Kino aus Apulien über Apulien


"In grazia di Dio"  (Ein neues Leben). Vor dem Hintergrund der Krise erzählt Regisseur Edoardo Winspeare, wie drei Generationen von Frauen ihr Leben in die Hand zu nehmen.

 

 

Die kleine Textilfabrik der Familie steht vor dem Aus. Die Chinesen produzieren billiger und die Bank will 20 Prozent Zinsen auf die aufgenommene Hypothek. Um die Schulden abzubezahlen, muss die Familie ihr Haus verkaufen. Die Familie sind Großmutter Salvatrice, Mutter Adele, ihre Schwester Maria und Tochter Ina. Maria hat den Kopf in den Wolken und träumt von einer Karriere als Schauspielerin, Ina hat Probleme in der Schule und treibt sich am liebsten bis früh morgens mit Jungs herum. Adele wirft beiden Verantwortungslosigkeit vor, ständig wird gestritten und geschimpft. Als Ex-Mann und Bruder Vito bei einer Schmuggelfahrt erwischt und verhaftet werden, sind die Frauen endgültig auf sich allein gestellt. Zufluchtsort wird das kleine Grundstück der Großmutter auf dem Land, wo die vier Frauen sich fortan um den Gemüseanbau, ein paar Hühner und Kühe kümmern.

 

„In grazia di Dio“ heißt soviel wie „in Gottes Gnade“

 

„Ein neues Leben“ lautet der profane deutsche Titel dieses Films des apulischen Regisseurs Edoardo Winspeare. Er erzählt hier nicht die typische Geschichte von entfremdeten Städtern, die in der Idylle des Landlebens ihre Konflikte überwinden und ein besseres Leben beginnen. Die Konflikte verschwinden nicht und die Schulden sind erdrückend. Im Fernsehen wird von der Krise, LKW-Streiks und der Angst der Bevölkerung vor Lebensmittelengpässen berichtet. Schauplätze des Films sind nicht die pittoresken Altstädte und Sandstrände des Salento, sondern verlassen wirkende Orte und die rauhe Felsküste. Gedreht wurde mit Laiendarstellern , die apulischen Dialekt sprechen.

 

       „Wie kannst du nur so ruhig bleiben?“ fragt Adele Großmutter Salvatrice eines Tages.

„Weil ich Vertrauen habe. Stein für Stein wächst die Mauer. Wir kommen durch.“ Stück für Stück stellen die Frauen sich den neuen Herausforderungen und halten sich mit Tauschgeschäften über Wasser: Gemüse, Eier, Hühner gegen andere Lebensmittel und Benzin.

Mit langsamen Kamerafahrten durch die Olivenhaine und fast surreal wirkenden Bildern, in denen der Wind durch Bäume und Gräser streicht, macht Winspeare die Schönheit des Landes spürbar.

Vielleicht ist es die Verwurzelung mit diesem Land und der Glaube an Gott aus dem Salvatrice ihre Kraft schöpft. Unaufgeregt, mitfühlend und frisch verliebt strahlt sie ein stilles Glück aus, das den ganzen Film beseelt. „Kannst du die Dinge nicht mit mehr Liebe machen? „Du mußt daran Glauben, dass dir auch Gutes passieren kann.“ rät sie Adele.

Wenig später bittet Adele die Madonna, dass etwas Gutes passieren möge und tatsächlich ein alter Schulfreund wird so etwas wie der gute Samariter der Familie. Er klärt sie über ihre Rechte bei den Behörden auf, gibt Ina Nachhilfe.

„Ein guter Mensch. Guck wieviel Geduld er hat.“ Es gibt Momente der Entspannung und der Annäherung zwischen den Frauen, bevor der nächste noch heftigere Streit losbricht, weil Ina schwanger ist, ohne zu wissen von wem.

 

„Wer Schulden hat darf sich nicht verlieben.“ erklärt Adele so auch dem guten Samariter, aber als ein reicher Norditaliener ihr viel Geld für das Land bietet, weigert sie sich zu verkaufen. Nur noch mit Behördengängen beschäftigt, beginnt Adele die Familie zu vernachlässigen und vergrault mit ihrer aufbrausenden Art auch den guten Samariter aus ihrem Leben. Schließlich verkauft sie heimlich den Familienschmuck und die Madonna, kauft sich ein sündhaft teures Abendkleid und geht in ein Restaurant Essen. Alleine. Aber während Adele langsam den Mut und den Glauben verliert, schöpft Ina Kraft aus der Liebe zu ihrem ungeborenen Kind und Salvatrice beschließt nochmal zu heiraten. Als Ina den Vater ihres Kindes findet, wird sie von ihm krankenhausreif geprügelt. Kein wirkliches Happy End, aber das Baby überlebt. Insofern macht der deutsche Titel dann vielleicht doch Sinn.