Pulcinella und die Lazzari

 

Pulcinella ist eine Figur der commedia dell´arte und repräsentiert noch heute die Begabung, sich auf spezielle Art durchs Leben zu schlagen: mit Witz, List, Vitalität, Unverschämtheit und Würde.

 

„Ti mando nel pease di pulcinella“ heißt soviel wie „ich schick dich zum Teufel“. Da viele Italiener den Namen des Teufels lieber nicht aussprechen, schicken sie sich gegenseitig ins Land des Pulcinella. Als Symbolfigur muss Pulcinella für vieles herhalten. Ursprünglich  ist Pulcinelle eine Figur des süditalienischen und neapolitanischen Volkstheaters.  Als Diener (servo) repräsentierte er die untergeordnete Stellung des Volkes. Pulcinella trug eine vogelnasige,  phallusähnliche Maske, war listig, drückte sich in frechen Gesten aus und war immer auf Betrug und Vorteil aus.

 

 

Es wird vermutet, dass Pulcinella (vor-)römische, also griechische Ursprünge in der Figur des Muccus im Atellantheater hatte, wo er den Dümmling repräsentierte, der von den anderen betrogen und verspottet wurde. In der commedia dell´arte entwickelte sich die Figur des Pulcinella im 19. Jahrhundert vom Diener und Hanswurst zu einem "normalen" Menschen mit seinen täglichen Sorgen. Er wurde ein Allerweltskerl. Pulcinella behielt aber seine Liebe für lärmendes Durcheinander und Spaß an Geistesblitzen, schnelles Handeln und Schlagfertigkeit. Er zeichnete sich durch einem immensen Reichtum an Gesten aus. Ganze Bücher wurden auch über die Gesten- und Körpersprache der Neapolitaner verfasst. Man sagt, sie reden noch immer auf die gleiche Art mit Händen und Füßen wie die die alten Griechen. Allein 20 Seiten in Andrea de Jorros Lexikon der stummen Eloquenz befassen sich mit dem erotischen Zeichen der corna ( Hörner ) und dem weiblichen pendant der fica ( Feige).

 

Pulcinella Gruppen traten als Komiker früher bei vielen Gelegenheiten auf und begleiteten sogar Trauerzüge zum Friedhof, wobei es allerdings Sitte war, sie mit faulem Obst zu bewerfen. Bis in die 1980er Jahre war Pulcinella (zu deutsch: Küken) im Straßentheater der Gassen Neapels präsent und wurde dann vom Fernsehen verdrängt.  Noch heute aber repräsentiert Pulcinella die speziellen Begabungen und Eigenschaften der Neapolitaner, sich auf spezielle Weise durchs Leben zu schlagen.

 

Pulcinella ist auch die Hauptfiguer dse Films BELLA E PERDUTA (2015) eine mythische Parabel über Verfall und den Wert des vermeintlich Wertlosen. Regisseur Pietro Marcello ließ sich von der italienischen Sagenwelt inspirieren und zeigt uns das heutige Italien in all seiner Zerrissenheit durch die Augen eines Büffels und eines Narren.

Die Lazzari und der Freiheitsbaum

 

Pulcinella war auch das alter ego der "Lazzari". "Lazzari" oder "Lazzaroni" hießen die Armen (oder auch Schurken) in Neapel. Ihr Name stammt vom biblischen Lazzaro oder vom spanischen Wort für Lumpen oder Lepra ab. Als Erkennungszeichen trugen sie eine rote Mütze, wie später die Jakobiner und heute wieder einige Gelbwesten in Frankreich.

 

"Sie lebten in den Tag hinein, ohne für mehr als ihr tägliches Auskommen zu sorgen, unbekümmert und fröhlich, voller Witz und Sinn für Komik. Ihre Armut drückte die Lazzari nicht nieder, machte sie nicht traurig und finster, sondern gab ihnen eine geistige Elastizität, eine Art gelassener, halb künstlerischer, halb philosophischer Sicht der Dinge.“ so der italienische Historiker Benedetto Croce. Die Lazzari sorgten in den Gassen von Neapel für Ruhe und Ordnung oder für Unruhe und Aufruhr. 1585 organisierten sie wegen steigender Brotpreise erfolgreich einen Aufstand und da Neapel eine schwer zu regierende Stadt war, versuchte so mancher König, sich gut mit den Lazzari zu stellen.

