Kulturlandschaft  Itriatal

Ein Bericht über meine Erfahrungen als Freiwillige in der ökologischen Landwirtschaft im Tal der Trulli.

 

Ende Februar sind die Koffer gepackt für eine Reise ins Itriatal. Urlaub wird es diesmal nicht, sondern Arbeit in der ökologischen Landwirtschaft. Zwei Monate vorher hatte ich über das Netzwerk WWOOF (World-Wide Opportunities on Organic Farms) eine Gastfamilie gefunden, bei der ich jetzt im März vier Wochen verbringen möchte, um mehr über das Leben in Apulien zu erfahren. Nach dem Wetter und passender Garderobe gefragt, sagt man mir: "marzo pazzo" (verrückter März) und das heißt soviel wie bei uns: „April macht was er will.“ Ich packe also zur Hälfte Sommerkleider, zur Hälfe Winterklamotten und in jedem Fall Gummistiefel ein.

 

Das Itriatal

 

Das Itriatal ist eine Hügellandschaft, die sich zwischen den Provinzen Bari, Brindisi und Taranto erstreckt. Berühmt ist es vor allem wegen der vielen Trulli sowie der Hauptsstadt der Trulli: Alberobello (UNESCO Weltkulturerbe). Zu den bekanntesten Städten gehören außerdem Martina Franca, -> Locorotondo und Cisternino. Martina Franca gilt mit seiner barocken Altstadt als inoffzielle Kulturhauptstadt des Itriatals, Locorotondo ist bekannt für seine Qualitätsweine und Cisternino wurde wie Locorotondo zu den schönsten Dörfern Italiens gekürt. Im März blühen die Mandelbäume und erste Mohnblumen. Gänzlich unberührte, wilde Natur findet man im Itriatal kaum, es ist eine Kulturlandschaft, die seit Jahrhunderten von Kleinbauern geprägt wird. (Übrigens gibt es im Italienischen zehn verschiedene Ausdrücke für "Bauer.")

 



 

 

In der Landwirtschaft habe ich bisher nie gearbeitet, ich bin wahrscheinlich nicht mal überaus naturverbunden. Was mich interessiert ist eine Landschaft, in der Natur und Kultur scheinbar noch in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

 

 

WWOOF Erfahrunsbericht

 

Mit der Regionalbahn dauert die Fahrt von Bari ins Itriatal ca. 90 Minuten. Am Bahnhof werde ich von meiner Gastfamilie herzlich empfangen und bin erleichtert, denn ich habe gleich das Gefühl, die Chemie stimmt. Ich habe ein Zimmer für mich allein in der Wohnung der Familie mitten in der wunderschönen Altstadt. Am nächsten Morgen geht’s gleich raus aufs Grundstück, das etwas größer ist als ein Fußballfeld ( etwa 2 ha)  und sich seit mehreren Generationen im Familienbesitz befindet.

Im vorderen Bereich gibt es ein großes Gemüsebeet. Jetzt im März stehen da nur noch ein paar Artischockenpflanzen aus dem letzten Jahr. Hinter dem Gemüsebeet ist ein kleiner Geräteschuppen und ein Trullo, der gerade renoviert wird. Ganz hinten gibt es Oliven- und Mandelbäume und eine große, abfallende Freifläche. Demnächst soll sie von einem Permakulturexperten so umgestaltet werden, dass sie besser vor Erosion geschützt ist und der Boden das Wasser besser speichern kann.

 

 

 

Mein Tagesablauf als "Contadina"

 

In den folgenden Wochen sieht mein Tagesablauf ungefähr so aus: Aufstehen gegen 8 h, Frühstück um halb neun, anschließend nehmen wir alle zusammen einen Capuccino in der Cafebar im Ort – ein Ritual. "Wenn sich die Italiener ihren caffè nicht mehr leisten können, gibt es eine Revolution", lerne ich. Die Leute in der Bar scheinen sich alle zu kennen: sie scherzen miteinader, tauschen Neuigkeiten aus oder lesen Zeitung. Wichtigstes Thema ist Xylella fastidiosa. 2015 kam es im Salento zu einem rätselhaften Olivenbaumsterben, für das ein Bakterium namens Xylella fastidiosa verantwortlich war. Es breitete sich vom Süden langsam in den Norden Richtung Itriatal aus. Jeder hier in der Bar hat scheinbar seine eigene Theorie, wie es dazu kommen konnte: einige meinen, dass Xyllela aus Amerika eingeschleppt wurde, andere vermuten, der Einsatz von Pestiziden und Klärschlamm habe die Widerstandsfähigkeit der Bäume zu sehr geschwächt.

