Antike Grabvasen aus Ceglie del Campo


Machen apulische Grabvasen Hoffnung auf ein glückliches Jenseits oder feiern sie das Paradies auf Erden?

 

Ich gehe ins Alte Museum in Berlin so, wie ich ein fremdes Land bereise. Erstmal will ich gar nicht soviel wissen oder lesen, sondern alles unvoreingenommen auf mich wirken lassen, dann fang ich an nachzuforschen. In die Ausstellung Antiker Grabvasen aus Ceglie del Campo bin ich gegangen, weil Trauerrituale viel über das Leben erzählen und weil ich natürlich alles über Apulien wissen will. Am Ende bin ich bei dionysischer Weisheit und Nietzsche gelandet. Viel Spass bei der Reise! (Erst gucken, dann lesen.)

 

 

 

Als erstes fiel mir auf, wie schön die anmutigen Figuren da so aus dem schwarzen Grund herausleuchten, rötlich schimmernd, wie die Erde Apuliens. (Auch wenn ich jetzt im Text schon vorgreife, fällt mir dazu sofort dieses Zitat ein: „Alles Wachsen und Werden im Reich der Kunst muss in tiefer Nacht vor sich gehen." Nietzsche)

 

Aber der Reihe nach. Die Motive lassen sich in zwei Bereiche einteilen. Einerseits Szenen der Gewalt, des Kampfes und des Todes: 

"Der grausame Tod des Aktaion, die Entführung des Chrysippos durch Laios und der Nymphe Thalia durch Zeus, der Kampf der Griechen gegen Amazonen, Herakles in seinem Löwenfell, die Siegesgöttin Nike, Griechen kämpfen gegen italienische Krieger." Es sind Metaphern für das Sterben und den Übergangs ins Jenseits - so steht es auf den Museumstafeln.

In anderen Darstellungen wird die Liebe, die Schönheit der Jugend, der Rausch gezeigt: "Eros bekränzt Aphrodite, die Hochzeit von Herakles und Hebe (Göttin der Jugend), das Urteil des Paris und immer wieder Dionysos. Dionysos sitzt unter einer Weinlaube und hält einen Thyrsos (Stab). Dionysos lagert in einer Weinlaube und lässt sich von einem Satyr (Dämon im Gefolge von Dionysos, der in der griechischen Mythologie zu den Mischwesen gehört) bedienen. Dionysos ist von Satyrn, Jünglingen, Mänaden (Begleiterinnen und Kultanhängerinnen) und Eros umgeben."

 

Dionysos ist der Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase und er war ein überaus beliebtes Motiv auf apulischen Grabvasen.

 

 So heißt es im Museumstext:

"Die Szenen boten den Hinterbliebenen Trost, indem sie vorführten, dass selbst die Heroen Leid erfahren konnten und dass es möglich war, auch größten Schrecken zu überwinden. Die häufigen Darstellungen des Dionysos mit seinem Gefolge stehen hingegen für die Hoffnung auf ein glückliches Leben im Jenseits."

 

 

Museumstext: "Dionysos und sein Gefolge sind ein beliebtes Motiv der apulischen Vasenmalerei. In paradiesischem Ambiente herrschen Jugend und Schönheit vor.Dies lässt sich mit der Vorstellung von einem glücklichen Leben nach dem Tod verbinden."
Museumstext: "Dionysos und sein Gefolge sind ein beliebtes Motiv der apulischen Vasenmalerei. In paradiesischem Ambiente herrschen Jugend und Schönheit vor.Dies lässt sich mit der Vorstellung von einem glücklichen Leben nach dem Tod verbinden."
Museumstext: "...Das festliche Thema mag auf einer Grabvase zunächst unpassend erscheinen: Dionysos eilt in seinem Pantherwagen heran, Apollon und Artemis stehen an einem Tisch mit prächtigen Trinkgefäßen."
Museumstext: "...Das festliche Thema mag auf einer Grabvase zunächst unpassend erscheinen: Dionysos eilt in seinem Pantherwagen heran, Apollon und Artemis stehen an einem Tisch mit prächtigen Trinkgefäßen."

