Mythen, Sagen, Märchen: parageschichtliches Wissen

Die Sagen der Griechen und Römer wurden erfunden, um Naturerscheinungen zu erklären, um Sitten und Gebräuche zu ergründen, um das Leben einer Person oder eines Gottes mit Dramatik zu füllen, zum Vergnügen und zur Unterhaltung. Die Geschichten der Helden dieser Mythen und Sagen sind durch viele Verästelungen mit anderen Geschichten verbunden. Alle zusammen bilden eine der großen Schöpfungen menschlicher Phantasie, die mit tiefen Erkenntnissen über die Nöte und Lebenssituationen der Menschen angefüllt sind. Ihre Wahrheit ist parageschichtlich und der Rückgriff auf ihre Denkweisen und Ideen lässt sich bis heute vor allem auf Gebieten der Kunst und Literatur verfolgen.


Mythen, Sagen und Märchen müssen keine historische Wahrheit enthalten, können es aber. Wahr oder erfunden ist hier keine entscheidende Frage. Von Amor und Psyche sind weltweit in unterschiedlichen Kulturen mehr als 900 Variationen bekannt. Was Philosophie, Religion und Mythen gemeinsam haben, ist die Suche nach Erklärungen für die Welt und den Ursprung der Dinge. Die Philosophie sucht danach mit Mitteln des Logos und der Argumentation, Mythen dagegen durch Erzählungen und Bilder.

 

-> Der Mythos von Dionysos spiegelt evtentuell einen historischen Prozess wider, in dem die olympische Religion der herrschenden Klasse Griechenlands von einem fremdländischen, ekstatischen Glauben überlagert wurde.

 

Dem -> Mythos der Medusa nach lebten die Gorgonenschwestern, drei entsetzliche Ungeheuer, im äußersten Westen der Welt. Ein wütendes Gesicht, Schlangen im Haar und Schweinszähne waren Charkteristika der Gorgoninnen, deren Anblick so schrecklich war, dass jeder zu Stein erstarrte, der sie ansah. In der Moderne wird der Mythos von Siegfried Kracauer auf das Medium Kino übertragen. „Unter allen existierenden Medien ist es allein das Kino, das in gewissem Sinne der Natur den Spiegel vorhält und damit die Reflexion von Ereignissen ermöglicht, die uns versteinern würde, träfen wir sie im wirklichen Leben an."

 

-> Pulcinella ist eine Figur der commedia dell´arte und repräsentiert die Begabung, sich auf spezielle Art durchs Leben zu schlagen. Es wird vermutet, dass Pulcinella (vor-)römische, also griechische Ursprünge in der Figur des Muccus im Atellantheater hatte, wo er den Dümmling repräsentierte, der von den anderen betrogen und verspottet wurde. Pulcinella war auch das alter ego der "Lazzari". "Lazzari" oder "Lazzaroni" hießen die Armen (oder auch Schurken) in Neapel. Ihr Name stammt vom biblischen Lazzaro oder vom spanischen Wort für Lumpen oder Lepra ab.

 

Märchen versus Mythos

 

Walter Benjamin sieht in Märchen eine frühe, menschheitsgeschichtliche Abwehrmaßnahme gegen die Angstzumutungen und schicksalhaften Einschüchterungseffekte des Mythos sowie einen „Trick“, sich dem totalen Zwang der Naturmächte zu entziehen. Zitat:

 

„Das Märchen gibt uns Kunde von den frühesten Veranstaltungen, die die Menschheit getroffen hat, um den Alp, den der Mythos auf ihre Brust gelegt hatte, abzuschütteln. Es zeigt uns in der Gestalt des Dummen, wie die Menschheit sich gegen den Mythos‚ dumm stellt’; es zeigt uns in der Gestalt des jüngsten Bruders, wie ihre Chancen mit der Entfernung von der mythischen Urzeit wachsen; es zeigt uns in der Gestalt dessen, der auszog das Fürchten zu lernen, dass die Dinge durchschaubar sind, vor denen wir Furcht haben; es zeigt uns in der Gestalt des Klugen, dass die Fragen, die der Mythos stellt, einfältig sind, wie die Frage der Sphinx es ist; es zeigt uns in der Gestalt der Tiere, die dem Märchen-kinde zu Hilfe kommen, dass die Natur sich nicht nur dem Mythos pflich-tig, sondern viel lieber um den Menschen geschart weiß. Das Ratsamste, so hat das Märchen vor Zeiten die Menschheit gelehrt, und so lehrt es noch heute die Kinder, ist, den Gewalten der mythischen Welt mit List und mit Übermut zu begegnen. (So polarisiert das Märchen den Mut, nämlich dialektisch: in Untermut [d.i. List] und in Übermut.) Der be-freiende Zauber, über den das Märchen verfügt, bringt nicht auf mythische Art die Natur ins Spiel, sondern ist die Hindeutung auf ihre Komplizität mit dem befreiten Menschen. Diese Komplizität empfindet der reife Mensch nur bisweilen, nämlich im Glück; dem Kinde aber tritt sie zuerst im Märchen entgegen und stimmt es glücklich.

