Maskenball

 

Verwandelt uns eine Maske in Helden oder Clowns, versklavt oder befreit sie uns? Von afrikanischen Masken zur Maske der Medusa     ( der, Göttin der Masken), weiter zu Assarabas (No Mask, New Mask), Zwischenspiel mit Francis Bacons schreienden Päpsten und dem Angsstabu, weiter zu El Santo, dem Mann, der nie seine Maske abnahm, um zu enden mit Joker, der lachte, wenn er weinen mußte, mit Pulcinella, dem Sklaven und dem Atem des Lebens....

 

In einigen afrikanischen Kulturen stellen Masken Wesenheiten dar, die im Urwald eine Geisterexistenz führen. Wenn die Geistwesen nach Gestalt verlangen, lassen sie sich von einem besonderen Menschen erträumen, der sie als Maskengestalt sichtbar werden lässt. Die Persönlichkeit des Maskenträgers wird dabei soweit ausgelöscht, dass es sogar Maskengestalten ohne Maske gibt. Jede Maskengestalt hat Begleiter z.B. Musikanten, die ihr zusingen, Führer, die sie vor dem Stolpern bewahren oder Wortkundler, die in die Maskensprache übersetzen. Manche Masken schützen gegen Krankheiten, andere stellen Krankheiten dar, wieder andere begleiten die Toten zu ihrem Grab.

 

 

 

Maske, Gesicht und Person

 

Prinzipiell kann eine Maske sehr unterschiedliche Aufgaben erfüllen, so kann sich ihr Träger mit ihrer Hilfe in eine dargestellte Figur verwandeln oder die Maskierung ermöglicht die Einübung neuer oder übernommener sozialer Rollen. Im Ritus dient eine

Schutzmaske dem rituellen Schutz des Trägers. Maskenhafte dämonische Fratzengesichter und Schreckbilder finden sich auch in der Architektur mittelalterlicher Kirchen, z. B. in Form von Blattmasken (Gorgonenhaupt); sie sollen apotropäische Wirkung haben und Unheil abwehren. ( -> Siehe Der Böse Blick und andere magische Rituale)

 

Als Persona wird in der Psychologie die nach außen gezeigte Einstellung eines Menschen bezeichnet, die seiner sozialen Anpassung dient und manchmal auch mit seinem Selbstbild identisch sein kann. Der Begriff entspricht dem griechischen πρόσωπον/prosopon = Gesicht, der sich wie auch das lateinische persona bereits in der Antike auf die Bedeutungen Schauspielermaske , Rolle, Amtsstellung und allgemein Person'/'Persönlichkeit auffächerte. Das Wort Persona wurde auch als das Hindurchtönen (personare = hindurchtönen, klingen lassen) der Stimme des Schauspielers durch seine Maske verstanden. Die Persona eines Menschen bedeutet nach Carl Gustav Jung ein Auftreten, mit dem er sich an Idealvorstellungen einer sozialen Gruppe/Gesellschaft anpasst. Identifiziert sich ein Mensch zu sehr mit dieser Theatermaske, dann ist sie wie festgewachsen: er kann sie nicht willentlich ablegen. Vom Ich-Bewusstsein aus gesehen am Gegenpol zur Persona befindet sich der Schatten.

 

Medusa: Göttin der Masken

 

Medusa ist wie ihre Schwestern Stheno und Euryale eine Tochter der Meeresgötter Keto und Phorkys. Meist werden sie als bösartige, geflügelte Jungfrauen mit Reißzähnen, ehernen Klauen und einem Gürtel aus Schlangen beschrieben. Medusa war die schönste Gorgone, wurde jedoch von der zornigen Göttin Athene verflucht. Seither trug sie Schlangen als Haare und versteinerte jeden, der sie erblickte, weil ihr Anblick so furchtbar war. Medusa steht aber auch für den Schutz der Frauen, sie ist die Göttin der Masken, des bösen Blickes und des weisen Blutes.

 

Assarabas: no mask - new mask

In Italien heißen die Masken, die gegen das Virus schützen sollen "mascherina", anders als "maschera", die Maske, die bei bestimmten Riten oder beim Karneval getragen werden. Die italienische Künstlergruppe Assarabas rief im Sommer 2020 zunächst die Parole "No Mask!" aus. "Der Unterschied zwischen Maske und Maskerina wird in Unzen Seele gemessen“, erklärte die Kuratorin Alicia Sander. "Für die Zuschauer von Initiationsriten zeugen die Tanzmasken, die sich plötzlich wie in einem Flügelschlag öffnen und ein zweites Gesicht zeigen, manchmal ein drittes hinter dem zweiten, alle von einem Geheimnis. Sie sind geprägt von der Allgegenwart des Übernatürlichen und dem Rausch der Mythen" (Claude Lévi-Strauss, Der Weg der Masken.)

