Pasolini -Sehnsucht nach Menschlichkeit

Er war Melancholiker, Provokateur, Kommunist, Filmemacher und aus heutiger Sicht ein Prophet. Erinnerungen Pasolinis Film Das erste Evangelium Matthäus und das Verschwinden der Glühwürmchen.

 


Pasolini - Der Prophet

 

Er muss so wütend gewesen sein, als er über das Verschwinden der Glühwürmchen schrieb. Und so traurig. Mit all seinen Sinnen habe er sehen müssen, wie die Italiener, die er gegen alle herrschenden Klischees geliebt habe, innerhalb weniger Jahre zu einem degenerierten, lächerlichen, widerwärtigen, kriminellen Volk verkommen seien.

 

Die berühmten Glühwürmchen erwähnt Pasolini zum ersten Mal in einem Brief an Franco Farolfi am 31. Januar 1941. Mit einigen Freunden war Pasolini in einer mondlosen Nacht auf einen Hügel gestiegen und hatte eine Unmenge von Glühwürmchen entdeckt. Er schrieb: „sie bildeten Feuerwälder in den Sträuchern und wir beneideten sie, weil sie sich liebten, weil sie einander mit Licht und Liebesflügen suchten.“ In einer Zeit, in der in Italien Krieg und Faschismus herrschten, beschreibt er diesen Moment des Lachens, des Begehrens, der Freude und der Freundschaft als einen Moment der Unschuld.

 

Fast auf den Tag genau 34 Jahre später veröffentlicht Pasolini seine Totenklage über das Verschwinden der Glühwürmchen. "Ich gäbe, auch wenn er ein Multi ist, den ganzen Montedison-Konzern für ein Glühwürmchen." Bewußt provokant nennt er den kulturellen Niedergang Italiens durch die Industrialisierung und die Konsumgesellschaft einen Völkermord. Er sah darin einen tiefer gehenden Faschismus als den historischen Faschismus unter Mussolini. Der wahre Faschismus war für ihn der Faschismus, der die Werte, die Seelen, die Sprache, die Gesten und die Körper der Menschen attackierte und dem man keinen Widerstand mehr leisten konnte, weil er in das Bewußtsein eingedrungen war. Mit dem Verschwinden der Glühwürmchen ist mehr als eine ökologische Katastrophe gemeint. Es ist für Pasolini ein poetisches und zu gleich apokalyptisches Bild für das Verschwinden des Menschlichen.

 

„Er zweifelt oft an sich selbst, nie jedoch an seiner prophetischen Gabe, vielleicht dem Einzigen, an dem er gerne gezweifelt hätte.“ schreibt John Berger über Pasolini.

Er hat die Wiederkehr des Faschismus vorhergesehen, er hat aber auch nie den Blick verloren für die Schönheit einer Welt, die er im Untergang sah. Pasolini hatte Augen, die mit allen Sinnen gesehen haben, Augen mit der grandiosen Fähigkeit, Gesichter zu betrachten und Gesten vor der Kamera zur Entfaltung zu bringen.

 

Pasolinis Sehnsucht nach dem Sakralen

 

„Wie kommt es, dass ein Marxist wie Sie so viel Inspiration aus Dingen wie Gospel und Zeugnissen des Christentums zieht?“ wurde Pasolini diesem Interview gefragt. „Meine Sicht der Dinge in der Welt, der Objekte ist keine natürliche oder sekuläre. Ich sehe die Dinge immer ein bißchen wie ein Wunder. Für mich ist jedes Objekt ein Wunder. Meine Sicht der Welt ist religiös aber nicht rigide oder sektiererisch.“

 

In Rom entdeckte Paolini das Subproletariat als revolutionäre Gegengesellschaft ähnlich der frühchristlichen Gesellschaft als Vermittler einer unbewußten Botschaft der Demut und Armut im Gegensatz zur bürgerlichen Selbstgenügsamkeit. Diese Erfahrung verwandelte sein Verständnis des Kommunismus. Alberto Moravia beschreibt diesen Kommunismus als nicht wissenschaftlich, aufklärerisch oder marxistisch, sondern als populistisch, romantisch, anthropologisch, in archaischer Tradition verwurzelt und zutiefst emotional. Pasolini selber erklärte in dem Gedicht Una disparate vitalità, dass er Kommunist sei, weil er konservativ sei. „Ich glaube, wenn ich so sehr auf dem Heimweh nach dem Sakralen insistiere, dann deshalb, weil ich den alten Werten verbunden bleibe. Ich habe manchmal das Gefühl, dass sie das Opfer einer künstlich beschleunigten Entwicklung, eines ungerechtfertigt verfrühten Vergessens sind.“

 

Sehnsucht nach dem Sakralen war die Triebkraft der frühen Filme Accatone, La Ricotta, Mama Roma und Das erste Evangelium Matthäus. Elemente seiner Filme sind vereinsamte Helden, Leben ohne Hoffnung, der Wunsch nach Erlösung, Schweigen und christologische Motive.

