Der Fels des Eremiten (Polignano a Mare)

 

Eine Insel, eine Geschichte, ein Streit, noch eine Geschichte, ein paar Gedanken zur Heimat als Utopie.

 

 


Das Inselchen San Paolo oder Scoglio dell’Eremita

 

Ich komme in einem ziemlich ausgebrannten Zustand in Apulien an und bin nicht besonders unternehmungslustig. Strand und Meer, Freunde treffen – mehr will ich nicht. Also pendele ich die Küste zwischen Bari und Savelletri entlang und dieser Strand wird zu meinem Lieblingsstrand. Er erdet mich. Er hat etwas Archaisches, Festes, Beruhigendes. Die felsige Oberfläche mit ihren vielen Rissen, erinnert an eine riesige Elefantenhaut.

 

 

Der Insel im Hintergrund schenke ich keine besondere Aufmerksamkeit. Erst als ich wieder zuhause bin, erreicht mich die mail von Francesco, der fragt. „Wo bist du? Noch auf der Isola dell´Eremita?“ Die Insel hat also einen Namen: Insel des Eremiten und sicher steckt eine Geschichte dahinter.

 

Die Insel des Eremiten

 

Der Fels des Eremiten wird auch Isolotto (Inselchen) di San Paolo genannt. Die Insel ist etwa 50 Meter vom Festland entfernt, ca. 30 Meter hoch, keine erkennbare Vegetation. Einer jahrhunderte alten Legende nach war der Felsen früher von einem Mann bewohnt, der das Festland hinter sich ließ, um allein am Meer zu leben. Er war ein Missionar, der auf der Rückkehr seiner Pilgerreise ins Heilige Land nach Poliganano a Mare kam, um das Evangelium zu verbreiten und die Bevölkerung zu kanonisieren. Fasziniert von dem Inselchen in der Nähe Polignanos, beschloss er den Rest seines Lebens auf der kleinen Insel zu verbringen, die einsam aber nah am Land war. Hier widmete er den Rest seines Lebens der  Kontemplation. Sein Überleben wurde durch die Fischer gesichert, die ihm von Ihren Fang etwas abgaben, bevor sie wieder an Land kamen.

 

Einer dieser Fischer beschloss, dann auch den Mann nach seinem Tod auf der Insel zur letzten Ruhe zu betten. Zum Gedenken an San Antonio Abate, den christlichen ägyptischen Mönch und Einsiedler, wurde auf dem Fels des Eremiten 1612 eine kleine Kapelle errichtet, die im Krieg zerstört wurde. 1901wurde zu Ehren von San Vito Martire, dem Patron von Polignano, ein Kreuz auf der Insel errichtet, das nichts mit der Geschichte des Eremiten zu tun hat. Bis heute ist der Fels des Eremiten eine besonders geschützte Zone, wo eine seltene Möwenart mit rotem Schnabel (gabbiano corso) nistet und die alten Leute, so heißt, erzählen sich noch heute die Legende des Eremiten.

 

Vielleicht wissen die beiden Männer, die ich hier fotografiert habe, mehr über den Eremiten. Es gibt keine schriftlichen Dokumente über diese Geschichte. Sie wird seit dem 11. Jahrhundert (oder früher) von Generation zu Generation weitererzählt. Neugierig macht mich an dieser Erzählung, warum ausdrücklich erwähnt wird, dass der Eremit sich eine Insel ausgesucht hat, die nah am Land ist. Vielleicht wurde es ihm von Zeit zu Zeit doch zu einsam auf seiner Insel und er ist heimlich an Land geschwommen.

