Ikonen und Madonnen. Heilige auf Augenhöhe.

Madonnen sind Sinnbild einer Kultur, in der der Katholizismus tief verwurzelt ist. Sie verkörpern Unschuld, Reinheit und Trost. Es war die Sehnsucht nach einem menschlichen Gesicht, die zur Verehrung von Ikonen führte.

 

Madonnen

 

"Was für ein Kitsch!" war mein erster Eindruck in Carovigno während der Marianischen Monate. An jeder Häuserecke diese kleinen Bildchen von Madonnen mit verklärtem Blick und Herzchen auf der Brust.

 

"Wieso gibt es in Apulien mehr Madonnen als Jesusdarstellungen?" habe ich einen Freund in Apulien mal gefragt.

"Das ist doch die Mutter." antwortete er, erstaunt über meine scheinbar merkwürdige Frage.

Damals habe ich das nicht verstanden, heute weiß ich, die Madonnen sind auch ein Symbol für die Mutter, als Königin der Familie, und die Familie hat im Süden Europas traditionell einen sehr hohen Stellenwert. In der christlichen Kunst Europas wurde die Jungfrau Maria oder weiblichen Heiligen eine spirituelle Macht zugeschrieben, die die weltliche Macht männlicher Heiliger übertraf.

Bilder von Madonnen oder anderen Heiligen findet ihr überall in Apulien an jeder Straßenecke, in den Geschäften und Supermärkten oder in Kathedralen und Höhlenkirchen. Es gibt sie in Form kleiner Statuen, Schreinen oder Gemälden, von denen schon die Farbe abblättert. Aber auch in der Streetart gibt es Bilder von Madonnen.

 

 

Das Phänomen Madonna hat mich nicht mehr so richtig losgelassen. Da ist irgendwas in ihrem Blick...

 

 

Zurück in Deutschland fiel mir das Buch "Ungläubiges Staunen" von Navid Kermani in die Hände. "Die Katholiken malen Madonnen, um sich zu trösten", schreibt er. Sie malen Bilder eines makellosen Gesichts, rein von Erfahrung. Während die katholische Kirche das Leiden und das Abstoßende oft regelrecht zelebriert, hält sie sich Maria rein, weil es ohne Trost nicht geht.

Ob das stimmt oder nur eine Theorie von Kermani ist weiß ich nicht. Schließlich könnten auch die Bilder der Pietà ( Mitleid) Trost spenden. Christliche Darstellungen nur als Verherrlichung des Leidens zu sehen ist aber falsch. Die Pietà, die mater dolorosa (Schmerzensmutter) und das männliche Pendant der Schmerzensmann waren Einladungen an die Gläubigen, mit den Heiligen und ihren Geschichten auf menschlicher Ebene mitzufühlen. Darstellungen der Pietà habe ich in Apulien vor allem auf Friedhöfen gesehen. Blutüberströmte Schmerzensmänner habe ich in Apulien gar nicht gesehen. Jesus hängt in Apulien selten am Kreuz, sondern liegt aufgebahrt in Glassärgen und auf Altären vor den Gläubigen oder erscheint als Lichtfigur oft mit ausgebreiteten Armen.

 

 

Andere Heilige verkörpern Schutz – man denke an die Darstellung Marias mit dem Schutzmantel oder daran, dass fast jeder Ort in Apulien einen Schutzheiligen hat.  Warum die Darstellungen von Heiligen tatsächlich eher zu Herzen gehen als einschüchtern oder uns das Fürchten lehren, dazu ein Ausflug in die Geschichte und das byzantinische Erbe Apuliens...

 

Ikonen und die neuen Gewohnheiten des Herzens - das byzantinische Erbe Apuliens

 

Im 6. Jahrhunderte bildeten sich im oströmischen Reich (Byzanz), zu dem zeitweise auch Apulien gehörte, Gruppen frommer Laien, die ihre Verehrung kleinen Schreinen widmeten. Während lateinische Christen versuchten durch Bußübungen Gottes Gnade zu erlangen, neigten die Christen der Ostkirche mehr zur Verehrung Heiliger. Diese Heiligen wurden auf kleine transportable Tafeln gemalt, wie man bereits vorher die Bilder geliebter Verwandter, Helden oder Wohltäter gemalt hatte und zum Andenken bei sich trug. Bis dahin hatten Bilder von Christus, Maria und anderen Heiligen zwar von den Wänden der Kirchen auf die Gläubigen herabgeblickt, waren der privaten Andacht aber unzugänglich.

