Reisebericht Taranto (Tarent)

Bröckelnde Fassaden, romantische Ruinen und subversive Poesie machen den  eigenartigen Reiz Tarantos aus. In vielen Reiseführern wird Taranto allenfalls als Geheimtipp erwähnt.

 

Ach Italien! Wir Deutschen lieben Bella Italia: Das Klima, das Essen, die Natur, die Kultur und die Schönheit. Vor allem Romantiker lieben Italien: Rom, Florenz, Venedig, Palermo, Neapel und all die mittelaterlichen Dörfer mit ihren engen Gassen, die so unberührt sind von modernen Errungenschaften der Großstadt wie Werbung, Supermarkt und Verkehr. Im Urlaub können wir uns ein bißchen Romantik erlauben.

 

„Ich wünsch mir bröckelnde Fassaden zurück.“ steht an einem Hauseingang im Prenzlauer Berg. Die bröckelnden Fassaden verschwinden aus Berlin, aber vielleicht ist es das Berlin der 9oer Jahre, das Markus, unser Gastgeber aus Taranto, im Kopf hat, als er mir verspricht:

„Die Altstadt von Taranto ist beliebt bei Fotografen und wenn du aus Berlin kommst, wirst du es sicher mögen.“ Ich hatte Taranto bereits einmal kurz im Winterregen gesehen. Damals kam es mir ziemlich trostlos und etwas morbide vor, hatte aber einen unerklärlichen bleibenden Eindruck hinterlassen, als hätte die Stadt ein Geheimnis, das es zu entdecken gibt.

 

Palazzo Ulmo

 

Als ich im Mai in Taranto ankomme, erweist sich unsere Unterkunft als Volltreffer. Der Palazzo Ulmo im Herz der Altsstadt ist ein kleiner Palast aus dem 17. Jahrhundert, der lange Zeit unbewohnt war und seit mehreren Jahren in Gemeinschaftsarbeit von den Bewohnern renoviert wird. Im Innenhof befindet sich ein Coworking space. Häufig finden hier kulturelle Veranstaltungen, Konzerte oder Workshops statt. Im Treppenhaus: bröckelnde Fassaden und unser Appartment im 4. Stock ist ein kleines Juwel, sehr modern eingerichtet.

 

 

Als ich durch die schwere Holztür des Palazzo Ulmo auf die Straße trete, kommen mir Kinder entgegengelaufen: „ Dov´è Teresa?“ Wo ist Teresa? fragen sie. Teresa ist unsere Gastgeberin und engagiert sich in sozialen Projekten für Kinder. Markus nennt sie scherzhaft Mutter Teresa.

 

Bei einem ersten Spaziergang entdecke ich, dass viele Häuser halb verfallen sind, einige werden von Stahlträgern gehalten, um sie vor dem Einsturz zu schützen. Andere sind in gutem Zustand. Es gibt ein paar griechische Säulen und Mauern aus der Antike, eine Universität, ein Hostel, wenige Cafes und Restaurants, ein Luxushotel und viele kleine Lebensmittelgeschäfte. Und es weht ein Hauch von Anarchie und Poesie durch die Altstadt: knatternde Mopeds und spielende Kinder wuseln durch die Gassen, die Fassaden voller Bilder, streetart, Gedichten und anderen Botschaften. "Ich will ein Leben. Ich will es voller Ärger." steht an einer Mauer. An einer anderen einfach nur: " Unser Enkel ist geboren."

 

Taranto

 

Vor mehr als 2000 Jahren wurde Taranto von den Griechen gegründet und ist seit einigen Jahrzehnten zu große Teilen unbewohnt. Niemand scheint so genau zu wissen warum. Vielleicht hatte es ähnliche Gründe wie in der Höhlenstadt Matera. Die meisten Wohnungen waren in so schlechtem Zustand, dass die Einwohner in den 1960er Jahren in Neubauten umgesiedelt wurden. Heute ist ->Matera ein beliebtes Ziel bei Touristen. Taranto ist weit davon entfernt.

Die Altstadt von Taranto liegt auf einer Insel zwischen dem mare piccolo und dem mare grande und ist nur durch zwei Brücken mit dem Festland verbunden. Am lungomare verkaufen mittags die Fischer ihren Fang : Fisch, Muscheln, Seeigel. Viele Menschen hier leben noch vom Fischfang und von den Austernbänken des mare piccolo. Abends baden hier Kinder. Das Meer ist überall präsent: auch in den Bildern der streetart Künstler.

 

Inselmentalität

 

"Die Inselmentalität ist das besondere an Taranto", meint Teresa und fügt hinzu "wie auf Lampedusa. "Ich weiß nicht genau, was Teresa damit meint, aber vielleicht gilt auch hier wie in Lampedusa das althergebrachte Gesetzt des Meeres: Flüchtlinge sind unter allen Umständen aus Seenot zu retten. In einer Radiosendung über das Mittelmeer habe ich gehört, dass es auf Lampedusa zu Demonstrationen kam, auf denen die Inselbewohner für die Migranten eintraten. Statt Abweisung und Rassismus gab es Szenen der Verbrüderung. Zwar kommen in Taranto nur wenige Flüchtlinge direkt mit Booten an, aber in vielen Bildern an den Fassaden drückt sich Solidarität mit den Flüchtlingen aus.

