Free State of Jones - Die einfachste Utopie der Welt

 

Wir sind die 99% . Immernoch. Eine Richtschnur zur Beurteilung der Utopien, die durch die Coronakrise ausgelöst wurden.

 

Free State of Jones - Manifest

 

1.Kein Mensch soll arm bleiben, damit ein anderer reich wird.

 

2. Kein Mensch darf einem anderen vorschreiben, wofür er leben oder wofür er sterben soll.

 

3. Was du in den Boden sähst, sollst nur Du hegen und ernten und kein Mensch hat das recht, es dir wegzunehmen.

 

4. Jeder Mensch ist ein Mensch. Wenn Du aufrecht gehen kannst, bist du ein Mensch.

 

So einfach ist das!

 

Dieses kleine Manifest stammt aus dem Film „Free State of Jones“ . Er basiert auf der Lebensgeschichte von Newton Knight. Knight war im Bürgerkrieg 1861-1865 desertiert und hatte dann Jones County zum "Free State of Jones" erklärt. Das County war somit aus der Konföderation der Südstaaten ausgetreten. Ob es wirklich offiziell zu diesem Austritt kam oder ob Knight nur rund 125 Deserteure und Mitstreiter auf seine Seite zog, ist historisch nicht belegt. Damals besaß ein Viertel der Weißen im Süden Sklaven. Ein Prozent von ihnen mehr als hundert. Als armer Weißer wollte Knight nicht für die Rechte dieses einen Prozents kämpfen. Er glaubte, die Reichen würden die Sklaverei nutzen, um die armen Menschen - Weiße und Schwarze - auseinanderzutreiben.

 

Die wunderlichen Inseln namens Utopia

 

Die drei großen Sozialutopien der Neuzeit wurden geografisch alle als Inseln beschrieben. Da ist Tomaso de Campanella ´s Sonnenstadt, Thomas Morus` Utopia und Francis Bacons Nova Atlantis. Albert Camus entwarf dagegen eine Utopie, deren Ort das Mittelmeer war. Auch Franco Cassano bezog sich auf das Mittelmeer. Ich habe diese Utopie vor vier Jahren in dem Artikel "Die goldene Insel" im Zusammenhang mirt dem Scheitern der occupy Bwegung beschrieben. Das Motto der occupy Bewegung war: "We are the 99% percent." Einer der Mitbegründer war der Ethnologe David Graeber.

 

Der Soziologe Hartmut Rosa sieht es so: Der Spätmoderne sind die Utopien ausgegangen. Sie kann sich zwar alle möglichen Katastrophenszenarien ausmalen, hat aber ihre kulturelle Fahigkeit eingebüsst, sich alternativen Formen des Daseins vorzustellen. Wenn es überhaut noch Zukunftvisionen gibt, dann sind es technische Machbarkeitsphantasien. Sie beschränken sich meist auf ein Ziel: bestimmte Dinge besser in Reichweite oder unter Kontrolle zu bringen. Zugang zu Wasser, Bildung, Informationstechnologien, Jobs, Energieversorgung, Infrastruktur, besserer Gesundheit – das sind ohne Frage alles wichtige Dinge, meint Rosa, aber was dabei unbeachtet bleibt, ist die Quälität der menschlichen Beziehung zur Welt, die er als total entfremdet beschreibt. Die Qualität des Lebens selbst lässt sich nur verbessern, wenn Wirtschaft und Konkurrenzkampf wieder stärker in das soziale und kulturelle Leben der Gesellschaft eingebettet werden.

 

Kleine Inseln im weiten Meer einer Gesellschftaft, die vom Zwang des Wachstums und Beschleunigung geprägt ist, könnten für ihn bestimmte Formen der share-economy sein. Allerdings nur, wenn es dabei zu alternativen Möglichkeiten sozialer Begenungen kommt und nicht nur um Steigerung von Energie und Kosteneffizienz. Er betont, dass dieser Wandel von unten kommen muss.

 

Rosa erwähnt in diesem Zusammenhang das Buch "The great Transformation" von Karl Polanyi (1944), das den tiefgreifenden Wandel der westlichen Gesellschaftsordnung im 19. und 20. Jahrhundert durch die Industrialisierung beschreibt. Polanyi bezeichnete diese zunehmende Marktorientierung als eine Verselbständigung der Wirtschaft gegenüber der Gesellschaft. Begonnen habe dieser Prozess mit der zunehmenden privaten Nutzung von Grundstücken durch Großgrundbesitzer.

