Madonnen, Padre Pio und religiöse Feste in Apulien

 

Madonnen sind Sinnbild einer Kultur, in der der Katholizismus tief verwurzelt ist. Es ist eine Kultur des Leidens und der Trauer, aber auch des Trostes und der feurigen Feste.

 

Erst sind sie mir gar nicht so aufgefallen, dann sah ich sie fast über jeder Haustür, an jeder Straßenecke, sogar in den Geschäften und Supermärkten: Madonnen. Aber so richtig angesehen hab ich sie erst, als ich mich auf meinen Reisen alleine gefühlt habe oder Abschied nehmen mußte. Das Phänomen Madonna hat mich nicht mehr so richtig losgelassen. Da ist irgendwas in ihren Gesichtern...

 


 

"Wieso gibt es in Apulien mehr Madonnen als Jesusdarstellungen?" habe ich einen Freund in Apulien mal gefragt.

"Das ist doch die Mutter." antwortete er, sichtlich erstaunt über meine Frage.

Damals habe ich das nicht verstanden, heute weiß ich, die Madonnen sind auch ein Symbol für die Mutter, als Königin der Familie, und die Familie hat im Süden Europas traditionell einen sehr hohen Stellenwert. Ein anderes Mal werde ich gefragt: "Weißt du, warum dieses Gebäck "petti delle monache" (Nonnenbrüste) heißt?" Ich weiß es nicht. Die Erklärung lautet: "Sie sind rein, unberührt. Deshalb schmecken sie besser." Später erst habe ich von der Geschichte der heiligen Agathe erfahren. Sant ´Agata lehnte den Heiratsantrag eines reichen Statthalters auf Sizilien ab, weil sie geschworen hatte Jungfrau zu bleiben. Zur Strafe ließ der haidnische Statthalter Quintianus Sant`Agata die Brüste abschneiden und später töten. Das Gebäck Miinne di Sant `Agata (im Volksmund: petti delle monache) erinnert also an diese Märtyrerin.

 

Zurück in Deutschland fiel mir das Buch "Ungläubiges Staunen" von Navid Kermani in die Hände. "Die Katholiken malen Madonnen, um sich zu tösten", schreibt er. Sie malen Bilder eines makellosen Gesichts, rein von Erfahrung. Während die katholische Kirche das Leiden und das Abstoßende oft regelrecht zelebriere, hielten sie sich Maria rein, weil es ohne Trost nicht gehe.

 

Kurz darauf sah ich im Fernsehen einen der Don Camillo und Peppone Filme, in denen man übrigens viel über die liebenswerte Doppelmoral von Kirche und kommunistischer Partei im Italien der Nachkriegszeit lernen kann. In diesem Film kam der kommunistische Bürgermeister Peppone in die Kirche und bat Don Camillo, für Peppones kranken Sohn eine Kerze zu entzünden. Camillo nahm die Kerze und wollte sie unter dem gekreuzigten Jesus aufstellen. "Nein, nicht vor dem.." schrie Peppone "... das ist einer von Euch. Vor der da, die ist unpolitisch." und zeigte auf die Madonna.

 

 

Dieses Bild hat es mir besonders angetan, vielleicht wegen der tiefschwarz umrandeten Augen und dem rätselhaften Lächeln, das fast ein bißchen an die Mona Lisa erinnert.

 

(gesehen in ->Carovigno während der Marianischen Monate)

 

-> Immaginette Mariane ist ein italienischer Blog, der sich Abbildern Marias aus der ganzen Welt mit dem Schwerpunkt Italien widmet. Apulien ist im Gegensatz zu den anderen Regionen sogar nach Provinzen geordnet. Vielleicht gibt es hier besonders viele Bilder von Maria?

 

Feste, die in Apulien zu Ehren der Madonna gefeiert werden:

 

Madonna della Coltura ( Ende Mai, Parabita)

Madonna SS. Anunziata ( 27. Mai, Carlantino)

Madonna del Carmine ( 16. Juli, Trani)

Madonna di Sovereto (August, Terlizzi)

Madonna della Madia (14. August, Monopoli)

Festa di Santa Maria di Leuca (15. August, Maria di Leuca)

 

Feiertage in ganz Italien zu Ehren von Maria sind der 15. August (Mariä Himmelfahrt/ferragosto) und der 8. Dezember (Unbefleckte Empfängnis).

 


Padre Pio: ein umstrittener Heiliger

 

Sichtbar verehrt wird auch Padre Pio, ein in Apulien wirkender Kapuzinermönch, der im Jahr 2002 heilig gesprochen wurde.

 

Angeblich zeigten sich 1910 erstmals Stigmata an seinen Händen, die die Kirche auf das Nachempfinden der Leiden Christi zurückführte. Das Kloster von San Giovanni Rotondo wurde daraufhin zu einem Pilgerort.

