Titelbild: SOLO BRACCIA von Alessandro Tricario

Die Geschichte der braccianti: Landarbeiter und Kleinbauern in Italien

 

Wer die Kulturgeschichte Süditaliens verstehen will, der muss auch auf´s Land gehen, die Tomatenbauern und die Landarbeiter befragen. Niemand hat die Geschichte der Landarbeiter in letzter Zeit wohl poetischer erzählt als Alice Rohrwacher mit dem Film "Lazzaro felice" . Ich war erstaunt, wieviel Wahrheit in diesem filmischen Märchen steckt, als ich zufällig auf die Geschichte der braccianti in Minervino Murge in Apulien stieß.

 

Viele Filmemacher haben die braccianti zu Helden ihrer Filme gemacht. Einer der bekanntesten ist der Monumentalfilm "1900" von Bernado Bertolucci. Über fünf Stunden erzählt der Film die Geschichte der Freundschaft eines Landarbeitersohnes und des am selben Tag geborenen Sohnes eines Großgrundbesitzers vor dem Hintergrund der italienischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch in Milo Rau ´s Reinszenierung von Pasolinis Film "Das erste Evangelium Matthäus"  spielen die braccianti eine Hauptrolle. „In unserer Adaption des Evangeliums sollen alle Rollen von den Verlierern der heutigen Weltwirtschaft gespielt werden: von den durch die Getreideimporte in Konkurs gegangenen süditalienischen Bauern und den in Italien gestrandeten Flüchtlingen aus Afrika“ .

 

Als "braccianti" bezeichnet man im Italienischen Landarbeiter und Tagelöhner, die jede Art von Handarbeit für einen bestimmten Zeitraum ausführen und für Saisonarbeit eingesetzt werden. Im Gegensatzt dazu ist ein "campagnuolo" jemand, der sein eigenes Land bearbeitet. Braccianti waren im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr weit verbreitet, als es noch große Landgüter gab und landwirtschaftliche Maschinen selten waren. Heute werden sie noch bei Anbau und Ernten beschäftigt, die einen hohen manuellen Arbeitsaufwand erfordern (z.B. Olivenanbau, Blumenzucht, Tomaten.). Der Ausdruck bracciante leitet sich von "il braccio" ( der Arm ) ab.

 

Schon nach dem ersten Weltkrieg gab es eine Periode der Landbesetzung durch Bauern und Tagelöhner. Damals heuerten die Großgrundbesitzer die soganannten schwarzen Korps zum Schutz ihrer Interessen an.

Elsa Morante schreibt darüber in "La Storia" : Diese Besetzungen waren nutzlos, denn nachdem die Besitzer das Land fruchtbar gemacht und bebaut hatten, wurden sie, durch das Gesetz, wieder vom Land vertrieben. Mehrere wurden getötet. Und die Tagelöhner, die für die Grundbesitzer arbeiteten, bekamen als Lohn nach den neusten Arbeitsverträgen, die nach langen sozialen Kämpfen durchgesetzt worden waren, beispielsweise folgendes: Für einen Arbeitstag von sechzehn Stunden: einen dreiviertel Liter Öl. Frauen die Hälfte. 

 

Landarbeiterbewegung und Landbesetzung seit 1943

 

Über die Rolle der Camorra und Kleinbauern nach dem zweiten Weltkrieg hat Hans Joachim Enzensberger in der Zeitschrift Merian einen bemerkenswerten Artikel geschrieben. Er hieß: Pupetta oder das Ende der neuen Camorra. Enzensberger schrieb damals: "Wären die Reporter statt Anklagen zu erheben und Mutmaßungen anzustellen aufs Land gegangen und hätten ein paar Tomatenbauern gefragt, so wären sie darauf gestoßen, dass die Camorra in Nepael, so wie sie sich im Sensationsprozess um "Pupetta"  ( Kosename der 20 -jährige Assunta Maresca Simonetti, die Blutrache für ihren erschossenen Ehemann nahm) darstellte, gar nicht mehr existierte. Die Mafia erpresste in den Jahren nach dem Krieg Schutzgeld von den Kleinbauern. Wenige Jahre später verschwanden die kleinen, schmierigen Halunken von den Strassen Neapels. Die neue Mafia bestand aus Bänkern, die die Bauern durch Verträge und Wucherzinsen ausbeutete.

 

Rückblick: Nach dem Sturz Mussolinis 1943 begannen wieder Landbesetzungen in Süditalien. Die 1944 gebildete antifaschistische Einheitsregierung (IKP ) beschloss ein Gesetz, das diese Landbesetzungen legalisieren sollte, was den Großgrundbesitzern gar nicht gefiel. Als Kommunisten und Sozialisten begannen, die Forderungen der braccianti und kleinen Pächter zu unterstützten, kam es vor allem in Sizilien zu blutigen Kämpfen. Einige Latifundistas ( Großgrundbesitzer ) riefen die Mafia zur Hilfe, um ihr Land zu verteidigen. Bei der Maifeier 1947 in Palermo wurden acht braccianti getötet und über 30 verletzt. Die italienische Regierung sandte Truppen in den Süden und die Landarbeiter gründeten zur Verteidigung ihrer Interessen den Fronte del Mezzogiorno (Front des Südens), der eng mit der PCI verbunden war.

