Tarantismus: von wilden Frauen und mythischen Monstern

Wild + Frau. Das klingt alarmierend für unsere zivilisierten Ohren. Irgend etwas muss außer Kontrolle geraten sein, wenn eine Frau wild wird.  In vielen Kulturen versinnbildlicht die „wilde Frau“ jedoch einen wertvollen, natürlichen Aspekt von Weiblichkeit. In Mythen und Märchen wurden ihr die unterschiedlichsten Namen gegeben. Im spanischen heißt sie „rio abajo rio“ (Fluß unter dem Fluß), in Mexico „la loba“ (die Wolfsfrau), in Tibet ist es Dakini (eine tanzende Urkraft), die Navajos nannten sie Spinnenfrau. Und in Apulien ist es vielleicht die Tarantella, der Tanz der kleinen Spinne, der sie hervorlockt.

 


 

Die Türen zur Welt der wilden Frau sind selten. Aber wenn ihr eine uralte Geschichte kennt, wenn ihr den Himmel und das Meer so sehr liebt, dass es euch das Herz auseinandersprengt, wenn ihr euch nach einem tieferen Leben sehnt, dann sind das Türen. Das meint zumindest Clarissa Pinkola Estés in ihrem Buch "Die Wolfsfrau".

 

Mit Ernesto de Martino auf den Spuren des Tarantismus


 

Frauen, die sich auf dem Boden wälzen oder buchstäblich die Wände hochgehen.Zugegeben als ich diese Szenen aus der Kapelle in Galatina zum ersten mal sah, musste ich spontan an den Horrorfilm der Exorzist denken. Aufgenommen wurde der Film vom italienischen Religionshistoriker Ernesto de Martino während einer Forschungsreise 1959 in Apulien. Er brach mit einem Psychiater, einem Psychologen, einem Ethnomusikologen und einem Soziologen auf, um ein Phänomen zu untersuchen, das sich als eine Art Besessenheit und Tanzwut äußerte und scheinbar mit exorzistischen Ritualen ausgetrieben wurde. Tarantismus trat als Folge von Spinnenbissen erstmals in der Nähe der apulischen Stadt Tarent auf und befiel vor allem Frauen. Typische Symptome waren Übelkeit, obzönes Verhalten, rasende Wut, Apathie, Erschöpfung.

 

De Martinos Forschungsreise zeigte, dass der Tarantismus, der seit dem 17. Jahrhundert als Krankheit der ungebildeten, abergläubigen Bevölkerung galt, eine durchaus wirksame Heilbehandlung seelischer Krisen durch Tanz, Musik und Farben war. Kein Aberglaube und kein Hokuspokus, für De Martino gehorcht der Tarantismus schlicht einer anderen Logik als der der Naturwissenschaften: der Symbollogik des Mythos.

 

Die mythische Tarantel, deren Biss in Wahrheit wenig giftig ist, wurde aus symbolischen Gründen ausgewählt, wegen ihres Aussehens und ihrer Gewohnheiten: sie war haarig und hatte Kieferfühler, schon ihr Anblick erzeugte Gefühlsaufwallungen, sie sprang ihre Opfer an und hauste in dunklen Höhlen. Sie war demnach gut geeignet, den dunkeln Trieben des Unbewußten einen symbolischen Horizont zu verleihen.

 

Die Tarantel stellt ein mystisch-rituelles Symbol dar, in dem ungelöste Konflikte, die im Unbewußten vergraben sind, aufscheinen. Tarantella ist der Tanz der kleinen Spinne, indem diese Konflikte eine Gestaltung erfahren. Die böse Vergangenheit, Gewissenspein oder -bisse werden auf ein mystisches Monster, die Spinne, projiziert und der Körper kämpft gegen dieses Monster an, bis es tot ist.

 

Der rituelle Charakter des Tarantismus bestand nun darin, die für die Betroffenen richtige Musik zu finden, die die schuldige Tarantel solange zum Tanzen bringen würde bis sie müde wird und zermalmt werden kann. Die Taranteln hatten Menschennamen wie Rosina, Peppina, Antonietta. Es gabt Tanz- und Singtaranteln, aber auch traurige und stumme Taranteln, die nur auf Totenklagen und melancholische Gesänge reagierten. Es gab stürmische Taranteln, ausschweifende Taranteln, Schlaftaranteln, die der musikalischen Behandlung widerstanden. Immer waren die Tarantierten Opfer und Heldinnen zugleich, sie identifizierten sich mit der Spinne und besiegten sie.

 

Wurzeln und Symbolreichtum des Tarantismus

 

Der Tarantismus hat seine Wurzeln im Mittelalter (ca . 11. Jahrhundert) zur Zeit der Ausbreitung des Islams und dem Gegenstoß des Westens. Apulien wurde ein Ort des Zusammenstoßes unterschiedlicher Kulturen und dann Ausgangszentrum für Einschiffung ins Heilige Land. In dieser Zeit wurden Spinnenbisse zur Massenerscheinung und zwar unter Männern in den christlichen Heeren.

 

Die Tanzepedemien des Mittelalters versuchte die Kirche überall in Europa durch kanonischen Exorzismus zu disziplinieren. In Nordeuropa hatte sie damit durch die Aufpfropfung christlicher Feste Erfolg, in Apulien entstand der mystisch-rituelle Symbolismus der Tarantella, bei dem die Heiligen zunächst etwas abseits blieben. Zuvor hatte das Christentum im Bereich der orgiastischen und maenadischen Kulte bereits Zerstörung angerichtet, schreibt De Martino. Besonders in der weiblichen Welt gab es keine Möglichkeit mehr Bedürfnisse auszudrücken, die in diesen Kulten zum Ausdruck kamen.

