto: der Tod ist ein natürliches Ereignis, das dem Leben ein Ende setzt. Der Tod wurde als Bedrohung und feindliche Kraft einerseits, aber auch als Quelle des Lebens gesehen. Die Funktion von Trauer und Bestattungsritualen lag darin, die Krise, die der Tod in der Gemeinschaft auslöst, einzudämmen.

 

Totenriten haben analog zu den Opferriten das Ziel, die bösartige Gewalt des Todes auszustoßen und die Gemeinschaft vor ihr zu schützen. In allen Bestattungsriten erkennt man das gleiche kulturanthroplogische Prinzip: die Krise verlangt Opferung und Ausstoßung, damit die Gemeinschaft zu neuer kultureller Ordnung zurückfinden kann. Die Trauer um die Toten verstärkt die Solidarität der Lebenden. „ Es gibt keinen Tod, der nicht einigende Trauer weckt, es gibt in der Gemeinschaft keinen Tod, der nicht zu einer Hauptquelle des Lebens würde.“ In diesem Sinne geht alle Kultur für den Religionsphilosoph Rene Girard vom Grab aus und versöhnende oder einigende Trauer ist das Wesentliche der menschlichen Kultur.

 

Schluss

 

So, mehr möchte ich das Thema hier nicht ausweiten, sondern beherzigen, was meine eigenen Erfahrungen im Umgang mit Angst ist. Bewegung , Berührung, Kontakt - ist meine persönliche Formel + Distanz schaffen, wenn es zuviel, zu nah, zu schnell wird.

Kraftfiguren aus allen möglichen Kulturen stehen schon länger in meinem Zimmer. Rituale wie gemeinsames Kaffeetrinken mit Menschen stärken mich. Social media begrenze ich auf das Nötigste. Frische Luft, Sonne tanken, spazieren gehen und so merkwürdig es klingt: Dinge mit den Händen tun. Bei mir ist das Malen oder Zeichnen.

 

"Wenn du Dinge mit den Händen tust, heilt es Dich an Stellen, die tiefer liegen, als die aus denen Du weinst."

Keisha Rae Witherspoon, Regisseurin des Films "T", Gewinnerin des Silbernen Bären bei der Berlinale 2020.

 

 

"Wenn alles vorbei ist, machen wir ein riesen Fest des Umarmens und Küssens. " hat der Präsident von Apulien, Michele Emiliano, heute angekündigt.

 

Und lesenswerter -> Artikel über den Umgang mit Angst von Republik