 

Darstellungen von Trauernden, wie auf heutigen Friedhöfen üblich, gibt es kaum. Möglicher Weise stehen die Darstellungen des Dionysos aber nicht nur für ein glückliches Leben im Jenseits, sondern auch für den Tod als Quelle des Lebens im Diesseits.

 

 

Der Tod als gemeinschaftsstiftende Quelle des Lebens. Derselbe ist Hades und Dionysos.

Museumstext: "Vor dem thronenden König Kreon steht gefesselt Antigone. Sie hat ihren Bruder entgegen des königlichen Verbots bestattet. Herakles rechtfertigt die Ehrung der Toten und damit ihr Handeln."
Museumstext: "Vor dem thronenden König Kreon steht gefesselt Antigone. Sie hat ihren Bruder entgegen des königlichen Verbots bestattet. Herakles rechtfertigt die Ehrung der Toten und damit ihr Handeln."

 

Kulturanthroplogen betonen, dass Menschen früherer Kulturen keine naturalistische Sichtweise des Todes hatten, d.h. den Tod einfach als ein natürliches Ereignis sahen, das dem Leben ein Ende setzt. Der Tod war Bedrohung und feindliche Kraft einerseits und Quelle des Lebens andererseits. Die Funktion von Trauer- und Bestattungsritualen lag darin, die Krise, die der Tod in der Gemeinschaft auslöste, einzudämmen. In der Vorstellung archaischer Völker vollziehen der Tote sowie der Hinterbliebene einen Übergang, der eine gewisse Zeit dauert: der Tote geht über ins Totenreich, in die Gemeinschaft der Ahnen. Für die Hinterbliebenen bedeutet der Übergang eine innerliche Lösung von den Toten und eine Neuorientierung im Welt- und Selbstbezug.

 

Dieser Übergang hatte einen doppelgesichtigen Charakter: in der Zwischenwelt berührten sich die Welt der Toten und der Lebenden, es blieb offen, ob der Trauende zu den Lebenden oder den Toten gehört. So wie sich der Trauernde vom Toten lösen musste, musste sich der Tote von der Welt der Lebenden lösen und im Jenseits seinen Ort finden. Schließlich verwandeln sich die Toten in verehrte Ahnen und die Trauernden erleben eine tiefgreifende Erneuerung, die gemeinschaftsstiftend ist und die Solidarität der Lebenden verstärkt. „Es gibt keinen Tod, der nicht einigende Trauer weckt, es gibt in der Gemeinschaft keinen Tod, der nicht zu einer Hauptquelle des Lebens würde.“ „Derselbe ist Hades und Dionysos.“

 

Das Grab wird zum ersten Kultursymbol, in ihm ist die Idee vom Leben erzeugenden Tod symbolisiert. In diesem Sinne geht alle Kultur für Girard vom Grab aus und versöhnende oder einigende Trauer ist das Wesentliche der menschlichen Kultur.

 

 

Museumstext: "Phrixos und seine Schwester Helle sollten geopfert werden und flohen auf dem Rücken eines Widders durch die Lüfte. Nur Phrixos überlebte die gefährliche Flucht; Helle stürtzte ins Meer und ertrank. Die Reise über das Meer dient hier als Metapher für den Übergang ins Jenseits."

 

 

Die Darstellung mythischer Helden auf den apulischen Vasen wird häufig von Delphinen, Fischen und Kalamaren umrahmt. Vielleicht sind das Begleiter beim Übergang ins Jenseits?

 

Trotzdem. Dem Ungeheuren Schönheit abtrotzen durch dionysische Weisheit.

 

Ceglie del Campo, wo die 2500 Jahre alten Vasen gefunden wurden, war eine alte Siedlung des indigenen Stammes der Peuketier. Sie standen in Kontakt zu griechischen Kolonisten, die die Küste Apuliens seit dem 800 Jhd. v. Chr. besiedelten. Die Grabfunde waren sowohl griechische Importe als auch einheimische Erzeugnisse wie die rotfigurigen Vasen, die in Apulien hergestellt wurden. Die Darstellungen aus der griechischen Mythologie waren in Unteritalien durch Theateraufführungen bekannt. (Museumstext)

 

 

Auch Nietzsche hat sich sehr  für das Dionysische interessiert. Ihm ging es dabei weniger um soziale Aspekte der Trauer als um Kunst und Kultur. Die Entstehung der griechischen Tragödie leitete er aus den dionysischen Festen ab. Die Aufführung der Tragödie am Ende der dionysischen Festes war für Nietzsche ein Ritual des Übergangs vom kollektiven Taumel, in dem der Einzelne das Bewusstsein seiner Individualität verliert, zurück in das alltägliche Leben und in die Vereinzelung.