Die Blütezeit des Tarantismus war im 16. und 17 Jahrhundert mit viel reicherem Symbolismus als heute: es gab Schwertertänze, Spiegelzauber, Quellen- und Baumszenerien, die paradiesische Landschaften heraufbeschworen. Manche Tarantierte wurden in einem Kahn gelassen, mit einer kleinen Kapelle an Bord, die das Boot im richtigen Rhythmus zum schaukeln zu bringen versuchte, begleitet von Gesängen, die von der Sehnsucht nach dem Meer getragen wurden.

 

Erst seit mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert begann man den Tarantismus mehr und mehr als Aberglauben und Fanatismus der ungebildeten Volksmassen zu sehen. Er galt von nun an als Krankheit der Einbildungskraft und der Unwissenheit. Ende des 18. Jahrhundert begann der Kult des Heiligen Paulus die Reste des salentinischen Tarantismus zu zersetzen, weil die Kirche sich von dem Wiederaufkommen heidnisch-orgiastischer Kulte bedroht fühlte,.

Der Tarantismus war eine häusliche Kur, bei der Angehörige aus Solidarität mit den Tarantierten häufig mittanzten. Er war eine Möglichkeit für Frauen, aus ihrem Alltag auszubrechen, ein Ausbruch, der nicht gleich als Wahnsinn deklariert wurde, sondern von der Dorfgemeinschaft akzeptiert wurde. Erst durch den Kult des Heiligen Paulus in der Kapelle in Galatina, in der Musik und Tanz als reintegrierende Elemente fehlten, blieb vom Tarantismus nichts als die nackte Krise. Das Video zeigt die Agonie des apulischen Tarantismus: die Tarantierten erlebten Schiffbruch, weil es keinen Beschwörungs- und Entspannungsschutz gab wie bei der häuslichen Kur. Der Tarantismus, so de Martinos Schlussfolgerung, war ein mystisch rituelles Symbol zur Bändigung einer Krise und wurde erst unter dem Druck der christlichen Symbolwelt zur Krankheit.

 

Into the Wild

 

 

Viele Elemente der Tarantelkur finden heute einen Platz in modernen Therapien, wie Tanz-, Musik-, Kunsttherapie, in der Psychchoanalyse nach C.G. Jung, der davon ausging, dass der archetypische Symbolgehalt von Mythen und Märchen heilsame Kräfte wecken kann oder auch in der Traumatherapie nach Levine, in der es darum geht den "Tiger zu wecken", um im Körper eingefrorene Energie abfließen zu lassen.

Heute ist die Tarantelkur aus Apulien verschwunden, lebt als musikalische Tradition zumindest in der "Notte della Taranta" weiter. Aber die Sehnsucht nach wilder Ursprünglichkeit lässt sich auch in der "zivilisierten Welt" nicht ohne weiteres ausrotten. Symbolisch begegnen uns die mythischen Monster noch in Geschichten und im Kino. In "Harry Potter" wird der Wolfsmythos zur Metapher für Krankheit und Behinderung in einer nicht-magischen Welt. Der Film " Wild" ( Nicolette Krebitz, 2016) erzählt von der Begegnung einer jungen Frau mit einem Wolf in einer Plattenbausiedlung. Für mich einer der schönsten und verstörendsten Film der letzten Jahre.

Ein Schatten trottet hinter uns her bei Tag und bei Nacht, sogar hier im Großstadtdschungel von Berlin. Aber noch viel deutlicher spüre ich ihn auf Reisen, weil ich den Himmel und das Meer so sehr liebe, dass es mir das Herz auseinandersprengt.

 

Notte della Taranta

Seit den 1990er Jahren kommt es im Salento zu einer Wiederaufwertung der musikalischen Tradition des Tarantismus. Neotarantismus und die Pizzica entwickelen sich seitdem zu einem identitätsstiftenden Moment für den stigmatisierten Süden, eine Wiederbelebung lokaler Traditionen, die sich gegen die vereinheitlichenden Tendenzen des Nordens und der Globalisierung richtet.

Die Notte della Taranta ist ein Musikfestival, das jährlich durch verschiedene Orte des Salento tourt und über 100 000 Besucher anzieht. Es hat jedes Jahr einen anderen Musikdirektor und findet seinen Höhepunkt beim Abschlusskonzert in Melpignano. Dieses Jahr findet es vom 6.-26. August 2017 statt.

->Offizielle Webseite der Notte della Taranta

 

Ernesto de Martino (1908-1965) war ein italienischer Ethnologe, Geschichtsphilosoph und Religionshistoriker, der mit seinem Denken eine Möglichkeit geschaffen hat, den angeblich zurückgebliebenen Süden in einem anderen Licht zu sehen.  

"Der besessene Süden", Ernesto de Martino und das andere Europa, Tumult, 2016.

 

 

Als Bloggerin hat man leider keinen Lektor, daher freue ich mich über jeden kritischen Kommentar noch mehr als "likes". Leider ist das Kontaktformular etwas irreführend, statt "webseite" könnt ihr einfach auch nur eure e-mail Adresse eingeben.

 


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