Matera: der langsame Pfeil der Schönheit

 

Apulien und die Basilikata im Januar? Ist das nicht eine Schnapsidee? Und wird das nicht viel zu schnell an mir vorbeirauschen an diesem verlängerten Wochenende? frage ich mich im Flugzeug nach Bari. Die Eröffnung von Matera Kulturhauptstadt 2019 lockt mich in den Süden. Das 9000 Jahre alte Matera ist die Hauptstadt von Basilikata, eine der am wenigsten bekannten Regionen Italiens.

 

Mein " Reiseleiter " Max holt mich vom Bahnhof in Adelfia ab, wo ich übernachten will. Ich reise jetzt zum zehnten mal nach Apulien und zum dritten mal mit inpuglia, einem kleinen Reiseunternehmen, das verschiedene Touren durch Apulien anbietet, aber auch auf individuelle Wünsche eingeht. Alles sehr spontan und ungezwungen.Wir trinken ein Begrüßungsbier, machen einen Spaziergang durch das kleine Städtchen und überlegen, ob wir am Eröffnungstag nach Matera fahren oder lieber einen Tag später, wenn nicht soviel Trubel ist. Das Wetter entscheidet. Am nächsten Tag regnet es in Strömen und wir verschieben die Fahrt auf Sonntag Nachmittag.

 

Matera als kollektives Kunstwerk

Die Fahrt von Adelfia durch die Murgia nach Matera dauert eine halbe Stunde, meint Max und grinst. Er weiß, dass italienische und deutsche Uhren nicht immer gleich ticken. Eine halbe Stunde italienische Zeit kann eine Stunde deutscher Zeit bedeuten. Ich weiß das inzwischen auch und genieße die Uneile.

 

 

Wir parken in der Nähe des Bahnhofs Matera Centrale, der eigentlich zur Eröffnung von Matera 2019 fertig sein sollte, aber noch eine Baustelle ist. Dann machen wir uns auf den Weg in die Stadt, die durch den Lichtschmuck immer noch weihnachtlich wirkt.

Erster Halt ist eine Pasticceria, wo wir im Stehen ( ist hier so üblich) einen caffe trinken und tette di monache (Nonnenbrüste), eine der berühmten Süßspeisen der Region, probieren. Wer Matera besucht, sollte sich vorher stärken und gut zu Fuss sein, denn man muss viele Treppen steigen. Gleich neben der Pasticceria haben wir einen guten Ausblick über die Altstadt, die in eine tiefe Schlucht hineingebaut ist. Winzig erscheinen die Menschen von hier oben und die Häuser ein bißchen krumm und schief.

 

 

Ein Meer aus Lichtern, ineinander und übereinander gewürfelten Häusern, Höfen, Gassen,Treppen.  „Un grande presepe!“ (Eine riesige Krippe!) meint Max. Andere Besucher fühlen sich an Jerusalem erinnert. Kein Wunder, dass Matera Drehort für so viele Bibelfilme war. Unsichtbar bleiben die Höhlenwohnungen, in denen bis in die 1950er Jahre 30 000 Materaner lebten. Viele der Höhlen wurden in letzter Zeit in luxuriöse Hotels verwandelt.

"Bis vor wenigen Jahren wurde der ganze Müll einfach in die Schlucht geschmissen," erzählt Max. Vom Schmutz und Elend vergangener Zeiten ist aber nichts mehr zu sehen. In vielen Geschäften, Bars und von den Balkonen wehen jetzt kleine Eu- oder Matera2019-Fähnchen. Schon von hier oben fällt auf, dass die Gassen sich immer zu kleinen Höfen hin öffnen. Architektonische Spuren einer mehrere Jahrtausende alten Wohnkultur, in der Menschen auf engstem Raum in nachbarschaftlichen Verbünden lebten.

 

Höhlen vergessener Träume

 

Die Chiesa di Santa Maria dell' Idris mit ihren wundervollen Fresken, die auf dem Felsen mitten in der Stadt thront, ist heute leider geschlossen. Stattdessen besuchen wir die Kathedrale von Matera, wo ich eine Krippe bestaune, die aus dem Fels herausgewachsen zu sein scheint.

 

 

Viele Gassen sind heute Abend menschenleer und wirken fast verlassen. Wir spazieren ziellos umher und fragen ein Pärchen, das uns entgegenkommt, wie es da unten ist. "Buio ma bello." (Dunkel aber schön). Und wir haben haben Glück: der Vollmond erhellt die Höhlen auf der unbebauten Seite der Gravina. Schwach zu erkennen sind die kleinen Wege, die an den unzähligen Höhlen vorbeiführen. Wir beschliessen im Frühling da entlangzuwandern und die Höhlenkirchen zu besichtigen, in die im 8. Jahrhundert basilianische Möche wegen des Bilderstreits aus Osteuropa geflüchtet waren, um weiter ihre Ikonen malen zu können.

