Warum Reisen?

 

Bevor es los geht nach Apulien: eine kleine Einführung in die Geschichte und Philosophie des Reisen im Allgmeinen.

 

Warum reisen Wir? Hat Reisen vor allem etwas mit Eskapismus zu tun, also einer Art Flucht, wie Tourismusforscher meinen? Beim Reisen geht es einerseits um Sozialprestige, andererseits stellt Reisen eine Flucht vor frustrierenden Arbeitsbedingungen ( Entfremdung) dar, erklärte Hans Magnus Enzensberger 1959 in seinem Essay „ Theorie des Tourismus“. Die Deutschen gelten als Weltmeister des Reisens, Reiseblogs boomen, digitale Nomaden ziehen um die Welt und arbeiten von unterwegs. Woher die große Sehnsucht nach woanders, ist es wirklich nur der Arbeitsfrust oder nicht auch etwas Abenteuerlust oder bedingt das eine das andere?

 

Früher reisten Menschen, weil sie fremde Welten erforschen und Erobern wollten. Abenteuerromane wie „20.000 Meilen unter Meer“ (Jules Verne) oder „Die Entdeckung der Langsamkeit“ (Sten Nadolny) erzählen davon. Manchmal fanden sie auf Reisen ein Paradies, das sie nicht mehr verlassen wollten, wie in der „Meuterei auf der Bounty“ (diverse Romane und Erzählungen), manchmal die Hölle wie in „Herz der Finsternis“ (Joseph Conrad). Andere Reisemotive waren: religiöse Gründe ( Pilgerreisen), Bildungsreisen oder Handel.

 

Als Erfinder der Pauschalreise gilt Thomas Cook, ein Baptist und strenger Alkoholgegner, der Arbeiter durch organisierte Ausflüge vom Trinken abhalten und Gott näher bringen wollte. 1841 organisierte er eine zweistündige Zugfahrt mit Tee und Blasmusik für etwa 500 Teilnehmer. Der kleine Ausflug wurde ein Riesenerfolg und Thomas Cook ein reicher Mann. Er erfand Reiseschecks, Flusskreuzfahrten, Reisekataloge und touristische Weltreisen. Rein wirtschaftlich gesehen wurde der Tourismus fast auf der ganzen Welt eine Erfolgsgeschichte, allerdings profitierten und profitieren davon wie bei jeder Form von Industrie einige wenige auf Kosten vieler anderer. Exzessive Formen von Tourismus zerstören Natur und Kultur, können ein Land, Landschaften und Traditionen für immer verändern.

 

Ich glaube, im Grunde befriedigt Reisen noch heute das menschliche Bedürfnis, Entdeckungen und Erfahrungen zu machen. Selbst Sonnenbaden am Strand ist die Erfahrung eines anderen Körpergefühls, selbst Menschen die Kreuzfahrten machen oder all-inklusiv Urlaub buchen und damit den Kontakt zu fremden Kulturen auf ein Minimum reduzieren, entdecken vielleicht einen Sonnenuntergang, den sie so zuhause nicht erleben können. Nordlichter, einen südlichen Sternenhimmel, den endlosen Horizont der Wüste wird man auf Balkonien schwer finden. Das Meer als Sinnbild des Geheimnisvollen, Unerforschten eben sowenig.

 

Ist es dann nur Langeweile, die uns raus treibt in die Welt? Die könnten wir uns bequemer am Fernseher oder mit dem Computer vertreiben. Vielleicht gibt es in nicht allzu ferner Zukunft eine App, mit der wir uns eine ideale, auf unsere individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Reise simulieren können, Überraschungen und kleine Abenteuer inklusive. Noch ist es nicht soweit. Noch hat Reisen mit Bewegung zu tun, innerlich und äußerlich. Je stärker das Gefühl der Entfremdung von Arbeit, Natur, oder gar der eigenen Heimat, desto stärker der Wunsch, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Immer aber ist Reisen eine Art der Weltanschauung und manchmal kann eine einzige Reise alles ändern. Das ist mir in Apulien passiert.