Aby Warburgs Mnemosyne Bilderatlas:  Wiedergeburt der Leidenschaften

Der Kulturwissenschaftler Aby M. Warburg (1866–1929) war ein Pionier der modernen Kunst- und Bildwissenschaft. Mit dem Bildtlas und einem anthropologischen Zugang zu Bildern baute er Brücken zwischen verschiedenen Kulturen, Epochen, Disziplinen und Medien bis zum Horrorfilm. Sein Spezialgebiet war das Nachleben der Antike in der Renaissance.

 

Eros und Aphrodite /Antike Grabvase aus Ceglie del Campo (Apulien) - Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung
Eros und Aphrodite /Antike Grabvase aus Ceglie del Campo (Apulien) - Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung

 

Ergreifen, Abwehr, Distanzschaffen, Verfolgung und Verwandlung - steht auf Tafel 39 des Mnemosyne Atlas. Thema der Tafel ist "Das Reich der Venus: Ergreifen und Abwehr in der Liebe." Aby Warburg suchte in Bildern vor allem eins: die Bandbreite dargestellter Affekte,  d.h. heftige Erregung oder Gemütsbewegungen und Leidenschaften.

 

Warum schafft sich der Mensch Bilder? Was ist die existenzielle Funktion von Kunst? Aby Warburgs Antwort auf diese Frage lautet: um Ängste vor der inneren und äußeren Natur zu bewältigen. Bilder zu malen oder Skulpturen zu schaffen sah Aby Warburg als Versuch, Orientierung in einem bedrohlichen Chaos zu schaffen, indem dieses Chaos als getrennt vom Ich erfahrbar gemacht wird. Es ist eine Art Beschwörungsformel, mit der der Mensch den in Bildern gebannten Ängsten entgegentritt. Sie lautet: „Du lebst, aber du tust mir nichts.“  Das gilt für Bilder antiker Seelendramen ebenso wie für Horrorfilme. So beginnt die Einleitung zum Mnemosyne Atlas (1929) mit diesem Satz:

 

"Bewußtes Distanzschaffen zwischen sich und der Außenwelt darf man wohl als Grundakt menschlicher Zivilisation bezeichnen,..."

 

Ein Angstreflex kann seit der Antike durch ein Bild z.B einer Naturgottheit ersetzt werden. Wenn der Mensch sich durch ein Bild Distanz schafft, entsteht aus dieser Distanz ein Denkraum, der eine kulturelle Funktion hat. In ihm kann triebhaftes Handeln in bewußtes Handeln umgesetzt, vergeistigt und sublimiert werden. Die Bildmagie in kultischen Handlungen und die Ergriffenheit unkultivierter Handlungen dagegen zerstören diesen Denkraum. Wenn Bilder erinnert und Teil des sozialen Lebens werden, entsteht daraus Kultur und Religion. Die in den Bildern gespeicherte Energie allerdings lässt sich nie vollständig bändigen, sondern bricht immer wieder aus und spricht zu den Menschen der Nachwelt.

 

 

Mnemosyne - Atlas: Das Nachleben der Antike in der Renaissance

Antike Grabvase aus Ceglie del Campo (Apulien) - Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung
Antike Grabvase aus Ceglie del Campo (Apulien) - Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung

 

Warburgs Hauptforschungsthema war das Nachleben der Antike in der Renaissance.

Erstmals wurde der Begriff Renaissance (ital.: rinascita oder Rinascimento, dt.: Wiedergeburt) 1550 von Giorgio Vasari verwendet. Es ging um die Wiedergeburt des antiken Geistes im Mittelalter. Als Kernzeitraum der Renaissance wird in der Kunstgeschichte das 15. und 16. Jahrhundert angesehen.

 

In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Aby Warburg einem ungewöhnlichem Projekt, das er Mnemosyne Bilderatlas nannte, und das erst 1993 veröffentlicht wurde. Mnemosyne ist die griechische Göttin der Erinnerung. Warburg ging es bei dem Projekt um die Frage, wie die antike Bildwelt in den europäischen Kulturraum zurückkehrte. Nach Hinweisen suchte er nicht nur in der Malerei, Skulptur und Grafik sondern auch in Gebrauchsgegenständen wie Hochzeitstruhen, Spielkarten, Schmuck. Der Mnemosyne Atlas ist eine Bildersammlung, die so wie sie heute rekonstruiert ist, aus 63 Tafeln und knapp tau­send einzelnen Bildern besteht. In den Renaissancedarstellungen untersuchte er die Befreiung des Körpers aus mittelalterlichen Formfesseln z.B. durch Übernahme der Gestik der Antike oder die Darstellung von Bewegung in den Haaren oder der Kleidung. 