 

Im Zusammenhang mit dem Dionysischen spricht er von einer dreifachen verlockenden Entgrenzung: Der Mensch entgrenzt sich zur Natur hin, er entgrenzt sich zum Mitmenschen in Liebe oder im kollektiven Rausch, er entgrenzt sein Bewusstsein zum Unbewussten hin. Das Dionysische ist die primäre, elementare, schöpfereische Lebensmacht. Aber auch Schmerz, Lust, Stirb und Werde sind dionysische Elementargewalten, die grausam, heillos, gewalttätig und ungeheur sind.

 

Dionysische Weisheit ist die Kraft, diese Elementargewalten auszuhalten. Das appolonische Prinzip kann die dionysische Wirklichkeit abwehren, sublimieren,  kanalisieren. Es beruht auf einem lebendigen: Trotzdem! Apollon ist der Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit, der Mäßigung, der Künste und der Individualität.

Je nachdem, wie es Kulturen gelingt, das Leben angesichts des Ungeheuren zu organisieren, teilt Nietzsche sie in verschiedenen Typen ein: die Kultur des antiken Griechenlands war eine künstlerische Kultur, das christliche Abendland eine metaphysisch- religiöse und die moderne Kultur eine der Erkenntnis und Wissenschaft

 

Starke Kulturen sind für ihn diejenigen, die viel von der dionysischen Elementargewalt aufnehmen können, ohne daran zugrunde zu gehen. Sie trotzen dem Entseztlichen Schönheit ab. Mit Nietzsche gesehen sollte man sich von der griechischen Heiterkeit, (die auch auf manchen der apulischen Grabvasen dargestellt ist ) nicht täuschen lassen. Das griechische Lebensgefühl war tragisch: „Wieviel musste dieses Volk leiden, um so schön werden zu können?“ fragt Nietzsche.

 

Was bleibt in Apulien vom Rausch des Dionysos?

 

Entspringt nicht z.B. die apulische Tanzwut, die -> Tarantella, dieser Lust am kollektiven Rausch?  Bei Ernesto de Martinos Studien zu kultischen Ritualen, Heiligem und Archaik spielt der Begriff der Besessenheit eine zentrale Rolle. Besessenheit, wie sie sich im Tarantismus aber auch in der Hinwendung zu Heiligen äußert, sieht er als Mittel des Selbstgewinns durch Selbstverlust.

 

Ich habe Apulier trotz des guten Weins nie im Alkoholrausch erlebt. Aber es gibt andere Dinge, an denen man sich berauschen kann: die Lust am Feste feiern, das Essen, die Liebe, die Schönheit. Liegt dem dolce vita am Ende vielleicht auch ein eher tragisches Lebensgefühl zugrunde? Achtet mal darauf, wie oft Apulier trotz der oft schlechten Lebensumstände betonen: wir leben im Paradies!

 

Über den Ungang mit Trauer habe ich gelesen in:

"Die Hüterin der Verwandlungen: Über das Schöpferische in der Trauer." ( Eva Gösken)

Über Nietzsche in:

"Nietzsche. Biographie seines Denkens." (Rüdiger Safranski)

 

 

Infos zur Ausstellung:

 

 

 

Die Ausstellung "Gefährliche Perfektion - Antike Grabvasen aus Apulien" ist noch bis zum 15. Oktober 2017 zu sehen:

Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung. 

Montags geschlossen. Für Berlin-Pass BesitzerInnen ist der Eintritt frei.

 

Vielen Dank an "Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung" für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der (selbstgemachten) Fotos und (nicht selbstgeschriebenen) Museumstexte.

Die Fotos sind durch Glasvitrinen aufgenommen. Lichtspiegelungen ließen sich dabei leider nicht immer vermeiden.