Dionysos: Mythos und Kult um den Gott der Ekstase

Grabvase aus Ceglie del Campo, Apulien, Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung
Grabvase aus Ceglie del Campo, Apulien, Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung

 

Kaum ein Mythos scheint bis heute soviel Widersprüchliches zu vereinen und so sehr zu faszinieren wie der Mythos von Dionysos, vielleicht weil Dionysos den Menschen näher und ähnlicher war als andere Götter.

 

Dionysos war, als unehelicher Sohn von Zeus, ein Ausgestoßener, der durch die Welt irrte und dem die Anerkennug als Gott lange versagt blieb. Verehrt wurde er schließlich als Gott des Weines, des Rausches, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns, der Freude, der Ekstase. Wegen seiner Beziehungen zu weiblichen Gottheiten wurde Dionysos auch als „Gott der Göttinnen“ oder Gott der Frauen gesehen. Er war der Sohn einer Sterblichen und heiratete ein Sterbliche. Bei den Römern wurde er zu Bacchus.

 

Dionysos-Mythos: "Pure Vernunft darf niemals siegen!"


Geboren als unehelicher Sohn des Göttervater Zeus und einer Sterblichen Mutter (Senele), musste Dionysos schon als Kind seine Heimatstadt Theben verlassen und wurde von mehreren Nymphen aufgezogen. Als Erwachsener wurde er ein Vagabund. Er zog er in Begleitung eines lärmenden, merkwürdigen Gefolges aus Mänaden ( halbnackten, erotischen Frauen ) und Satyrn ( Mischwesen halb Mensch, halb Ziege) durch die Welt. Er benutzte Wagen, die von Panthern gezogen wurden und trug einen Stab (Thyrsos) bei sich. Er liebte es sich zu verkleiden, zu musizieren, Feste zu feiern. Dionysos brachte Freude, schlug aber im Rausch auch über die Stränge und galt daher als ungesittet, locker, ausschweifend. Er brachte den Menschen in Syrien, Ägypten den Weinanbau bei, zog weiter nach Indien und überall erlagen vor allem die Frauen seinem Charme.

 

In Trakien am Schwarzen Meer, das die Griechen für Barbarenland hielten, begegnete der König Dionysos mit Misstrauen und Feindschaft. Dionysos wurde gedemütigt und musste fliehen. In Panik sprang er ins Meer und ertrank, wo eine Meeresnymphe ihn rettete und in den Tiefen des Meeres versteckte.

Um als Gott anerkannt zu werden kehrte er danach in seine Heimatstadt Theben zurück. Aber als Dionysos behauptete, der Sohn von Zeus zu sein, wurde er von seinen eigenen Tanten ausgelacht und wiederum gedemütigt. Auch König Pentheus, ein Verfechter von Recht und Ordnung, misstraute Dionysos und befürchtete, er könnte, die Frauen von Theben in unsittliche Ekstase versetzen. Wieder wurde Dionysos vertrieben, aber er rächte sich an Pentheus, indem nun tatsächlich alle Frauen mit Wahnsinn schlug und in eine solche Raserei versetzte, dass sie Pentheus schließlich auseinanderrissen. Endlich als Gott anerkannt lehrte Dionysos die Menschen, dass es Wahnsinn sei, nur die Vernunft walten zu lassen.

„Ich bin der Andere, der Fremde, das Dunkle in euch selbst. Wahrer Wahnsinn ist nur Vernunft walten zu lassen.“ 

Dionysos zog weiter in die Welt und veliebte sich auf Naxos in Ariadne – eine Sterbliche, die ihn durch ihre Schönheit und Traurigkeit faszinierte. Dionysos heiratete die sterbliche Ariadne – auch das einmalig in der Götterwelt.