 

 

Matera ist kein so romantischer Ort wie Polignano oder Monopoli an der Küste Apuliens. Wie soll man Matera beschreiben? Ein suggestiver Ort. Ist das das richtige Wort: suggestiv? (Im Wörterbuch steht:  seelisch beeinflussend von lat. suggerere: von unten herantragen). Ja, das passt!

Für mich war Matera keine Liebe auf den ersten Blick, als ich im Sommer 2017 hier einen kurzen Rundgang gemacht habe. Aber jetzt mit mehr Ruhe und bei Mondlicht stellt sich ein Gefühl wie Demut ein. Demut gegenüber einer Kultur, die so ein Kunstwerk an Stadt geschaffen hat und gegenüber dem Mensch an sich, der hier gelebt, gelitten, geliebt, getauert und geträumt hat. War die antike Kultur vielleicht viel reicher an Schönheit, Weisheit und Toleranz gegenüber anderen? War das Mittelater wirklich so düster, wie wir immer denken? Wird Matera nochmal 9000 Jahre erleben oder werden wir alle auf den Mond auswandern?

 

Matera offsite

 

Ich liebe es, mich im Labyrinth der Altsstadt zu verlieren, die weniger herausgeputzten Orte zu entdecken oder die Schriften auf den Mauern zu lesen. In den allermeisten Fällen sind es Liebeserklärungen. Das hier kann ich leider nicht übersetzen.

Mangiarte und das Brot von Matera

 

Wir entern ein kleines Lokal und ich probiere Bruschetta, gemacht mit dem Brot, für das Matera bekannt ist. In der Gegend um Matera wächst eine besonders edle Kornsorte, hatte Max mir schon auf dem Hinweg erzählt. Den Namen habe ich leider vergessen, aber es schmeckt wirklich unverschämt gut. Der Geschmack von Tomaten, verschiedenen Mozarellasorten, Focaccia und Nudeln ist im Süden nicht mit deutscher Supermarktkost vergleichbar. Ihr braucht aber noch nicht mal in ein Restaurant zu gehen, denn Tomaten, verschiedenen Mozarellasorten, Focaccia und Nudeln können zum Festmahl werden, weil Essen ein ganz wichtiger Teil der Kultur und industrielle Supermarktware im Süden verpönt ist.

 

 

 

Wir werfen einen kurzen Blick in das Museo di Palazzo Lanfranchi, wo die Ausstellung Ars Excavandi zu sehen ist, die sich mit folgenden Fragen beschäftigt: Warum begannen Menschen die Erde auszugraben? Was ist die Verbindung der unterirdischen Welt zu Initiation, Sexualität, Ritual? Was war der erste Tempel? Fülle und Leere, Licht und Dunkelheit, Stille und Klang. Können wir das von den Höhlen lernen?

Ich bin jetzt aber schon so voller Eindrücke, dass ich nichts mehr aufnehmen kann. Gegen elf Uhr fahren wir zurück in Richtung Bari,  vorbei an den wenig pittoresken Häusern an der Peripherie Materas.

 

Matera Hauptstadt der Wüste?

 

Ist Matera2019 nur ein Event für Touristen oder die wenigen Glücklichen, die sich Kulturgenuss leisten können, während die Einwohner Materas und der Basilikata mit viel elementareren Problemen zu kämpfen haben? Ich habe vor meinem Besuch mit viel Begeisterung das Programm gelesen. Ich bin hier vor Ort aber auf deutlich weniger Euphorie gestoßen. Unter der Überschrift Matera Hauptstadt der Wüste war in der lokalen Presse Basilikatas zu lesen,  den Süden gibt es nicht mehr, weil alle in den Norden abwandern. Die größten Probleme seien Emigration und Immigration. Familien werden getrennt, weil die Jugend auf der Suche nach Arbeit in den Norden zieht. Afrikanische Immigranten fristen ein tristes Dasein in Ankunftszentren und werden als Tagelöhner ausgebeutet. In Matera selbst gibt es keine Orte für die Jugend, kein Theater und kein Kino.

 

Über die Wüste, mit der der kaum industrialisierte Süden Italiens häufig verglichen wird,  schrieb Franco Cassano in seinem Buch Der südliche Gedanke (1996) : "Die Wüste war nicht bestimmt für die motorisierte Idiotie von Paris Dakar. Sie ist ein Ort, in dem ein Teil unserer Spiritualität begründet liegt, göttliche Übergänge des Aufbruchs und des Fastens, der Versuchungen und Ängste. Sie war reicher als sie noch von Karawanen durchquert wurde, nicht wie heute, wo sie eine Piste für den Konsum der Fremdenlegion geworden ist. Nur ein umnachter Geist kann die Wüste als ein Noch-nicht des Fortschritts denken, als etwas das gefüllt, touristisiert und normalisiert werden muss."