 

Padre Pio war jedoch auch innerhalb der Kirche umstritten, nicht nur aufgrund der Zweifel an der Echtheit der Stigmata. Man warf ihm intime Beziehungen zu Frauen und die Unterstützung der faschistischen Bewegung vor. Trotz aller Skepsis und der Kritik an der Kommerzialisierung seiner Person nahmen 1968 an seiner Beerdigung fast 100 000 Menschen teil und bei seiner Seligsprechung 1997 war der Petersplatz zu klein für die Gläubigen. Sein Grab und die Kirche San Pio da Pietrelcina von Architekt Renzo Piano befinden sich in San Giovanni Rotondo. Der Gedenktag Padre Pios ist der 23. September.

 

 


Glaube und Aberglaube

 

Glaube und Aberglaube sind tief verwurzelt in Apulien. "Viel Glück!" zu wünschen bringt Unglück, glauben viel Italiener. Stattdessen sagt man: "in bocca al lupo!" (wörtlich übersetzt: im Maul des Wolfes) und antwortet: "Crepi!" (er soll platzen!) Angeblich gibt es noch in fast jedem apulischen Dorf eine Art Zeremonienmeisterin, die den bösen Blick heilen kann. Priester sind nicht nur Prediger, sondern Seelsorger, Sozialarbeiter, Eheberater, Kulturarbeiter.

 

Apulien hatte aber kein Problem, einen Ministerpräsidenten zu wählen, der sich als schwul, katholisch und kommunistisch bezeichnet - Dinge die für uns Deutsche irgendwie schwer zusammen gehen.

 

 

Feste mit religiösem Hintergrund: Patronatsfeste und Sagre



 

Eine Sagra ist ein jährlich stattfindendes lokales Volksfest, das seinen Ursprung traditionell in einem religiösen Fest, einem Kirchweihfest oder dem Gedenken an einen Heiligen, in der Regel dem Schutzpatron des Ortes, hat. Es sind aber auch Erntefeste (z.B. Oliven, Wein, Kastanien) oder Feste, die einem speziellen landwirtschaftlichen oder gastronomischen Gericht gewidmet sind. Während einer Sagra finden in der Regel eine Messe, ein Markt und verschiedene Veranstaltungen wie Konzerte statt.

Patronatsfeste sind ebenfalls Feste, die jährlich zu Ehren des oder der Schutzheiligen eines Ortes gefeiert werden. Dabei werden die Statuen der Schutzheiligen aus den Kirchen geholt und durch den Ort getragen. Die Festivitäten dauern in der Regel mehrere Tage.

Wer schonmal bei einer solchen Prozession dabei gewesen ist, wird vielleicht bemerkt haben, dass es dabei nicht immer nur bedächtig zugeht, sondern dass manche Patronatsfeste sehr spektakulär inszeniert werden. Dazu gehören aufwendige Lichtinstallationen und Feuerwerke. Beispiele für besonders spektakuläre Feste in Apulien sind:

das Fest zu Ehren von San Nicola in Bari,

das Fest zu Ehren von San Trifone in Adelfia,

das Fest der Santa Domenica in Scorranno, das bis zu 350.000 Besucher anlockt.

 

"Apulien feiert - Feuer" heißt dieses Video von Nicola Amato über die Feste in San Severo, San Marco in Lamis, Castellana Grotte und Novoli.


Öffentliche Trauer

 

 

Wie wir den Tod sehen, hat Auswirkungen auf unseren Umgang mit Trauer, und unsere Art zu Trauern hat wiederum Einfluss auf unser Erleben des Todes. In Apulien habe ich öfter beobachtet, wie Särge von Verstorbenen in einem Trauermarsch unter Begleitung einer Musikkapelle in die Kirche getragen wurden. Bei uns geht das in der Regel diskreter zu, als wolle man niemenden mit dem Anblick der Toten belästigen.

 

Auch Todesanzeigen werden in Apulien nicht nur in Zeitungen gedruckt, sondern an gut sichtbaren Plätzen in den Dörfern bekannt gemacht.

 

 

Grabsteine auf Friedhöfen tragen nicht nur die Namen sondern meist auch Fotos der Verstorbenen. Die Toten haben ein Gesicht.

 

Mitten in einem Olivenhain bei Fasano habe ich diese kleine Gedenkstätte entdeckt. Bemerkenswert finde ich, wie der Tote hier quasi aus dem Jenseits den Vorübergehenden zum Verweilen und Beten auffordert.

 

 


 

Mein Freund!

Warum gehst du unbemerkt vorüber?

Verweile ein bisschen!

Ich bin Orlando Girolamo, der Elektriker.

Opfer der Pflicht. Ein Unglück hat mich aus dem Kreise meiner Lieben gerissen.

Mit nur 33 Jahren am 11.4.1947.

Betet für mich.


Es versteht sich fast von selbst, aber ich möchte trotzdem darauf hinweisen, dass in Kirchen Schultern und Knie bedeckt seien sollten und man sich nie über die Kirche oder den Glauben der Menschen lustig machen sollte (auch wenn einige Apulier, das manchmal selbst tun).

 

->mehr über antike Trauerkultur und Grabvasen aus Apulien