Eine alternative Tour durch die Altstadt

 

Eine Tour durch eine typische Altstadt in Apulien mit Blick auf das, was uns die Sehenswürdigkeiten oft übersehen lassen. Die Altstadt selber mit ihrer Organisation von Zeit und Raum ist ein kollektives Kunstwerk.

 


Die Kultur der Städte

 

Es gibt Orte, die uns sofort gefangen nehmen. Das liegt weniger an ihrer Schönheit als an ihrer Atmosphäre. Als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal für eine Woche hierher kam, konnte ich mich nicht sattsehen. " Wow, hier war ich ja noch nie", dachte ich an jeder zweiten Ecke, "oder war ich gestern schon hier, bin aber aus der anderen Richtung gekommen? Warum haben die damals nur so verwinkelt gebaut?  Vielleicht wollten die Erbauer der Stadt, dass Angreifer bei Überfällen die Orientierung verlieren?"

 

Jetzt bin ich zum fünften Mal hier und verlaufe mich wieder, obwohl die Altstadt eigentlich gar nicht so groß ist. In meinem Lieblingscafe am Rande der Altstadt trinke ich einen caffè und merke beim Lesen eines Buches über Stadtgeschichte, dass meine Frage falsch war. Meine Frage hätte eigentlich lauten müssen. Warum begann man irgendwann, alle Straßen schnurgerade zu bauen?

 

Im 15. Jahrhundert entwickelten sich die Städte von einer Lebenswirtschaft zur Geldwirtschaft. Das veränderte auch die Organisation des Raumes, der auf perspektivische Ordnung reduziert wurde.

 

Sightseeing ohne Sehenswürdigkeiten

Die Altstadt entstand also in einer Zeit, in der die Frage, wie komme ich am schnellsten von A nach B noch keine große Rolle spielte, sondern das soziale Leben im Mittelpunkt stand.  Ich beschließe das Thema Stadtkultur zum Thema meines Spaziergangs durch die Altstadt zu machen. Dabei lasse ich mal alle Sehenswürdigkeiten beiseite und versuche zu verstehen, wie in den alten Städten Raum und Zeit organisiert waren.

 

Gegründet wurde diese Stadt vor über 2000 Jahren von den Griechen. Im 11. Jahrhundert nahm die Altstadt langsam Form an. Ihre heutige Fläche schätze ich auf 200 m x 300 m. Ich habe 17 kleinere und größere Kirchen gezählt. Der lungomare schlängelt sich von der porta vecchia, dem alten Stadttor, hinter der Stadtmauer vorbei am Castell aus dem 16. Jahrhundert bis zum Hafen. Von da aus gehen drei Gassen relativ geradlinig zur Neustadt. In diesen Gassen gibt es die meisten Geschäfte und Kneipen. Der Rest der Altstadt ist ein Labyrinth aus kleinen Gassen, von denen viele zu eng für Autos sind. Es gibt ein paar kleine Nachbarschaftshöfe und drei größere Plätze. Auf einem dieser Plätze befinden sich Restaurants, die öffentliche Bibliothek und der "Circolo fra Marittimi" ( Verein zwischen den Meeren) mit einer alten Sonnenuhr. Davor sitzen immer einer paar ältere Männer. Ich vermute, es sind Fischer, die sich wundern, wie sich ihre Piazza in den letzten Jahren verändert hat.

 

 

Der kleine Platz wird oft von Kindern zum Fussballspielen genutzt. Das Schild Fussballspielen verboten ignorieren sie konsequent. In Berlin würde man diese Plätze heute  Begegnungszonen nennen. Das Autoverbot in der città vecchia wird, soweit ich es beurteilen kann, eingehalten. Es gibt auch keine Mopeds, die durch die Gassen knattern. Wenn mal ein Auto im Schrittempo an mir vorbeifährt, dann stinkt es ganz schön nach Diesel, denn oft sind es die dreirädrigen, alten Apen, die frisches Obst und Gemüse liefern oder direkt von der Ladefläche verkaufen.

 

An der porta vecchia riecht es immer nach Meer, in manchen Gassen nach Jasmin, meistens riecht es aber nach Seife. Die Altstadt ist immer blitzblank geputzt. Der Müll wird zu bestimmten Zeiten vor die Tür gestellt und abgeholt. Kein Platz für größere Mülltonnen. An einigen Häuserwänden verwittern die Reste von Wandmalereien mit christlichen Motiven. Die Bögen und Hauswände sind ein beliebter Platz für Madonnen. Das sind also öffentliche Andachtsräume, die den Schutzheiligen oder Beschützerinnen der Stadt gewidmet sind. Hier ist es die Ikone der Maria SS. della Madia. Häufig wird sie zusammen mit einem kleinen Floss dargestellt, denn der Legende nach erreichte sie von der Türkei kommend im Jahre 1117 diese Stadt, was sie vor der Bilderzerstörung bewahrte. Das Holz des Flosses wurde zur Fertigstellung des Daches der Kirche benutzt, für das bis dahin das Holz fehlte. Ein kleines Wunder also, so die Legende..

Was es in der Altstadt nicht gibt, sind Ampeln, Werbung, größere Geschäfte, Hotels und Neonlicht.

 

Lungomare und Cittaslow

Am Abend spazieren vom lungomare aus immer mehr Menschen in die Altstadt. Der lungomare ist ein Weg, der am Meer entlang führt und der sich mit Uferpromenade oder Flaniermeile übersetzen lässt. Er dient dem Müßiggang, allerdings gibt es immer auch ein bißchen Spektakel: Karussells für die Kleinen, Feste und Veranstaltungen für die Großen. Ganze Familien flanieren hier entlang und besonders an den Wochenenden wird es richtig voll.