 

Wessen Schuld und wessen Schande?

 

Ich versuche mir das vorzustellen. Eine Stadt mit 9000 Jahre alter Geschichte! In den meisten deutschen Artikeln, die ich zu Matera gefunden habe, wird vor allem eins thematisiert: die Erklärung Materas zum Schandfleck Italiens. Immer wieder finde ich in den Überschriften das Wort "Schande" oder Elend:  Darum ist die Schande Italiens so schön;  So wurde die Schande Italiens zur Kulturhauptstadt; Aus dem Elend ins Rampenlicht

 

Nachdem Carlo Levi in seinem Buch "Christus kam nur bis Eboli" (1945) die ärmlichen Verhältnisse in Matera beschrieb, wurde die Stadt von der italienischen Regierung zum nationalen Schandfleck erklärt. Der Titel des Buches spielte auf eine Redensart der Einwohner Alianos über die Abgelegenheit Lukaniens an, für das sich weder die Zentralregierung in Rom noch die moderne Welt je interessiert hat. Wie konnte es also dazu kommen, dass in Matera so katastrophale Zustände herrschten?

 

Und welche anderen Geschichten gibt es von Matera zu erzählen? Kein Wunder, dass der Stolz einiger Materaner über die Ernennung zur Kulturhauptstadt groß war, denn es ist eine Gelegenheit, sich anders zu präsentieren. Aber es gibt auch Skepsis und Sorge, dass ein so mystischer Ort  als Touristenattraktion vermarktet wird. Ich habe während einer meiner Apulienreisen ein Gespräch von deutschen Touristen mitanhören müssen, in dem sie forderten, Deutsch sollte die Sprache der EU werden, weil die Deutschen schließlich auch am meisten zahlen. Ich habe mich damals in Grund und Boden geschämt.

 

Um zu verhindern, dass die Stadt nur kurzfristig zum Schauplatz eines Touristen-Spektakels wird, haben die Organisatoren von Matera2019 das Konzept der Cittadinanza ( Bürgerschaft oder Einwohnerschaft) entwickelt. Es wird Wert darauf gelegt, dass sowohl die Einwohner Materas, der Basilikata als auch Touristen als temporäre Besucher sich austauschen und in Kontakt kommen. Die Einladung steht also. Vielleicht ist es eine Gelegenheit, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und neue Wege des Tourismus zu erfinden.

 

Matera 2019 Programmtipps

 

Nach diesen Eindrücken von Matera scheinen besonders folgende Veranstaltungen interessant:

People, places Purposes: Fünf Wege zu ungewöhnlichen, unentdeckten Orten, in deren Mittelpunkt die Menschen stehen, die in Matera leben.

Rund um das Thema Brot gibt es u.a. diese Veranstaltungen:

-> Das Land des Brotes, -> Breadway, -> Mammamiaaa

Zum Thema Emigration und Immigration in Basilicata: Storylines / Die Wege Lukaniens  Dokumentarfilm und Ausstellung " Ich gehe woher ich komme" (Nicola Ragone)  Und Atella- ein kultureller Schmelztiegel : Eine Dokumentation mit Erzählungen und Fotografien über Migration von Süd nach Nord bis zu all denen, die nach Atella gekommen sind und die Stadt geformt haben.

Außerdem: " Eine Hauptstadt im Mondlicht" oder "Die utopische Stadt" : Der Graf
Theodor Rendina hatte im 18. Jahrhundert den Traum einer Stadt ohne Armut, den er versuchte in Campomaggiore zu verwirklichen sowie Milo Raus "Das neue Evangelium Matthäus": inspiriert von Pier Paolo Pasolonis Film.

 

-> Radiobeitrag vom BR vom Juni letzten Jahres. Ein guter Bericht über die Geschichte dieser 9000 Jahre alten Stadt, in dem Befürworter und Skeptiker der Ernennung zur Kulturhauptstadt zu Wort kommen.

-> die Geschichte Materas im Überblick

 

Basilicata - Reisen, Gedanken, Erinnerungen

 

Bei Recherchen zu Matera habe ich einen wundervollen Blog gefunden, der bald auch als Buch erscheinen wird.

"In all den Jahren ist mir immer wieder aufgefallen, wie gerne ich über die Basilicata erzähle, diese biblisch-archaisch wirkende Gegend ausserhalb der Zeit und doch seinerseits «Labor» der Kultur- und Menschheitsgeschichte Europas. " schreibt der Autor Michael Mente im Vorwort. Er versteht sein Projekt als Begleitung für Reisende auf dem Weg in das mystische Herz Süditaliens. "Eine Sammlung von Notizen und oftmals unerwarteten Gedanken eines in der Schweiz geborenen und aufgewachsenen Sohnes Lukaniens." 