 

Schöne neue Welten

 

Was eine Utopie ( wörtlich: Nicht-Ort ) von einer Dystopie unterscheidet, liegt im Auge des Betrachters. "Eine Utopie ist der Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist. Eine Dystopie ist eine meist in der Zukunft spielende Erzählung, in der eine erschreckende oder nicht wünschenswerte Gesellschaftsordnung dargestellt wird, sagt Wikipedia. Was aber ist erschreckend und nicht wünschenswert und wer entscheidet das?

 

Transhumanismus: technische Machbarkeitsphantasie, Utopie - oder Dystopie?

 

aus Paul Schreyer: Chronik einer angekündigten Krise
aus Paul Schreyer: Chronik einer angekündigten Krise

Große Transformation

 

Seit einigen Jahren benutzt das WEF ( Weltwirtschaftsforum) den Begriff „Great Transformation“ um die kommenden Veränderungen der 4. industriellen Revolution zu beschreiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach dazu auf dem World Economic Forum 2020 in Davos : “Die gesamte Art des Wirtschaftens und das Leben, wie wir es uns angewöhnt haben, werden wir in den nächsten 30 Jahren verlassen” sowie von “Transformationen von gigantischem, historischem Ausmaß”. Die Beschleunigung dieser Transformationen werden mit der drohenden Klimakatastrophe begründet. Wahrscheinlich wird diese Transformationen mit Einschränkungen der Freiheit einhergehen, wie wir sie in der Coronakrise bereits erleben. Die Vision von Ida Auken ( young global leader des WEF) lautet: Welcome to 2030. I own nothing, have no privacy, and life has never been better. Hinter dieser radikalen Variante der shring economy steht die Idee alles zu teilen: Wohnung, Kleidung, Auto, um Ressourcen besser zu nutzen. Einige Kritiker des WEF sehen diese Pläne als neue Art des Sozialismus andere als Hyperkapitalismus.

 

(Ich bin mal gespannt, ob das reiche eine Prozent auch nichts mehr besitzt und alles teilt.)

 

Davoser Manifest 2020

Im Davoser Manifest des WEF für einen besseren Kapitalismus steht unter Punkt A steht: "Der Zweck eines Unternehmens ist es, alle seine Stakeholder in eine gemeinsame und nachhaltige Wertschöpfung einzubinden. Bei der Schaffung eines solchen Wertes dient ein Unternehmen nicht nur seinen Aktionären, sondern allen seinen Stakeholdern - Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, lokalen Gemeinschaften und der Gesellschaft insgesamt. Der beste Weg, die divergierenden Interessen aller Stakeholder zu verstehen und in Einklang zu bringen, ist ein gemeinsames Engagement für Richtlinien und Entscheidungen, die den langfristigen Wohlstand eines Unternehmens stärken."

 

 -> Davoser Manifest 2020 für einen besseren Kaptalismus.  

 

Zum WEF gehören die 1000 reichsten Unternehmen der Welt. Unter den strategischen Partnern des WEF finden sich die zum Beispiel die Allianz, Amazon, ArcelorMittal, AstraZeneca, FB, Deutsche Bank, Blackrock, google, Johnson and Johnson, Reuters, Goldman Sachs, Siemens, paypal, Saudi Aramco, Bill Gates....

Also wieder das eine Prozent der reichsten der Reichen der Welt und wenn ich es richtig verstehe, will der WEF das Beste für die Welt, indem er den langfristigen Wohlstand dieser Unternehmen stärkt.

 

1.Kein Mensch soll arm bleiben, damit ein anderer reich wird.

 

Der holländische Historiker Rutger Bregman, Autor von "Utopien für Realisten", sorgte beim Jahrestreffen des WEF im Januar 2019 für Aufsehen, als er eine gerechte Besteuerung für Reiche und ein Ende der Steuervermeidung forderte. Ein Videoausschnitt seiner Rede erreichte in kurzer Zeit 8 Millionen Aufrufe. Darin beklagt er, dass so getan werde, als wäre Philanthropie ein geeigneter Ersatz für einen durch faire Besteuerung finanzierten Wohlfahrtsstaat.

