Das Meer und Apulien ist ein Non-Profit-Reiseblog, der Brücken zwischen der Kultur des Südens und des Nordens bauen möchte. Er ist vom mediterranen Denken inspiriert.

Land und Leute

Nicht neuer Kontinente bedarf's auf der Erde, sondern neuer Menschen! ließ Jules Verne Kapitän Nemo in "20000 Meilen unter Meer" sagen. "Meeting locals" (also Einheimische Treffen) ist jetzt ein neuer Trend in der Tourismusindustrie. Ich stehe diesem Trend ein bißchen skeptisch gegenüber, denn sich von Einheimischen die Gegend zeigen zu lassen war schon die ursprüngliche Idee von Airbnb, die inzwischen fast völlig nebensächlich geworden ist.

 

Natürlich kennen die Leute vor Ort ihre Gegend oft am besten. Sobald Begegnung aber kommerzialisiert wird, wird sie irgendwann wahrscheinlich von der Idee geleitet: was verkauft sich am besten? (Ausnahmen bestätigen die Regel). Mein Tipp ist daher:

 

1. Offen und neugierig sein für Begegnung am Wegesrand ( Campingplätze oder öffentliche Plätze sind ein guter Ort für solche Begegnungen, wie ich gleich bei meiner ->ersten Reise nach Apulien gemerkt habe).

 

2. Genau hingucken ( Orte, Kirchen, Graffitti, Streetart oder Feste verraten viel über die Lebensweise) und genau zuhören ( sofern ihr italienisch könnt). Wer die Sprache nicht spricht, kann sich mit Händen und Füßen durchschlagen. Italiener reden viel mit Händen Füßen, sodass es immer ein bißchen nach Drama aussieht. Warum das so ist, erfahrt ihr -> hier.

 

3. Meidet touristisch überlaufene Orte, besonders die kleineren wie z.B. Alberobello oder bewegt euch an diesen Orten weg von den Zentren an die Peripherie. ->Taranto zum Beispiel ist so gut wie gar nicht von Tourismus geprägt. Meidet wenn möglich die Hauptsaison ( Mitte Juni bis Ende August).

 

4. Bloß nicht: oben ohne am Strand ist weitestgehend tabu. Leichte Kleidung in der Kirche habe ich öfter gesehen ( auch von Apuliern ). Diese Toleranz sollten Touristen aber nicht überstrapazieren, finde ich.

 

Vorurteile und Stereotype:

 

Apulien hat wie ganz Süditalien mit einer Reihe von Vorurteilen zu kämpfen (Mafia, Faulheit, selbstverschuldete Armut, katholische Frömmigkeit ect..). Vorurteile und Stereotypen  dienen  dazu,  Person  oder Gruppe  zu charakterisieren. Sie felfen also erstmal, Unsicherheit und Bedrohungen psychisch  abzuwehren und sind Orientierungshilfen in einer fremden Kultur. Dei Gefahr besteht allerdings darin, dass negative Vorurteile neue  Erfahrungen verhindern. Für viele Menschen genügt es, jemanden anhand  von  wenigen  Merkmalen  als Deutschen  oder  Italiener zu identifizieren und dann  weitreichende  Schlüsse  auf  dessen Charaktereigenschaften. Deutsche neigen dazu,  Italiener im allgemeinen als  unzuverlässig,  sprunghaft und unberechenbar  anzusehen. Süditaliener werden dazu oft als fromm, kriminell und faul eingeschätzt. Deutsche gelten bei Italienern oft als "fleißige Maschinenmenschen" und selbst Norditaliener werden vom Süden als kalt und weniger hilfsbereit eingeschätzt. Norditaliener bezeichnen Süditaliener dagegen noch gerne als terroni ( Erdfresser ) oder africani.

 

Das wirksamste Gegenmittel gegen Vorurteile ist ein kultureller Perspektivwechsel, d.h. der Versuch, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen. Dafür muss man an bißchen was über die fremde Kultur und ihre Geschichte wissen und ich hoffe mit diesem Blog, ein bißchen dazu beizutragen. Ich möchte demnächst mal eine Liste von Büchern oder Kino aus Italien zusammenstellen, komme leider grad nicht dazu.