 

Nach dem caffè fahren wir aufs Grundstück. Meistens kommt uns Brutabella schon entgegengelaufen. Die jüngste und neugierigste einer Schar von Katzen und wird meine ständige Begleiterin. Katzen füttern, Gummistiefel an, dann sieht Bruttabella mir zu, wie ich Unkraut jäte oder Chicoree pflücke, ein wild wachsendes Gemüse, das jetzt reif ist. Wir pflücken es kiloweise, säubern es und nehmen es mit nach hause, wo es nach traditionell bäuerlicher Art zubereitet wird (mit Bohnen und Kartoffeln).

 

 

Zum Mittagessen fahren wir zurück in die Stadt. Da ich im Kochen eine Niete bin und mich erst recht nicht an italienischen Kochkünsten messen lassen will, übernehme ich das Spülen. Nach dem Essen einen caffè und eine Zigarette, ein bißchen ausruhen und dann zurück aufs Land.

 

Bald werden wir das Beet mit Zwiebeln, Salat, Bohnen, Zucchini und Tomaten bepflanzen. Im Moment ist erst mal Unkraut jäten, Boden-lockern und Düngen angesagt. Es tut mir richtig gut, in der roten, apulischen Erde zu wühlen und nach ein paar Tagen fällt der Großstadtstress von mir ab. 

Olivenbäume zu beschneiden ist  fast so etwas wie eine eigene Kunst. Wir machen das Grobe und schneiden die abgestorbenen Äste ab. Die Feinarbeit wird dann der „Maestro“ machen, ein sehr alter Mann, den ich leider nie kennenlerne. "Wer zuviele Oliven von einem Baum will, dem gibt er keine einzige" heißt es. Ich finde das sehr weise von den Bäumen. Die abgeschnittenen Äste werden gehäckselt und kommen zusammen mit Küchenabfällen, Viehmist von der Weide des Nachbarn und Unkraut auf den Komposthaufen.

Manchmal macht mir die feuchte Kälte ziemlich zu schaffen, aber es gibt nie Stress. Immer ist Zeit für eine Zigarettenpause, einen Plausch mit Freunden oder Handwerkern. Vor Einbruch der Dunkelheit so gegen 18.00 uhr machen wir Feierabend, essen zusammen und meistens falle ich gegen 22.00 müde und sehr zufriden ins Bett.

 

 

Geschichte des Valle d´Itria

 

Schwere körperliche Arbeit wird mir nicht zugemutet, aber ich bekomme eine sehr gute Vorstellung davon, wie mühsam es sein muss, dieses Land urbar zu machen, wenn man nicht einfach mit dem Traktor drüber fahren kann. Die kleinen Mäuerchen, die das ganze Itriatal durchziehen, zeugen davon, wieviele Steine die Bauern im Laufe der Zeit von den Feldern entfernt haben. Fast alles ist hier noch Handarbeit und das wichtigste Werkzeug ist ein solide "Zappa" (Hacke).

 


 

Bei Regen bleiben wir zuhause, kochen Orangenmarmelade oder Nussmus und ich erfahre ein bißchen mehr über die Geschichte Apuliens.

 

Vor einigen Jahrhunderten brach in Apulien eine Choleraepedemie aus, der viele Menschen zum Opfer vielen. Die Gutsbesitzer fanden nicht mehr genug Arbeitskräfte. Daher versprachen sie demjenigen, der 99 Jahren in ihren Diensten arbeiten würden, dass er ein kleines Stück Land behalten dürfte.

Es mag uns heute merkwürdig vorkommen, aber damals wurde in Generationen gedacht. Die Trulli, die bis dahin als Vieh- oder Geräteschuppen dienten, wurden so zu Wohnhäusern der Bauern. Der Landbesitz machte Teile der Bevölkerung Apuliens relativ unabhängig von den Großgrundbesitzern. Weil es bis heute üblich ist, dass die Grundstücke unter den Kindern einer Familie aufgeteilt werden, scheinen sie immer kleinteiliger zu werden.