 

Der Mnemosyne Atlas wurde immer wieder neu geordnet und die Fassung von 1929 lässt sich nur ahnen. Die Tafeln trugen Überschriften wie z.B. Das Reich der Venus: Ergreifen und Abwehr in der Liebe = Verringern und Vergrößern der Distanz zwischen dem Liebenden und der Geliebten. Auf der Tafel Nachleben der Pathosformeln in der Moderne / Trivialisierung des Mythos befand sich die Siegesgöttin Nike als Hausfrau für Toilettenpapier werbend oder eine Golfspielerin als sublimierte Mänade. Eine andere Überschrift lautete Medusa und Teufelsfratze.

 

Zusammen mit dem Kunsthistoriker Fritz Saxl erstellte Warburg „Wanderstrassen der Kultur", die  die Reise der „Bilderfahrzeuge" nachzeichneten. Warburgs kulturhistorisches Interesse galt der Frage, wann welche Affekte wie und warum zum Ausdruck gebracht wurden. In den griechischen "Pathosformeln" dominierte für Warburg der Ausdruck des Seelendramas und des Toderleidens, in den römischen dagegen Gesten des Triumphs und des Siegens. 

Von der ethnologischen Forschung inspiriert studierte Warburg auch die Kulte der Hopi-Indianer. Die Schlange als Blitzsymbol der Indianer verknüpfte er mit der Frage nach der Bedeutung der Schlange in der biblischen und in der griechischen Mythologie und sah im Schlangenritual einen symbolischen und rituellen Kultus zur Bewältigung menschlicher Urängste.

 

Rekonstruktion des Mnemosyne Bildatlas im Zentrum für Kultur und Medien, Karlsruhe 2016:

 

Pathosformeln - Engramme leidschaftlicher Erfahrung

 

Den Begriff „Pa­thosformel“ entnahm Warburg der Naturwissenschaft der 1920er Jahre, die unter Pathos­formel ein „Engramm leidschaftlicher Erfahrung" verstand. Der Triumph des Lebens und der Existenz in all seiner Gegensätzlichkeit wurde für Warburg in der Antike vorgeformt und trat in Kunstwerken als vom Gedächtnis bewahrtes Erbgut wieder vor die Seele der Nachfahren.

Warburg konzentrierte sich bei der Sammlung der Bilder, die er in seinem Atlas gegenüberstellte, insbesondere auf Gesten des Ergriffenseins. Extreme dieser Pathosformeln sind der Mensch in äußerster leidenschaftlicher Bewegung einerseits und hilfloser Ergriffenheit andererseits. Dazwischen gibt es z.B. Gesten von Triumph, Ekstase, Sophrosyne ( weise Mäßigung und Besonnenheit), Trauer, Meditation, Klage, Beweinung, Tötung und Heilung, Verfolgung und Flucht,  Mänade und Satyr, Medusa und Teufelsfratze.

 

Über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst schrieb Johann Joachim Winkelmann 1756: "Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als auch im Ausdrucke. So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele."

 

Aby Warburg aber hatte Zweifel an dieser Charakterisierung der antiken Kunst als stille Größe und edle Einfalt. Das Wesen der Antike sieht Aby Warburg wie Nietzsche ambivalent im Symbol einer Doppel-Herme (zwei Seiten einer Säule) von Apollo und Dionysos. Für Nietzsche war das Dionysische eine elementare, schöpferische Lebensmacht, die auch grausam, heillos, gewalttätig und ungeheur ist. Apollon dagegen ist der Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit, der Mäßigung, der Künste und der Individualität. Zitat Warburg:

 

Die ungehemmte Entfesselung körperlicher Ausdrucksbewegungen, wie sie besonders in Kleinasien im Gefolge der Rauschgötter sich vollzog, umfängt die ganze Skala kinetischer Lebensäußerung phobisch erschütterten Menschentums von hilfloser Versunkenheit bis zum mörderischen Taumel und alle mimischen Reaktionen ( die ) dazwischen liegen wie sie im thiasosischen Kult gehen, laufen, tanzen, greifen, bringen, tragen lassen in den kunstwerklichen Darstellungen den Nachhall solch abgründiger Hingabe verspüren. Der thiasosische Prägrand ist geradezu ein wesentliches und unheimliches Kennzeichen dieser Ausdruckswerte wie sie etwa auf antiken Sarkophagen zum Auge der Renaissance-Künstler sprachen." (Aby Warburg / Einleitung zum Mnemosyne Atlas)

Thiasos (altgriechisch θίασος) bezeichnet in den antiken griechischen und römischen Religionen den Zusammenschluss von Personen zur Verehrung eines Gottes ( meist Dionysos).