 

mehr dazu -> Jens Birkmeyer: Auratische Lektüre. Walter Benjamin und das Geheimnisvolle der Kinderliteratur ( pdf)

 

Märchen als Seelenarchäologie - Die Wolfsfrau

"Es war einmal und war auch nicht.“ diese widersprüchliche Formulierung am Anfang vieler Märchen soll die Seelen der Zuhörer darauf vorbereiten, dass die Geschichte in einem Zwischenreich spielt, in dem nichts so ist, wie es zunächst scheint, meint Clarissa Pinkola Estés. Aus ihrem Buch „ Die Wolfsfrau“ habe ich hier einiges über Märchen zusammengefasst. Märchen sind danach geschichten über Einweihungsprozesse. Die   Helden im Märchen müssen Aufgaben erfüllen bis sie zu Wissenden werden, die je nach Kultur auch „Hellfühlende“ oder „ Wahrsehende“ genannt werden. Clarissa Pinkola Estés kombiniert Psychologie mit Völkerkunde sowie ihre Lebenserfahrung als „cantadora“ ( Geschichtenerzählerin). In der Einleitung zu "Die Wolfsfrau" heißt es:

 

Wildwuchernde Naturgebiete verschwinden genauso aus der Welt wie die Erinnerung an ein dem Menschen innewohnendes Wildwesen, weil alles Ürsprüngliche, Instinktive und Intuitive immer mehr als unkontrolliebare Bedrohung angesehen wird. Aus vielen Märchen, Mythen und Legenden lassen sich Anleitungen zur Rückforderung an dieses Wildwesen ablesen. Mit „wild“ ist eine natürliche Lebensweise gemeint, in der ein Mensch seine ihm innewohnende Integrität, Humanität und intakte Grenzvorstellungen bewahrt.

 

Das symbolische Urbild dieser Instiktnatur ist für Clarissa Pinkola Estés das der „Wolfsfrau“. Im Spanischen heißt diese wilde Frau auch „Fluss unter dem Fluss“ ( rio abajo rio) oder „Licht des Abgrunds“ (luz des abyss  , bei den Navajos „Die Spinnenfrau“, im Mexikanischen ist sie „la loba“ ( Die Wolfsfrau). Von den Geschichtenerzählerinnen in verschiedenen Kulturen wird sie auch die große Weise, die Wissende, die Urfrau genannt, die immer lebensspendende Schöpferin und Zerstörerin in einem ist – Göttin des Lebens und des Todes zugleich. Sie begleitet die verirrten und Außenseiter, die im Dunkeln oder in der Wüste nach Wahrheit suchen oder lebenswichtige Rätsel und Aufgaben lösen müssen. Sie vermittelt ein geheimes Wissen über die Zyklen des Werdens und Vergehens und Neuwerdens. Als Heilerinnen sind diese Frauen Trägerinnen von Träumen , Geschichten, alten Gesängen, Zeichen und Symbolen. (Eine masciàre ist eine Heilerin, die in Apulien noch heute aufgesucht wird, wenn eine Person vom - > bösen Blick befallen ist.)

Sie kann aber auch ein Leitbild für Künstler, Denker, Sucher und Finder sein. Wie alles Spontane, Künstlerische kommen ihre Eingebungen aus dem Bauch und den Eingeweiden nicht aus dem Kopf.

 

Viele Märchen wurden im Laufe der Jahrhunderte aus religiösen Gründen bereinigt. Historiker glauben, dass den christlich geprägten Gebrüdern Grimm, die von Dorf zu Dorf gingen, um Volkssagen zu sammeln nur purifizierte Versionen der Legenden erzählt wurden. Man nimmt an, dass die Gebrüder Grimm beim Niederschreiben dieser Geschichten heidnische Symbole ausließen oder in christliche Symbole verwandelten. So wurden aus Heilerinnen böse Hexen, aus Naturgeistern Engel oder aus Schleiern in heidnischen Einweihunsritualen einfache Tschentücher ( siehe auch das Klageritual oder die - > Tarantella in Apulien). Aus hilfreichen Fabeltieren wurden Dämonen, sexuelle Elemente wurden häufig ganz eliminiert. Hexen im Märchen sind Varianten mythischer Göttinnen, die Menschen etwas von ihrem urzeitlichen Wissen vermitteln. Wenn von Hexen, Müttern, Jungfrauen, Prinzessinen und Königinnen die Rede ist, geht es um Archetypen (weiblicher) Urinstikte.

