Umgang mit Angst - Horst Eberhard Richter

Nichts ist schädlicher als Angst zu verleugnen. Deshalb dieser kurze Artikel. 

 

Horst Eberhart Richter hat sich 40 Jahre lang mit Angst in psychoanalytischen und psychosomatischen Studien beschäftigt. Im Vorwort sines Buches „Umgang mit Angst“ beschreibt er Angst als eine Farbe unseres Lebens. Sie wird akzeptiert oder verleugnet, als Depression nach innen oder Hass nach aussen gewendet. Sie beeinflusst Herz und Denken, lähmt und peitscht auf, sie wird zur Geißel oder zur Waffe. Sie erzeugt Rückzug oder Anteilnahme, Feigheit oder Mut – je nachdem als Verdrängung oder Anteilnahme des Todes.

 

Technischer Fortschrittsglaube, der Versuch Macht zu gewinnen und die Loslösung von natürlichen Abhängigkeiten sind Ausdruck verkappter Angst vor dem Tod. Unter der Angst aber wächst das Selbstmisstrauen über den Missbrauch technisch ökonomischer Macht.

Richter meint: wir müssen mit unserer Angst rechnen. Angst vor Isolation, vor Versagen, vor Verletzung, vor Strafe, dem Gewissen und letzlich dem Tod. Es ist vor allem die verdrängte Sterbeangst, die in unserer Kultur zu selbstdestruktiven Tendenzen führt.

 

In Kapitel eins des Buches Umgang mit Angst geht es um das Angsttabu. Schon Nietzsches letzter Mensch beschreibt eine Kultur, in der Kranksein zur Sünde wird. Ca 100 Jahre später, zu Beginn der 1990er Jahre, setzt eine Entwicklung ein, in der fit sein, gute Laune, positives Denken und Zuversicht in die Zukunft immer mehr zur Pflicht werden. Kummer, Schmerz und Angst dagegen werden zum Tabu. Vor allem die angepasste, priveligierte Schicht lebt in ständiger Abwehr der Angst, während die Schwachen, Armen und Bedrückten in den Schatten gedrängt werden. Sie bilden das gesellschaftliche Unbewusste. Positives Denken und künstlicher Optmismus betäuben die Alarmsignale, die vor der zunehmenden Zerstörung der eigenen Lebensbedingungen warnen. Gleichzeitig sträubt sich der priveligierte Teil der Bevölkerung gegen psyschiches und materielles Teilen wie gegen eine bedrohliche Infektion, so Richter.

 

Horst-Eberhard Richter war ein deutscher Psychoanalytiker, Psychosomatiker und Sozialphilosoph. Der Autor zahlreicher Bücher galt vielen auch als der „große alte Mann“ der bundesdeutschen Friedensbewegung.

Umgang mit Angst. 1992.