 

Insbesondere Ferdinand IV (1751-  1825), König von Neapel ( Beiname: König Lazzarone), gelang es, sich bei den Lazzari beliebt zu machen. Er sprach ihren Dialekt, hatte eher grobe Umgangsformen und belebte das Schauspiel des Schlaraffenbaums wieder. Früchte, Gemüse und Würste ließ er an ein baumartiges Gestell hängen und dann von der Bevölkerung erstürmen. Trotz des grausamen Spektakels, bei dem es auch zu Toten kam, war "König Lazzarone" populär.

 

Als Ferdinand im Zuge der französischen Revolution die Flucht nach Palermo ergriff, richtete sich die Wut der Bevölkerung nicht gegen ihn, sondern gegen die Jakobiner, die die freie Republik Neapel ausriefen. "Endlich sind wir frei und endlich ist der Tag gekommen, an dem wir die heiligen Worte Freiheit und Gleichheit aussprechen und uns als würdige Söhne der Mutterrepublik, als würdige Brüder der freien Völker Italiens und Europas sehen können."

Der Adel rief Gleichheit und Demokratie aus, aber die Lazzari wollten davon nichts wissen. Sie hatten das Gefühl, der Freiheitsbaum der Jakobiner war statt mit Würsten nur mit schönen Worten geschmückt.

 

Auch dieses Lied erinnert an die Bürger von Montrone ( Adelfia) in Apulien, die den französischen Eindringlingen 1799 Widerstand leisteten und deren Ort daraufhin niedergebrannt wurde.

 

Filmplakat: Glücklich wie Lazzaro
Filmplakat: Glücklich wie Lazzaro

Der Süden - ein von Teufeln bewohntes Paradies?

 

Seit Goethes Italienischer Reise wurde in der europäischen Reiseliteratur die Überzeugung verbreitet, der Süden sei ein vom Teufel bewohntes Paradies. Auch Geschichten wie die vom brutalen Spektakel des Schlaraffenbaums haben dazu beigetragen, dass in jedem dritten Italienbuch diese Überschrift zu finden ist, wenn es um den mezzogiorno geht.

 

Ich bin in einem alten Reiseheft aus den 80er Jahren zufällig auf einen Artikel über Pulcinella gestolpert:  " Die letzten echten Erben stehen auf dem Markt und preisen lauthals und gestenreich ihre Waren an. (..) Der riesige Basar, der sich in der brüchigen Innenstadt ( Von Neapel) mehr und mehr ausbreitet, ist immer noch farbig, lärmend, bewegt, ist ein Nebeneinander von Altersgrau und Nagelneu, von Vitalität, Schlamperei, Unverschämtheit und Würde." schrieb die Autorin Toni Kienlechner.

 

Dass in jedem Italiener noch heute ein bißchen Pulcinella steckt, ist sicher nicht nur ein Klischee.  Mir ist aufgefallen, dass manche Apulier gerne mit diesem Klischee spielen. "Ein bißchen lügen und betrügen ist doch normal. Aber warum gleich die ganze Welt zerstören?" meint ein Freund zu mir.  In Taranto hat jemand auf eine Mauer geschrieben: "Voglio una vita. La voglio piena di guai." ( Ich will ein Leben. Ich will es voller Ärger). Die Zeile stammt aus einem Lied von Vasco Rossi zu deutsch: "Flegelhaftes Leben". "Bastardo" habe ich gelernt, kann durchaus als Kompliment gemeint sein und "un buon diavolo" heißt "eine gute Haut."

 

Giorgio Agamben

 

2019 hielt Giorgio der italienische Philosoph Giorgio Agamben eine Woche lang Vorträge in Berlin, die dem Muster der gestischen Aktion folgten. Mitten im Vortrag hielt Giorgio Agamben plötzlich inne und sagt: „Ich hoffe, dass allen hier im Raum klar ist: Alles politische Handeln ist unmöglich geworden.“ Politisches Handeln sei nicht mehr möglich, so Agamben. Wir werden von Wirtschaftsmächten regiert.

 

 

 

In einem Text über den „Autor als Geste“ hatte eAgamben an der Commedia dell’arte gerühmt, dass deren Scherze unaufhörlich die Geschichte durchbrechen, die auf der Bühne vor sich geht. Am Beispiel des Pulcinella definierte Agamben das Komische als eine Unmöglichkeit des Sagens, die in der Sprache ausgedrückt wird, und als eine Unmöglichkeit des Handelns, die sich in der Gebärde artikuliert. Könnte es statt der Politik der Handlung eine „Politik der Gebärde“ geben? Eine „komische Politik“? Eine komische Politik als Unterbrechung der totalen Ungerechtigkeit?

