Mythen, Sagen, Märchen: parageschichtliches Wissen

Mythen: die Zeit der Anfänge

 

Als  glückselige Zeit der Anfänge können Mythen den Alltag auf unermessliche Räume der Vergangenheit hin transzendieren. Sie erzählen von der Zeit des Anfangs, des Ursprungs. Physische Elemente, wie Wasser, Erde, Luft (Winde) und Feuer sind häufig lebensspendende, elementare Grundlagen von Mythen, aber auch den Himmelskörpern werden magische Kräfte beigemessen: Es gibt Erd-, Sonnen- und Mondkulte. Als Geschichten von Schöpfung erzählen Mythen davon, auf welche Weise eine Realität durch übernatürliche Wesen, z.B. Götter zur Existenz gelangt. Das trifft für die Bibel zu, wie auch auch für afrikanische, asiatische oder ozeanische Welten. Mythen sind „heilige“ Dimensionen, die sich mit der Wissenschaft nicht erfassen lassen. Mircea Eliade, ein Religionswissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller meint, aus Mythen spricht der Wunsch, die Intensität wieder zu finden, mit der man etwa zum ersten mal erlebt hat, mit der man von der Last der toten Zeit befreien kann, der Zeit, die erdrückt und tötet. Mythen sind „heilige“ Dimensionen, die sich mit der Wissenschaft nicht erfassen lassen.

 

Die Sagen der Griechen und Römer wurden erfunden, um Naturerscheinungen zu erklären, um Sitten und Gebräuche zu ergründen, um das Leben einer Person oder eines Gottes mit Dramatik zu füllen, zum Vergnügen und zur Unterhaltung. Die Geschichten der Helden dieser Mythen und Sagen sind durch viele Verästelungen mit anderen Geschichten verbunden. Alle zusammen bilden eine der großen Schöpfungen menschlicher Phantasie, die mit tiefen Erkenntnissen über die Nöte und Lebenssituationen der Menschen angefüllt sind. Ihre Wahrheit ist parageschichtlich und der Rückgriff auf ihre Denkweisen und Ideen lässt sich bis heute vor allem auf Gebieten der Kunst und Literatur verfolgen.


Mythen, Sagen und Märchen müssen keine historische Wahrheit enthalten, können es aber. Wahr oder erfunden ist hier keine entscheidende Frage. Von Amor und Psyche sind weltweit in unterschiedlichen Kulturen mehr als 900 Variationen bekannt. Was Philosophie, Religion und Mythen gemeinsam haben, ist die Suche nach Erklärungen für die Welt und den Ursprung der Dinge. Die Philosophie sucht danach mit Mitteln des Logos und der Argumentation, Mythen dagegen durch Erzählungen und Bilder.

 

Fata Morgana

In den Kapiteln „Die Schöpfung“, „Das Paradies“ und „Das goldene Zeitalter“ behandelt Werner Herzogs Film Fata Morgana das Bewusstsein des modernen Menschen, der – alten Mythen abhold – in einer Welt lebt, die er nicht mehr versteht. In „Schöpfung“ wird der Maya-Schöpfungsmythos namens „Popol Vuh“ rezitiert. Viele von Herzogs Filmen wie Die Höhle der vergessenen Träume, Aguirre - der Zorn Gottes oder Wo die grünen Ameisen träumen setzten sich mit Mythen auseinander.

 

Mythen im italienischen Kino

 

Was Philosophie, Religion und Mythen gemeinsam haben, ist die Suche nach Erklärungen für die Welt und den Ursprung der Dinge. Die Philosophie sucht danach mit Mitteln des Logos und der Argumentation, Mythen dagegen durch Erzählungen und Bilder. Mythisches und symbolisches Denken sind in der Moderne weitgehend verschwunden. Reste dieses Denkens finden sich aber bis heute. Zum Beispiel im italienischen Kino:

 

So äußerte sich Pasolini über seinen Film -> Das erste Evangelium Matthäus: „Ich möchte den Dingen – so weit wie möglich – wieder ihre Weihe geben, sie remythologisieren. "Ich wollte nicht zeigen wie das Leben Christi wirklich war. Mir lag an ihrer Geschichte und ihrer 2000-jährigen Übersetzung, weil es diese 2000 Jahre Christentum sind, die seine Biografie mythologisiert haben, die sonst fast unbedeutend gewesen wäre.“

Ein aktuelleres Beispiel ist Alice Rohrwachers Film -> "Glücklich wie Lazzarao". Wie Pasolini hat Rohrwacher kein Interesse daran, die Geschichte des Heiligen Lazarus nachzuerzählen, sondern an einer Remythologisierung von Geschichte. Oder "Bella è perduta"  eine mythische Parabel über den Wert des vermeintlich Wertlosen.