 

Mythen sind poetische Geschichten voller Symbole, die über Jahrhunderte tradiert und verbreitet wurden. Hier die Darstellung des Dinosysos-Mythos in der Arte-Reihe "Die großen Mythen": ->Dionysos: Gott und Dandy. ( online in der mediathek bis 24/07/2019)

 

Dionysos-Kult und die Entstehung des griechischen Theaters

 

Der Mythos des Dionysos verbreitete sich in der ganzen griechischen Welt. Aus dem Mythos entstand der Kult und die Kunstform des Theaters, wo die Geschichte um ihn und andere Helden auf die Bühne gebracht wurden. Es wurden Masken und Kostüme gertagen, getanzt, musiziert und getrunken. Bei diesen orgiastischen Riten wurden wilde Tiere zerrissen und gegessen sowie freie Liebe zwischen den Geschlechtern genossen.

 

Eleusinische Mysterien bestanden aus Umzügen von bis zu 3000 Teilnehmern auf der heiligen Straße von Athen nach Eleusis. Währenddessen wurden Szenen nachgestellt, die die Geschichten der Demeter, Persephone und des Dionysos darstellen ( ab ca 1500 vor Chr. ) Bei den Orphikern wurde Dionysos als Erlösers verehrt. Diese religiöse Strömung breitete sich ungefahr ab dem 6./5. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland und seinen Kolonien in Süditalien und an der Schwarzmeerküste aus. Diese nicht einheitliche religiöse Gruppe berief sich auf den mythischen Sänger und Dichter Orpheus. Sie glaubten an das Fortleben der Seele nach dem Tod .

 

Was als religiöser Kult in Thrakien  begann entwickelte sich in Athen zu einem 8 tägigen Fest, den sogenannten städtischen Dionysien. Aus den kultischen Gesangs-, Tanz- und Opferriten entwickelten sich die griechische Tragödie und Komödie in religiösem Kontext.

 

Die Aufführung der Tragödie am Ende der dionysischen Festes war für Nietzsche ein Ritual des Übergangs vom kollektiven Taumel, in dem der Einzelne das Bewusstsein seiner Individualität verliert, zurück in das alltägliche Leben. Im Zusammenhang mit der Ekstase bei den Dionysischen Festen spricht er von einer dreifachen Entgrenzung. Der Mensch entgrenzt sich zur Natur hin, er entgrenzt sich zum Mitmenschen in Liebe oder im kollektiven Rausch und  er entgrenzt sein Bewusstsein hin zum Unbewussten.

 

"Unter dem Zauber des Dionysischen schliesst sich nicht nur der Bund zwischen den Menschen wieder zusammen, auch die entfremdete und feindlich unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest!" (Nietzsche)

 

Dionysos auf apulischen Grabvasen

"Dionysos sitzt unter einer Weinlaube und hält einen Thyrsos (Stab). Er  lässt sich von einem Satyr bedienen." Grabvase aus Ceglie del Campo, Apulien, Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung
"Dionysos sitzt unter einer Weinlaube und hält einen Thyrsos (Stab). Er lässt sich von einem Satyr bedienen." Grabvase aus Ceglie del Campo, Apulien, Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung
Dionysos in einem Pantherwagen,  Grabvase aus Ceglie del Campo, Apulien, Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlungg
Dionysos in einem Pantherwagen, Grabvase aus Ceglie del Campo, Apulien, Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung

 

Dionysos war ein überaus beliebtes Motiv auf apulischen Grabvasen. Ceglie del Campo, wo diese 2500 Jahre alten Vasen gefunden wurden, war eine alte Siedlung des indigenen Stammes der Peuketier. Sie standen in Kontakt zu griechischen Kolonisten, die die Küste Apuliens seit dem 800 Jhd. v. Chr. besiedelten. Die Grabfunde waren sowohl griechische Importe als auch einheimische Erzeugnisse aus Apulien. Die Darstellungen aus der griechischen Mythologie waren in Unteritalien durch Theateraufführungen bekannt.