 

 

Für das Abendessen empfehlen Markus und Teresa "mena, mena, me"  in der Via di mezzo, ein winziges Lokal fünf Minuten zu Fuß vom Palazzo Ulmo entfernt. Wir sitzen in der lauen Sommerluft draußen an kleinen Holztischen und essen von Plastiktellern Frittura oder andere frische Fischgerichte (für ca. 8 euro inklusive Bier oder Wein). Meine Mitreisende meint der Fisch schmecke so frisch, als hätte er vor einer halben Stunde noch im Meer geschwommen und sie riskiert in den folgenden Tagen einen Eiweißschock, denn von den fünf Abenden, die wir in Taranto sind, essen wir an vier Abenden hier Fischgerichte. Bars und Nachtleben gibt es in der Altstadt nicht. Nur wenige Menschen flanieren am nahegelegenen lungomare entlang und Touristen scheinen sich kaum hierhin zu verirren.

 

Taranto
Fliegender Fisch an der Häuserwand gegenüber "mena, mena, me"

Ein echter Touristenmagnet wird Taranto wohl nie werden, denn der Anblick des Stahlwerks Ilva im Nordwesten der Stadt passt einfach nicht in die Skyline eines romantischen Urlaubsidylls. Für mich gehört die Altstadt von Taranto durch seine Mischung aus bröckelnden Fassaden, Inselmentaliät und wilder Poesie aber zu den Highlights in Apulien.

 

Die bemalten Mauern haben mich so fasziniert, dass ich einen ->extra Artikel mit viel mehr Bildern dazu geschrieben habe.

 

 

 

Die Neustadt Tarantos

Taranto Neustadt
Taranto Neustadt

 

Die Neustadt mit ihren großen Einkaufstraßen hat auf mich zwar keinen so geheimnisvollen Reiz ausgeübt, aber ein kleiner Bummel lohnt auch hier. Schön schattig ist der lungomare der Neustadt. Wer ein bißchen in der Sonne dösen oder sich kurz abkühlen möchte, geht einfach an den kleinen Strand, der im Mai noch sehr wenig besucht ist. Traumstrände findet ihr einige Kilometer südlich von Taranto.

 

Wer tiefer in die Geschichte Tarantos eintauchen möchte, kann das im Nationalen Archäologischen Museum MarTa, das eines der wichtigsten Museen Italiens ist und die Geschichte Tarantos von der Prähistorie bis ins Hochmittelalter darstellt. Zu sehen sind die berühmten Ori (Goldarbeiten), Grabbeigaben der Nekropolis der Stadt, Fussbodenmosaike aus öffentlichen und privaten Gebäuden der Kaiserzeit und die Pinakothek mit wichtigen Gemälden aus der neapolitanischen Schule.

 

www.museotaranto.org

 

Taranto Strand
Taranto Strand

Bekannt ist Taranto auch wegen seiner Osterrituale während der -> Settimana Santa und der Name der Stadt stand Pate für -> Tarantismus und Tarantella, den Tanz der kleinen Spinne.

Ruinenkult und der amivalente Reiz des Romantischen

 

Neben Kunst und Natur begannen die Menschen im  19. Jahrhunderts erstmals Kulturlandschaften als schön zu empfinden. Den Charakter der Unberührbarkeit, der uns Natur als schön empfinden lässt, haben sie zwar eingebüßt, was uns Kulturlandschaften als schön empfinden lässt ist, dass sich in ihnen Geschichte ausdrückt. Diese Entdeckung wurde in der Romantik gemacht und geht auf den Ruinenkult zurück.

„Mit dem Verfall der Romantik“ meint Adorno, „ist das Zwischenreich Kulturlandschaft oft verkommen bis hinab zum Reklameartikel für Orgeltagungen und neue Geborgenheit.“ Das Verhältnis zur Vergangenheit sei vergiftet durch eine reaktionäre Tendenz. Daher ist der Freude an kleinen Mäuerchen oder hübschen Dörfchen, immer ein gewisses Unbehagen beigemischt. Und trotzdem, meint Adorno, lässt sich die Wahrnehmung nicht ausreden, dass in dieser Zurückgebliebenheit etwas Humaneres und Besseres liegt. Der Anblick dieser Mäuerchen stillt eine Sehnsucht, die anders nicht zu befriedigen ist, denn die Dimensionen des Vergangenen können trotz ihrer reaktionären Tendenz nicht einfach als Abfall der Geschichte weggefegt werden.

 

In Deutschland war die Epoche der Romantik (Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts) besonders ausgeprägt. Sie war im Gegensatz zu Aufklärung und Klassik geprägt durch die Betonung des Gefühls, die Hinwendung zum Irrationalen, Märchenhaften und Volkstümlichen und durch die Rückwendung zur Vergangenheit.

 

Wer in Apulien unberührte Natur sucht, wird vielleicht enttäuscht sein. Apuliens Faszination liegt im Reichtum unterschiedlichster -> Kulturlandschaften vom Valle d´Itria bis Taranto und natürlich in den -> traumhaften Küstenlandschaften. Das heißt aber nicht, dass die Zeit hier  stehengeblieben ist. Gleich bei meiner ersten Apulienreise fand ich mich in einer kleinen Kapelle wieder, die für einige Abende zum Kinosaal umfunktioniert war. Da saß ich dann, sah Dziga Vertovs "Kameramann", live mit elktronischer Musik unterlegt und mein Italienklischee von rückstandig konservativer Frömmigkeit, begann zu bröckeln.

 


Mehr über Taranto: Streetart und der Kampf gegen das Stahlwerk Ilva

Ausflugsziele in der Nähe: Die Höhlenkirchen von Massafra und Mottola