Besondere Orte: Colonna infame in Bari

 

 

 

Bari, Piazza Mercantile, 2015
Bari, Piazza Mercantile, 2015

 

Hier hab ich auf ihn gewartet in einer lauen Sommernacht im September...Oder war es November? Kommt er, kommt er nicht? Ich war so aufgeregt wie eine Fünfzehnjährige. Er kommt. Viel zu spät. Aber das nimmt man ja hier nicht so genau. Erleichterung. Warum wir uns ausgerechnet hier getroffen haben? Weil mir niemand erklären konnte oder wollte, was die colonna infame ist. Stattdessen fingen alle an zu kichern, als ich danach fragte, so als wäre es ein peinlicher Ort oder ein geheimnisvoller. Deshalb ist mir der Name im Gedächtnis geblieben und als er mich dann fragte: "Wo treffen wir uns?" antwortete ich: " Colonna infame."

 

Colonna infame.  Warum geht mir das Bild oder der Ort jetzt fast fünf Jahre später so im Kopf um? Weil mit das unscharfe Foto gefällt? Die Erinnerung an diesen Abend? Oder ist es die Bedeutung dieser Säule ( die man auf dem Foto nicht sieht, denn ich sitze, als ich das Foto mache, davor. Die Säule im Rücken mit Blick auf die Piazza Mercantile). 

 

In den letzten Wochen habe ich im Internet viele menschenleere Bilder von Bari gesehen. Komplette Ausgangssperre. Es tut mir weh, das zu sehen. Ich hoffe, der Platz ist bald wieder belebt und voller Menschen. Es tut mir weh und ich bin wütend, weil diese Krise keine Naturkatastrophe ist.

 

Die colonna infame, aus weißem Marmor gemacht, liegt an der Piazza Mercantile in der Altstadt von Bari. Die infame Säule wird infam genannt, weil dort früher zahlungsunfähige Schuldner zur Bestrafung öffentlicher Erniedrigung ausgesetzt wurden. Angeblich mussten sie ihre Arme um die Säule schlingen, während ihr nackter Hintern den Schaulustigen ausgesetzt war. ( Das lese ich erst viel später und vielleicht haben deshalb damals alle so gegrinst).  Die Säule symbolisiert die Stadt Bari,  die von einem vor ihr liegenden Löwen beschützt wird, der Macht und Gerechtigkeit verkörpert. Daher wird die Säule auch Säule der Gerechtigkeit genannt ( colonna della giustizia).

 

Um Menschen davon abzuhalten, Verbrechen zu begehen, nahm die Durchsetzung von Gerechtigkeit in der Vergangenheit auch die Form schrecklicher Spektakel an. Es kam vor, dass zerstückelten Leichen nach der Hinrichtung öffentlich zur Schau gestellt wurden. Diese Spektakel waren in Apulien im 17. Jahrhundert recht häufig, lese ich in einem Artikel über die Säule. Armando Perotti stellte die Hypothese auf, dass die Säule mit dem Löwen um 1546 errichtet wurde, als der Vizekönig Pedro von Toledo eine Sanktion erließ, in der er die unmenschliche Bestrafung verurteilte. Später wurde beschlossen, zu Ehren des Schutzpatrons von Bari, San Nicola, auf das Spektakel zu verzichten, weil es auf die Pilger, die aus der ganzen Welt zur Verehrung von San Nicola enreisten, keinen guten Eindruck machte. Weiter ist in dem Artikel zu lesen, dass Gerechtigkeit nach der scholastischen Konzeption eine der vier Kardinalstugenden ist, zusammen mit Besonnenheit, Stärke und Mäßigung. Rituale halfen dem Menschen nicht nur, sich in der Welt zurechtzufinden, sondern auch zum Recht zu finden. Auch blutige Rituale wie diese. 

 

Und heute? Es muss ja niemand zerstückelt werden, aber wenn die Schuldigen an der jetzigen Krise öffentlich Reue zeigen würden und zum Beispiel in Schutt und Asche oder barfuss im Büßergewand gehen müssten... das würde die Gesellschaft vielleicht tatsächlich etwas befrieden. Diese Gedanken habe ich aus Recherchen zum -> Artikel Rituale gegen Angst mitgenommen, genauer aus dem Aufsatz des Ethnologen Thomas Hausschild, den er 2009 nach der Finanzkrise veröffentlichte.

 

Er wundert sich über den Mangel an Erklärung oder Bitten um Entschuldigung und meint die Krise 2008 sei wie viele andere zum Naturereignis verklärt worden. Zitat: "Bitten um Entschuldigung? – Fehlanzeige. Profundes Nachdenken über das Abheben der Derivatewirtschaft vom Boden der Tatsachen? Nichts davon. Reflexionen über eine Gier, die den Abstand zwischen den Ärmsten und Reichsten in den USA in den letzten Jahrzehnten verhundertfacht,ich sage es noch einmal: verhundertfacht hat? Nichts von alledem!"

 

Entschuldigen können einen immer nur die Anderen, meint er, und wir hätten das heute vergessen. Buß-, Bereinigungs- und Beschwichtigungsrituale sind reichhaltig aus der Geschichte der Menschheit überliefert. Dazu gehörte in Apulien nicht nur die öffentliche Demütigung an der colonna infame, dazu gehören noch immer die Osterrituale in Bari, die Processione dei Misteri ( und wohl auch die Austreibung des -> bösen Blicks). 14 Stunden dauert die Prozession am Karfreitag, bei der die verschleierten Büßer alljährlich rituell Buße tun. Zum ersten Mal seit - wer weiß das schon - blieben die Straßen in Bari während der Ostertage leer und auch das -> Fest im Mai zu Ehren des Schutzheiligen der Stadt, San Nicola, wird dieses Jahr wohl ausfallen.

 

Das ging mir in den letzten Tagen zusammen mit dem Bild so im Kopf herum. Der Platz mit der Säule der Gerechtigkeit ist einer der Orte, die ich unbedingt wiedersehen will. Falls ich wieder nach Bari zur colonna infame komme - irgendwann - mach ich ein Foto von ihr.  Solange müsst ihr sie euch vorstellen oder selber nach ihr suchen - vor Ort in Bari. Bitte nicht googeln. Das zerstört ihr Geheimnis.

 

Aber was ist aus ihm geworden, dem Mann, auf den ich gewartet habe? es geht ihm gut, sagt er.

 

 

 

mehr über die Kardinaltugenden prudentia (Klugheit), iustitia (Gerechtigkeit), temperantia (Mäßigung) und fortitudo (Tapferkeit) , die ,wie man sagt -> mediterrane Vernunft, prägen.

 

-> mehr über Bari