 

Alicia Sander weiter: "Die Maske enthüllt ein weiteres Gesicht, die Maskerina hingegen löscht es aus, sie zerstört den Mut, sie verschlingt uns.Wir wollen etwas Menschliches - jemanden, der weiß, wie man lebt, der weiß, wie man stirbt. Das eigentliche Kunstwerk ist das menschliche Gesicht. Nach Rudolf Kassner haben wir nichts als das Gesicht. Zwischen dem Äquator des Blicks und dem Meridian der Nasenscheidewand ist unser Schicksal kanonisiert. Das Gesicht spiegelt wider, wer wir sind und wohin wir gehen - es ist ein Vermächtnis, ein Reisepass

 

Kurz daraus folgte das Projekt New Mask.  Alicia Sander beschreibt den Künstler, der Masken schnitzt, als eine Mischung aus Zauberer, Exorzisten und Bauern. Kunst ist nicht Kunst, sondern Exorzismus. Der Künstler ist ein Zauberer, der Masken schmiedet. "Ein melancholischer Schimmer liegt über der Hexerei des kreativen Vorgangs. Alle Masken werden, wenn der Winter vorbei ist, verbrannt. Natürlich gibt es eine Maske, die Monster vertreibt und es gibt eine Maske, die dazu dient, Angst zu machen - und eine andere, die verdeckt, sich im Verborgen entwickelt. Die Welt der Masken ist ein Rebus: wer ist der Besessene, wer der Besitzende, wer der Enteignete?"

 

 

Der Künstler, der wieder zum Bauern geworden ist, ist ein Wesen, das die Wolken und das Herz der Erde lesen kann, das die Namen der Bäume und den Klang der Flügel kennt, das im Fluss die Tür kennt, an der sich das Kommen und Gehen der Toten abspielt. Hängen Sie seine Maske an die Wand Ihres Hauses. Schützen Sie sich. Es gibt eine Menge Vampire da draußen.

 

*Alicia Sanders Text bezieht sich auf das neue Kunstprojekt der Assarabas-Gruppe, "New Mask"; die Werke sind im Instagram-Raum museoimmaginario zu sehen.

 

Maske auf. Sonst...

 

"Mo devo butttare un grido" ( Ich muss eigentlich schreien). Dieser Spruch stand auf einer Maske(rina), die ein Mann im Sommer 2020 am Flughafen Bari trug. Ein Textilunternehmen aus Bitonto hatte diese Maske entworfen. "Sie sind jetzt ein Kleidungsstück, warum nicht darüber lächeln?" lautet das Motto.

 

Ich konnte aber nicht nur nicht darüber lächeln. Ich stelle mir seitdem hinter jedem Mensch, der eine Maske trägt, einen Schrei vor, einen Schrei der Angst. Es gibt ein berühmtes Bild, das auch zu einer Maske im Horrorfilm wurde. Es ist "Der Schrei" von Edward Munch, dem der Film Scream seinen Namen verdankt.

 

"Ich wollte immer das Lächeln malen."

 

Ich denke an ein anderes, berühmtes Bild: Francis Bacons´ schreiende Päpste.

„Eingeschlossen in diesem Gerüst und festgebannt auf seinem päpstlichen Zeremonienstuhl, den Rücken gepresst an die mit Gold eingefasste Rückenlehne, die Finger gekrallt in die Armstützen – hat sich mit einem Mal dieser entsetzliche Schrei aus seinem Mund Bahn gebrochen."

 

In dem Bild geht es laut Kritiker darum, den Augenblick zu fassen, in dem sich schlagartig enthüllt, was durch Zivilisation und Kultur, was durch Tradition, Sitte und Moral zugleich verdeckt, verdrängt und unter Verschluss gehalten wird. Der Kunsthistoriker Armin Zweite beschriebt diesen Schrei als schockierenden Akt der Entwürdigung und Demaskierung - von Macht.