 

Walter Benjamin: Märchen versus Mythos

 

Walter Benjamin sieht in Märchen eine frühe, menschheitsgeschichtliche Abwehrmaßnahme gegen die Angstzumutungen und schicksalhaften Einschüchterungseffekte des Mythos sowie einen „Trick“, sich dem totalen Zwang der Naturmächte zu entziehen. Zitat:

 

„Das Märchen gibt uns Kunde von den frühesten Veranstaltungen, die die Menschheit getroffen hat, um den Alp, den der Mythos auf ihre Brust gelegt hatte, abzuschütteln. Es zeigt uns in der Gestalt des Dummen, wie die Menschheit sich gegen den Mythos‚ dumm stellt’; es zeigt uns in der Gestalt des jüngsten Bruders, wie ihre Chancen mit der Entfernung von der mythischen Urzeit wachsen; es zeigt uns in der Gestalt dessen, der auszog das Fürchten zu lernen, dass die Dinge durchschaubar sind, vor denen wir Furcht haben; es zeigt uns in der Gestalt des Klugen, dass die Fragen, die der Mythos stellt, einfältig sind, wie die Frage der Sphinx es ist; es zeigt uns in der Gestalt der Tiere, die dem Märchen-kinde zu Hilfe kommen, dass die Natur sich nicht nur dem Mythos pflich-tig, sondern viel lieber um den Menschen geschart weiß. Das Ratsamste, so hat das Märchen vor Zeiten die Menschheit gelehrt, und so lehrt es noch heute die Kinder, ist, den Gewalten der mythischen Welt mit List und mit Übermut zu begegnen. (So polarisiert das Märchen den Mut, nämlich dialektisch: in Untermut [d.i. List] und in Übermut.) Der befreiende Zauber, über den das Märchen verfügt, bringt nicht auf mythische Art die Natur ins Spiel, sondern ist die Hindeutung auf ihre Komplizität mit dem befreiten Menschen. Diese Komplizität empfindet der reife Mensch nur bisweilen, nämlich im Glück; dem Kinde aber tritt sie zuerst im Märchen entgegen und stimmt es glücklich.

 

mehr dazu -> Jens Birkmeyer: Auratische Lektüre. Walter Benjamin und das Geheimnisvolle der Kinderliteratur ( pdf)

 

Clarissa Pinkola Estés: Märchen als Seelenarchäologie - Die Wolfsfrau

"Es war einmal und war auch nicht.“ diese widersprüchliche Formulierung am Anfang vieler Märchen soll die Seelen der Zuhörer darauf vorbereiten, dass die Geschichte in einem Zwischenreich spielt, in dem nichts so ist, wie es zunächst scheint, meint Clarissa Pinkola Estés. Aus ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ habe ich hier einiges über Märchen zusammengefasst. Märchen sind danach Geschichten über Einweihungsprozesse. Die   Helden im Märchen müssen Aufgaben erfüllen, bis sie zu Wissenden werden, die je nach Kultur auch „Hellfühlende“ oder „ Wahrsehende“ genannt werden. Clarissa Pinkola Estés kombiniert Psychologie mit Völkerkunde sowie ihre Lebenserfahrung als „cantadora“ (Geschichtenerzählerin). In der Einleitung zu "Die Wolfsfrau" heißt es:

 

Wildwuchernde Naturgebiete verschwinden genauso aus der Welt wie die Erinnerung an ein dem Menschen innewohnendes Wildwesen, weil alles Ürsprüngliche, Instinktive und Intuitive immer mehr als unkontrolliebare Bedrohung angesehen wird. Aus vielen Märchen, Mythen und Legenden lassen sich Anleitungen zur Rückforderung an dieses Wildwesen ablesen. Mit „wild“ ist eine natürliche Lebensweise gemeint, in der ein Mensch seine ihm innewohnende Integrität, Humanität und intakte Grenzvorstellungen bewahrt.