 

Clarissa Pinkola Estés ist jungianische Psychoanalytikerin und cantadora (Geschichtenerzählerin). Ihre Arbeit sieht sie als Psycho-archäologie, mit der sie versucht verschüttete ( insbesondere weibliche ) Urinstinkte auszugraben, die unter Schichten überzivilisierter, schamhafter Verdrängung liegen. „Selbst das angepasstetste, hygienisch einwandfreieste, gesäubertste Wesen, hofft auf eine Öffnung, durch die das Wilde und Alte sich befreien kann.“

 

Psychologische Praxis ist für sie Seelenarbeit, Seelen-urerinnerung, denn Psychologie heißt wörtlich: Wissen von der Seele. Das Geschichtenerzählen ist für Clarissa Pinkola Estés das einfachste und wirkungsvollste Heilmittel. Märchen und Mythen bieten Instruktionen für bestimmte Entwicklungsphasen der Psyche und Seele. Nach Clarissa Pinkola Estés gibt es vier Grundtechniken, aus denen sich menschliches Handeln aufbaut: Fragen stellen, Geschichtenerzählen, Zuhören und Handarbeiten. Moderne Geschichtenerzähler sind Nachfahren von Gauklern, Wanderern, Heiligen Bettlern, verkannten Dichtern, Andersdenkenden und Mystikern.

 

hambre del alma - Gesang der ausgehungerten Seele

 

Die Pforten zur Welt der wilden Frau sind selten. Eine tiefe Narbe, eine uralte Geschichte – das sind für sie Türen. Den Himmel und das Meer so sehr zu lieben, dass es einem das Herz auseinadersprengt – das ist auch eine Tür.

 

Der Gesang der dunklen Jahre und der ausgehungerten Seele „hambre del ama“, sowie das tiefe frohe Lied „canto hondo“, das wir singen, wenn wir die Seele aus dem Totenreich zurückfordern, lässt sich nicht dauerhaft unterdrücken. "Hambre del alma" bedeutet 'Seelenhunger'. Pinkola Estés leitet den Begriff aus der Analyse eines deutsch-magyarischen Volksmärchens mit dem Titel "Die kleinen roten Schuhe" ab und benutzt ihn, um zu erklären, was mit jemandem geschieht, wenn er sich zu lange am Schaffen hindert oder daran gehindert wird: Er versucht, sein Leben mit leeren Dingen zu füllen, und wird schließlich selbst leer.

 

canto hondo - tiefer Gesang

 

Weil der letzte Artikel auf diesem Blog sich mit - > Trauerritualen  und Klageliedern beschäftigt hat, fand ich diese Ähnlichkeit zum canto hondo interessant und habe sie hier mitaufgenommen. Canto hondo bedeutet im spanischen tiefer oder tiefgründiger Gesang. Der Cante jondo (andalusisch)  ist eine der prinzipiellen Ausrichtungen des Flamenco. Die Themen des Cante jondo sind von feierlicher Melancholie und nicht selten tragisch. Tonalität und Vortrag, deuten auf orientalische und maurische Wurzeln hin. García Lorca vermutet die Wurzeln in der archaischen Musik Indiens und schrieb 1921 einen Gedichtzyklus Poema del cante jondo.

 

La guitarra

Empieza el llanto
de la guitarra.
Se rompen las copas
de la madrugada.
Empieza el llanto
de la guitarra.
Es inútil callarla.
Es imposible
callarla.
Llora monótona
como llora el agua
como llora el viento
sobra la nevada.

Die Gitarre

Es beginnt die Klage
der Gitarre.
Die Gläser splittern
im Morgengrauen.
Es beginnt die Klage
der Gitarre.
Nutzlos, sie zum Schweigen zu bringen.
Unmöglich
sie zum Schweigen zu bringen.
Sie weint monoton
wie das Wasser weint,
wie der Wind weint
über dem Schnee.

 

 

Archetypen

 

Carl Gustav Jung war ein Schweizer Psychiater und der Begründer der analytischen Psychologie. Nach Jung sind Archetypen universell vorhandene Strukturen in der Seele aller Menschen, unabhängig von ihrer Geschichte und Kultur. Archetypen nannte er typische Formen, die spontan und mehr oder weniger universal, unabhängig von Tradition, in Mythen, Märchen, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahngebilden auftreten. Dieses seelische Material und seine Bedeutung für die Kultur und den Einzelnen setzte er in Verbindung mit den Entwicklungsprozessen seiner Patienten. "Tatsache ist, dass gewisse Ideen fast überall und zu allen Zeiten vorkommen und sich sogar spontan von selber bilden können, gänzlich unabhängig von Migration und Tradition. Sie werden nicht vom Individuum gemacht, sondern sie passieren ihm, ja sie drängen sich dem individuellen Bewusstsein geradezu auf. Das ist nicht platonische Philosophie, sondern empirische Psychologie." so Jung.