Giorgio Agamben: An welchem Punkt stehen wir?

 

Das Buch An welchem Punkt stehen wir? Epedemie als Politik. von Giorgio Agamben besteht aus mehreren Essays, von denen die meisten seit März 2020 in der NZZ erschienen.  Darin beschreibt Agamben die kulturellen Folgen der Epidemie nicht nur für Italien und den politischen Richtungswechsel, der sich durch die Ausnahmeverordnungen ergibt.

 

Wie konnte es dazu kommen, dass die ganze Gesellschaft dazu bereit ist, sich verpestet und verseucht zu fühlen, sich in Häusern zu isolieren, Freundschaften, Liebesbeziehungen, politische Überzeugungen zu opfern? Was wird aus menschlichen Beziehungen, wenn man sich gewöhnt, auf unabsehbare Zeit so zu leben? Was ist das für eine Gesellschaft, die keinen anderen Wert hat, als das eigene Überleben? Wie konnte es passieren, dass das ganze Land ethisch und politisch zusammenbricht, ohne dass man es bemerkt? So lauten die Fragen, die Agamben in An welchem Punkt stehen wir?  stellt. Ich stelle hier seine wichtigsten Thesen vor:

 

Offensichtlich ist es so, dass es die Seuche irgendwie, wenn auch unbewusst, bereits gab. Die Lebensbedingungen waren bereits so, dass ein einziges Zeichen genügte, um sie als dass zu erweisen, was sie waren: sprich unerträglich – eine Seuche. Das einzig positive an der Krise könnte sein, dass Menschen anfangen sich zu fragen, ob ihre Lebensweise richtig war.

 

Der neue Regierungsdispositiv heißt für Agamben Biosicherheit. Der Ausnahmezustand ist dafür die juristisch-politische Maßnahme und die Wissenschaft ein quasi religiöses Dispositiv. Digitale Techniken helfen dabei, soziale Beziehungen neuzustrukturiern ( social distancing) oder physische Anwesenheit ganz zu ersetzen, die Medien wurden gleichgeschaltet.

 

Die menschenunwürdigen Folgen der Panik gründen in der Idee der Ansteckung, deren Vorläufer sich in den Pestepidemien des 16. und 17. Jahrhunderts finden. Agamben bezieht sich auf die Figur des Salbers aus Alessandro Manzonis Roman, der streckenweise den Charakter einer rechtshistorischen Abhandlung hat. (Manzoni rekonstruiert auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen einen Kriminalprozess in Mailand 1630. Zwei angebliche "Pestsalber", die Mauern mit giftigen Substanzen beschmiert haben sollten, um die Seuche zu verbreiten, waren verurteilt und auf unvorstellbar grausame Art hingerichtet worden.) Durch die Corona - Maßnahmen wird jeder Mensch zum potentiellen Salber, wobei der Gesunde, Asymptomatische besonders gefährlich ist, weil er unbemerkt viele Menschen anstecken kann. Didier Raoult, einer der wichtigsten Infektiologen Frankreichs, nannte die Isolationsmassnahmen mittelalterlichen Aberglauben.

 

Das Ausmaß für die Preisgabe der Prinzipien einer menschlichen Gesellschaft lässt sich für Agamben definieren, wenn man sich fragt: Wo ist die Grenze, jenseits der man nicht bereit ist, auf diese Prinzipien zu verzichten?

 

Die Grenze, die Menschlichkeit von Barbarei trennt, wurde überschritten, ohne dass man es bemerkt hat oder in dem man so tat, als hätte man es nicht bemerkt.

 

1. Der erste Grund ist, dass Menschen einsam und isoliert sterben mussten und die Körper der Toten verbrannt wurden. (in Italien völlig unüblich, wir erinnern uns an die Bilder aus Bergamo. Die Toten durften aufgrund der Ansteckungsgefahr nicht beerdigt werden, die wenigen Krematorien waren deshalb überfordert).

 

2. Der zweite Grund sind Bewegungseinschränkungen wie nie zuvor in der Geschichte (nicht einmal während der beiden Weltkriege) und damit die Preisgabe der Pflege von Freundschafts- und Liebesbeziehungen. Hintergrund ist der lockdown von über 50 Tagen, während dessen es nicht erlaubt war, das Haus zu verlassen ( außer zum Einkaufen).

 

3. Der dritte Grund ist die Aufspaltung des Lebens in eine rein biologisches Leben einerseits (das nackte Leben) und ein affektives, kulturelles andererseits. David Cayley und Ivan Illich haben beschrieben, inwiefern die Medizin dafür verantwortlich ist. Nach Agamben hat die Wissenschaft, insbesondere die Biologie und Medizin, sich zu einer Religion entwickelt, deren Kultdiener die Ärzte sind. War dieser Kult bisher zeitlich begrenzt, durchdringt er nun das ganze Leben, in dem ununterbrochen im Namen des Guten gegen das böse Virus gekämpft wird, so wie manche Mönche ihr ganzes Leben dem Gebet widmeten. Die kultische Praxis wird für die ganze Gesellschaft zur verpflichtenden Norm. Die neue Religion der Medizin verbindet die andauernde Krise des Kapitalismus mit der christlichen Vorstellung vom Ende der Zeit.

