Die schönste Stadt Apuliens

 

Wenn in einer Stadt die Lebenszusammenhänge der Bewohner und ihrer Geschichte nicht mehr spürbar sind, bleibt sie reine Kulisse. Es gibt in Apulien eine künstliche Altstadt - nachgebaut im Luxus-Resort Borgo Egnazia.

 

Diese Altstadt dagegen ist ein Traum, aber keine Kulisse. Und der Mantel der Geschichte ist leicht wie ein Sommerkleid.

 


 

Es ist die Stadt, die ich am besten kenne in Apulien und zu der ich eine ganz besondere Beziehung habe, weil ich hier soviel erlebt habe. Seit Tagen sitze ich schon hier und bastel immer wieder an einem Text, aber es gelingt mir nicht in Worte zu fassen, was mich hier so magisch anzieht.

 

Ich wollte davon erzählen, was es in den Gassen zu sehen gibt, wenn man genauer hinsieht und wovon die Dinge erzählen, wenn man ein bißchen darüber weiß. Dann habe ich auf youtube ein Video gefunden und gemerkt, der Mann der es gedreht hat, dem sind teilweise die gleichen Dinge aufgefallen wie mir: die schlichte Schönheit, spielende Kinder und Einheimische, die sich gerne mit dir unterhalten. Ich habe mich gefragt, warum das überhaupt erwähnenswert ist? Wahrscheinlich, weil viele andere Städte bereits unter overtourism leiden.

 

Nachts hatte ich dann diesen Traum. Ich habe in dem Traum nach dem Bild von dem Mädchen gesucht, das ich bei meiner letzten Reise in einer menschenleeren Gasse entdeckt hatte. Es war nicht mehr da. Ich habe mich umgesehen und da war das Meer. Aber es war nicht das Mittelmeer: kein türkises, sanftes Meer, sondern die Nordsee oder der Atlantik. Es war dunkel Nacht und auf dem Meer war ein kleines Licht. Vielleicht ein Feuerwerk , aber wieso sollte jemand mitten auf dem Meer, kilometer weit weg ein Feuerwerk veranstalten, ohne Menschen, ohne Publikum. Auf dem Rückweg am lungomare habe ich ein Karussel für Kinder entdeckt und dann fing es an zu schneien. Erst nur ganz leicht, dann immer heftiger und ich hatte Angst, ich komme nicht mehr zurück in die schützende Stadt und muss erfrieren. Dann bin ich vor Schreck aufgewacht.

 

 

Die Kultur der Städte

Mit dir an der Seite ist die Welt weniger falsch.
Mit dir an der Seite ist die Welt weniger falsch.

 

Als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal für eine Woche hierher kam, konnte ich mich an dieser Stadt nicht sattsehen. " Wow, hier war ich ja noch nie", dachte ich an jeder zweiten Ecke, "oder war ich gestern schon hier, bin aber aus der anderen Richtung gekommen? Warum haben die damals nur so verwinkelt gebaut?  Vielleicht damit Angreifer bei Überfällen die Orientierung verlieren?"

 

Jetzt bin ich zum fünften Mal hier und verlaufe mich wieder, obwohl die Altstadt eigentlich gar nicht so groß ist. In meinem Lieblingscafe am Rande der Altstadt trinke ich einen caffè und merke beim Lesen eines Buches über Stadtgeschichte, dass meine Frage falsch war. Sie hätte eigentlich lauten müssen. Warum begann man irgendwann, alle Straßen schnurgerade zu bauen?

 

Die Altstadt

Gegründet wurde dieser Ort vor über 2000 Jahren von den Griechen. Im 11. Jahrhundert nahm die Altstadt langsam Form an. Ihre heutige Fläche schätze ich auf 200 m x 300 m. Ich habe 17 kleinere und größere Kirchen gezählt. Der lungomare schlängelt sich von der porta vecchia, dem alten Stadttor, hinter der Stadtmauer vorbei am Castello aus dem 16. Jahrhundert bis zum Hafen. Von da aus gehen drei Gassen relativ geradlinig zur Neustadt. In diesen Gassen gibt es die meisten Geschäfte und Kneipen. Der Rest der Altstadt ist ein Labyrinth aus kleinen Gassen, von denen viele zu eng für Autos sind. Es gibt ein paar kleine Nachbarschaftshöfe und drei größere Plätze. Auf einem dieser Plätze befinden sich Restaurants, die öffentliche Bibliothek und der "Circolo fra Marittimi" ( Verein zwischen den Meeren) mit einer alten Sonnenuhr.

