Der böse Blick

 

Der Glaube an den bösen Blick ( mallochio  böses = Auge) ist in Italien allgemein und auch in Apulien noch weit verbreitet. Es ist ein Volksglaube, der dem Blick eines Menschen negative Kräfte zuschreibt, weil er Unglück über die Person bringt, auf die sich der Blick richtet. Er kann aber einer geliebten Person auch als Schutz dienen.

Der böse Blick entsteht, so sagt man, vor allem durch Gefühle wie Neid, die negative Effekte auf den ganzen Körper ausüben, welcher dann schädliche Ausdünstungen entwickelt, die Aus den Augen austreten.

 

Abwehr und Heilung des bösen Blicks

 

Zur Abwehr des bösen Blicks, so glauben viele Italiener, helfen:

 - Amulette, das Berühren eines Gegenstands aus Metall oder Holz sowie das Berühren der Genitalien ( habe ich nur bei Männern gesehen),

 - das Tragen eines Korallenhorns, eines Heiligenbildchens oder einer Kette mit Kreuz

 - die gehörnte Hand ( mano cornuta), eine vulgäre Geste, die verschiedene Bedeutungen hat und z.B. auch in der Metalszene benutzt wird.

 

Angeblich gibt es noch in fast jedem apulischen Dorf eine "Zeremonienmeisterin", die den bösen Blick heilen kann. Tropfen von Olivenöl und Wasser werden in einen Teller gegeben, zwei Streichhölzer abgebrannt und in Form eines Kreuzes in die Flüssigkeit gelegt. Dieses Video aus Ischitella in der Nähe von Foggia zeigt wie es geht.

Togliere il malocchio a Ischitella (Fg)

 

 

Da das Video des Frensehsenders Rai einen leicht ironischen Unterton hat finde ich die Kommentare, die darunter auf youtube gepostet wurden ganz interessant. Glaubt die jüngere Generation auch noch an den bösen Blick? Wärend sich einige darüber lustig machen, bitten andere um mehr Respekt. Hier meine Übersetzung der ersten beiden Kommentare aus dem Italienischen.

 

1. "Auch ein solcher Volksglaube sollte wie ein historisches Kulturerbe bewahrt und respektiert werden. Er ist Teil unserer Geschichte. Ich fand den subtil ironischen Ton des Videos geschmacklos. Die Kommentare zum Video sind noch schlimmer. Wer den Volksglauben nicht respektiert, sollte zumindest älteren Menschen Respekt zollen. So ist es zumindest hier im Norden üblich."

 

2. "Von Zeit zu Zeit sehe ich mir dieses Video an... nicht weil ich an die Wirksamkeit des Ritus glaube, sondern ich benutzte es als Zeitmaschine... und ich sehe meine Oma wieder, die schon lange nicht mehr da ist, in ihrem kleinen Dorf im Süden hatte sie den gleichen Porzellanteller mit den Ringen ... der Ritus war nicht der gleiche, aber das Kreuzzeichen machte man auf die gleiche hastige Art... und ich ließ sie machen, weil ihre Gesten und Gebete beruhigend und hypnotisierend waren... bevor sie starb, gab sie den Ritus an meine Mutter weiter, die jetzt leider Alzheimer hat, sodass diese Tradition in unserer Familie aussterben wird... obwohl ich mich gern daran erinnere, wollte ich es nie lernen, aber die alten Traditionen faszinieren mich..

 

Glaube und Volksglaube sind in Italien nicht nur bei älteren Menschen tief verwurzelt. "Viel Glück!" zu wünschen bringt Unglück, glauben viel Italiener. Stattdessen sagt man: "In bocca al lupo!" (wörtlich übersetzt: im Maul des Wolfes) und antwortet: "Crepi!" (er soll platzen!). Beliebt ist auch " In culo alla ballena! (wörtlich: im Arsche des Wals). Man antwortet:

"Speriamo che non caghi/ scoreggi!" ( hoffen wir, dass er nicht furzt !)

 

Verbreitung des bösen Blicks

 

Von allen Formen des Volksglaubens ist der böse Blick einer der verbreitetsten und ältesten. Er stammt wahrscheinlich aus prähistorischer Zeit. Es gibt bereits schriftlichen Überlieferungen von den Sumerern und Babyloniern. Auch die alten Griechen glaubten an den bösen Blick. Als wirksamer Schutz galten Abbilder des Emblems der Athena, auf dem ein abgeschnittenes Gorgonenhaupt zu sehen war. Der griechischen Sage nach lebten die Gorgonenschwestern, drei entsetzliche Ungeheuer, im äußersten Westen der Welt. Ein wütendes Gesicht, Schlangen im Haar und Schweinszähne waren Charkteristika der Gorgoninnen, deren Anblick so schrecklich war, dass jeder zu Stein erstarrte, der sie ansah. Nur eine der drei Gorgoninnen war sterblich: Medusa.