 

 

 

Der Flaneur ist eigentlich eine französische Erfindung des 19. Jahrhunderts. Um 1840 begann man in Paris  mit Schildkröten an der Leine durch die Passagen zu spazieren, um der Beschleunigung des Lebens in der Stadt etwas entgegenzusetzen. In den letzten Jahren haben sich in Apulien fünf Orte der Organisation Cittaslow ( langsame Stadt), der internationalen Vereinigung für lebenswerte Städte angeschlossen: Gravina in Puglia, Trani, Cisternino, Orsara di Puglia und Sant´Agata di Puglia. Das Netzwerk wurde 1999 in Orvieto ( Italien ) gegründet.

Einigen Bewohnern der Altstadt scheint der Rummel in ihrer Stadt auch zuviel zu werden. "Es gibt ein Recht, sich zu amüsieren, aber auch zu schlafen," steht auf dem Schild auf diesem Balkon. Glücklicherweise gibt es in der Altstadt noch genug Gassen, in die sich kaum ein Mensch verirrt. Ich ertappe mich dabei, wie ich selber ein bißchen in Eile gerate, um das letzte Tageslicht zum Fotografieren zu nutzen. In der Dämmerung wirkt selbst Vertrautes oft fremdartig. Durch den Verlust von Konturen und Bestimmtheit, nimmt die Wahrnehmung traumartige Züge an. Dabei sind diese Bilder von der città vecchia in der blauen Stunde entstanden. 

 

 


Die Altstadt in der blauen Stunde

Die Stadt als Kunstwerk verschwindet

 

Lewis Mumford, der Autor des Artikels über die Kultur der Stadt, nennt einige Motive dafür, warum Menschen sich in Städten ansiedelten: "Die sesshaften Menschen kehren an bestimmte Stätten immer wieder zurück, in die Höhle, zu den Gräbern. Wenn man irgendwo bleibt und zusammenarbeitet, lässt sich das Leben sinn- und wertvoller gestalten. Die Stadt als Kultstätte, als Wallfahrtsort, festlicher Treffpunkt. Die Stadt als Behälter: Sicherung des Lebens, der Fortpflanzung. Als Speicher für Güter und Erfahrungen. (...) In den schnell wachsenden Städten fehlt es nicht nur an Sonnenlicht und frischer Luft, sondern vor allem an Wissen, um das soziale Leben zu organisieren. Ein ländlicher Dorfbewohner des 17. Jahrhunderts in Holland versteht mehr vom Leben in einer Gemeinschaft als ein Bürgermeister des 19. Jahrhunderts in Berlin oder London. Bis auf das Erbe der Vergangenheit, verschwindet die Stadt als kollektives Kunstwerk und besonders in Nordamerika, wo es keine kontinuierliche Entwicklung großer Monumente und keine tradierten Gewohnheiten des sozialen Miteinanders gibt, herrscht ein eher rauhes Sozialleben."

 

In einem alten Reiseführer der Region Bari aus den 80er oder 90er Jahren steht: die dominierende "physische Realität", die einen entscheidenden Faktor für die Geschichte der Ansiedlung der Subregion darstellt, ist die Murgia. Die Höhlen in der Region um diese Stadt gehörten zu den ersten, die den Völkern, die sich Jagd und Anbau widmeten Unterschlupf boten - bereits im paläolithischen Zeitalter. (Ich habe mich immer gefragt, ob "physische Realität" schlecht übersetzt ist und welchen anderen Ausdruck es dafür gibt.)

 

Heute können wie jeden Ort der Welt, jede Sehenswürdigkeiten googeln und mit Sternchen bewerten. Die physische Realität der Orte wird dadurch so flüchtig wie die Bilder, die durchs Netz flimmern.Aus dem Karstgestein der Murgia sind auch die Häuser der Altstädte gebaut. Die physische Realität dieses Gesteins hält für mich das Geheimnis einer Zeit lebendig, in der die Stadt noch ein Kunstwerk war. Und so befinde ich mich am Ende meiner Sightseeingtour ohne Sehenswürdigkeiten irgendwo zwischen Traum und Erinnerung. Vielleicht ist es eine kollektive Erinnerung, vielleicht nur ein fast vergessener persönlicher Traum, der für ein paar Momente spürbar wird. Und vielleicht zieht es mich deshalb immer wieder in diese Stadt zurück.

 

Lewis Mumford war ein US-amerikanischer Architekturkritiker, Wissenschaftler, Historiker, Philosoph, Soziologe, Schriftsteller.

Tipps für das Übernachten in der Altstadt

 

Wohnen in der Altstadt heißt Leben auf engstem Raum. Die Wohnungen sind nicht so groß geschnitten, wie wir es gewohnt sind. Wohnen im Erdgeschoss heißt Wohnen in Augenhöhe mit Bewohnern und Passanten. Lautes Gegröle oder Musik habe ich in der Altstadt nie gehört, Kirchenglocken und Stimmen von Menschen gehören zur ständigen Geräuschkulisse. Im Winter bis in den April hinein kann das Klima in Apulien und die Wohnungen in der Altstadt feucht und kühl sein. Trotzdem hat Übernachten in der città vecchia für mich deutlich mehr Reiz als ein Hotel und natürlich gibt es auch mehrstöckige Wohnungen mit Dachterasse. Im Hochsommer sind die Wohnungen dann angenehm kühl.

 

P.S. Na, wer hat die Stadt erkannt?