 

Beim Übergang vom Mittelalter zur Renaissance musste laut Warburg ein Entdämonisierungsprozess dieses unheimlichen Erbes stattfinden, denn für den "in mittelalterlicher Kirchenzucht aufgwachsenen Gebildeten der Renaissance, war dieses von Angst geprägte antike Erbe ein verbotenes Gebiet". Für die gottlosen des weltzugewandten Temperaments dagegen war es eine willkommene Anstachlerin, die ihnen den Mut zur Mitteilung des Unaussprechlichen verlieh.

 

Ikonologie des Mythos der Medusa

 

Aby Warburg gilt als Erfinder der Ikonologie, die anders als die Ikonographie nicht bei der Betrachtung des Einzelkunstwerks verharrte, sondern die entwicklungsgeschichtliche Betrachtung ein und desselben Motivs in einem Werk über Epochen und Medien hinweg untersuchte. Ich habe das am Mythos der Medusa hier versucht zu veranschaulichen.

 

Dem Mythos der Medusa nach lebten die Gorgonenschwestern, drei entsetzliche Ungeheuer, im äußersten Westen der Welt. Ein wütendes Gesicht, Schlangen im Haar und Schweinszähne waren Charkteristika der Gorgoninnen, deren Anblick so schrecklich war, dass jeder zu Stein erstarrte, der sie ansah. Nur eine der drei Gorgoninnen war sterblich: Medusa.

 

Medusa Wallraff Maske der Gorgo Medusa, Rom, um 137, Ausstellung 2017-2019: Pas de deux – Römisch-Germanisches Kolumba, Köln
Medusa Wallraff Maske der Gorgo Medusa, Rom, um 137, Ausstellung 2017-2019: Pas de deux – Römisch-Germanisches Kolumba, Köln

Von oben nach unten:

 

Medusa Wallraff Maske der Gorgo Medusa, Rom, um 137, Ausstellung 2017-2019: Pas de deux – Römisch-Germanisches Kolumba, Köln

"In diesem vortrefflichen Meisterwerk zeigt der griechische Bildhauer die Schönheit, den Zorn und den Schmerz des vorgestellten Gegenstandes und mit einer nur großen Künstlern eigenen Fertigkeit hat er darin mit aus dem Gefühl hergenommenen Zügen eine eben sowohl handelnde als leidende Seele ausgedrückt."  ( Ennio Quirino Visconti )

 

Medusa ( Caravaggio, 1596/1597 ):  Über die erste Fassung des Bildes schrieb der italienische Dichter Gaspare Murtola 1603: „Flieht, denn wenn eure Augen vor Erstaunen versteinert sind, wird sie euch in Stein verwandeln“. Bis zum 21.7.2019 ist Caravaggios " Medusa" Teil der Ausstellung ->UTRECHT, CARAVAGGIO UND EUROPA, Alte Pinakothek, München.

 

Das Floss der Medusa (Theodore de Gericault, 1818/1819): "Der Schiffbruch der Medusa kann als moderner Mythos betrachtet werden, insofern als der Tatsachenbericht eines konkreten Ereignisses zum Sinnbild eines Lebenszustand geprägt von Hass, Neid und Gier und damit vom Zerschellen der Ideale der Zivilisation erzählt." ( Jörg Trempler )

 

siehe auch -> Dead Troops Talk - a vision after an ambush of a Red Army Patrol, near Moqor, Afghanistan, Winter 1986 (Jeff Wall, 1992) als Reinszenierung von Das Floss der Medusa.

 

Der Mythos der Medusa wird in der Moderne von Siegfried Kracauer wiederum auf das Kino übertragen.

