Kino aus Apulien: Alessandro Piva, Pippo Mezzapesa, Edoardo Winspeare u.a.

 

Filmregisseure aus Apulien, die Geschichten aus Apulien auf ihre eigene Art erzählen: Pippo Mezzapesa, Alessandro Piva und Edoardo Winspeare u.a. Leider schaffen sie es selten in die deutschen Kinos. Schade und zu unrecht, finde ich. Viele Regisseure knüpfen an die Traditition des Neorealismus an: sie erzählen von realen Lebensbedingungen, drehen mit Laiendarstellern an Originalschauplätzen und schaffen es, auch schwierige Themen mit Leichtigkeit und Magie zu erzählen.

Pippo Mezzapesa: "Il bene mio"

 

Pippo Mezzapesa (1980 in Bitonto, Apulien, geboren) drehte u.a. mehrere Dokumentationen über den FC Bari und den Bürgermeister von Bari, Antonio Decaro. Il bene mio (2018) ist sein zweiter Spielfilm.

 

Schauplatz des Films Il bene mio ist Provvidenza (Providenza heißt Vorsehung), ein Geisterdorf, das von einem Erdbeben zerstört wurde und nur noch von einem einzigen Einwohner bewohnt wird, Elia (Sergio Rubini). Elia weigert sich sein Dorf zu verlassen und während alle anderen versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass er die Vergangenheit vergessen soll, weigert Elia sich auch zu vergessen. Er wird zum Hüter der Erinnerungen, nicht nur seiner eigenen Erinnerung, sondern auch der aller anderen - ihrer Gegenstände und ihrer Orte. Schließlich ist es ein illegaler Einwanderer, der sich in Elias Haus versteckt und in dem er einen Partner in der Illegalität findet : "Du bist illegal und ich auch".

 

Pippo Mezzapesa im Interview:

 

Die Inspiration für den Film bezog ich aus der Leidenschaft für gespenstische Orte, für Orte die verlassen wurden nach Naturkatastrophen oder aus anderen Gründen. Ich wollte eine Geschichte erzählen von dem Letzten, der geblieben ist, der verankert ist in seiner Realität und der einen besonderen Blick auf Gemeinschaft hat. Gedreht wurde in Apice in Kampanien und Gravina in Puglia, Apulien. (Apice besteht aus einer in den 1980er Jahren gebauten Neubausiedlung und der bei einem Erdbeben zerstörten Geisterstadt) Obwohl Gravina keine Geisterstadt ist, gibt es auch hier viele verlassene Ecken. In Italien gibt es vieler dieser Geisterstädte. Im Film geht es, um eine Gemeinschaft die entfremdet ist, der es nicht mehr gelingt, sich selbst zu finden, weil sie sich nicht erinnert. Für mich ist das auch ein Spiegel ist für die Gesellschaft, in der wir heute leben, weil sie nicht mehr in der Lage ist, als Gemeinschaft dramatische Ereignisse zu bewältigen. Sehr wichtig war mir der Ton des Films, weil ich gerne auch dramatische und melancholische Geschichten auf leichte Art erzähle. Der Schauspieler Sergio Rubini ( der ebenfalls aus Apulien stammt) als Elias verkörpert diese Mischung aus Leichtigkeit und Nostalgie perfekt.

 

Alessandro Piva: "La capa gira"

 

Alessandro Piva ist zwar in Salerno geboren. Viele seiner Filme spielen aber in Apulien, so z.B. La capa gira (1999), Mio cognato (2004) und der Dokumentarfilm über einen Femizid Santa subito (2019).  La capa gira ist eine Milieustudie über Kleindealer in Bari. Ein Film, der in Bari gedreht wurde und in dem die Schauspieler ausschließlich den Dialekt aus Bari sprechen. Da selbst viele Italiener den Dialekt nicht verstehen wurde der Film in italienischen Kinos mit italienischen Untertieteln gezeigt.  Imdb meint: "einer jener wunderbaren italienischen Low-Budget-Arthouse Filme, die besonders Personen anspricht, die mit dem Ort und den dort lebenden Menschen persönlich vertraut sind."

 

 

 

-> La capa gira ( kompletter Film auf Youtube. Bareser Dialekt mit ital. Untertiteln)

Edoardo Winspeare: "In grazia di Dio"

 

Edoardo Winspeare (geb. 1965 in Klagenfurt) lebt seit seiner frühesten Kindheit im Salento (Apulien). Ich habe 2 Jahre in Rom verbracht und da nie die Art von Cosmopolitanismus auf allen Ebenen der Gesellschaft beobachtet wie in zwei Tagen im Salento.“ erzählt Winspeare 2015 in einem -> Interview mit der N.Y. Times. Was den Salento aus seiner Sicht einzigartig macht, ist die lebendige Gegenwart seiner Geschichte: von den Bewohnern, den gegensätzliche Phenotypen Nordafrikas und Nordeuropas bis zum griechischen Dialekt, der noch heute in einigen Dörfern des Salento gesprochen wird.