 

 

 

Im Saal des Italienischen Kulturinstituts trat mit Agamben auch der letzte neapolitanischen Guarattellaro, der Puppenspieler Bruno Leone auf, der zeigte wie die Marionette des Pulcinella dem Henker ein Schnippchen schlägt.

 

Bücher von Giorgio Agamben:

 

 

Pulcinella oder Belustigung für Kinder. Aus dem Italienischen übersetzt von Marianne Schneider. Schirmer/Mosel, München 2018.

 

Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Übersetzt von Hubert Thüring. Suhrkamp, Frankfurt Main 2002. „Homo Sacer“, Giorgio Agambens monumentaler Versuch eines radikalen Verständnisses unserer Gegenwart, umfasst vier Bände und mehr als 1300 Seiten. Agamben schreibt darin über die souveräne Macht und das nackte Leben, über Armut und Auschwitz, über Ausnahmezustand und Bürgerkrieg.

 

An welchem Punkt stehen wir? Die Epidemie als Politik. Aus dem Italienischen übersetzt von Federica Romanini. Turia + Kant, Wien 202

 

Giorgio Agamben on Philosophy and Pulcinella

 

-> Youtube Kanal von Bruno Leone

 

 

Agamben spielte in dem Pasolini´s Film -> „Das 1. Evangelium – Matthäus“ die Rolle des Apostels Philippus.

 

 

Der Freiheitsbaum 4.0

 

Mit der Geschichte vom Freiheitsbaum im Hinterkopf, möchte ich mal fragen: ist es wirklich so undenkbar, dass es auch heute Menschen gibt ( reiche Menschen mit viel Macht) , die den Baum mit schönen Worten Worten schmücken, im Grunde aber nur eins wollen: Ihr Geld und ihre Macht behalten und vergrößern?

 

Ich denke da zum Beispiel an Jaques Attali. Der Absolvent der Ecole Polytechnique und der Ecole Nationale d'Administration (ENAR), der zehn Jahre lang Sonderberater des französischen Präsidenten François Mitterrand war, ist der Gründer von vier internationalen Institutionen: Aktion gegen den Hunger, EUREKA, EBRD und Positive Planet.

Die Positive Planet Foundation fördert seit 22 Jahren die positive Wirtschaft und unterstützt die Gründung positiver Unternehmen in Nachbarschaften in Frankreich, Afrika und dem Nahen Osten, heißt es über ihn und seine Stiftung.

http://www.attali.com/biographie/

 

 

  Attali´s Vision für eine Weltregierung im Jahr 2009 während der Schweinegrippe sah so aus:

 

"Die Geschichte lehrt uns, dass sich die Menschheit nur dann signifikant weiterentwickelt, wenn sie wirklich Angst hat: Sie baut dann zunächst Abwehrmechanismen auf; manchmal unerträglich (Sündenböcke und Totalitarismen); manchmal vergeblich (Ablenkung); manchmal wirksam (Therapeutika, ggf. unter Verwerfung aller bisherigen moralischen Grundsätze).  Dann, wenn die Krise vorbei ist, transformiert sie diese Mechanismen, um sie mit der individuellen Freiheit kompatibel zu machen, und schreibt sie in eine demokratische Gesundheitspolitik ein.
Die sich abzeichnende Pandemie könnte eine dieser strukturierenden Ängste auslösen.
Wenn sie nicht schwerwiegender ist als die beiden vorangegangenen Befürchtungen, die mit der Gefahr einer Pandemie verbunden waren (die Rinderwahnsinnskrise 2001 in Großbritannien und die Vogelgrippekrise 2003 in China), wird sie zunächst erhebliche wirtschaftliche Folgen haben (Rückgang des Luftverkehrs, Rückgang des Tourismus und des Ölpreises); sie wird etwa 2 Millionen Dollar pro infizierter Person kosten und die Aktienmärkte um etwa 15 % fallen lassen; Die Auswirkungen werden sehr kurzfristig sein (Chinas Wachstumsrate fiel nur im zweiten Quartal 2003, um dann im dritten Quartal zu explodieren); sie werden auch organisatorische Konsequenzen haben (2003 wurden in ganz Asien sehr rigorose polizeiliche Maßnahmen ergriffen; die Weltgesundheitsorganisation richtete weltweite Alarmverfahren ein; und einige Länder, insbesondere Frankreich und Japan, legten beträchtliche Reserven an Medikamenten und Masken an).
Wenn sie etwas ernster ist, was möglich ist, da sie durch den Menschen übertragbar ist, wird sie wirklich planetarische Folgen haben: wirtschaftlich (Modelle deuten darauf hin, dass sie zu einem Verlust von 3 Billionen Dollar führen könnte, d. h. zu einem Rückgang des weltweiten BIP um 5 %) und politisch (wegen der Ansteckungsgefahr werden die Länder des Nordens ein Interesse daran haben, dass die Länder des Südens nicht krank werden, und sie werden dafür sorgen müssen, dass die Ärmsten Zugang zu den Medikamenten haben, die derzeit nur für die Reichsten gehortet werden); eine große Pandemie wird dann, besser als jeder humanitäre oder ökologische Diskurs, das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines zumindest eigennützigen Altruismus hervorbringen.
Und selbst wenn diese Krise, wie wir natürlich hoffen müssen, nicht sehr schwerwiegend ist, dürfen wir nicht vergessen, wie bei der Wirtschaftskrise, Lehren daraus zu ziehen, damit vor der nächsten, unvermeidlichen, Präventions- und Kontrollmechanismen und logistische Prozesse für die gerechte Verteilung von Medikamenten und Impfstoffen eingerichtet werden.  Dazu müssen wir eine Weltpolizei, ein Weltlager und damit ein Weltsteuersystem einrichten.  Wir werden dann viel schneller, als es allein aus wirtschaftlichen Gründen möglich gewesen wäre, dazu kommen, die Grundlagen für eine wahre Weltregierung zu legen.   Durch das Krankenhaus begann in Frankreich im 17. Jahrhundert die Errichtung eines wirklichen Staates. In der Zwischenzeit könnten wir zumindest auf die Umsetzung einer echten europäischen Politik zu diesem Thema hoffen.  Aber auch hier, wie bei so vielen anderen Themen, schweigt Brüssel.   http://www.attali.com/societe/changer-par-precaution/