Das erste Evangelium Matthäus

 

 

„Ich möchte den Dingen – so weit wie möglich – wieder ihre Weihe geben, sie remythologisieren. Ich wollte nicht zeigen wie das Leben Christi wirklich war. Mir lag an ihrer Geschichte und ihrer 2000-jährigen Übersetzung, weil es diese 2000 Jahre Christentum sind, die seine Biografie mythologisiert haben, die sonst fast unbedeutend gewesen wäre.“

 

Pasolini drehte Das erste Evangelium Matthäus mit Laiendarstellern aus Apulien, Lukanien und Kalabrien wortgetreu auf der Grundlage des Matthäusevangeliums in der archaischen Landschaft um Matera. Weder in Palästina, Syrien und Jordanien sah er einen geeigneten Drehort, weil die Moderne und der Kapitalismus schon zu viel zerstörerische Einflüsse ausgeübt hatten. In Matera fand er endlich jene geheimnisvollen und präindustriellen Gesichter und Kulissen.

 

Die Faz schrieb über Das erste Evangelium Matthäus: „Der Film […] ist vielleicht das einzige wirkliche Wunder des Bibelkinos, eine Geschichte von armen Bauern und Fischern, aus deren Mitte der Sohn Gottes erwächst, ein Wanderprediger und Rebell, den Irazoqui mit einer zornigen Entschlossenheit spielt, die kein anderer Leinwand-Jesus je wieder erreicht hat.“

Im Kontrast zu diesem zornigen Jesus steht allerdings eine zutiefst melancholische Musik, die von der Maurerischen Trauermusik Mozarts über russische Volkslieder, Gospel, kongolesischen Rhythmen und immer wieder Bachs Matthäus-Passion (Wir setzen uns in Tränen nieder) reicht.

 

Als Reaktion auf den Film warfen die Neofaschisten Pasolini vor, eine Quelle des christlichen Abendlandes zu beschmutzen, linken Kritikern war der Film nicht radikal genug. Bei der Sondervorstellung für die römischen Konzilsväter soll es dagegen zwanzig Minuten stehende Ovationen gegeben haben. 1995 wurde Das erste Evangelium Matthäus in die Filmliste des Vatikans aufgenommen, die insgesamt 45 Filme umfasst, die aus Sicht des Heiligen Stuhls besonders empfehlenswert sind.

 

Von Pasolini zu Blade Runner

 

Obwohl Pasolinis Film mich noch berührt, erscheint mir seine Filmsprache heute sehr fremd. Zu der Frage, ob dieses Thema sich filmisch in die Gegenwart "übersetzen" lässt, fällt mir Blade Runner 2048 ein.

In einer der ersten Szenen des Films sagt ein Replikant der alten Generation zum Blade Runner K.: " Ihr macht die Drecksarbeit, weil ihr nie ein Wunder gesehen habt." 

 

Replikanten unterscheiden sich wie im ersten Blade Runner Film von Menschen dadurch, dass sie echte Erinnerungen haben. Die Blade Runner der neuen Generation können aber nicht mehr rebellieren. Ihnen wurde Gehorsam implementiert.

Der Film steckt voller religiöser Motive: von einem in Auftrag zum Kindesmord über einen blinden, technokratischen Schöpfergott und seinen Engel und die Hoffnung auf einen Erlöser. Vor dem Hintergrund einer apokalyptischen Welt, in der es keinen einzigen Sonnenstrahl oder Baum gibt, wird ein aus echtem Holz geschnitztes winziges Pferd zum  Symbol für Menschlichkeit. (Vielleicht vergleichbar mit den Pasolinis Glühwürmchen?) In dieser Zukunftsvision scheint jedenfalls wahr geworden, was Pasolini in seinem Text Siamo tutti in periculo beschrieb: „ Die Tragödie besteht darin, dass es keine Menschen mehr gibt, man sieht nur noch seltsame Maschinen, die aneinanderstoßen.“

 

 Zur Erinnerung die Schlußszene des ersten Blade Runner Films:

 

 

Literatur:

 

Überleben der Glühwürmchen von Georges Didi-Hubermann. München, 2012.

Pier Paolo Pasolini Freibeuterschriften. Hrsg. Peter Kammerer. Berlin, Neuausgabe 1998.

Der Chor in unseren Köpfen oder Pier Paolo Pasolini. John Berger. In: Mit Hoffnung zwischen den Zähnen. Berlin, 2008.

 

Weblink:

 

->Pier Paolo Pasolini - unkonventionell religiös. Klaus Englert. Deutschlandfunk.

 

Nach fast jeder Wahl in Europa (Deutschland, Österreich und auch Italien) falle ich in eine Art Schockstarre und Sprachlosigkeit, aus der ich nur schwer wieder rausfinde. Was sind das nur für Zeiten und was könnte man dem Faschismus Besseres entgegenhalten als die Erinnerung an Pasolini?

 


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