 

Von der wunderbarlichen Innsul Utopia genannt

 

 

Die Legende des Eremiten variiert zwei uralte Menschheitsthemen und ist eine Geschichte über uns alle. Da ist einerseits das Thema von Menschen, die in die Fremde gehen, um ihr Glück zu suchen (Das heilige Land) und als zweites sowas wie Zivilisationsflucht, das Finden des Glücks in der Abgeschiedenheit einer Insel. Alle meine Reisen nach Apulien und alle Artikel, die ich von zuhause aus geschrieben habe, waren im Grunde eine Suche nach dem Glück in der Fremde. Wahrscheinlich gilt das für jeden Reisenden oder Touristen, Auswanderer oder Aussteiger, egal ob er oder sie zum Auswandern gezwungen ist, etwas neues Entdecken oder einfach nur entspannen möchte. 1524 veröffentlichte Thomas Morus den Roman "Von der wunderbarlichen Innsul Utopia genannt" über einen Seemann, der eine Zeit lang bei den Utopiern gelebt haben soll. Seitdem ist die Insel zum Symbol für den Traum eines besseren Leben geworden.

 

 

"Eine Weltkarte, auf der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient nicht mal einen flüchtigen Blick, denn ihr fehlt das Land, das die Menschheit seit jeher ansteuert." (Oscar Wilde)

 

 

Aber gehen wir zurück nach Apulien an diesem Abend, der im Streit enden wird. Francesco und ich bummeln durch Polignano a Mare. Es dämmert schon. Ab und zu bleibe ist stehen und mache ein paar Fotos von alten Häusern und Mauern wie diesen hier. Dann Fahren wir weiter Richtung San Vito, einem Ortsteil von Polignano, wo ein Benediktinerkloster steht.

 

Trügerische Romantik und Streit in San Vito

"Warum fotografierst du denn die alten Häuser?" fragt Francesco.

 

"Ich finde sie schön und es ist schade, dass immer mehr neue Hotels entstehen und die alten Fassaden verschwinden. Das wirkt so clean. Ich mag die verwitterten Mauern der Häuser." sage ich.

 

"Du magst den Schmutz?"

 

"Das ist doch kein Schmutz. Ich mag die Farbstrukturen und Muster, wenn hier und da mal die Farbe abblättert oder eine Pflanze aus einer Mauerspalte wächst. Wie in Berlin in den 90ern. In Deutschland wird jedes bißchen Unkraut mit dem Brenner entfernt. Alles muss hyperordentlich und sauber sein. Alles Neue ist nur Stahl und Beton. Guck dir den Potsdamer Platz an."

 

"Ist doch besser die Häuser  hier werden renoviert, als dass sie verfallen. Die meisten stehen eh leer."

 

"Hast du keine Angst, dass hier immer mehr Hotels entstehen, die Mieten steigen und irgendwann alles zum Spekulationsobjekt wird. Wie in Berlin. Es hat sich so schnell verändert in den letzten Jahren."

 

Die Diskussion geht weiter und unser Ton wird immer ärgerlicher. Ich versuche zu erklären, dass viele Deutsche die alten Mauern romantisch finden. Dass es irgendwie ein Symbol für Geschichte ist.

 

"Aber für mich ist es das nicht. Es ist ein Symbol für Tod."

 

Es folgt eine lange Pause. Schweigen. Das Ende der Diskussion.

 

 

Wir sind inzwischen in San Vito angekommen, blicken aus dem Auto auf die kleinen Fischerboote. Ich drehe mir ein Zigarette und frage, ob ich im Auto rauchen kann oder lieber rausgehen soll.

 

"Rein oder raus. Mach bitte die Tür zu, es ist windig." meint Franceso.

 

Ich entscheide mich für raus, setzte mich trotzig auf ein Mauer und kritzle in mein Tagebuch. Irgendwann steigt er auch aus dem Auto.

 

"Du schreibst Tagebuch? Was schreibst du denn da?"

 

"Das ist geheim. Erinnerungen an den Tag." 

 

Ich hatte aufgeschrieben, dass gerade der Song "Sucker love is heaven sent" (eigentlich "Every You Every Me" von Placebo) im Radio lief, denn das war für mich der passende Soundtrack zur Stimmung.