 

Artikel über Religiösität ( ->wie Ikonen und Heilige) werden bisher so gut wie nicht besucht, wahrscheinlich weil Religion uns sehr fremd ist. 99 Prozent der Apulier sind Katholiken und wer Land und Leute wirklich kennenlernen will, sollte sich ein bißchen darauf vorbereiten. Ich kann euch aber beruhigen. Wer in Apulien katholisch ist, kann gleichzeitig schwul und kommunistisch sein ( wie der ehemalige Ministerpräsident Apuliens Nicki Vendola).

Was es in Apulien zu entdecken gibt, ist eine Kultur der Langsamkeit, des sozialen Miteinanders und des kulturellen Kompromisses. Nach meiner Erfahrung sind die Menschen in Apulien unaufdringlich, aber interessiert, hilfsbereit und stolz auf regionale Traditionen, Feste und ihre (Ess)kultur. Familie und Gemeinschaft haben einen viel höheren Stellenwert als im Norden Europas.

Ein kurzer Überblick über ->die Kultur Apuliens.

 

Inspiration:

 

„Es gibt unter den Menschen geborene Reisende: das sind die Exoten. Sie werden unter den kalten und spröden Entstellungen der Sätze und Wörter jenes unvergessliche Schauern wiedererkennen, das von solchen Momenten hervorgerufen wird, wie ich sie beschrieb: das sind die Momente des Exotismus. (...) Der Exotismus ist keine Anpassung sondern die scharfe, unmittelbare Wahrnehmung einer ewigen Unverständlichkeit und Undurchdringbarkeit. (..) Hier könnte die Frage angebracht werden, ob eine Steigerung unseres Wahrnehmungsvermögens hinsichtlich des Diversen unsere Persönlichkeit bereichert oder einengt? Wird ihr etwas genommen oder wird sie dadurch vielschichtiger? Es besteht kein Zweifel: sie wird um das ganze Universum bereichert." (Victor Segalen: Die Ästhetik des Diversen)

 

Sie auch die Artikel: Reisen kann Gefühle von Fremdheit auslösen oder Mediterranes Denken und Pulcinella und die Lazzari

 

 


Auswahl an Artikeln über Land und Leute

Apulien für Anfänger

 

"Ist Ihnen schonmal aufgefallen, dass die Italiener alle aussehen, als hätten sie gerade Sex gehabt?" so schildert Michael Moore seinen ersten Eindruck von Italien in dem Film "Where to invade next." Über das Leben mit allen Sinnen, katholische Kommunisten und andere Klischees.  mehr

 


Von Menschen und Bäumen

 

 

Olivenbäume sind das Wahrzeichen Apuliens und jahrhunderte alte Zeugen einer Geschichte von Invasionen, die auch zur kulturellen Vielfalt und Toleranz in Apulien beigetragen haben .
Die Städte und Dörfer sind ein Spiegelbild des multikulturellen Gemischs, das im Laufe der Jahrhunderte Apulien bevölkert hat.

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Vier Wochen bei einem Bauern im Itriatal

 

Eine meiner anstrengendsten und schönsten Reisen nach Apulien. Anstrengend nicht wegen der Arbeit, sondern wegen der Kälte im März. Schön, weil ich soviel über Land und Leute aus erster Hand erfahren habe. mehr


Kulturschock in Carovigno

 

Mit sechs Wochen mein bis dahin längster Aufenthalt in Apulien und der erste echte Kulturschock, denn ich bin plöztlich in einer Männerwelt gelandet und komme damit gar nicht klar.

Über Madonnen, Machos, Bummelstreik und Wahlkampf in Carovigno. mehr


Italien: die Wahl, die Moral, die Mafia, der Nord-Süd Konflikt

Fast immer ist der erste Kommentar zu Artikeln, die ich über das Mediterrane Denken bekomme: " Aber die Süditaliener sind doch alle so fromme Katholiken - das kannst du doch nicht gut finden. Und was ist mit der Mafia?"

Diesen Artikel habe ich vor den Wahlen am 4. März geschrieben. Da er sich aber auf die historischen Hintergründe konzentriert und um einen Perspektivwechsel bemüht, ist er immernoch sehr "aktuell." ...mehr