 

 

Der kleine Platz wird oft von Kindern zum Fussballspielen genutzt. Das Schild Fussballspielen verboten ignorieren sie konsequent.  In der città vecchia herrscht Autoverbot. Es gibt auch keine Mopeds, die durch die Gassen knattern. Wenn mal ein Auto im Schrittempo an mir vorbeifährt, dann stinkt es ganz schön nach Diesel, denn oft sind es die dreirädrigen, alten Apen, die frisches Obst und Gemüse liefern oder direkt von der Ladefläche verkaufen.

 

An der porta vecchia riecht es immer nach Meer, in manchen Gassen nach Jasmin, meistens riecht es aber nach Seife. Die Altstadt ist immer blitzblank geputzt. Der Müll wird zu bestimmten Zeiten vor die Tür gestellt und abgeholt. Kein Platz für größere Mülltonnen.

 

An einigen Häuserwänden verwittern die Reste von Wandmalereien mit christlichen Motiven. Die Bögen und Hauswände sind ein beliebter Platz für Madonnen. Das sind also öffentliche Andachtsräume, die den Schutzheiligen oder Beschützerinnen der Stadt gewidmet sind. Hier ist es die Ikone der Maria SS. della Madia. Häufig wird sie zusammen mit einem kleinen Floss dargestellt, denn der Legende nach erreichte sie von der Türkei kommend im Jahre 1117 hier die Küste, was sie vor der Bilderzerstörung bewahrte. Das Holz des Flosses wurde zur Fertigstellung des Daches der Kirche benutzt, für das bis dahin das Holz fehlte. Ein kleines Wunder also, so die Legende..

 

Lungomare und Cittaslow

Am Abend spazieren vom lungomare aus immer mehr Menschen in die Altstadt. Der lungomare ist ein Weg, der am Meer entlang führt und der sich mit Uferpromenade oder Flaniermeile übersetzen lässt.

 

 

In den letzten Jahren haben sich in Apulien fünf Orte der Organisation Cittaslow ( langsame Stadt), der internationalen Vereinigung für lebenswerte Städte angeschlossen: Gravina in Puglia, Trani, Cisternino, Orsara di Puglia und Sant´Agata di Puglia. Das Netzwerk wurde 1999 in Orvieto ( Italien ) gegründet.

 

Der Name meiner Lieblingsstadt bleibt ein Geheimnis. Alle sogenannten größeren Sehenswürdigkeiten und "Postkartenmotive" habe ich ausgespart, denn der Artikel ist als Einladung zum hinsehen gedacht. Nur so könnt ihr sie entdecken: eure persönliche Lieblings-Altstadt. Auf tripadvisor oder ähnlichen Portalen werdet ihr sie nicht finden.

 


Diesen Artikel habe ich 2018 geschrieben. Im September 2019 war ich wieder da und ich finde, die Stadt hat sich sehr verändert. Noch mehr neue B&B für die obere Preisklasse. Vieles wirkt etwas versnobt. Aber: Der lungomare ist komplett saniert worden und da findet ihr jetzt keine Hotelanlagen oder Appartements, sondern eine große Fläche für kleine Skater und den bestgelegensten kleinen Fussballplatz der Welt - direkt am Meer - rundum mit Netzen abgeschirmt, damit der Ball nicht ins Wasser fallen kann. Das ist dann für mich wieder ein Grund Apulien zu lieben. Der Platz am Meer gehört allen und wird nicht verbaut.

 

Lewis Mumford: Die Stadt als Kunstwerk

 

Im 15. Jahrhundert entwickelten sich die Städte von einer Lebenswirtschaft zur Geldwirtschaft. Das veränderte auch die Organisation des Raumes, der auf perspektivische Ordnung reduziert wurde. Bis auf das Erbe der Vergangenheit, verschwindet die Stadt als kollektives Kunstwerk und besonders in Nordamerika, wo es keine kontinuierliche Entwicklung großer Monumente und keine tradierten Gewohnheiten des sozialen Miteinanders gibt, herrscht ein eher rauhes Sozialleben. In den schnell wachsenden Städten fehlt es nicht nur an Sonnenlicht und frischer Luft, sondern vor allem an Wissen, um das soziale Leben zu organisieren. Ein ländlicher Dorfbewohner des 17. Jahrhunderts in Holland versteht mehr vom Leben in einer Gemeinschaft als ein Bürgermeister des 19. Jahrhunderts in Berlin oder London.

 

Lewis Mumford war ein US-amerikanischer Architekturkritiker, Wissenschaftler, Historiker, Philosoph, Soziologe, Schriftsteller.