 

Das symbolische Urbild dieser Instiktnatur ist für Clarissa Pinkola Estés das der „Wolfsfrau“. Im Spanischen heißt diese wilde Frau auch „Fluss unter dem Fluss“ ( rio abajo rio) oder „Licht des Abgrunds“ (luz des abyss  , bei den Navajos „Die Spinnenfrau“, im Mexikanischen ist sie „la loba“ ( Die Wolfsfrau). Von den Geschichtenerzählerinnen in verschiedenen Kulturen wird sie auch die große Weise, die Wissende, die Urfrau genannt, die immer lebensspendende Schöpferin und Zerstörerin in einem ist – Göttin des Lebens und des Todes zugleich. Sie begleitet die verirrten und Außenseiter, die im Dunkeln oder in der Wüste nach Wahrheit suchen oder lebenswichtige Rätsel und Aufgaben lösen müssen. Sie vermittelt ein geheimes Wissen über die Zyklen des Werdens und Vergehens und Neuwerdens. Als Heilerinnen sind diese Frauen Trägerinnen von Träumen , Geschichten, alten Gesängen, Zeichen und Symbolen. (Eine masciàre ist eine Heilerin, die in Apulien noch heute aufgesucht wird, wenn eine Person vom - > bösen Blick befallen ist.)

Sie kann aber auch ein Leitbild für Künstler, Denker, Sucher und Finder sein. Wie alles Spontane, Künstlerische kommen ihre Eingebungen aus dem Bauch und den Eingeweiden nicht aus dem Kopf.

 

Viele Märchen wurden im Laufe der Jahrhunderte aus religiösen Gründen bereinigt. Historiker glauben, dass den christlich geprägten Gebrüdern Grimm, die von Dorf zu Dorf gingen, um Volkssagen zu sammeln nur purifizierte Versionen der Legenden erzählt wurden. Man nimmt an, dass die Gebrüder Grimm beim Niederschreiben dieser Geschichten heidnische Symbole ausließen oder in christliche Symbole verwandelten. So wurden aus Heilerinnen böse Hexen, aus Naturgeistern Engel oder aus Schleiern in heidnischen Einweihunsritualen einfache Tschentücher ( siehe auch das Klageritual oder die - > Tarantella in Apulien). Aus hilfreichen Fabeltieren wurden Dämonen, sexuelle Elemente wurden häufig ganz eliminiert. Hexen im Märchen sind Varianten mythischer Göttinnen, die Menschen etwas von ihrem urzeitlichen Wissen vermitteln. Wenn von Hexen, Müttern, Jungfrauen, Prinzessinen und Königinnen die Rede ist, geht es um Archetypen (weiblicher) Urinstikte.

 

Clarissa Pinkola Estés ist jungianische Psychoanalytikerin und cantadora (Geschichtenerzählerin). Ihre Arbeit sieht sie als Psycho-archäologie, mit der sie versucht verschüttete ( insbesondere weibliche ) Urinstinkte auszugraben, die unter Schichten überzivilisierter, schamhafter Verdrängung liegen. „Selbst das angepasstetste, hygienisch einwandfreieste, gesäubertste Wesen, hofft auf eine Öffnung, durch die das Wilde und Alte sich befreien kann.“

 

Psychologische Praxis ist für sie Seelenarbeit, Seelen-urerinnerung, denn Psychologie heißt wörtlich: Wissen von der Seele. Das Geschichtenerzählen ist für Clarissa Pinkola Estés das einfachste und wirkungsvollste Heilmittel. Märchen und Mythen bieten Instruktionen für bestimmte Entwicklungsphasen der Psyche und Seele. Nach Clarissa Pinkola Estés gibt es vier Grundtechniken, aus denen sich menschliches Handeln aufbaut: Fragen stellen, Geschichtenerzählen, Zuhören und Handarbeiten. Moderne Geschichtenerzähler sind Nachfahren von Gauklern, Wanderern, Heiligen Bettlern, verkannten Dichtern, Andersdenkenden und Mystikern.