 

Am 1. März 1950 erreichten die andauernden Besetzungen von Ländereien durch Landarbeiter, Tagelöhner und landlose Bauern (Halbpächter) in ganz Süditalien einen  Höhepunkt und griffen auch auf Regionen des Nordens, die Emilia Romagna, Lombardei und die Marche, über. Sie waren eine Reaktion auf die seit 1949 auch in Apulien und Calabrien verschärften Überfälle der Mafia, bei denen zahlreiche Landbesetzer getötet und verletzt wurden. 

 

Auch die Nato versuchte, Italien, das eine der stärksten kommunistischen Parteien Europas hatte, mit Hilfe der Mafia unter Kontrolle zu bringen. Im Zuge von Industrieförderung und Strukturreform wurde 1950 die "cassa per il mezzogiorno" ( Kasse für den Süden) ins Leben gerufen, eine Landreform, die letztendlich wieder den Großgrundbesitzern zu Gute kam und  auch deshalb scheiterte, weil lokale Behörden und die Mafia das Geld versickern ließen.

 

Gescheiterte Landreform: Das Gesetz Nr. 841

 

Das angespannte Klima, das in der unmittelbaren Nachkriegszeit - vor allem in Kalabrien und Apulien - den Süden des Landes durchzog, veranlasste die Regierung zu Landreformen. Am 4. Mai 1950 wurde das "Sila-Gesetz" verabschiedet, das für Kalabrien bestimmt war. Im Oktober 1950 die "legge stralcio", die das Po-Delta, die toskanische Maremma, Fucino, Kampanien, Apulien, Lucania, Molise und Sardinien betraf.

 

Die Reform schlug vor, durch Zwangsenteignung Land an die Landarbeiter zu verteilen, so dass diese zu Kleinunternehmern werden und nicht mehr dem Großgrundbesitzer unterworfen sind. Es entstanden landwirtschaftliche Genossenschaften. Etwa sieben Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche wurde an 109.425 Familien, vorwiegend Halbpächter und Tagelöhner übergeben, die jeweils zirka sechs Hektar Land erhielten. Nur jeder achte Bewerber erhielt ein Stück Land. Dafür mussten sie den Besitzern in 30 Jahren über die Staatskasse eine Entschädigung zum Marktpreis zahlen. Der politische Erfolg der Bodenreform bestand darin, dass das Latifundium als soziale Struktur im Wesentlichen beseitigt wurde. Die übergebenen Böden waren aber meist schlecht kultiviert, sodass oft kaum ertragsfähige Kleinwirtschaften entstanden. Den neuen Kleinbauern fehlten meist die finanziellen Mittel, entsprechende Technik einzusetzen.

 

Insgesamt wurden 749.210 Hektar enteignet, davon 47.942 im Po-Delta, 210.097 in der Maremma und in Fucino, 196.937 in Apulien und Lucanien, 84.865 in Kalabrien, 108.253 in Sizilien und 101.561 auf Sardinien. Die Reform sollte die sozialen Spannungen beruhigen, die Arbeitskraft in der Landwirtschaf erhalten und ein auf dem Land verankertes soziales Gefüge wieder aufzubauen. Außerdem sollte verhindert werden, dass die kommunistische Partei und Gewerkschaftsbewegungen zu stark wurden. Italien sollte von einem Agrar- in eine Industrieland umgewandelt werden. Mit Beginn des Wirtschaftswunders Ende der 50er Jahre erlebt das Land innerhalb weniger Jahre Veränderungen, die in anderen europäischen Ländern Jahrhunderte gedauert haben. Etwa drei Millionen Menschen aus dem nicht industrialisierten Süden zogen in den Norden Italiens, die Schweiz oder Deutschland, ganze Dörfer und Äcker verödeten. Das Wirtschaftswunder der 1960er Jahre führte zur Flucht der kleinen und mittleren Landwirte des Südens in die Lombardei, das Piemont, Venetien, Deutschland, Frankreich und die Schweiz und zum Beginn des Niedergangs der landwirtschaftlichen Erneuerung in Süditalien.

