Kulturgeschichte in Apulien - eine Spur von Ewigkeit

 

Kultur ist nicht nur Kino, Theater, Musik und Literatur, sondern in erster Linie eine Frage der Orientierung. Kultur gibt Menschen Halt und Identität, aber sie muss gepflegt werden, wenn man möchte, dass sie wächst.

 

 

Um einen Eindruck vom geschichtlichen Reichtum und den Einflüssen unterschiedlichster Kulturen in Apulien zu bekommen, muss man nicht ins Museum gehen. Es reicht ein Bummel durch eine der Altstädte, die noch fast überall gut erhalten sind. Tarent (Taranto), Callipolis (Gallipoli) und Neapolis (Polignano) wurden von Griechen gegründet. Dann kamen Römer, Araber, Langobarden, Goten und Byzantiner, Normannen, Aragoner, Franzosen, Spanier, Österreicher. Auch ohne Architekturstudium wird man spüren, dass gerade das Zusammenspiel unterschiedlichster Baustile und Epochen den Reiz vieler Orte in Apulien ausmacht.

"Man fühlt sich erinnert an ein Italien,  dessen Erscheinungen die Gabe der Ewigkeit besitzen zu schienen." So hat es Pasolini beschrieben. "Man konnte sich als ein Held der Veränderungen und des Neuen fühlen, denn die Gewissheit, dass die Städte und Menschen in ihrer Tiefe und Schönheit sich nicht verändern würden, gab Mut und Kraft." Später beklagte Pasolini in seinem Text " Das Verschwinden der Glühwürmchen",  die Gleichschaltung vieler verschiedener Kulturen in Italien durch Industrialisierung und Konsumgesellschaft. Und er behauptet, das Trauma des Zusammenstoßes einer vielfältigen archaischen Welt mit der industriellen Nivellierung habe nur einen Präzedenzfall: Deutschland in den 20er Jahren.

 

Auch die Kulturlandschaften Apuliens, wie das Itriatal und die 60 Millionen Olivenbäume, die zum Teil mehrere hundert Jahre alt, sind vermitteln in Apulien noch einen Hauch von Ewigkeit. Wer unberührte Natur sucht, wird abgesehen von der Küste und einigen Nationalparks vielleicht enttäuscht sein. Apuliens Faszination liegt im Reichtum unterschiedlichster Kulturlandschaften. "Den Charakter der Unberührbarkeit, der uns Natur als schön empfinden lässt, haben diese Kulturlandschaften zwar eingebüßt, was sie uns aber als schön empfinden lässt ist, dass sich in ihnen Geschichte ausdrückt." So Adorno über Kulturlandschaften.

 

Feste und Bräuche

 

Als Touristen bewundern wir die Schönheit der Städte, den Reichtum an Architektur und Kunst in Apulien und ganz Italien Italien, aber wenn wir eine Prozession durch ein Dorf ziehen sehen, dann erscheint das vielen von uns als mittelalterlich und sehr befremdlich. Auch ich habe Teile des Dorflebens während eines längeren Aufenthalts in Carovigno erstmal als Kulturschock erlebt.

 

Tatsächlich hat Apulien seine Kultur und Tradition, von denen viele religiösen oder auch heidnischen Ursprungs sind, mehr bewahrt als der industrialisierte Norden Europas. Dazu gehören Patronatsfeste zu Ehren der Schutzheiligen des jeweiligen Ortes, von denen das bekannteste das Fest zu Ehren von San Nicola in Bari ist. Dazu gehören die Osterrituale und die Mysterienspiele, wie zum Beispiel in Taranto. Dazu gehören die Sagre, also Feste, die einem speziellen landwirtschaftlichen oder gastronomischen Gericht gewidmet sind. Dazu gehören aber auch nicht religiöse Feste wie das Lokusfestval in Locorotondo und die Notte della Taranta, ein Musikfestival, das jährlich durch verschiedene Orte des Salento tourt.

 

Heute wird für die Kulturen des Südens, wie auch für Apulien, gerne das Schlagwort „zwischen Antike und Moderne“ benutzt. Das klingt ein bißchen so, als befänden sich diese Kulturen in einer Übergangsphase auf dem Sprung zur Moderne oder als seien sie irgendwo dazwischen steckengeblieben, schlimmstenfalls im düsteren Mittelalter.

 

In der Antike bedeutete Kultur so viel wie ein pflegender Umgang mit etwas, von dem der Mensch hoffte, dass es wächst. Daher beinhaltete die antike Kultur Akte der Verehrung, des Bittens, Betens und Hoffens. Agrikultur bedeutete kultivierender Umgang mit Land und Boden. Cultura animi war der übende Umgang mit den Geistesfähigkeiten (Philosophie). Cultura dolorum war eine Kultur der Schmerzen, des Leidens, der Erlösung.