 

Jacques Attali hat mehr als 1.000 Leitartikel für die Zeitschrift L'Express geschrieben und ist Autor von mehr als 80 Büchern, von denen 9 Millionen Exemplare in 22 Sprachen übersetzt wurden.Er hat auch mehrere Orchester in der ganzen Welt dirigiert (Paris, Grenoble, London, Jerusalem, Shanghai, Astana, Montreal, Lausanne, Brüssel, Helsinki usw.).


So nochmal die Frage: ist es wirklich so undenkbar, das einflussreiche Menschen Angst nutzen, um ihr Geld und ihre Macht zu behalten und zu vergrößern. Ich denke auch an Klaus Schwab. In „Shaping the Future of the Fourth Industrial Revolution. A Guide to Building a Better World" schrieb Schwab bereits 2018:

 

„Die Technologien der Vierten Industriellen Revolution werden nicht aufhören, Teil der physischen Welt um uns herum zu werden – sie werden Teil von uns werden. In der Tat haben einige von uns bereits das Gefühl, dass unsere Smartphones zu einer Erweiterung unserer selbst geworden sind. Die heutigen externen Geräte – von tragbaren Computern bis hin zu Virtual-Reality-Headsets – werden mit ziemlicher Sicherheit in unseren Körper und unser Gehirn implantiert werden. Exoskelette und Prothesen werden unsere körperliche Leistungsfähigkeit erhöhen, während Fortschritte in der Neurotechnologie unsere kognitiven Fähigkeiten verbessern werden".

 

Oder 2020 in The Great Reset: "In der Tat eignen sich Automatisierungstechnologien besonders gut für eine Welt, in der Menschen einander nicht zu nahe kommen können oder bereit sind, ihre Interaktionen zu reduzieren. Unsere Furcht, mit einem Virus (COVID-19 oder einem anderen) infiziert zu werden, wird somit den unaufhaltsamen Vormarsch der Automatisierung beschleunigen, insbesondere in den Bereichen, die am anfälligsten für die Automatisierung sind.“

 

( Klaus Schwab, Gründer und Vorsitzender des Weltwirtschaftsforum)

Mehr dazu hier...-> Gegenfeuer . Gegen das neue Normal.

 

 

 

Tipps:

 

Was das vitale Durcheinander angeht ist ->Taranto  vielleicht in Apulien die Stadt, die am meisten an Neapel erinnert.

 

In Bari gibt es die ->Casa di Pulcinella, ein Marionetten und Puppentheater.

 

-> Der Gram der Pulcinellen  Eine komische Politik als Unterbrechung der totalen Ungerechtigkeit: Giorgio Agamben hält eine Woche lang Vorträge in Berlin. Sie folgen einem Muster der gestischen Aktion. ( Faz, 3.7.2019 )

 

-> Die endlose Krise ist ein Machtinstrument ( Gespräch mit Giorgio Agamben )