Am Strand mit John Berger

 

„Kreativität ist das unaufhörlich strömende Sein, das manchmal nicht anders kann als überzuschwappen und sich in schöpferischen Akten auf die Umgebung zu ergießen."

 

Trotzdem

 

Wo immer wir Schönheit antreffen ist sie ein „Trotzdem“. Eine Ausnahme. Man kann nicht über Ästhetik sprechen ohne das Prinzip Hoffnung, schrieb der Kunstkritiker John Berger vor einigen Jahren.

 

Für ihn gibt es in der Natur eine ästhetische Empfindung, die den Menschen für einen kurzen Augenblick in die Position Gottes bringt – ohne den Anspruch ein Schöpfer zu sein. Berger spielt auf das erste Kapitel der Genesis an: „ Und er sah, dass es gut war.“ Diese Empfindung entsteht, wenn die Entwicklung von Naturformen und die Entwicklung der menschlichen Wahrnehmung an einem Punkt zusammentreffen, an dem sie sich gegenseitig bestätigen. Obwohl die Vorstellung von Schönheit sich im Laufe der Geschichte ändert und von Kultur zu Kultur unterschiedlich ist, gibt es einige Dinge, die alle Kulturen in allen Zeiten als schön empfunden haben: bestimmte Blumen, Bäume, Felsformen, Tiere, den Mond und fließende Gewässer.

 

Wenn wir eine Blume schön finden, dann fühlen wir uns in eine Gesamtexistenz miteinbezogen und zwar um so mehr, wenn wir in einer Welt leben, die unser Dasein NICHT bestätigt. Berger´s Ansatzt ist phänomenologisch. Er erklärt, warum die Kraft unserer Wahrnehmung für einen kurzen Moment nicht zu trennen ist von der Kraft eines Schöpfungsaktes. Die Phänomenologie geht davon aus, dass Wahrnehmng kein passiver Empfang von Reizen ist, sondern ein schöpferischer Akt. Die Muschel ist für mich an diesem Tag ein "trozdem". Die Sonne - ein trotzdem. Das  Meer - ein trotzdem. Die wellenartigen Muster im Sand, die Quallen, die Strandläufer - trotzdem.

 

Die Flut virtueller, digitaler Bilder setzt sich heute nach Berger über das Existierende hinweg, denn diese Bilder haben sich von den festen Körpern getrennt. Im Spektakel des heutigen Systems ist an die Stelle des Lebens, der Schöpfung und der Existenz ein Spiel getreten, an dem niemand teilnimmt, aber alle zuschauen. In dem Maße, wie ein Mensch versucht, das Existierende zu malen ist das für Berger Widerstand. In dem Maße, wie Kunst Schöpfung nachahmt und die Möglichkeit des Wiedererkennens dauerhaft zu machen versucht, ist Kunst transzendental und mit einem Gebet vergleichbar.

 

 

La Llorana und die Kreativiät

 

„Kreativität ist das unaufhörlich strömende Sein, das manchmal nicht anders kann als überzuschwappen und sich in schöpferischen Akten auf die Umgebung zu ergießen." Das  nennt man Liebe, heißt es in der Geschichte „ La Llorana“ ( Die weinende Frau).

In dem Märchen La Llorona heiratet eine sehr arme Frau einen reichen Mann, dem alle Fabriken am Fluss gehören. Die Fabriken vergiften den Fluss und die Kinder der Frau werden blind geboren, weil sie während ihrer Schwangerschaft Wasser aus diesem Fluss getrunken hat. Aus Verzweiflung wirft sie die verkrüppelten Kinder in den Fluss und stirbt an gebrochenem Herz.

 

Kreativität ist der unruhige Flussgeist auf der Suche nach untergegangenen Schöpfungen.  Einen vergifteten Schaffensstrom reinigt man, indem man unzensiert unterschiedliche Eindrücke und Ideen zulässt und auf seine Intuition hört. Alle großen Gewässer sind Symbole für den Urquell des Lebens. Kreativität ist psychische, seelische, geistige, emotionale und ökonomische Nahrung.

 

Kämpfe gegen Ungerechtigkeit, Kämpfe ums Überleben und um Selbstachtung sollten nie nur im Hinblik auf ihre Ziele und ihren Erfog betrachtet werden, schreibt Berger. In Bewegungen, in denen sich Menschen kollektiv für ein Ziel zusammenschließen, entstehen unzählige Erkenntnismomente, Sehnsüchte und Erinnerungen. Zu diesen bewegenden Momenten am Wegesrand zählt auch die Erfahrung von Freiheit durch Handeln. Solche Momente sind transzendent – das, was Spinoza ewig nannte – wie kein historisches „Resultat“ es jemals sein kann, und sie sind zahlreich wie die Sterne in einem sich ausdehnenden Universum. ( John Berger im April 2006)

 

 

Kämpfe gegen Ungerechtigkeit, Kämpfe ums Überleben und um Selbstachtung sollten nie nur im Hinblik auf ihre Ziele und ihren Erfog betrachtet werden, schreibt Berger. In Bewegungen, in denen sich Menschen kollektiv für ein Ziel zusammenschließen, entstehen unzählige Erkenntnismomente, Sehnsüchte und Erinnerungen. Zu diesen bewegenden Momenten am Wegesrand zählt auch die Erfahrung von Freiheit durch Handeln. Solche Momente sind transzendent – das, was Spinoza ewig nannte – wie kein historisches „Resultat“ es jemals sein kann, und sie sind zahlreich wie die Sterne in einem sich ausdehnenden Universum. ( John Berger im April 2006)

 

 

John Berger starb am 2. Januar 2017. Erst als ich das Buch zuklappe, fällt mir auf, dass auf dem Cover eine Muschel abgebildet ist.

 

P.S.: Es ist ein Strand an der Nordsee nicht in Apulien.