Albert Camus: Mittelmeer, Mensch und Revolte gegen das Absurde

 

„Wenn Gott nicht existiert, ist nichts erlaubt.“  Für Camus ist das Leiden der Unschuldigen unvereinbar mit der Existenz eines gerechten allmächtigen Gottes. Daher ist seine Revolte eine metaphysische gegen das Leiden der Unschuldigen. Der Mensch in der Revolte ist für Camus ein Mensch der zuallererst „ nein“ sagt, aber er erschöpft sich nicht in diesem „nein“. Es führt zu einem "Ja", das in der Wiederentdeckung dessen liegt, was Menschen vereint und dadurch ihre Fragilität verkleinert.

 


 

Geboren und aufgewachsen in Algerien, fühlte sich Camus in den intellektuellen Kreisen von Paris und New York nie wohl. Er galt als unverbesserlicher Romantiker des Südens.

Der Süden war für Camus Gegengift zu Europa, das seinen Schönheitssinn der Maßlosigkeit geopfert hat, schreibt Iris Radisch und sie urteilt wie viele andere, die Camus Geschichtsvergessenheit vorwarfen: „Sein Süden ist ein Mythos.“ ( -> Radisch in Die Zeit, 2009). In ihrer Camus Biographie meint sie allerdings, die Mittelmeerutopie sei die vielleicht letzte verbliebene Utopie des 21. Jahrhundert.

 

Franco Cassanos Buch „Der südliche Gedanke“ (1996) ist ein Versuch, Camus` Mittelmeerutopie wiederzubeleben. Ich habe versucht in dem Kapitel, das er Camus widmet, die zehn Schlüsselwörter zu finden.

 

Sonne, Meer, Wüste

 

„Im Zentrum meiner Arbeit steht eine unbesiegbare Sonne. Es ist nicht die religiöse Erleuchtung und nicht das Licht der Aufklärung, sondern das natürliche Licht der Sonne, die Licht spendet.“

 

Sonne, Licht und die Schönheit bedeuten für Camus mehr als Erholung oder Wellness, es sind welterschließende Kräfte. Ähnlich wie Nietzsche sieht Camus die Sonne als Heilmittel für alle Krankheiten der Sinne und des Geistes. Die Sonne als Reichtum und Fülle, die sich über einer Existenz ausbreitet, die an sich selbst glaubt.

 

Das Mittelmeer ist für Camus der Ort, an dem es am ehesten möglich ist „ ja “ zur Welt zu sagen: die Sonne, das Meer, die Liebe zur Schönheit und die griechischen Helden, die vom Kosmos herausgefordert und zugleich Teil von ihm sind. Der Norden, dem es an Licht und Wärme mangelt, hat nach Camus keine Tradition der Freundschaft mit der Welt. Der Norden sieht die Natur als etwas, das beherrscht werden muss, was zu einem Fehlen an Maß und Begrenzung führt.

 

Das griechische Herz unserer Zivilisation ist nach Camus durch die christlich jüdische Tradition überschattet worden, weil sie das Verhältnis von Mensch und Welt, Mensch und Natur überdramatisiert. Die Wüste ist der privilegierte Ort dieser Tradition, weil nur da wo das Leben extrem hart und Warten die einzige Dimension für Hoffnung darstellt ( wie es im Fall des frühen Christentums der Fall war), der Geist sich entwickeln kann.

 

Für Camus waren die großen Städte Orte, an denen der Welt ein Teil der Wahrheit amputiert worden ist. Die Natur, das Meer waren für ihn der Teil der Welt, der Dauer und Gleichgewicht schafft. „ Und wenn der Mensch Brot und Gerechtigkeit braucht und wir das nötigste tun, um diese Not zu befriedigen, er braucht auch pure Schönheit, weil es das Brot seines Herzens ist.“

 

Mensch, Elend, Schmerz

 

„Wenn Gott nicht existiert, ist nichts erlaubt.“ Wenn Gott nicht existiert ist das nicht gleichbedeutend mit Nihilismus, sondern es bedeutet eine größere Verantwortung. Camus stellt sowohl die Lehre des Christentums als auch die des Marxismus auf den Kopf: er ist der Geschichte ( dem historisches Denken, das am Ende auf eine Erlösung zusteuert) gegenüber pessimistisch, aber optimistisch gegenüber der Menschheit und ihrer Würde.

 

Dem deutschen Idealismus steht er mehr als skeptisch gegenüber. Das historische Denken, insbesondere die Philosophie Hegels, sollte den Menschen von der Unterdrückung zur Erlösung führen, für Camus aber ist es eine ähnliche Unterwerfung des Menschen wie in der Kirche vor dem Altar. Die Kritik an Hegel wendet sich gegen den Gedanken der unendlichen Formbarkeit des Menschen und ist eine Suche nach anderen Maßstäben als Effektivität. Geist und Bewußtsein werden nach Camus in Hegels Denken zu unrecht zu Helden der Geschichte und der Mangel an Maß bringt eine Hybris des Geistes hervor.

 

Für Camus ist das Leiden der Unschuldigen unvereinbar mit der Existenz eines gerechten allmächtigen Gottes. Daher ist seine Revolte eine metaphysische gegen das Leiden der Unschuldigen. Der Mensch in der Revolte ist für Camus ein Mensch der zuallererst „ nein“ sagt, aber er erschöpft sich nicht in diesem „nein“. Es führt zu einem Ja, das in der Wiederentdeckung dessen liegt, was Menschen vereint und dadurch ihre Fragilität verkleinert.