 

Landbesetzung von Minervino Murge in den 1970er Jahren

 

"Wenn ich heute auf den Feldern des Familienunternehmens - Terradiva – bin, erkenne ich diese Bäume und ich erinnere mich an ihre Bedürfnisse: Dieser Baum hat eine bestimmte Krankheit, der andere hat ein Problem mit den Wurzeln und daher andere Wünsche. Es ist im Grunde wie als wenn man mit Menschen umgeht." erzählt Michele Lobascio, der in den 1970er Jahren an der Landbesetzung in Minervino Murge teilnahm.  In einem Interview erinnert er sich an die Besetzung des Landes durch arbeitslose Jugendliche aus Minervino Murge, die Gründung der Genossenschaft “Carmine Giorgio” und der Zusammenarbeit mit Kooperativen aus der Emilia-Romagna:

 

"In Minervino Murge gab es einen großen landwirtschaftlichen Betrieb, der von der Gemeinde verwaltet wurde. Dieser Betrieb war eine Schenkung der adeligen Familie Corsi, die mit der Schenkung und dem Erlös anderer Grundstücke die Ausbildung von Landarbeiterkindern finanzieren wollte. Die Besetzung dieses landwirtschaftlichen Gebietes durch uns junge Leute dauerte Monate. Die Polizei kam und schickte uns weg. Doch wir gingen wieder zurück auf die Felder, setzten uns und blieben bis die Polizei wieder zurückkam und uns wieder wegschickte. Am Ende hatten wir es jedoch geschafft: Wir haben gezeigt, dass die Landwirtschaft auf diesen Feldern produktiver werden und transformiert werden konnte. Also wurde das Land uns offiziell zugewiesen. Die Besetzung

durch uns Landarbeiter hatte eine nationale Medienresonanz, die ich mir nie so hätte vorstellen können.

 

Die Landarbeiter heute

 

Heute sind es vor allem afrikanische Flüchtlinge, deren Arbeitsbedingungen auf den Tomatenfeldern so schlecht sind, dass viele NGOs von moderner Sklaverei sprechen. Die meisten leben in ländlichen Ruinen oder Barackensiedlungen. Yvan Sagnet, ein kamerunischer Anti-Sklaverei-Aktivist, der einst in Apulien bei der Tomatenernte arbeitete, erklärt, dass das Leiden sowohl psychisch als auch physisch ist. "Die Sklaverei des 21. Jahrhunderts braucht keine Ketten, weil sie ein ständiges Gefühl der Einschüchterung ausnutzt, das die verletzlichsten Menschen, wie Immigranten, empfinden." Er sagt auch: "Bei 39 Cent für eine Dose Tomaten braucht der Bauer Sklaven." Yvan Sagnet spielte in Milo Raus Film »Das neue Evangelium« den Jesus.

 

In Nardò gab es bis vor wenigen Jahren eines der größten Landarbeiter-Gettos Italiens. Hier wurde auch der erste Aufstand von afrikanischen Landarbeitern organisiert. Der Verein "Sfruttazero" setzt sich seither für faire Entlohnung ein. 2018 konnte 19 Landarbeitern ein geregelter Saisonvertrag angeboten werden, also "freien Bauern", wie man auf den Etiketten der Tomatengläser lesen kann

 

Carmine Giorgio

 

Carmine Giorgio wurde am 29. Mai 1861 in Minervino geboren. Von Beruf Bäcker, gehörte er 1895 zu den Gründern der ersten Kreise der Sozialistischen Partei Italiens in Apulien. Nach den Volksaufständen von 1898, bei denen das Volk von Minervino aus Verärgerung über die schlimmen sozialen Verhältnisse drei Gutsbesitzer tötete, wurde er angeklagt, die Bevölkerung zu Plünderungen und Verwüstungen angestiftet zu haben und zu sieben Jahren und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Noch während er im Gefängnis saß, nominierten ihn die Sozialisten für die politischen Wahlen von 1900 in den Wahlkreisen Molfetta und Corato.

Ein Gnadengesuch ermöglichte im Juni 1903 seine Freilassung, so dass Giorgio seine Tätigkeit als Kämpfer und Parteiführer wieder aufnahm. Bei den politischen Wahlen von 1919 kandidierte er erneut, wurde aber nicht gewählt. Nach der Spaltung in Livorno trat er in die Kommunistische Partei ein. Nach revolutionären Aufständen im Februar 1921 wurde er verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.  In den dreißiger Jahren, im Alter von siebzig Jahren, wurde er wieder entlassen und konnte in sein Dorf zurückkehren, wo er mit verschiedenen Einschränkungen seiner persönlichen Freiheit lebte. Er starb am 13. November 1943 in Minervino Murge.

 

Rivolta della dignita - Aufstand der Würde

 

Mit dem "Aufstand der Würde" haben der Regisseur Milo Rau und seinTeam eine breite Front gegen die fremdenfeindliche Politik der italienischen Regierung gebildet.  Zum ersten Mal kämpfen italienische Kleinbauern und Migranten Seite an Seite und zum ersten Mal wird ein Film über Jesus zu einer echten politischen Kampagne. Ein Protestmarsch zum "Aufstand der Würde" vereinte Hunderte von Flüchtlingen, Bauern und Aktivisten.

Revolte der Würde - Das Manifest ( Pdf)

 

 

-> 16 Erntehelfer sterben in Süditalien – sie lebten wie Sklaven ( NZZ)

 Der Tod von Migranten entfacht in Italien wieder einmal eine Diskussion über die sklavenähnlichen Bedingungen der ausländischen Landarbeiter. Von der Ausbeutung profitiert die Mafia. ( 8. August 2018)