 

Verantwortlich für das Abdriften der Gesellschaft in die Barbarei ist das Versagen derjenigen, die die Aufgabe haben, über die Würde der Menschen zu wachen, wie z.B. die Kirche. Der Kirche unter Papst Franziskus hat vergessen, dass Franziskus die Leprakranken umarmte und dass Barmherzigkeit darin besteht, Kranke zu besuchen. Sie hat die Lehre der Martyrien vergessen, die darin besteht, lieber das Leben als den Glauben zu opfern. Die Kirche hat vergessen, dass auf den Nächsten verzichten bedeutet, auf den Glauben zu verzichten.

 

Neben der Kirche macht Agamben die Juristen verantwortlich. Die Juristen schweigen dazu, dass die Gewaltenteilung durch Notverordnungen in Italien schon seit geraumer Zeit ausgehebelt wurde und dass jetzt eine Grenze überschritten wurde.

 

In dem Buch „Tempêtes microbiennes“ ( 2013) beschrieb Patrick Zylberman bereits den Prozess, durch den Sicherheit in Fragen der Gesundheit zu einem wesentlichen Bestandteil staatlicher und internationaler politischer Strategien wurde. Es handelt sich um die Kreation einer Art von „Gesundheitsterror“ als Instrument, um das zu managen, was als worst case Szenario, definiert wurde. Zylberman zeigt, dass das vorgeschlagene Instrumentarium auf drei Punkten fußte:

  1. die Konstruktion eines fiktiven Szenarios auf Basis eines möglichen Risikos, wobei die Präsentation der Daten in einer Weise geschieht, die ein Verhalten begünstigt, das ein Regieren in extremer Lage erlaubt;

  2. die Übernahme einer Logik des worst case als Lebenshaltung politischer Rationalität.

  3. die vollständige Organisation der Bürgerschaft in einer Weise, die Regierungsinstitutionen weitestmöglich stärkt, wodurch eine Art Gemeinsinn der Superlative entsteht, bei dem die auferlegten Pflichten als Ausweis von Altruismus dargestellt werden und der Bürger nicht mehr ein Recht auf Gesundheit hat, sondern von Gesetzes wegen zur Gesundheit verpflichtet wird (biosecurity).

Heute sieht man, wie das Prinzip der Biosicherheit dazu geführt hat, dass die Aufgabe politischer und sozialer Aktivitäten in die höchste Form der Solidarität umdefiniert wurde und linke Organisationen widerstandslos Freiheitseinschränkungen in Kauf nahmen, wie es sie nicht einmal im Faschismus gab. Das erste Beispiel einer Gesetzgebung, die sich programmatisch der Gesundheit der Bevölkerung annimmt, sind die eugenischen Gesetzt der Nazis, wie das Gesetz zum Schutz der Bevölkerung durch Erbkrankheiten. Es führte zur Einrichtung von Erbgesundheitsgerichten und zur Zwangssterilisierung von 400.000 Menschen. Eugenische Programme wurden vor den Nazis bereits vom Carnegie Institut und der Rockefeller Stiftung entwickelt. ( siehe dazu Yan Thomas)

 

In den großen Transformationen, die stattfinden, weil gesetzliche Ordnungen durch Ausnahmezustände außer Kraft gesetzt werden, sieht Agamben Berührungspunkte mit den Ereignissen in Deutschland 1931, als Hitler den permanenten Ausnahmezustand verhängte. Er erinnert an Eichmann, der seine Taten mit seinem Gewissen rechtfertigte. Er habe nur getan, was er für die Gebot der kantischen Moral hielt.

 

Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker sind für Agamben zwei schändliche Wörter. Coronaleugner ist ein verantwortungsloser Vergleich zwischen Epidemie und Judenvernichtung. Die Geschichte ist voll von Verschwörungen. Diejenigen die versuchen, die Ereignisse (z.B. Zylberman´s Buch oder Event 201 ) zu verstehen als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen, ist schändlich.

 

"Gewiss, der Baum kann fallen und mich erschlagen, der Bach kann über die Ufer treten und das Dorf überfluten und dieser Mensch hier kann mich unvermittelt verletzen: wird eine solche Möglichkeit plötzlich real, so kann eine berechtigte Sorge mich dazu leiten, angemessene Vorkehrungen zu treffen, ohne mich jedoch in Panik zu versetzen. Auch werde ich den Kopf nicht verlieren, indem ich es anderen erlaube, ihre Macht auf meine Angst zu gründen und den Notstand zur beständigen Form zu machen, um mir vorschreiben zu können, was ich darf und was ich nicht darf, und um die Prinzipien außer Kraft zu setzen, die bisher meine Freiheit garantiert haben." ( Giorgio Agamben: Was sind Furcht und Angst. In : Wo stehen wir jetzt)

 

Weitere Artikel von Agamben:

 

- > Wenn das Haus brennt

 

-> Das Gesicht und der Tod

 

Agamben ist einer den bekanntesten Philosophen der Gegenwart. Bereits in seinem Hauptwerk Homo sacer untersucht er in Anlehnung an Foucault Biopolitik als totalitären Zugriff auf den Menschen, vor dem auch Demokratien nicht gefeit sind. Am Beispiel der Flüchtlingscamps in der Europäischen Union und dem US-Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba zeigte er wie der Ausnahmezustand zum neuen Paradigma des Regierens wurde.