 „Seltsam schamlos, geradezu obszön wirkt der in seinem Schrei weit aufgerissene Mund. Ein tiefschwarzer Schlund, umzäunt von zwei Reihen harter, glatter Zähne. Etwas Rohes, Animalisches scheint ihm zugleich zu entströmen und etwas Wildes, Barbarisches hinter dem schmutzig trüben Schleier zu lauern, der über dem ganzen Bild liegt.  Eine schockierend andere Wahrheit jenseits von Amtswürde und Kirchenmacht findet ihren Ausdruck in dem unartikulierten Schrei. Er bricht hervor, wenn alle Sprache versagt und aller Sinn ausfällt. Er verschafft sich Raum, wenn der Mensch aus seiner sprachlich artikulierten Existenz gerissen und in ein sprachloses Grauen gestürzt wird .

 

-> Francis Bacons schreiende Päpste: „Ich wollte immer das Lächeln malen“

 

Das Angsttabu

Fast ein Jahr Coronakrise und die Schlüsselfrage lautet: welche Wege führen aus der Angst? Braucht der Umgang mit der Todesangst, der archaischsten aller Ängst, Spiritualität? Kann man sich mit der Angst anfreunden, wie Gerald Hüther meint? Horst Eberhart Richter hat sich 40 Jahre lang mit Angst in psychoanalytischen und psychosomatischen Studien beschäftigt. Im Vorwort sines Buches „ Umgang mit Angst“ beschreibt er Angst als eine Farbe unseres Lebens. Sie wird akzeptiert oder verleugnet, als Depression nach innen oder Hass nach aussen gewendet. Sie beeinflusst Herz und Denken, lähmt und peitscht auf, sie wird zur Geißel oder zur Waffe. Sie erzeugt Rückzug oder Anteilnahme, Feigheit oder Mut – je nachdem als Verdrängung oder Anteilnahme des Todes.

 

In Kapitel eins des Buches Umgang mit Angst beschreibt Richter das Angsttabu. Schon Nietzsches letzter Mensch beschreibt eine Kultur, in der Kranksein zur Sünde wird. Ca 100 Jahre später, zu Beginn der 1990er Jahre setzt eine Entwicklung ein, in der fit sein, gute Laune, positives Denken und Zuversicht in die Zukunft immer mehr zur Pflicht werden. Kummer, Schmerz und Angst dagegen werden zum Tabu. Vor allem die angepasste, priveligierte Schicht lebt in ständiger Abwehr der Angst, während die Schwachen, Armen und Bedrückten in den Schatten gedrängt werden. Sie bilden das gesellschaftliche Unbewusste. Positives Denken und künstlicher Optmismus betäuben die Alarmsignale, die vor der zunehmenden Zerstörung der eigenen Lebensbedingungen warnt. Gleichzeitig sträubt sich der priveligierte Teil gegen psyschiches und materielles Teilen wie gegen eine bedrohliche Infektion, so Richter.

 

Technischer Fortschrittsglaube, der Versuch Macht zu gewinnen und immer weitere Loslösung von natürlichen Abhängigkeiten sind Ausdruck verkappter Angst vor dem Tod. Unter der Angst aber wächst das Selbstmisstrauen über den Missbrauch technisch ökonomischer Macht. Richter meint, wir müssen mit unserer Angst rechnen ( gefällt mir besser, als sie zum Freund zu machen): Angst vor Isolation, vor Versagen, vor Verletzung, vor Strafe, dem Gewissen und letzlich dem Tod. Es ist, so Richter, vor allem die verdrängte Sterbeangst, die in unserer Kultur zu selbstdestruktiven Tendenzen führt.

 

Angst im Planspiel oder die Büchse der Pandora

 

Jaques Attali nennt sich Schriftsteller, Kolumnist, Vorsitzender der Positive Planet Stiftung und gilt als Entdecker Macrons.

 

 Den ganzen Text findet ihr hier im Express  ->https://blogs.lexpress.fr/attali/2009/05/03/changer_par_precaution/

 

Gibt es eine toxischere Situation für eine Gesellschaft, als die, in der alle Anderen zum potenziellen Über-Träger des Todes werden - durch ein unsichtbares Virus und asymptomatische Ansteckung?  Die Büchse der Pandora enthielt, wie die griechische Mythologie überliefert, alle der Menschheit bis dahin unbekannten Übel wie Arbeit, Krankheit und Tod. Sie war ein Teil der Strafe für die Menschheit wegen des durch Prometheus gestohlenen Feuers.