 

Gemessen an Punkt eins " Kein Mensch soll arm bleiben, damit ein anderer reich wird", ist  der WEF bei mir durchgefallen.

 

2. Kein Mensch darf einem anderen vorschreiben, wofür er leben oder wofür er sterben soll.

 

Da geht es um Macht. Geld ist Macht. Heute wahrscheinlich noch mehr als zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs. Sind diese Unternehmen oder der WEF demokratisch legitimiert oder gewählt worden? Welche Mitspracherechte haben die Mitarbeiter, lokale Gemeinschaften, Bürger, Arbeitslose? Wer bestimmt die Ziele des WEF?

 

 

3. Was Du in den Boden sähst, sollst nur Du hegen und ernten und kein Mensch hat das recht, es Dir wegzunehmen.

 

Bill Gates ist inzwischen der größte private Farmlandbesitzer der USA und macht jetzt auch in Ackerland. Mist!  Das wird für das eine Prozent schwierig, wenn es keinen Boden besitzt und auch keine Unternehmen.

 

(Die Rockefeller Stiftung hat einen Plan entwickelt, um das US Food System zu transformieren. Er heisst:  Reset the table, 28.7.2020). Das Wort "Reset" ist auch bei Rockefellers angesagt.

 

4. Jeder Mensch ist ein Mensch. Wenn Du aufrecht gehen kannst, bist du ein Mensch.

 

Im Film galt dieser Satz vor allem denen, die in Schwarzen keine Menschen sahen. Sind transhumane Wesen der Zukunft  noch richtige Menschen oder Maschinen?

Man sollte sich schon ein bißchen einlesen auf den Seiten des WEF, um zu verstehen wohin diese Reise gehen soll. So wird die Zukunft der Nach-Covid-Welt und die Rolle der Universitäten, künstlicher Intelligenz, Technologien und der Medizin so geschildert: 

 

"Universitätsingenieure werden sichere Transportsysteme und Arbeitsplätze neu entwerfen, während Psychologen dabei helfen, mit den psychischen Folgen der Selbstisolation umzugehen, neue sicherere Verhaltensweisen zu schaffen und das Vertrauen zwischen Regierungen und Bürgern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern wiederherzustellen. Unabhängige Beratung von Universitäten wird die ethische Nutzung von persönlichen Daten zur Verfolgung von Menschen mit diesem und zukünftigen Viren leiten. Universitäten werden die Wissenschaft und Technologien nutzen, die sie selbst entwickelt haben, wie z. B. die Vorhersagekraft der künstlichen Intelligenz bei der Impfstoffentwicklung und der Kontaktverfolgung, um wesentliche Werkzeuge für die Schaffung einer Welt nach COVID-19 bereitzustellen."

(...)

"Der große Reset wird wenig bewirken, wenn es nicht gelingt, die Widerstandsfähigkeit gegen künftige Krisen zu stärken. Ob neue Pandemien oder die Folgen des Klimawandels - wir werden wieder mit massiven globalen Herausforderungen konfrontiert werden.
Um uns auf diese Prüfungen vorzubereiten und zu ihrer Abmilderung beizutragen, müssen wir uns an die Einsicht des großen Ökonomen John Maynard Keynes erinnern, der argumentierte, dass die Einsichten und die Intuition des Unternehmers umso mehr zählen, je instabiler die Parameter in der Welt sind."

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)
 

https://www.weforum.org/agenda/2020/07/university-entrepreneurship-post-covid-19-world

 

 

Dass Utopien in Dystopien umschlagen können, schreibt Klaus Schwab selbst in seinem Buch "The great reset ". Ich verschenke das Buch ( englisch mit leichten Gebrauchsspuren), an jemand, der sich selbst ein Bild machen möchte. Wer es lesen möchte, schreibe mir bitte eine kurze Nachricht.

 

Empfehlen möchte ich Paul Schreyers Buch "Chronik einer angkündigten Krise", in dem er die seit ca. 20 jahren stattfindenden Planspiele zur Abwehr von Biowaffen und Pandemien beschreibt. Darunter auch das Event 201, eine Simulations-Übung einer Corona-Pandemie ca. zwei Monate vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie. Dazu eingeladen hatten das Johns Hopkins Center for Health Security, das umstrittene Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) und die umstrittene Bill & Melinda Gates Foundation.