 

Winspeare beschäftigte sich jahrzehntelang intensiv mit seiner Heimat, den gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen in Apulien. Er gilt als Vertreter des italienischen „Neo-Neorealismus“ und war Mitbegründer der Band Officina Zoé, die für die Wiederbelebung der traditionellen Musik wie -> Pizzica und Tarantella sorgte. Zu seinen bekanntesten Filme gehören Pizzicata (1996), Sangue vivo (2000), Il miracolo (2003), In grazia di Dio (2014) und zuletzt The ark of Diperata (Originaltitel: La vita in comune, 2017).

 

Wie Winspeares frühere Filme ist The ark of Diperata ein Essay über die Probleme und Chancen Süditaliens: Arbeitslosigkeit, fehlende Zukunftsperspektiven, wachsende Entfremdung auf der einen Seite... Mut, Hitze, soziale Würde und Intelligenz auf der anderen. Es gibt Handlungsspielraum, und die Zukunft des Südens ist noch nicht besiegelt.

 

-> "The ark of Diperata" Trailer und Kritik ( engl.) cineuropa

 

Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise erzählt In grazia die Dio davon, wie drei Generationen von Frauen in Apulien ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Schauplätze des Films sind nicht die pittoresken Altstädte und Sandstrände des Salento, sondern verlassen wirkende Orte und die rauhe Felsküste. Gedreht wurde mit Laiendarstellern, die apulischen Dialekt sprechen. Die kleine Textilfabrik der Familie steht vor dem Aus. Die Chinesen produzieren billiger und die Bank will 20 Prozent Zinsen auf die aufgenommene Hypothek. Um die Schulden abzubezahlen, muss die Familie ihr Haus verkaufen. Die Familie, das sind: Großmutter Salvatrice, Mutter Adele, ihre Schwester Maria und Tochter Ina. Maria hat den Kopf in den Wolken und träumt von einer Karriere als Schauspielerin, Ina hat Probleme in der Schule und treibt sich am liebsten bis früh morgens mit Jungs herum. Adele wirft beiden Verantwortungslosigkeit vor, ständig wird gestritten und geschimpft. Als Ex-Mann und Bruder Vito bei einer Schmuggelfahrt erwischt und verhaftet werden, sind die Frauen endgültig auf sich allein gestellt. Zufluchtsort wird das kleine Grundstück der Großmutter auf dem Land, wo die vier Frauen sich fortan um den Gemüseanbau, ein paar Hühner und Kühe kümmern.

 

 

„In grazia di Dio“ heißt soviel wie „in Gottes Gnade“. „Ein neues Leben“ lautet der profane deutsche Titel dieses Films. Er erzählt hier nicht die typische Geschichte von entfremdeten Städtern, die in der Idylle des Landlebens ihre Konflikte überwinden und ein besseres Leben beginnen. Die Konflikte verschwinden nicht und die Schulden sind erdrückend. Im Fernsehen wird von der Krise, LKW-Streiks und der Angst der Bevölkerung vor Lebensmittelengpässen berichtet.

 „Wie kannst du nur so ruhig bleiben?“ fragt Adele Großmutter Salvatrice eines Tages. „Weil ich Vertrauen habe. Stein für Stein wächst die Mauer. Wir kommen durch.“ Stück für Stück stellen die Frauen sich den neuen Herausforderungen und halten sich mit Tauschgeschäften über Wasser: Gemüse, Eier, Hühner gegen andere Lebensmittel und Benzin. Mit langsamen Kamerafahrten durch die Olivenhaine und fast surreal wirkenden Bildern, in denen der Wind durch Bäume und Gräser streicht, macht Winspeare die Schönheit des Landes spürbar.

 

Sergio Rubini: "La Stazione" (1991)

 

Sergio Rubini, geb. 1959 in Grumo Appula in Apulien ist Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Als Schauspieler wirkte er in über 90 Filmen u.a. in: Die Affäre Aldo Moro, Fellinis Intervista, Der talentierte Mr. Ripley, Die Passion Christi, Handbuch der Liebe, Maria ihm schmeckts nicht ( ein deutscher Film, der in Apulien gedreht wurde), Mio Cognato, Il bene mio.

 

Als Regisseur drehte er 14 Filme, darunter das gefeierte und mit vielen Preisen ausgezeichnete Debüt "La stazione - Der Bahnhof" (1990). Der Film wurde fast ausschließlich in Apulien, im Bahnhof von San Marco in Lamis gedreht. Einige Szenen spielen im Geburtsort von Rubini, andere zwischen Apricena und Foggia. Eine Kritik zum Film findet ihr hier:

 

https://www.filmdienst.de/film/details/28264/la-stazione-der-bahnhof

 

Rubinis Filme sind eine oft eine Mischung aus Romanze, Krimi, Horror und Drama, von der italienischen Kritik als "voller Abenteuer, Unebenheiten und wohltuender Unordnung in der gewagten Mischung der Genres und Stile" charakterisiert. Sein aktueller Film "Il grande spirito" (2019) spielt in Taranto.