 

Die neuen Bilder schufen neue Gewohnheiten des Herzens. Sie wurden häufig verschleiert, um auf ihr Mysterium hinzuweisen, sie verlangten nach Verbeugung und dem sogenannten „Kuss des Vertrauens“, man verbrannte Weihrauch vor ihnen und stellte Kerzen auf. Anders als die großen Mosaike in den Kirchen sollten sie die Herzen der Gläubigen rühren und die tätige Einbildung herausfordern. Ikonen waren „Präsenzen“, denen die oft zudringlich wirkende Körperlichkeit von Statuen oder die scharf umrissenen Formen wirklicher Menschen fehlte. Das Auge des Betrachters musste sich in der Andacht bemühen, die Figur aus der Bildfläche hervortreten zu lassen. Es war die Sehnsucht nach einem menschlichen Gesicht, die zur Verehrung von Heiligenbildern führte.

 

 

 

verschleierte Ikone Maria SS della Madia in einer Gasse von Monopoli
verschleierte Ikone Maria SS della Madia in einer Gasse von Monopoli

Der sanfte und der böse Blick

 

In vielen Kulturen werden die Augen als Spiegel der Seele betrachtet. In Afrika werden die Augen von minkisi-Kraftfiguren aus Porzellan oder spiegelndem Glas hergestellt. Das sollte die Strahlkraft der Figuren verstärken und eine wirksame visuelle Beziehung herstellen, auch wenn sie nur durch die Erinnerung vor dem inneren Auge beschworen wurde.

Angeblich gibt es noch in fast jedem apulischen Dorf eine Art Zeremonienmeisterin, die den bösen Blick heilen kann. So scheint auch dem Blick von Ikonen eine besondere Bedeutung zuzukommen, wie der Auszug aus einem Gebet für Maria SS. Della Madia, Beschützerin von Monopoli, zeigt.

 

„Versenken wir uns in deinen sanften, lichtvollen Blick, entrückt durch den Frieden, den du ausstrahlst. Durch deine Augen, die von Aufnahme und Empfang sprechen, spüren wir ein Zittern der Freude, das aus der Tiefe des Herzens aufsteigt und unserem Alltag einen neuen Sinn gibt.

 

Die Ikone der Maria SS. della Madia erreichte der Legende nach auf einem Floß von der Türkei kommend im Jahre 1117 die Küste Monopolis, was sie vor der Zerstörung während des Bilderstreits bewahrte. Das Holz des Flosses wurde zur Fertigstellung des Daches der Kirche benutzt, für das bis dahin das Holz fehlte.

 

 

Ikonografie christlicher Motive


Maria mit Schutzmantel

Maria mit dem Schutzmantel, Michel Erhart, ca. 1480, Lindenholz mit ursprünglicher Fassung, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, © SMB, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Antje Voigt
Maria mit dem Schutzmantel, Michel Erhart, ca. 1480, Lindenholz mit ursprünglicher Fassung, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, © SMB, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Antje Voigt

 

Religion als Zuflucht in gefahrvollen Zeiten, als Suche nach Schutz und Orientierung. Bei der Interaktion mit Bildern liegt der Glaube zugrunde, dass sie die Grenzen der physischen Welt transzendieren können.

Die Pietà

Maria mit dem toten Christus, Spanien 1680-1700
Maria mit dem toten Christus ( Pietà), Spanien 1680-1700

Das Bild der Pietà ( Mitleid) entsprang spirituellen Entwicklungen des Mittelalters. Die Gläubigen sollten sich vorstellten,  an Ereignissen der Heilsgeschichte teilzunehmen und mitzuleiden.

Schmerzensmann

Schmerzensmann, 16. Jhd. Spanien
Schmerzensmann, 16. Jhd. Spanien

Das Heilige sollte durch einen gesteigerten Sinn für Realität erfahrbar gemacht werden.

gesehen in Ostuni ( Apulien )
gesehen in Ostuni ( Apulien )
ganz links: San Trifone, Schutzheiliger von Adelfia (Apulien)
ganz links: San Trifone, Schutzheiliger von Adelfia (Apulien)
Pietà, Friedhof von Locorotondo ( Apulien)
Pietà, Friedhof von Locorotondo ( Apulien)
Pietà, kleiner Altar irgendwo in Apulien
Pietà, kleiner Altar irgendwo in Apulien

Schmerzensmutter

Addolorata (Schmerzensmutter), Taranto (Apulien)
Addolorata (Schmerzensmutter), Taranto (Apulien)

 

Die Bilder und Bildunterschriften der linken Spalte stammen aus der Ausstellung "Unvergleichlich - Kunst aus Afrika" im Bodemuseum. Sie stellt afrikanische Kunst christlichen Bilderwelten gegenüber. Dabei geht es um die großen Menschheitsthemen – Schutz, Tod, Geschlecht, Macht. ->mehr dazu

 

Die Informationen zu den Ikonen stammen aus dem Buch: "Die Entstehung des christlichen Europa" von Peter Brown.

Ikonen der (Post)moderne

Jesus als Rebell in Lederjacke ( Berlin)
Jesus als Rebell in Lederjacke ( Berlin)
Berlin
Berlin