 

Die Coronakrise ist kein Brennglas, wie viele meinen, sie ist die Rückkehr des Verdrängten und eine Demaskierung von Macht. Was hinter der Maske zum Vorschein kommt sind Abgründe und Monster. Das Selbstmisstrauen, das Richter beschreibt, kommt wie ein Boomerang zurück, macht anfällig für falsche Propheten und Schuldgefühle, die ausgenutzt werden. Maske lockdown, Impfung, soziale Distanz -  alles das soll jetzt solidarisch sein. Wer eine Maske trägt ist Alltagsheld, wer keine trägt wird Schuld sein am nächsten lockdown. Die Angst, die zu rettender Vorsorge nötig gewesen wäre, wäre eine fürsorgende, liebende Angst, die Günther Anders beschrieb. Die Angst, die jetzt herrscht, spaltet, diffamiert, grenzt aus.

 

 

Hier zeigt uns die nicht gewählte Regentin in einem offiziellen Video der EU, wie man sich richtig die Hände wäscht. Danke! Für mich das Video des Jahres 2020. Im Hintergrund hört man leise die Europahymne "Freude schöner Götterfunke" oder summt sie die selbst? Oder ist das Video ein fake?

 

Nochmal Assarabas: Die Welt der Masken ist ein Rebus: wer ist der Besessene, wer der Besitzende, wer der Enteignete? Wer ist der Vampir, welche Masken können uns vor Vampiren schützen?

 

El Santo und Joker

Zuletzt zwei Maskengestalten der Populärkultur: El Santo (der Heilige) war ein mexikanischer Luchador-Wrestler und Schauspieler. Während seiner vielen Auftritte auch in Film und Fernsehen hatte El Santo seit seinem Debüt immer eine gewisse Mystik um sich bewahrt, indem er auch in der Öffentlichkeit nie seine Maske abnahm.  Im modernen Lucha Libre, werden Masken farbenfroh entworfen, um Bilder von Tieren, Göttern, antiken Helden oder anderen Fantasiefiguren hervorzurufen, in deren Identität der Luchador während des Kampfes schlüpft. Nahezu alle Luchadores in Mexiko beginnen ihre Karriere in Masken, aber fast alle werden irgendwann im Laufe ihrer Karriere einmal demaskiert. El Santo trat in insgesamt 24 Horrorfilmen auf. In seinen Filmen kämpfte gegen Vampire, Dämonen, Dracula, Zombies, Mumien, Frankenstein, Werwölfe und andere Monster. Erst am 26. Januar 1984, fast exakt 50 Jahre nach dem Tag, an dem er mit dem Wrestling begann, zog er während eines Auftritts in der Talkshow Contrapunto10 seine Maske ab und zeigte zum ersten Mal in seiner gesamten Karriere öffentlich sein Gesicht. 10 Tage später starb er an einem Herzinfarkt.

 

Die andere Figur ist Joker, der Erzrivale von Batman. In der Filmversion von 2019 von Todd Phillips ist Joker ein Mann, der zu Unrecht von der Gesellschaft ausgestoßen wird. Auf dem Zettel, den er immer bei sich trägt, steht :

 

Verzeihen Sie mein Lachen. Ich habe einen Störung. Es ist eine Störung, die plötzliches, häufiges und unkontrollierbares Lachen verursacht, das nicht dazu passt, wie ich mich fühle. Das kann vorkommen bei Menschen mit Gehirnverletzungen oder neurologischen Störungen : Danke!

 

Die Maske des Pulcinella

 

Noch ein kurzer Ausflug nach Süditalien:

 

 

Pulcinella trug eine vogelnasige,  phallusähnliche Maske, war listig, drückte sich in frechen Gesten aus und war immer auf Betrug und Vorteil aus. Pulcinella ist eine Figur des süditalienischen und neapolitanischen Volkstheaters.  Als Diener (servo) repräsentierte er die untergeordnete Stellung des Volkes. Pulcinella ist eine Figur der commedia dell´arte und repräsentiert noch heute die Begabung, sich auf spezielle Art durchs Leben zu schlagen: mit Witz, List, Vitalität, Unverschämtheit und Würde.

 

-> mehr über Pulcinella und die Lazzari

 

Das menschliche Gesicht

 

Wenn Gewalt unser Leben durchdringt – welches Gesicht kommt zum Vorschein? Was passiert, wenn wir die Masken abnehmen? Werden wir ein Lachen sehen oder Tränen, eine Grimasse, einen Schrei oder einen Vampir, werden wir vor Angst sterben oder den Atem des Lebens spüren?

 

Der Atem des Lebens

 

Der Atem des Lebens ist in den scharfen Winden der Verwandlug

vermischt mit dem Atem der Vernichtung.

Aber wenn du tiefes, köstliches Leben atmen willst,

sei nur Atem, schweigend, im Dunkel,

und sorge dich nicht.

 

( D.H. Lawrence )

 

Guy Fawkes Maske zum Selbermachen
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