Tarantismus, Tarantella und Pizzica in Apulien.

Bei der Sagra del Toro in Bitritto tritt die Tarantella-Gruppe TerraRoss auf. Das ist Musik, die sofort ins Blut geht und ihre Wurzeln im Tarantismus hat, mit dem Besessenheit durch Spinnenbisse geheilt werden sollte.

 

 


 

Tarantismus nennt man die Tanzwut, die in Apulien seit dem Mittelalter angeblich als Folge von Spinnenbissen auftrat. Die nach der Stadt Taranto benannten Taranteln wurden für Übelkeit, obzönes Verhalten, rasende Wut, Apathie und Erschöpfung verantwortlich gemacht, die vor allem Frauen befiel. Das einzig wirkungsvolle Gegengift gegen den Tarantelbiss waren Musik und Tanz.

 

Ende der 1950er Jahre hat der italienische Anthropologe Ernesto de Martino* dieses Phänomen erstmals genauer untersucht und im Salento dokumentiert. In seinem Aufsatz „Terra del rimorso“ ( „Land der Gewissenspein“) beschreibt de Martino den Tarantismus als mythisch symbolisches Ritual, das mit der Logik der Naturwissenschaft nicht zu verstehen ist und daher oft verteufelt wurde. Spinnenbisse und leichte Vergiftungserscheinungen hat es zwar gegeben, aber die Tarantel ist vielmehr ein mystisch-rituelles Symbol, in dem ungelöste Konflikte, die im Unbewußten vergraben sind, aufscheinen. Tarantella heißt der Tanz der kleinen Spinne, in dem diese Konflikte eine Gestaltung erfahren. Die unverarbeitet Vergangenheit und Gewissensbisse werden auf ein mystisches Monster projiziert, gegen das der Körper kämpft bis die Spinne tot ist.

 

Die mythische Tarantel  wurde aus symbolischen Gründen ausgewählt, vor allem wegen ihres gruseligen Aussehens, schon ihr Anblick erzeugte Gefühlsaufwallungen. Sie war demnach gut geeignet den dunkeln Trieben des Unbewußten symbolische Horizont zu verleihen. Der rituelle Charakter des Trantismus besteht darin, auf der Grundlage eines traditionsgeheiligten Repertoires die richtige Melodie zu finden, die die „schuldige“ Tarantel solange zum Tanzen bringt bis sie müde wird und zermalmt werden kann. Der Tarantierte ist Opfer und Held zugleich, er identifiziert sich mit der Spinne und tanzt die Spinne. Familienmitglieder und Dorfbewohner tanzten aus Solidarität häüfig mit den Kranken bis sie geheilt waren.

 


Pizzica und Tarantismo heute

 

Lange wurde der Tarantismo vom Norden Italiens als Beleg für die Unzivilisiertheit des Südens gesehen. Die Besessenen sollten sich schämen und seien eine ökonomisches Last, denn die "Musiktherapie" musste ja auch bezahlt werden. In den 1990er Jahren kam es im Salent aber zu einer Wiederaufwertung dieser Tradition. Der Neotarantismus und die Pizzica entwickelten sich seitdem zu einem identitätsstiftenden Moment für den stigmatisierten Süden, eine Wiederbelebung lokaler Traditionen, die sich gegen die vereinheitlichenden Tendenzen des Nordens und der Globalisierung richtet.

Die Pizzica ist ein Tanz, bei dem die Frau den Mann mit einer Art Taschentuch lockt und zum Umwerben einlädt. Darin drückt sich der Stolz der apulischen Frauen ebenso aus wie, das Spiel der Geschlechter, der Respekt vor den Grenzen der Persönlichkeit und Sitten.

 


 

"TerraRoss ist ein musikalisches Projekt, das sich der Erforschung und Wertschätzung einer Kultur und Zeit widmet, die bereits verloren und vergangen ist. Wir geben unser Geschichte, den Gebärden und Gesten unsere Ahnen Stimme und musikalischen Ausdruck …Szenen des täglichen Lebens, dem Stimmengewirr der Menschen, den Verkäufern in den Straßen, dem Keuchen harter Arbeit auf dem Feld, dem Schrei von Kämpfen und Umstürzen. Natürlich dürfen auch Liebeslieder, die Poesie und die Schönheit der alten Serenaden nicht fehlen. „Tanzt und ihr werdet niemals ermüden.“ ist ein bißchen unser Motto, denn es sind Tempo und Rhythmus, die dich zurückführen vom Herzschlag des Lebens zum Herzschlag der Erde. Und ihr spürt es in den Trommeln, die eine Zeit skandieren, die keine Zeit mehr hat. Ein Rhythmus, der einen sinnlichen und frenetischen Tanz zum Leben erweckt. Ein Tanz, der Schmerz und Entbehrung kennt, aber auch Befreiung und Wiederbelebung. Nur ein Wort: Musik! Unsere Musik, Tochter der Liebe und Leidenschaft für die ureigene Erde.. und unsere Erde ist rot! Musik! Und unsere Musik riecht nach Süden und weht durch die Olivenhaine, die Weinfelder, die Tabakplantagen, Musik die von den Gipfeln des Gargano durch die Murgia reist, um den Salento zu berühren, um dann am Ende am Meer anzukommen. Unser Weg durch Apulien geht auch nach Campania, vorbei an Basilicata, und trägt verschieden Klänge mit sich, verschiedene Landschaften und Düfte, die sich aber ganz natürlich und perfekt zusammenfügen, weil es Nachbarerden sind, die den gleichen Wurzeln entstammt, Schwestererden." Übersezt von der Webseite http://www.terraross.it

 

 

Pizzica im Film:

 

Auch der aus Apulien stammende Regisseur Eduardo Winspeare hat der Pizzicata einen Film gewidmet. Pizzicata (1996)

 

 

Ernesto de Martino (1908-1965) war ein italienischer Ethnologe, Geschichtsphilosoph und Religionshistoriker, der mit seinem Denken eine Möglichkeit geschaffen hat, den angeblich zurückgebliebenen Süden in einem anderen Licht zu sehen.

 

Bei seinen Studien zu Religiosität, kultischen Ritualen, Folklore und Zauberei, Heiligem und Archaik spielt der Begriff der Besessenheit eine zentrale Rolle. Bessenheit, wie sie sich im Tarantismus aber auch in der Hinwendung zu Heiligen und zu äußert, wird als Mittel des Selbstgewinns durch Selbstverlust gesehen.

 

Mehr darüber in dem Buch: "Der besessene Süden", Ernesto de Martino und das andere Europa, Tumult, 2016.


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