 

Außerdem David Graebers "Bürokratie - Die Utopie der Regeln" oder "Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit".

 

Der Film "Free State of Jones" ist auch abgesehen von dem schönen Manifest, ein sehenswerter Film, indem man viel lernen kann, darüber wie die Mächtigen ihre Macht erhalten.

 

 

 

Was aber wird aus denen, die diese globale Utopie/ Dystopie einer durch und durch technisch geprägten ( am Ende transhumanen) Welt nicht wollen? Wird man ihnen einen Insel lassen, ein County oder die Küste des Mittelmeers?

 

"We are the 99%". David Graeber R.I.P.

 

links zum Thema auf diesem Blog:

 

Die Geschichte der braccianti: Landbesetzung und Landreform in Apulien und Süditalien

 

Der südliche Gedanke von Franco Cassano

 

Die Mittelmeer Utopie von Albert Camus

 

Gegenfeuer - gegen das neue Normal

 

 

Lesetipp ( klingt interessant, aber ich habe es noch nicht gelesen ):

 

Erik Olin Wright: Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Berlin , 2017.

- > Webseite Erik Olin Wright

 

 

Und noch ein Manifest, das ich aber nur kurz überflogen habe....Das Manifest des Zusammenlebens - so könnte man es übersetzen.

 

-> Das konvivialistische Manifest ( 2014 ) kostenloser download, engl.

 

Das konvialistische Manifest

 

Auszüge aus dem Manifest:

 

Allgemeine Überlegungen:

 

Die einzig legitime Art von Politik ist eine, die sich an den Prinzipien der gemeinsamen Menschlichkeit, der gemeinsamen Sozialität, der Individuation und der Konfliktbewältigung orientiert.

 

Das Prinzip Menschlichkeit

Jenseits von Unterschieden in Hautfarbe, Nationalität, Sprache, Kultur, Religion und Reichtum, Geschlecht und sexueller Orientierung gibt es nur eine Menschlichkeit, und diese Menschlichkeit muss in der Person eines jeden ihrer Mitglieder respektiert werden.

 

Das Prinzip Sozialität

Der Mensch ist ein soziales Wesen und sein größter Reichtum liegt in seinen sozialen Beziehungen.

 

Das Prinzip der Individuation

Immer unter Berücksichtigung dieser beiden ersten Prinzipien ist eine legitime Politik eine Politik, die es jedem von uns erlaubt, seine unverwechselbare, sich entwickelnde Individualität so vollständig wie möglich zu behaupten, indem wir unsere Fähigkeiten, unser Potenzial zu sein und zu handeln, entwickeln, ohne das Potenzial anderer zu verletzen, das Gleiche zu tun, mit dem Ziel, gleiche Freiheit für alle zu erreichen.

 

Das Prinzip des kontrollierten Konflikts

Angesichts der Tatsache, dass jeder von uns die Macht hat, seine unverwechselbare Individualität zum Ausdruck zu bringen, ist es natürlich, dass sich Menschen manchmal widersprechen. Aber es ist nur legitim, dass sie dies tun, solange dies nicht den Rahmen der gemeinsamen Sozialität gefährdet, der sicherstellt, dass diese Rivalität produktiv und nicht destruktiv ist. Gute Politik ist daher eine Politik, die es den Menschen erlaubt, individuell zu sein, indem sie Konflikte akzeptiert und bewältigt.
( Seite 30 - 31)

 

Aus der Einleitung des Manifests: "Das Manifest kann also insgesamt als Aufforderung verstanden werden, sich an der Suche nach »realen Utopien« (vgl. Wright 2012) zu beteiligen, die reformistisch und zugleich radikal dazu beitragen können, Utilitarismus und maßloses Wachstum zu überwinden. Auf den letzten Seiten des Manifests wird ein konvivialistischer New Deal gefordert. Ein solcher kann und darf jedoch nicht primär ein sozialplanerisches und expertokratisches Projekt sein. Alle sind aufgerufen, sich kreativ zu beteiligen, ihre Empörung einzubringen und diejenigen zu beschämen, die die Möglichkeit eines konvivialen Zusammenlebens aufs Spiel setzen. Zugegeben: Das klingt sehr naiv, doch darin liegt - so hat es die italienische Philosophin Elena Pulcini pointiert - die besondere Radikalität und Stärke des konvivialistischen Projekts."