 

 

Carmelo Bene: "Nostra Signora der turchi" (1968)

Das Arsena-Kino schrieb anlässlich einer Retrospektive:

 

Der 2002 verstorben Carmelo Bene ( geb. 1937 in Campi Salentina, Provinz Lecce)  zählte zu den größten vernachlässigten europäischen Autoren der 60er und 70er Jahre. In Italien und Frankreich als Provokateur eine Legende, kennt ihn darüber hinaus lediglich eine kleine Gruppe Theater-, Theorie- und Filmliebhaber.

In der kurzen Zeit zwischen 1968 und 1974 schuf Bene ein filmisches Œuvre von einer solchen audiovisuellen Komplexität, einer solchen Schönheit und gelegentlichen Perversion, dass die „Cahiers du cinéma“ seine Arbeit als „eine der radikalsten Entwicklungslinien des modernen Kinos“ beschrieben. 

Sein erster Langfilm war NOSTRA SIGNORA DEI TURCHI (1968) und erhielt den Spezialpreis der Jury in Venedig. Bene spielt selbst mehrere Rollen (einen Auftragskiller und sein Opfer, einen Mönch und einen Novizen). Eine Sequenz thematisiert die Invasion der Türkische Armee im 15. Jahrhundert in Apulien (Benes Geburtsort). Sein zweiter Film CAPRICCI (1969) erhielt bei seiner Premiere in Cannes sechzehn Minuten lange Ovationen.

 

-> mehr zu Carlo Bene gefunden auf der Seite des arsenal Berlin

 

die ersten 3 Userkommentare bei youtube:

 

Carmelo, Sohn des Dionysios, du bist wunderbar... immer!

 

Nach 25 Minuten war es unmöglich weiterzugucken. Ich habe noch nie etwas Erbärmlicheres, Langweiligeres und Irritierenderes gesehen. Und er kritisierte sogar Fellini..

 

Dias witzigste, nachdenklichste Spektakel meines Lebens. Für mich vor allem zum totlachen, aber gesund und mit Liebe ... einzigartig und zeitlos.

 

 

 


Verso Sud: Filme und Regisseure aus Süditalien

Und noch einige Filme , die ebenfalls an die Tradition des Neorealismus anknüpfen und von Süditalien erzählen ( das ist eine eher zufällige Zusammenstellung von Filmen , die ich im italienischen Fernsehen gesehen habe ):

 

Emanuele Crialese: "Lampedusa" (Originaltitel: Respiro)

 

Crialese zog sich nach seinem Studium in N.Y. für sechs Monate auf die Insel Lampedusa  zurück, wo er als Fischer arbeitete und die Geschichte einer Frau hörte, die von den übrigen Inselbewohnern aufgrund ihres unkonventionellen und launischen Verhaltens für verrückt gehalten wurde. Aus dieser Geschichte heraus entwickelte Crialese die Idee zum Film. In der Hauptrolle: Valeria Golino. Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt der Film 2002 den Großen Preis der Semaine de la Critique sowie den Publikumspreis.

 

Magie und überirdische Liebe, in einem Meer trockener, verbrannter Tränen wie in meinem Land.

( so kommentiert jemand diese Szene auf youtube)

 

 

Für seinen nächsten Film " Golden Door" (2006) konzentrierte sich Crialese auf italienische Einwanderer in die USA. Der Film wurde bei den Filmfestspielen in Venedig 2006 mit den Silbernen Löwen ausgezeichnet.

 

"Terraferma" aus dem Jahr 2011 thematisiert die Migration afrikanischer Flüchtlinge, die über die Insel Lampedusa den Weg nach Europa suchen, und schildert auch die dadurch entstehenden Probleme der Inselbewohner.

 

Daniele Cipri: "E stato il figlio" 2012

 

Der Film  handelt von einer in armen Verhältnissen lebenden Familie aus Palermo, deren Tochter versehentlich bei einer Schießerei stirbt. Der Vater hadert daraufhin mit sich, vom Staat eine finanzielle Entschädigung für Mafia-Todesopfer anzunehmen. Der Film wurde in Brindisi ( Apulien ) gedreht und erhielt in Venedig eine Nominierung für den Goldenen Löwen,  einen Preis für die Kameraarbeit sowie eine Cinema-for-UNICEF-Erwähnung.

Die Dreharbeiten fanden in Paradiso (Piazza Antonio de Ferraris), Commenda (Posta) und Bozzano, in Mesagne, San Pancrazio Salentino und anderen Städten der Provinz Brindisi statt.

 

 

Cipri arbeitete eine zeitlang mit Franco Maresco, der in Italien berühmt ist für seine kritischen und sarkastischen Film- und Fernsehproduktionen, zusammen. Sie inszenierten die dadaistische Kultserie Cinico TV. Ihr erster gemeinsamer Film war Der Onkel aus Brooklyn, 1995. Danach folgten weitere Produktionen, die den Kultstatus des Duos festigten. Der 1998 erschienene Film Totò, der zweimal lebte war der letzte italienische Film, der von der italienischen Zensur verboten wurde

 

2014 erschien der erste Solofilm Marescos: Belluscone – Warum die Italiener Berlusconi lieben, bei dem es um das Verhältnis von Staat und Mafia in Italien geht. Bei den 71. Filmfestspielen in Venedig wurde der Film mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.

 

 

 

to be continued...