 

Die Renaissance regionaler Traditionen

 

Allerdings müssen sich Antike Tradition und Moderne nicht ausschließen, wie sich Apulien zeigt. Wo unterschiedliche Kulturen und Menschen friedlich miteinander leben wollen, müssen Kompromisse gemacht werden. Vieles, was uns in Deutschland unvereinbar scheint, ging und geht in Apulien zusammen: In dem vom Katholizismus geprägten Land regierte von 2005 bis 2015 ein Ministerpräsident, der sich selbst als katholisch, schwul und kommunistisch bezeichnet. Die katholische Kirche musste schon Jahrhunderte zuvor lernen, heidnische Bräuche wie den Tarantismo zu akzeptieren und zu integrieren. Heute teilt sich die Tarantella-Band TerraRoss, bekannt für eher kritische Texte, bei ihren Auftritten bei Patronatsfesten schon mal die Bühne mit dem Pfarrer und Kapellen können in kleine Kinosäle verwandelt werden.

 

Nachdem in den 70er Jahren viele Traditionen zu verschwinden drohten, begann in den 90er Jahren in Apulien eine Rückbesinnung auf lokale Traditionen wie z.B. der musikalischen Tradition des Tarantismus. Neotarantismus und die Pizzica entwickelten sich seitdem zu einem identitätsstiftenden Moment für den Süden, die sich gegen die vereinheitlichenden Tendenzen des Nordens und der Globalisierung richtet. Inzwischen gibt es auch afrikanische und andere ethnische Einflüsse in dieser Musik.

Auch auf die Esskultur und die vielen regionalen Gerichte, die nicht nur durch frischen Fisch, sondern auch durch die bäuerliche Küche geprägt ist, ist Apulien heute stolz. Enogastronomie ( Wertschätzung von Wein und Essen) spielt in Apulien eine wichtige Rolle. Mc Donalds oder Starbucks wird man hier nicht finden. Burger mit frischem Fisch oder Tintenfisch - als Weiterentwicklung der regionalen Küche schon.

 

Verschwindet der Süden?

 

Viele Menschen setzen sich für Biodiversität, Umwelt- und Tierschutz ein. Zumindest das Bewußtsein dafür ist groß. Wenn dagegen eine Sprache, ein Dialekt oder eine Kultur ausstirbt, passiert das oft unbemerkt. Der Süden wird verschwinden, wenn er gezwungen wird ein zweiter Norden zu werden, indem wir ihn an den gleichen Maßstäben messen: wirtschaftlichem Wachstum, Produktivität, ect.

Thema vertiefen: Was unterscheidet antike, moderne, postmoderne Kultur?

 

 

Antike Kultur

 

Antike Kultur meinte immer Kultur von etwas. Agrikultur bedeutete kultivierender Umgang von Land und Boden. Cultura animi war der übende Umgang von Geistesfähigkeiten (Philosophie). Cultura dolorum war eine Kultur der Schmerzen, des Leidens, der Erlösung (christlicher Glaube). Ganz allgemein gesprochen könnte man sagen „Kultur“ bedeutete so viel wie ein pflegender Umgang mit etwas, von dem der Mensch hofft, dass es wächst, wissend ,dass er nicht alle Faktoren kontrollieren kann. Weder kann er das Wetter beeinflussen noch den Willen Gottes. Daher beinhaltete Kultur Akte der Verehrung, des Bittens, Beten und Hoffens. Der Kulturarbeiter der Antike war vor allem der Priester, der dem Menschen klarmachte, wie wenig er sein Schicksal in der Hand hat und wie trickreich er es einrichten muss, wenn er es mit den Göttern zu tun bekommt.

 

Moderne Kultur

 

Im 17. Jahrhundert verliert die Kultur ihren Genitiv und wird zu etwas Eigenständigem. Kultur wird gleich Zivilisation, in der der Mensch nicht mehr an die Notwendigkeiten der Natur gebunden ist, sondern sein Schicksal selbst in der Hand hat. Wichtig für den modernen Kulturbegriff ist der Vergleich der Lebensumstände: zwischen den Menschen, zwischen verschiedenen Regionen, aber auch historisch. der moderne Mensch stellt sich Fragen wie: Wer ist glücklicher? Der Naturmensch oder der Kulturmensch? Was wurde im Vergleich zu früher gewonnen, was verloren? Der Priester weicht der Aufklärung, der Kulturarbeiter ist jetzt der Intellektuelle. Wenn das Risiko beim Vergleich zu verlieren hoch ist, wenn es um Identitätsbehauptung geht, dann ist die Nation die geeignete Bewaffnung der Kultur für die Zwecke des Vergleichs.

 

Postmoderne Kultur

 

Die postmoderne Kultur ist eine Kultur der Irritation, der es aber um Korrektur geht. Sie wird oft auf den Nenner Beliebigkeitserfahrung gebracht, nach dem Motto: alles ist möglich, aber es ändert sich nichts an den Verhältnissen. Der Kulturarbeiter wird zum Spieler, der sich am Programmierer misst. Nur die Programmierer kennen die Codes. Der Kulturarbeiter misstraut allem und jedem, überall wittert er ein Medium, das die Möglichkeiten der Kommunikation festgelegt hat. Jedem Sinn wird misstraut, jede Wahrheit hinterfragt. Überall bricht der Glaube an Objektivität und Rationalität zusammen, stattdessen werden Mythologien, Narration, Bilder gepflegt. Prognose: Kulturarbeit wird wenig mit Kulturen der Verehrung, wenig mit Riten der Kritik, sondern mit Kampf um die Kontrolle der Codes und dem Disneyworld des Imagineering zu tun haben.

 

(zusammengefasst  aus einem Text von Dirk Baecker: Wozu Kultur, 2001)