 

homo sacer

 

I: Homo sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben
II.1: Ausnahmezustand
II.2: Stasis. Der Bürgerkrieg als politisches Paradigma
II.3: Das Sakrament der Sprache. Eine Archäologie des Eides
II.4: Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung
II.5: Opus Dei. Archäologie des Amts
III: Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge
IV.1: Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform
IV.2: Der Gebrauch der Körper

 

Anmerkungen:

 

In seinem Buch Palliativgesellschaft knüpft der deutsch korenische Philosoph Byung-Chul Han an Giorgio Agamben an. „Die Quarantäne ist eine virale Variante des Lagers, in dem das nackte Überleben herrscht. Das neoliberale Arbeitslager in Zeiten der Pandemie heißt ‚Homeoffice‘. Nur die Ideologie der Gesundheit und die paradoxe Freiheit der Selbstausbeutung unterscheiden es vom Arbeitslager des despotischen Regimes.“ und: „Die Palliativgesellschaft beseitigt den Anderen als Schmerz. Der Andere wird zum Objekt verdinglicht. Das erstarkende narzisstische Ego begegnet im Anderen vor allem sich selbst.“

 

David Cayley ist ein kanadischer Autor, der für seine philosophischen Beiträge über Ivan Illich, Northrop Frye, George Grant und Rene Girard bekannt ist.

- > Webseite David Caley

 

Patrick Zylberman: Tempêtes microbiennes. Essai sur la politique de sécurité sanitaire dans le monde transatlantique. Paris, Gallimard, 2013.

-> Englischer Artikel dazu Imaginig Health Disasters von Frédéric KECK.

 

Zum event 201, anderen Planspielen und Biosicherheit siehe auch : Paul Schreyer: "Chronik einer angekündigten Krise. Wie ein Virus die Welt verändern konnte." 2020.

 

 -> zusammengefasst auf Youtube:  Paul Schreyer: Pandemie-Planspiele – Vorbereitung einer neuen Ära?  Daraus z.B. Jaques Attali 2009 während der Schweinegrippe:

"Und selbst wenn diese Krise, wie wir natürlich hoffen müssen, nicht sehr schwerwiegend ist, dürfen wir nicht vergessen, wie bei der Wirtschaftskrise, Lehren daraus zu ziehen, damit vor der nächsten, unvermeidlichen, Präventions- und Kontrollmechanismen und logistische Prozesse für die gerechte Verteilung von Medikamenten und Impfstoffen eingerichtet werden.  Dazu müssen wir eine Weltpolizei, ein Weltlager und damit ein Weltsteuersystem einrichten.  Wir werden dann viel schneller, als es allein aus wirtschaftlichen Gründen möglich gewesen wäre, dazu kommen, die Grundlagen für eine wahre Weltregierung zu legen.   Durch das Krankenhaus begann in Frankreich im 17. Jahrhundert die Errichtung eines wirklichen Staates. In der Zwischenzeit könnten wir zumindest auf die Umsetzung einer echten europäischen Politik zu diesem Thema hoffen.  Aber auch hier, wie bei so vielen anderen Themen, schweigt Brüssel."

  http://www.attali.com/societe/changer-par-precaution/

 

Der in Japan lebende, unabhängige Journalist James Corbett ist Autor der History Channel - -> Dokumentation "How Big Oil Conquered the World" ( 2016). Stichworte sind: Rockefeller and Standard Oil,  the quest for oil and the outbreak of World War I; the petrochemical interests behind modern medicine; the Big Oil money behind the “Green Revolution” and the “Gene Revolution.”

In der Coronakrise vertritt Corbett die Meinung, es geht nicht um Biosicherheit, sondern um biodigitale Konvergenz, wie sie in dem Dokument “Exploring Biodigital Convergence” der Kanadischen Regierung vorgestellt wird. Die physische Integration von biologischen und digitalen Einheiten im menschlichen Körper soll demnach beschleunigt werden. Roboter mit biologischen Gehirnen und biologische Körper mit digitalen Gehirnen existieren bereits. Biodigitale Konvergenz ist Teil der Transhumanistischen Agenda des Great Reset.

 -> Biodigitale Konvergenz: Bombshell-Dokument enthüllt die wahre Agenda

 

- > Narrative Interview mit dem amerikanischen Autor C.J. Hopkins, der den Umgang mit Corona als eine Art religiösen Kult sieht.

-> The covidian cult part ll  ( Webseite von C.J. Hopkins "Consent factory" )