 

"Schreib doch ein Buch über die Unterschiede unserer Kulturen." meint er.

 

"Ja, mach ich auch."

 

Dann bemerke ich, dass eines der Boote Lazzari heißt.

 

"Kennst du du Geschichte der Lazzari?"

 

"Nein."

 

Um auf ein anderes Thema zu kommen, erzähle ihm die Geschichte der Lazzari in Neapel, (die ihr ->hier nachlesen könnt.)

 

"Aha, questione meridionale."  ( ->hier nachzulesen)

 

Bei der questione meridione geht es um den Nord-Süd-Konflikt in Italien. Ich habe viel darüber gelesen, aber erst zwei Tage darauf wird mir klar, was das eigentlich für viele Menschen in Süditalien noch heute bedeutet.

Heimat in der Fremde

Zwei Tage später. Paolo lädt mich überraschend ein, seinen Onkel Antonio kennenzulernen. Paolo und Antonio haben beide längere Zeit in Deutschland gearbeitet und freuen sich, mit mir ein bisschen deutsch zu sprechen. Paolo ist um die 50, schlank, durchtrainiert, seine Handgelenke sind voller kleiner Kettchen und Armbänder. Seit vier Jahren ist er wieder in seinem Heimatdorf in Apulien und es langweilt ihn. „Wir haben die Sonne, das Meer und die Liebe. Aber sonst ist hier nix los. Noia. Langeweile.“ Langeweile - was für ein Luxus, denke ich. Paolo möchte zurück nach Deutschland, am liebsten nach München oder Köln, um als Barkeeper zu arbeiten.

 

Sein Onkel, Antonio, ist Mitte 70, schlank, blaue Augen. Auch seine Handgelenke sind voller Kettchen . Mit 15 oder 16 verließ er Apulien, erzählt er. Seine Mutter hatte 14 Kinder, sechs sind gestorben, weil es kaum medizinische Versorgung gab. In Deutschland arbeitet Antonio erst als Stewart bei der Lufthansa und fliegt um die ganze Welt. Später wird er Kulissenmaler an der Oper. Noch heute ist Antonio ein leidenschaftlicher Maler. Er zeigt mir Fotos seiner Bilder auf dem Smartphone. Dazwischen sind ein paar s/w Modefotos von Valentino aus den 60er Jahren. Im Vordergrund eine Frau im Minirock und zu ihren Füßen ein halbnackter Mann, knieend. „Die 60er Jahre, Miniröcke, die Befreiung der Frau. Der Mann auf dem Foto das bin ich.“ meint Antonio. Da ist keine Spur von Angeberei oder Stolz in seiner Stimme. „Antonio war ein Latin Lover.“ grinst Paolo.

 

Heute wohnt Antonio in einem Schloss. Nicht als Schlossherr sondern als eine Art Hausmeister. Antonio hat hier ein kleines Zimmer und Atelier. Vor etwa 1000 Jahren errichteten Schäfer auf diesem Gelände Ställe und wohnten hier mit ihren Tieren. Ein paar Jahrhunderte später wurde in den Gemäuern Wein gekeltert. Noch später ( die Jahreszahlen konnte ich mir leider nicht merken) kam dein Marquese, der eine Handelsflotte besaß, und ließ hier ein Schloss bauen. Angeblich ist war es diese Flotte, die die Reliquien des Hl. Nikolaus raubte und nach Bari brachte. Das Schloss hat eine eigene kleine Kapelle. „Der Marquese wollte sich für das Beten nicht unters Volk mischen,“ meint Antonio. Heute wohnt die Familie des Marquese in Rom und kommt einmal im Jahr nach Apulien um nach dem Rechten zu sehen. Der Marquese besitzt noch zwei weitere Schlösser in Süditalien.