 

„Unter allen existierenden Medien ist es allein das Kino, das in gewissem Sinne der Natur den Spiegel vorhält und damit die Reflexion von Ereignissen ermöglicht, die uns versteinern würde, träfen wir sie im wirklichen Leben an." ( Siegfried Kracauer )

 

Das Nachleben des Mythos in der Moderne

 

Wie viele seiner Zeitgenossen (Sigmund Freud, Marcel Proust, Walter Benjamin, C.G Jung, Henri Bergson) hatte Warburg hatte ein großes Interesse am Phänomen der Erinnerung, das zu dieser Zeit in zehlreichen Wissenschaften, Literatur und Kunst diskutiert wurde - eine Reaktion auf den drohenden Verlust von Kontinuität und Tradition in der Moderne. Telefon und Telegramm sah Warburg als modernen Prometheus und Ikarus, als Ferngefühlzerstörer ähnlich wie Walter Benjamin den Verlust der Aura beschrieb.

 

Was Philosophie, Religion und Mythen gemeinsam haben, ist die Suche nach Erklärungen für die Welt und den Ursprung der Dinge. Die Philosophie sucht danach mit Mitteln des Logos und der Argumentation, Mythen dagegen durch Erzählungen und Bilder. Mythisches und symbolisches Denken sind in der Moderne weitgehend verschwunden. Reste dieses Denkens finden sich aber bis heute. Zum Beispiel im italienischen Kino:

 

Mythen im (italienischen) Kino:

 

So äußerte sich Pasolini über seinen Film -> Das erste Evangelium Matthäus: „Ich möchte den Dingen – so weit wie möglich – wieder ihre Weihe geben, sie remythologisieren. "Ich wollte nicht zeigen wie das Leben Christi wirklich war. Mir lag an ihrer Geschichte und ihrer 2000-jährigen Übersetzung, weil es diese 2000 Jahre Christentum sind, die seine Biografie mythologisiert haben, die sonst fast unbedeutend gewesen wäre.“

Ein aktuelleres Beispiel ist Alice Rohrwachers Film -> "Glücklich wie Lazzarao". Wie Pasolini hat Rohrwacher kein Interesse daran, die Geschichte des Heiligen Lazarus nachzuerzählen, sondern an einer Remythologisierung von Geschichte. Oder "Bella è perduta"  eine mythische Parabel über den Wert des vermeintlich Wertlosen.

 

Ansonsten werden Mythen gerne in Science Fiction Filmen aufgegriffen ( Prometheus, Blade Runner,...). oder in kunsttherapeutsischen Ansätzen in wie von C.G. Jung.

 

Mehr zum Thema auf diesem Blog:

 

-> Überblick über archäologische Parks und Museen in Apulien

-> Apulische Grabvasen und der Dionysos Mythos

-> Die unheimliche Schönheit religiöser Bildwelten

-> Bilderverbot und Ikonenmalerei basilianischer Mönche in Apulien

->Tarantismus: Ernesto de Martinos Forschungsreise zeigte, dass der Tarantismus, der seit dem 17. Jahrhundert als Krankheit der ungebildeten, abergläubigen Bevölkerung im Süden Italiens galt, eine wirksame Heilbehandlung seelischer Krisen durch Tanz, Musik und Farben war. Die Tarantel stellt ein mystisch-rituelles Symbol dar, in dem ungelöste Konflikte, die im Unbewußten vergraben sind, aufscheinen.

 

Externe Links:

 

-> Die Renaissance von Süden aus gesehen

Matera, das Mittelmeer und Süditalien im 15. und 16. Jahrhundert. Die Ausstellung in Matera zeigt mediterrane Routen von Kultur und Kunst, um ein besseres Verständnis für den Dialog und Austausch zwischen verschiedenen Küsten des Meeres zu vermitteln.

 

 

-> Pas de deux Römisch Germanisches Kolumba (Kolumba Museum, Köln bis 19. 8.2019) Die Ausstellung "möchte die Notwendigkeit bewusst machen, in einer zunehmend bedrohlicher werdenden Welt die vielfältigen Aspekte des Menschseins präsent zu halten. Themen wie Mythos und Gegenwart, Zeit und Raum, Kostbarkeit und Transzendenz, Selbstwahrnehmung und kollektives Handeln, aber auch Erfahrungen von Endlichkeit und Gelassenheit haben grundlegende Bedeutung." ( Vielen Dank an das Kolumba für die Erlaubnis, das Foto hier zu veröffentlichen.)

 

-> Homepage des Aby Warburg Institute London  Eines der führenden Zentren für Studien zur Interaktion zwischen Ideen, Bildern und Gesellschaft mit Schwerpunkt auf dem Nachleben der Antike.