Ihm verdanke ich auch den Hinweis, dass die Ränder der Basilicata nicht scharf sind. "Früher gehörte Matera zum Gebiet von Otranto. Was also sind schon Grenzen – sie finden in den Köpfen statt."

 

-> zum BLOG: Basilicata - Reisen, Gedanken, Erinnerungen

 

Zurück nach Adelfia

 

Ich mache mit Max in den nächsten beiden Tagen noch Ausflüge nach Monopoli, Polignano und Bari, berichte aber ein anderes mal darüber. Nur soviel: im Winter haben diese Städte durchaus viel Reiz, weil sie ruhiger sind, weil sie sparsam aber kunstvoll erleuchtet sind und bei 15 Grad bis in die späten Abendstunden lässt es sich gut aushalten.

 

Am letzten Abend drehen wir eine gemeinsame Abschiedsrunde durch Adelfia und holen bei einem älteren Herrn Kaminholz ab. Er begrüßt mich ganz herzlich, weil er mich vom letzten Besuch im September wiedererkennt: „Schön, dass du wieder da bist, dass ihr in Kontakt geblieben seid. Wir sitzen hier jeden Abend (er zeigt in die Runde seiner Freunde, mit denen er gerade Karten spielt) und wir erzählen uns immer die gleichen Geschichten, aber wenn jemand von woanders kommt, gibt es neue Geschichten. Bleibt im Austausch und kümmert euch nicht ums Geld.“ ist sein Ratschlag und ich sollte dazusagen, es ist definitiv kein reicher Mann. Ich bin gerührt und weiß gar nicht, wie ich seine Herzlichkeit erwidern soll. Ich fühle mich ein bißchen als cittadina.

 

Dann grillen wir Würstchen und Kartoffeln im Kaminfeuer. Max hat viel im Ausland gearbeitet, spricht gut englisch, ist aber fest in Apulien verwurzelt. Wir reden über Fussball, den Brexit, das Grundeinkommen, das es bald in Italien geben wird, über italienische Komiker wie Lino Banfi oder Ceccho Zalone, die ich großarig finde und Talkshows wie TikiTaka, die ich furchtbar finde. Die Kartoffel ist dabei am Ende in der Asche verkohlt.

 

Bevor ich wieder zum Flughafen fahre, sehe ich mir die Krippe von Adelfia an. Die halbe Stadt ist da nachgebaut. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, wie der Schutzheilige San Trifone gerade aus der Kirche getragen wird und dass der Ochse ganz nah bei Jesus liegt, weil der Atem des Tiers das Kind wärmt, so wie die Tiere in den Höhlenwohnungen von Matera die Menschen gewärmt haben.

 

Nachwort

 

Der langsame Pfeil der Schönheit ist ein Aphorismus von Friedrich Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches)

 

"Die edelste Art der Schönheit ist die, welche nicht auf einmal hinreißt, welche nicht stürmische und berauschende Angriffe macht (eine solche erweckt leicht Ekel), sondern jene langsam einsickernde, welche man fast unbemerkt mit sich fortträgt und die Einem im Traum einmal wiederbegegnet, endlich aber, nachdem sie lange mit Bescheidenheit an unserm Herzen gelegen, von uns ganz Besitz nimmt, unser Auge mit Tränen, unser Herz mit Sehnsucht füllt. — Wonach sehnen wir uns beim Anblick der Schönheit? Darnach, schön zu sein: wir wähnen, es müsse viel Glück damit verbunden sein. — Aber das ist ein Irrtum."

 

Wieder zuhause flimmern die Bilder von Brexit, Gelbwestenprotesten, Ertrinkende im Mittelmeer über den Bildschirm. Immer deutlicher ahnen viele, dass die Politik, die EU, die Institutionen und das Wirtschaftswachstum die Menschen in Europa nicht reicher macht. Weder finanziell noch menschlich. Könnte Matera2019 nicht doch ein Startschuss für eine Revolution des Imaginären werden? Eine Entdeckung von Geschichten, die Menschen verbinden, ein anderes Bild des Mezzogiorno? Ist Süditalien nicht einer der letzten Orte Europas, wo es wenig Fremdenfeindlichkeit gibt? Vielleicht, weil die Geschichte und Gegenwart von Armut und Elend hier immer präsent ist und weil Süditalien seit Jahrtausenden ein melting pot verschiedener Kulturen ist?

 

Für weitere Infos, Fragen oder Kritik schreibt mir gerne an: horn.alexandra@web.de

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