 

Nach der beeindruckenden Geschichtsstunde über sein Leben und seine Heimat bedanke ich mich bei Antonio mit einem Augenzwinkern: „Grazie mille Marquese.“

Ich schlendere noch ein bisschen durch den Ort und entdecke einen kleinen Springbrunnen. Fontana dell´emigrante AD 9.11.1984 . "Der Springbrunnen ist ein Symbol für die Opfer, die diejenigen bringen mussten, die ihr Land verließen und gleichzeitig ein Symbol für die Brüderschaft unter allen Emigranten." ( diese Info finde ich im Internet )

 

Fast jeder, den ich hier kenne, hat eine Emigrantengeschichte zu erzählen. Der eine war in Venezuela, der andere in Kalifornien, Kanada oder England, viele waren in Deutschland. Die meisten sind Deutschland dankbar, weil sie gut verdient haben und heute eine kleine Rente kriegen. Die Älteren sind zurückgekehrt oder in Deutschland geblieben. Viele der Jüngeren pendeln zwischen zwei Welten, sind eine zeitlang hier, kommen zurück, gehen wieder.

Ein ziemlich cosmopolitisches Dorf, denke ich. Wahrscheinlich ist es nicht das einzige in Apulien.

 

Schlussakkord

Ende Oktober fand in Palermo eine große Demonstration gegen die Auswanderung aus dem Süden statt. Die Gazetta del mezzogiorno schreibt: "Und wenn der Süden bisher soviele Einwohner verloren hat, als wären zwei Städte wie Bari und Taranto verschwunden, so sieht er jetzt viele Dörfer, in denen es nur noch die Alten gibt, die nicht gehen konnten. Und sie wissen nicht, mit wem sie reden sollen, wer den Geist des Ortes vermitteln soll.  Eine anthropologische Transformation, die nicht nur an Zahlen gemessen wird. Eine Leere."
-> Artikel in der Gazetta del mezzogiorno

 

So wie mir Langeweile als purer Luxus erscheint, so erscheint Francesco meine romantische Ader wahrscheinlich als Luxus. Da kommen vermeintlich privilegierte, reiche Leute aus Deutschland und erzählen ihm die verfallenen Mäuerchen seien hübsch. "Und bitte verändert doch nicht soviel."

 

Brücken zwischen den Kulturen zu bauen ist mir auf dieser Reise nicht besonders gut gelungen. Eigentlich wollte ich aus Frust schon aufhören, hier zu schreiben, aber ich habe auf dieser Reise ja auch noch Ziuccio Pontrelli kennengelernt und diese Geschichte wollte ich dann doch noch weitererzählen. -> Ziuccio Pontrelli und die Festa di San Trifone

 

 

Der Blog ist immer eine kleine Insel für mich.  Berlin - meine Walheimat- ist mir in den letzten Jahren, "ein immer härterer Klumpen geworden, ein Stein, der mir nicht mehr vom Herzen fallen will." Diese Formulierung habe ich aus dem Artikel über Heimat als Utopie und offener Begriff (zu dem ich unten verlinke) geklaut.

 

zum weiterlesen: Die Zusammenfassung der Sendung vom Deutschlandfunk "Heimat - der offene Begriff".  Oder -> hier als podcast zum hören.

 

mehr über Thomas Morus:

 

Zur Heiligsprechung von Thomas Morus: "Das Recht auf Widerstand" (Deutschlandfunk Kultur)

Thomas Morus ( Ökumenisches Heiligenlexikon)

Wenn ich daher alle diese Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, prüfend an meinem Geiste vorbeiziehen lasse, so finde ich - so wahr mir Gott helfe! - nichts anderes als eine Art von Verschwörung der Reichen, die im Namen und unter dem Rechtstitel des Staates für ihren eigenen Vorteil sorgen. Alle möglichen Schliche und Kniffe ersinnen und erdenken sie, um zunächst einmal das, was sie durch üble Machenschaften zusammengerafft haben, ohne Furcht vor Verlust zusammenzuhalten, dann aber alle Mühe und Arbeit der Armen so billig wie möglich zu erkaufen und ausnützen zu können.