 

C.G. Jung: Archetypen

 

Carl Gustav Jung war ein Schweizer Psychiater und der Begründer der analytischen Psychologie. Nach Jung sind Archetypen universell vorhandene Strukturen in der Seele aller Menschen, unabhängig von ihrer Geschichte und Kultur. Archetypen nannte er typische Formen, die spontan und mehr oder weniger universal, unabhängig von Tradition, in Mythen, Märchen, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahngebilden auftreten. Dieses seelische Material und seine Bedeutung für die Kultur und den Einzelnen setzte er in Verbindung mit den Entwicklungsprozessen seiner Patienten. "Tatsache ist, dass gewisse Ideen fast überall und zu allen Zeiten vorkommen und sich sogar spontan von selber bilden können, gänzlich unabhängig von Migration und Tradition. Sie werden nicht vom Individuum gemacht, sondern sie passieren ihm, ja sie drängen sich dem individuellen Bewusstsein geradezu auf. Das ist nicht platonische Philosophie, sondern empirische Psychologie."

 

Joseph Campbell

 

Joseph Campbell war ein US-amerikanischer Professor und Publizist auf dem Gebiet der Mythologie. Seine vierbändige Arbeit "Die Masken Gottes" (The Masks of God) behandelt die Mythologie von der Antike bis zur Moderne. Campbell entwickelte eine populäre Sichtweise von Mythologie, Religion und den von diesen verwendeten Symbolen. Er versuchte, in Religion und Mythos universelle Erfahrungsmuster aufzuzeigen. Dabei griff er unter anderem auf die Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs zurück.

Seine gesamte Lebenserfahrung fasste er in nur einer Erkenntnis zusammen: „Follow Your Bliss“. Folge deinem Glück, deiner Begeisterung, einem Weg abseits der legitimen, sicheren und ausgetretenen Pfade unserer Gesellschaft, dann erwartet dich ein Abenteuer.

 

Gespräch mit  dem Symbologen und Mythenforscher Axel Voss über den „Bliss“ als Lebensweg, den Aktaion-Mythos, große Philosophen, den gelebten Mythos und die Heldenreise, die für jeden einzelnen von uns bereitsteht.

 

-> Von Drachen und Löwen

 

 

weitere Artikel zum Thema

 

-> Was ist ein Mythos? Was ist eine Verschwörungstheorie? Und was ein Verschwörungsmythos? Antworten von Charles Eisenstein.

 

-> C.G. Jung: Die Nachtmeerfahrt der Seele Von 1914 – 1918 machte C.G. Jung eine schwere Lebenskrise durch, die er Nachtmeerfahrt nannte. Während dieser Krise entwickelte er die Methoden der Tiefenpsychologie und wandte sie auf sich selbst an. Dazu gehören: Schreiben, Malen, Yoga, Traumarbeit und aktive Imagination, die Suche nach inneren Bildern, sowie innere Dialoge und eine Auseinandersetzung mit mystischen Inhalten des kollektiven Unbewussten.

 

-> Das Märchen von Blaubart ( erzählt nach Clarissa Pinkola Estes) Das Märchen von Blaubart ist eine innere Heldenreise.  Man kann darin auch in dieser Krise Halt und Orientierung finden, aber Vorsicht! Es ist eine Geschichte über verbotene Türen und wer sie öffnet, findet sehr schwer wieder zurück.

 

-> Der Mythos von Dionysos Dionysos war, als unehelicher Sohn von Zeus, ein Ausgestoßener, der durch die Welt irrte und dem die Anerkennug als Gott lange versagt blieb. Verehrt wird er bis heute als Gott des Weines, des Rausches, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns, der Freude, der Ekstase, der Feste.

 

Dem -> Mythos der Medusa nach lebten die Gorgonenschwestern, drei entsetzliche Ungeheuer, im äußersten Westen der Welt. Ein wütendes Gesicht, Schlangen im Haar und Schweinszähne waren Charkteristika der Gorgoninnen, deren Anblick so schrecklich war, dass jeder zu Stein erstarrte, der sie ansah. Dieser Mythos steht im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung mit der Kulturwissenschaftler Aby Warburg, der in Bildern ein Mittel sah, um Ängste zu bannen.