 

 

Zurück aufs Land: Kleinbauern und Agrotourismus im Itriatal


 

Als Kleinbauer verdient man zwar kaum etwas, aber man kann sich mit dem Nötigsten selbst versorgen oder Tauschgeschäfte machen. Um das Gütesiegel "Bio" zu erhalten, müssen die Bauern die zuständige Behörde selbst bezahlen, was die meisten sich nicht leisten können, obwohl sie, wie meine Gastfamilie, völlig ökologisch produzieren. Im wirtschaftlich schwachen Süditalien gibt es nach der Krise 2008 eine kleine mehr oder weniger freiwillige Zurück-aufs-Land-Bewegung ( davon erzählt auch der Film -> In Grazia di Dio). Außerdem hat der Norden inzwischen die Schönheit Apuliens entdeckt,  viele der romantischen Trulli aufgekauft und entweder für sich selbst oder für Touristen zu Ferienhäusern umgebaut. Der Umbau unterliegt allerdings ziemlich strengen Regeln, denn die Trulli gelten als Kulturerbe und stehen unter Denkmalschutz.

 

Der staatlich geförderte -> Agrotourismus ist u.a. ein Versuch, die Wirtschaft Apuliens wieder in Schwung  zu bringen und das Itriatal ist beliebt bei Touristen, die nicht unbedingt direkt am Meer Urlaub machen wollen. Hier weht auch im Sommer oft eine kühle Brise und  Alberobello ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Apuliens. Ich persönlich finde es zu überlaufen. Viele Trulli im Zentrum von Alberobello sind nur noch Souvenirshops oder Ferienwohnungen.

 

 

Fazit der Reise

 

Was genau ist eigentlich eine Kulturlandschaft?  Je nachdem, wie man es definiert, kann man auch einen Großstadtdschungel wie New York oder Berlin als solche bezeichnen. Eine andere Definition, die ich von Kulturlandschaft gefunden habe, lautet:

 

Kulturlandschaften sind vom Menschen gestaltete Landschaften, deren ökonomische, ökologische, ästhetische und kulturelle Leistungen und Gegebenheiten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, die eine kontinuierliche Entwicklungsdynamik gewährleisten und langfristig geeignet sind, Menschen als Heimat zu dienen. (Wikipedia).

 

Natürlich kann ich mir als Laie kein wirkliches Urteil erlauben, aber ich habe im Itriatal eine ziemlich deutliche Vortsellung davon bekommen, wie eine solche Landschaft aussehen kann. Poetischer hat es vielleicht Albert Camus ausgedrückt, der mediterrane Landschaften beschrieb als Landschaften, in denen Natur und Naturerlebnis den Menschen auf sich selbst, seine menschlichen Grenzen, sein Maß verweisen und dadurch identitätsstiftend sein können. Im Itriatal gab es für mich einige sehr magische Momente, in denen ich das Gefühl hatte: es macht alles Sinn, genauso sollte das Leben sein.

 

Xyllela fastidiosa hat das Itriatal nie erreicht. Vielleicht weil die Olivenbäume im Itriatal widerstandsfähiger sind, vielleicht weil die Regierung im Salento Millionen Bäume fällen ließ, um die Verbreitung des Bakteriums zu stoppen.

Ich hatte großes Glück, dass ich bei einer so warmherzigen und interessanten Familie gelandet bin, von der ich viel lernen durfte. Einziger Wermuthstropfen dieser Reise: es war viel kälter und nasser als ich erhofft hatte. Die Sommersachen hätte ich alle zuhause lassen können und meine Ausflüge nach Martina Franca oder Taranto fielen buchstäblich ins Wasser. Insgesamt war es aber für mich die sinnvollste Arbeit, die ich je gemacht habe.

 

Vielen Dank an meine Gastfamilie für die Wärme, Gastfreundschaft, die Offenheit und das Vetrauen!

Und in Erinnerung an Brutabella. Ich hoffe, du hast noch acht weitere Leben.

 

 

-> WWOOF vermittelt weltweit Freiwillige in die ökologische Landwirtschaft und möchte Menschen verbinden, die einen naturverbundenen Lebensstil pflegen. Du arbeitest in der Regel ca. 6 Stunden pro Tag und erhält im Gegenzug freie Kost und Logis. Um Mitglied zu werden, bezahlt man einen Jahresbeitrag von 35,00 Euro an WWOOF Italia. Im Mitgliedsbeitrag inbegriffen ist eine Arbeitsversicherung. Wo genau in Apulien gewooft werden kann, ist auf der Seite ersichtlich. Die genauen Kontaktdaten werden aber nur für Mitglieder freigeschaltet. Sehr zu empefehlen für alle, die mal eine wirkliche Auszeit brauchen.

Andere Netzwerke, die Hilfstätigkeiten im Ausland vermitteln, sind zum Beispiel:

 

->workaway.info

->helpx.net