Übernachten in der Altstadt

 

Der folgende Spaziergang soll zeigen, was es in einer typischen Altstadt in Apulien zu sehen gibt. Inspiriert ist er von dem Buch " Die Stadt als Kunstwerk".

 

Die Stadt als Kunstwerk

 

Die meisten Altstädte in Apulien entstanden vor dem 15. Jahrhundert, also in einer Zeit, in der die Frage, wie komme ich am schnellsten von A nach B noch keine große Rolle spielte. Deshalb sind sie so verwinkelt gebaut. Erst im 15. Jahrhundert entwickelten sich die Städte von einer Lebenswirtschaft zur Geldwirtschaft. Das veränderte auch die Organisation des Raumes, der auf perspektivische Ordnung reduziert wurde. Erst jetzt begann man gerade  Straßen zu bauen.

 

Gegründet wurde diese Stadt, wie einige andere in Apulien, vor über 2000 Jahren von den Griechen.  Ich habe in der Altstadt 17 kleinere und größere Kirchen gezählt. Drei Gassen gehen relativ geradlinig zur Neustadt. In diesen Gassen gibt es die meisten Geschäfte und Kneipen. Der Rest der Altstadt ist ein Labyrinth aus kleinen Gassen, von denen viele zu eng für Autos sind und in denen man sich wunderbar verlaufen kann. Es gibt ein paar kleine Nachbarschaftshöfe und drei größere Plätze. Auf der Piazza sitzen fast immer ein paar ältere Männer oder wird von Kindern zum Fussballspielen genutzt. In Berlin würde man diese Plätze heute Begegnungszonen nennen. In der città vecchia herrscht oft Autoverbot außer für Anwohner und Lieferwagen. Viele Gassen sind eh zu eng für Autos. Wenn mal ein Auto im Schrittempo an mir vorbeifährt, dann sind es die dreirädrigen, alten Apen, die frisches Obst und Gemüse liefern oder direkt von der Ladefläche verkaufen.

 

Die Altstadt ist immer blitzblank geputzt. Der Müll wird zu bestimmten Zeiten vor die Tür gestellt und abgeholt. Kein Platz für größere Mülltonnen. An einigen Häuserwänden verwittern die Reste von Wandmalereien mit christlichen Motiven. Die Bögen und Hauswände sind ein beliebter Platz für Madonnen. Das sind  öffentliche Andachtsräume, die den Schutzheiligen oder Beschützerinnen der Stadt gewidmet sind. Was es in der Altstadt nicht gibt, sind Ampeln, Werbung, größere Geschäfte, Hotels und Neonlicht.

 

 

Lungomare und Cittaslow

 

Alle Küstenstädte haben einen lungomare. Der lungomare ist ein Weg, der am Meer entlang führt und der sich mit Uferpromenade oder Flaniermeile übersetzen lässt. Er dient dem Müßiggang, allerdings gibt es immer auch ein bißchen Spektakel: Karussells für die Kleinen, Feste und Veranstaltungen für die Großen. Ganze Familien flanieren hier entlang und besonders an den Wochenenden kann es richtig voll werden.

In den letzten Jahren haben sich in Apulien fünf Orte der Organisation Cittaslow ( langsame Stadt), der internationalen Vereinigung für lebenswerte Städte angeschlossen: Gravina in Puglia, Trani, Cisternino, Orsara di Puglia und Sant´Agata di Puglia. Das Netzwerk wurde 1999 in Orvieto ( Italien ) gegründet.

 

 

Lewis Mumford, der Autor des Artikels über die Kultur der Stadt, nennt einige Motive dafür, warum Menschen sich in Städten ansiedelten: "Die sesshaften Menschen kehren an bestimmte Stätten immer wieder zurück, in die Höhle, zu den Gräbern. Wenn man irgendwo bleibt und zusammenarbeitet, lässt sich das Leben sinn- und wertvoller gestalten. Die Stadt als Kultstätte, als Wallfahrtsort, festlicher Treffpunkt. Die Stadt als Behälter: Sicherung des Lebens, der Fortpflanzung. Als Speicher für Güter und Erfahrungen. (...) In den schnell wachsenden Städten fehlt es nicht nur an Sonnenlicht und frischer Luft, sondern vor allem an Wissen, um das soziale Leben zu organisieren. Ein ländlicher Dorfbewohner des 17. Jahrhunderts in Holland versteht mehr vom Leben in einer Gemeinschaft als ein Bürgermeister des 19. Jahrhunderts in Berlin oder London. Bis auf das Erbe der Vergangenheit, verschwindet die Stadt als kollektives Kunstwerk und besonders in Nordamerika, wo es keine kontinuierliche Entwicklung großer Monumente und keine tradierten Gewohnheiten des sozialen Miteinanders gibt, herrscht ein eher rauhes Sozialleben." Lewis Mumford war ein US-amerikanischer Architekturkritiker, Wissenschaftler, Historiker, Philosoph, Soziologe, Schriftsteller.

 

Tipps für das Übernachten in der Altstadt

 

Wohnen in der Altstadt heißt Leben auf engstem Raum. Die Wohnungen sind nicht so groß geschnitten, wie wir es gewohnt sind. Wohnen im Erdgeschoss heißt Wohnen in Augenhöhe mit Bewohnern und Passanten. Lautes Gegröle oder Musik habe ich in der Altstadt nie gehört, Kirchenglocken und Stimmen von Menschen gehören zur ständigen Geräuschkulisse. Im Winter bis in den April hinein kann das Klima in Apulien und die Wohnungen in der Altstadt feucht und kühl sein. Trotzdem hat Übernachten in der città vecchia für mich deutlich mehr Reiz als ein Hotel und natürlich gibt es auch mehrstöckige Wohnungen mit Dachterasse. Im Hochsommer sind die Wohnungen dann angenehm kühl.