 

Erst aber durch die Begegnung mit dem Tod wird dieses „Ja“ zur Kultur, weil es keine Liebe zum Leben ohne Verzweiflung am Leben geben kann. Schönheit und Tod verfolgen sich gegenseitig. Das Maß/ Moderation ist nicht Balance und nicht die Auflösung eines Widerspruchs, sondern die Bejahung des Widerspruchs und der heroische Entschluss, dabei zu bleiben. Ein „trotz alledem“. Trotz der Sinnlosigkeit und Absurdität des Lebens entscheidet sich der Mensch mit Leidenschaft für die Welt und der Schmerz, den er spürt, ermöglicht es, den Objekten ihren Wert als Wunder wiederzugeben.

 

Exkurs Nietzsche: Das Dionysische ist nach Nietzsche die primäre, elementare, schöpferische Lebensmacht. Aber auch Schmerz, Lust, Stirb und Werde sind dionysische Elementargewalten. die grausam, heillos, gewalttätig und ungeheur sind. Dionysische Weisheit ist die Kraft, diese Elementargewalten auszuhalten. Apollon ist der Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit, der Mäßigung, der Künste und der Individualität. Das apollonische Prinzip kann die dionysische Wirklichkeit abwehren, sublimieren, kanalisieren. Es beruht auf einem lebendigen: Trotzdem! (->mehr dazu)

 

Ehre

 

Der altmodisch erscheinende Begriff „Ehre“ ist ein Schlüsselbegriff in Camus´ Denken. Ehre vermittelt das Gefühl, zu einer menschlichen Gesellschaft zu gehören, wenn man in einer Welt lebt, in der es weder himmlische noch weltliche Rettung gibt. Was das Absurde nach Camus ausbalanciert, ist die Gemeinschaft von Menschen, die dagegen kämpfen. Wer gewählt hat dieser Gemeinschaft zu dienen, hat dem Dialog zu dienen, der gegen das Absurde geführt wird, gegen Falschheit oder Schweigen. So ist man frei mit anderen, was sich auch in den Schlagwörtern „solitaire et solidaire“ ( einzeln aber solidarisch ) ausdrücken lässt.

 

Revolte ist daher nicht nur der Wunsch nach Freiheit sondern auch die Anerkennung einer höheren Loyalität, gegenüber Menschen, die Camus große Seelen nannte ( z.B. Simone Weil oder Friedrich Nietzsche). Die einzige Überlegenheit, die Camus dem Christentum zuerkannte, war die Kraft des Beispiels für einen Lebensstil, wie ihn Christus und die Heiligen verkörperten. Freiheit ist für Camus an Ehre gebunden, weil sie sich sonst in ihr Gegenteil verwandelt und destruktiv wird.

 

 

Der absurde Mensch und die Revolte

Berlin
Berlin

 

„Mit dem Verlust der Geduld, mit der Ungeduld beginnt … eine Bewegung, die sich auf alles erstrecken kann, was vorher hingenommen wurde. Scheinbar negativ, da sie nichts erschafft, ist die Revolte dennoch zutiefst positiv, da sie offenbart, was im Menschen allezeit zu verteidigen ist. Der Revoltierende kämpft für die Unversehrtheit eines Teils seines Wesens. Er sucht zuvörderst nicht etwas zu erobern, sondern etwas durchzusetzen. Er verteidigt nicht was er hat, sondern was er ist.“ (Albert Camus)

 

Die Basis für den Widerstand ist nach Cassano :

1. Die Anerkennung von Endlichkeit, Begrenztheit: Der Tod begrenzt das Leben, Ehre die Freiheit. Ja das Nein.

2. Gemeinschaft

3. ursprüngliche Beziehung zur Erde, die für ihn im griechischen Herz unserer Zivilisation liegt: der klassischen Liebe zum Kosmos.

(->mehr dazu)

 

Entfremdung

Ich halte die Beschäftigung mit dem Thema Entfremdung für alles andere als Romantik im Sinne von Gefühlsduselei, sondern für elementar, wenn man nach den Ursachen der Krisen dieser Welt fragt. Zusammen mit Satre ist Camus einer der wichtigsten Autoren, die sich mit Entfremdung und dem Absurden auseinandersetzten. Der Begriff Entfremdung hat eine lange Tradition.  Es geht dabei um Entzauberung ( Max Weber), Verdinglichung ( Lukasz) Anomie und latente Aversion gegenüber Menschen (Durkheim, Simmel) oder die marxistischen Auffassung der Entfremdung durch Arbeit.

 

Ich denke außerdem an Schriftsteller wie Franz Kafka, Samuel Beckett, D.H Lawrence ( dessen Buch " Das Meer und Sardinien" Inspiration für den Namen dieses Blogs war), Filmemacher wie die Cohen Brüder, Jim Jarmusch, Werner Herzog, David Lynch, Michelangelo Antonioni.

 

Ein Autor, der sich intensiv mit Entfremdung beschäftigt, ist Hartmut Rosa in seinem Buch „Resonanz“. Ob ein Mensch ein glückliches Leben führt, hängt seiner Meinung nach nicht in erster Linie von Reichtum und Ressourcen ( finanziell, sozial, psychisch ect.), sondern vom Grad der Verbundenheit und Offenheit für andere Menschen und Dinge ab. Die Moderne schildert er als eine Epoche, in der sich Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Politik und Sozialsysteme nur durch Beschleunigung und Wachstum stabilisieren können. Depression und Burnout sind für ihn die radikalsten Formen von Entfremdung und Folge der modernen Resonanzkatastrophe, die nicht durch Entschleunigung und nicht individualpsycholgisch "geheilt" werden können.

 

Mehr zum Thema

 

Hartmut Rosa: Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung (2019)

 

Artikel zum Thema Franco Cassano und Mittelmeerutopie: -> Mediterraneo

 

Camus-Blog: -> 365 Tage Camus

 

Iris Radisch: Camus: Das Ideal der Einfachheit - Eine Biographie (2013)