1961 erschien sein Hauptwerk "Die Stadt. Geschichte und Ausblick".  In seinem Buch "Mythos der Maschine" beschreibt er die Entstehung und Geschichte der westlichen Zivilisation als technokratische Kultur, die als globale Megamaschine organisiert ist.

Darunter versteht Mumford das System moderner westlicher Wirtschafts- und Lebensweise, das für ihn einen totalitären Anspruch vorbringt.

 

Alle Dinge seien beherrschbar, quantifizierbar, messbar, vorhersagbar. Geschichte, Kultur, Moral und der Mensch  mit seinen Ängsten, Hoffnungenlassen sich nicht quantifizieren. Der Kapitalismus mit seinem Streben nach Wachstum ist die Wirtschaftsform für eine Megamaschine. Dem hält Mumford ein organisches Weltbild entgegen. Zu einer Zeit, da es noch weitgehend Fremdwort ist, schreibt Mumford bereits von Ökologie.

 

Das ist das Bild von dem Mädchen aus meinem Traum.

Ende der Megamaschine

 

 

Der Berliner Autor und Journalist Fabian Scheidler legt in seinem Buch „Das Ende der Megamaschine“ die Wurzeln der Zerstörungskräfte frei, die heute die menschliche Zukunft infrage stellen.

 

 

 

 

https://www.megamaschine.org/

 

 

 

 

Ausstieg aus der Megamaschine: Ein Sechzehn-Punkte-Programm

  1. Streichung aller direkten und indirekten Subventionen für umwelt- und gemeinwohlschädigende Aktivitäten, insbesondere im Energie- und Verkehrssektor, dem produzierenden Gewerbe, der Finanzbranche und der Landwirtschaft.

  2. Umbau der Energiesysteme auf dezentrale erneuerbare Energien in Bürgerhand und Ende der Förderung fossiler Ressourcen bis spätestens 2030.

  3. Umbau der Landwirtschaft zur Agrarökologie und Ernährungssouveränität, wie ihn u. a. der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung fordert.

  4. Konsequenter und schneller Umbau des Transportwesens vom Autoverkehr hin zu öffentlichen Systemen auf der Basis erneuerbarer Energien sowie Drosselung des Flugverkehrs (Verbot von Kurzstreckenflügen u.a.).

  5. Massive Besteuerung klima- und umweltschädlicher Technologien sowie großer Einkommen und Vermögen zur Finanzierung des sozial-ökologischen Umbaus.

  6. Verbot aller Rüstungsexporte, wie es beispielsweise in Japan von 1967 bis 2014 galt.

  7. Verbot von Atomwaffen, wie sie mittlerweile von 122 Ländern der UN gefordert wird.

  8. Wirksame Obergrenzen für sozialverträgliche Mieten und Überführung privater Immobiliengesellschaften in Gemeineigentum nach Artikel 15 des Grundgesetzes.

  9. Überführung des privaten Finanzsektors in gemeinwohlorientierte Eigentums- und Rechtsformen; Kreditvergabe nach sozial-ökologischen Kriterien, nicht nach Rendite.

  10. Überführung von Unternehmen ab einer bestimmten Größe in gemeinwohlorientierte Eigentums- und Rechtsformen in Belegschaftshand.

  11. Beendigung des globalen Apartheidregimes: Bewegungsfreiheit für Migranten und Geflüchtete, sichere Einreisemöglichkeiten in die EU, Anerkennung von Klimaflüchtlingen und erweitertes Bleiberecht.

  12. Durchsetzung von globalen sozialen Rechten: Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, sauberem Wasser, gesunder Ernährung, Energie, angemessenem Wohnraum und Kultur sind als unveräußerliche Menschenrechte unabhängig von Geld, Markt und Herkunft zu gewähren.

  13. Neue Handelsregeln, die Menschenrechten, Umweltschutz und sozialer Sicherheit dienen, anstelle von WTO, TTIP, CETA und JEFTA.

  14. Moratorium für Risikotechnologien, einschließlich Synthetischer Biologie, Gentechnik, Nanotechnologie, Geo Engineering, Fracking, transhumaner Künstlicher Intelligenz und 5G-Technologie, sowie umfassende zivilgesellschaftliche Prüfung nach dem Vorsorgeprinzip.

  15. Einführung von Bürgerräten für die gesellschaftliche Transformation einschließlich eines Bürgerkonventes für die Erarbeitung einer neuen EU-Verfassung.

  16. Aufbau von nicht-kommerziellen Medien, die diese Themen konsequent verfolgen und Bürger zum Engagement aktivieren.