Monopoli

Über Formen von Reichtum und Armut im Süden und Norden, über die Prinzipien Land und Meer und über Monopoli - die einzige Stadt.

 

Monopoli ist die Stadt, die ich am besten kenne und zu der ich eine ganz besondere Beziehung habe. Ich wollte davon erzählen, was es in den Gassen zu sehen gibt, wenn man genauer hinsieht und wovon die Dinge erzählen, wenn man ein bißchen darüber weiß. Dann habe ich auf youtube ein Video über Monopoli gefunden und gemerkt, dass dem Mann, der es gedreht hat, fast die gleichen Dinge aufgefallen sind, wie mir: spielende Kinder und freundliche Einheimische.

 

Ist das nicht ein abgedroschenes Klischee von Italien, das immer und immer wieder reproduziert wird: dass es hier irgendwie menschlicher ist? Ich habe mich gefragt, warum uns das aufgefallen ist? Dann hat ein Freund aus Apulien mir von einer englischen Touristin erzählt, mit der er eine Runde durch sein Dorf gemacht hat. Sie blieb noch ein bißchen allein auf der kleinen Piazza, wo in jedem Dorf die Alten sitzen und die Kinder spielen und als sie zurückkam, war sie völlig aufgelöst. So was hatte sie noch nie gesehen. Sie hat geweint.

 

Vielleicht weil es in England ein Ministerium für Einsamkeit gibt und etwa 200.000 Senioren höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten haben?

 

Land und Meer

 

Gestern habe ich endlich begonnen, Franco Cassanos Buch „Der südliche Gedanke“ zu übersetzen.  Er beschreibt darin die zwei Prinzipien „Land“ und „Meer“. Das „Land“ symbolisiert Zugehörigkeit, soziale Bindung und Identität. Das „Meer“ steht für Abfahrt und individuelle Freiheit.

 

Irgendwann im Laufe der Zeit wurde im Nordwesten Europas das Prinzip Meer  verabsolutiert. Kaptain Ahab aus „Moby Dick“, der kein Zurück mehr kennt, löste Odysseus aus der griechischen Sage ab. Das Meer ohne Grenzen symbolisiert für Cassano den Beginn der modernen Ökonomie, die Befreiung der Technologie, das Verschwinden jeden Wegs zurück, das Ende eines Punktes, wo Land und Meer in Kontakt kommen und sich begrenzen können.

 

Sind wir wirklich reicher?

 

Sind wir wirklich reicher, fragt Cassano oder zumindest so reich wie es der Geldindex suggeriert? Cassano meint, es gibt eine neue Art von Elend und Erniedrigung, die aus dem Traum resultiert, die Reichen zu imitieren. Dieser Traum hat zum Tod kollektiver Solidarität geführt, öffentliche Plätze in Müllhalden privaten Abfalls verwandelt und Glück ist gleichbedeutend mit privatem Wohlergehen und häuslicher Wärme geworden. Alles, was das Private transzendiert ist verkauft worden.

 

Es fehlt an öffentlichem gemeinsamen Besitz, an Mut, an Respekt vor Schönheit und vor Orten, von denen andere nicht ausgeschlossen werden können. Die sogenannte Freiheit bestehe vor allem aus Akten der Aneignung und dem Ausschluss anderer von privatem Besitz: unsere Kindheit war reich an öffentlichen Plätzen, Stränden, Feldern, Hügeln, wo wir glücklich waren, ohne uns hinter Mauern zu verbarrikadieren. Die Aporie des Reichtums besteht darin, dass die Armen zwar nicht mithalten können mit den Reichen, denen es immer gelingt andere auszuschließen. Dass die Armen aber, wenn sie immer mehr denken wie die Reichen, am Ende sogar den Stolz verlieren, nicht so zu sein wie sie. Es wird unmöglich sein, Geschäftsleuten Macht zu nehmen, meint er, wenn wir nicht den Unterschied zwischen der Erfahrung der Welt und ihrem Verkauf zum Superdiscount verstehen.

 

Monopolis heute und gestern

 

Es haben sich vor allem zwei Sichtweisen für den Süden entwickelt: der Süden als Touristenparadies ( eben deshalb, weil er noch so unberührt von Industrie und Fortschritt ist) und der Süden als Mafia-Alptraum. Auf den ersten Blick scheinen sich diese Sichtweisen auszuschließen, aber sie stehen in einer Beziehung zueinander. Man hat in den 70er Jahren damit begonnen, den Süden zu "modernisieren", indem man alles verkauft hat. Auch in Monopoli stehen viele Häuser zum Verkauf und einige haben sich in den letzten Jahren in chice B&B oder Bars verwandelt. Ein Grund für den Verkauf ist noch immer die Finanzkrise von 2008, unter der der Süden bis heute leidet. Von einem Bauboom zu sprechen wäre allerdings übertrieben, weshalb hier auch noch kein Kampf um die Grundstückspreise entbrannt ist, der Spekulanten und die Mafia sicher anziehen würde.

 

Monopoli wurde in der Antike von den Griechen gegründet. Als die benachbarte größere Siedlung Egnazia 545 n. Chr. zerstört wurde, flüchteten die Einwohner hierher und nannten das bis dahin kleine Dorf "Monopoli" ( = die einzige Stadt). In den nächsten 1000 Jahren wurde Monopoli von Normannen, Byzantinern, Arabern, Staufern, Spaniern, Habsburgern und Bourbonen erobert.

 

Ich habe mich bei meinen Spaziergängen durch die Altstadt von Monopoli immer gefragt, warum man früher so verwinkelt gebaut hat. Das war aber eine falsche Frage, denn erst im 15. Jahrhundert kam man auf die Idee, den Raum auf perspektivische Ordnung zu reduzieren, also gerade Straßen zu bauen, auf denen man schnell von A nach B kam. Die Städte entwickelten mit dem beginnenden Kapitalismus von einer Lebenswirtschaft zur Geldwirtschaft. 1530 wollten die venezianischen Herrscher Monopoli zu einer Baronie erheben, was von der Bevölkerung jedoch vereitelt wurde. Sie kaufte sich mit 51.000 Golddukaten los und wurde eine freie Stadt. (So steht es zumindest bei Wikipedia und wenn es nicht wahr ist, ist es schön erfunden.)

 

Machen wir einen kurzen Ausflug nach Berlin und sehen uns die öffentlichen Räume an, die geblieben sind oder wieder neu eingerichtet werden, wie z.B. am Nollendorfplatz. (Begegnungszone wird das genannt, im Grunde ist es eine etwas größere Verkehrsinsel). Seht euch den Alexanderplatz oder den Potsdamer Platz an - wer möchte da ernsthaft verweilen?

 

Zwei Minuten Entspannung pur...

Monopoli am Morgen.

Aura (griechisch Αὔρα, auch Αὔρη Aure) ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Morgenbrise.

 

 

-> mehr zu meinen Stadtspaziergang durch Monopoli

-> über einen Fischer aus Monopoli

-> Franco Cassano und " Der südliche Gedanke" ( ein erster Auszug)