 

Die häufigen Darstellungen des Dionysos mit seinem Gefolge stehen für die Hoffnung auf ein glückliches Leben im Jenseits. Kulturanthroplogen sagen, dass Menschen früherer Kulturen den Tod einerseits als Bedrohung und feindliche Kraft, andererseits als Quelle des Lebens sahen. Die Funktion von Trauer- und Bestattungsritualen lag darin, die Krise, die der Tod in der Gemeinschaft auslöste, einzudämmen. Die Toten verwandeln sich in verehrte Ahnen und die Trauernden erleben eine tiefgreifende Erneuerung, die die Solidarität der Lebenden verstärkt. „Es gibt keinen Tod, der nicht einigende Trauer weckt, es gibt in der Gemeinschaft keinen Tod, der nicht zu einer Hauptquelle des Lebens würde. Derselbe ist Hades und Dionysos.“

 

Dionysische Elementargewalt und Weisheit

 

Das Dionysische ist für Nietzsche eine primäre, schöpferische Lebensmacht.  Schmerz, Lust, Stirb und Werde sind dionysische Elementargewalten, die aber auch grausam, heillos und ungeheur sind. Dionysische Weisheit ist die Kraft, diese Elementargewalten auszuhalten. Je nachdem, wie es Kulturen gelingt, das Leben angesichts des Ungeheuren zu organisieren, teilt Nietzsche sie in verschiedenen Typen ein: die Kultur des antiken Griechenlands war eine künstlerische Kultur, das christliche Abendland eine metaphysisch - religiöse und die moderne Kultur eine der Erkenntnis und Wissenschaft.

 

Starke Kulturen sind für Nietzsche diejenigen, die viel von der dionysischen Elementargewalt aufnehmen können, ohne daran zugrunde zu gehen. Sie trotzen dem Entseztlichen Schönheit ab. Mit Nietzsche gesehen sollte man sich von der griechischen Heiterkeit,  nicht täuschen lassen. Das griechische Lebensgefühl war tragisch:

 

„Wieviel musste dieses Volk leiden, um so schön werden zu können?“ fragt Nietzsche.

 

Das Dionysische in der Kunst

 

Im Mittelalter verkörperte Dionysos Wollust und Sünde, in der Renaissance wandelt er sich langsam zum Befreier aus gesellschaftlichen Zwängen. Diese Entwicklung spiegelte sich auch in der Kunst wieder. Das darf man sich allerdings nicht so vorstellen, dass nur Bilder und Statuen von Dionysos zu seiner Verehrung angefertigt wurden. Vielmehr fand  das Dionysische durch die Darstellung leidenschaftlicher Emotionen in bewegten Gesten seinen Weg in die Kunst der Renaissance. Beim Übergang vom Mittelalter zur Renaissance musste erstmal ein Entdämonisierungsprozess des unheimlichen Erbes der Antike stattfinden. So schrieb der Kulturwissenschaftler Aby Warburg:

 

Die ungehemmte Entfesselung körperlicher Ausdrucksbewegungen, wie sie besonders in Kleinasien im Gefolge der Rauschgötter sich vollzog, umfängt die ganze Skala kinetischer Lebensäußerung phobisch erschütterten Menschentums von hilfloser Versunkenheit bis zum mörderischen Taumel und alle mimischen Reaktionen ( die ) dazwischen liegen wie sie im thiasosischen Kult gehen, laufen, tanzen, greifen, bringen, tragen lassen in den kunstwerklichen Darstellungen den Nachhall solch abgründiger Hingabe verspüren. Der thiasosische Prägrand ist geradezu ein wesentliches und unheimliches Kennzeichen dieser Ausdruckswerte wie sie etwa auf antiken Sarkophagen zum Auge der Renaissance-Künstler sprachen." (Aby Warburg / Einleitung zum Mnemosyne Atlas)

 

Thiasos (altgriechisch θίασος) bezeichnet in den antiken griechischen und römischen Religionen den Zusammenschluss von Personen zur Verehrung eines Gottes ( meist Dionysos).

 

Auch Italienreisende seit dem 17. Jahrhundert fürchteten das dionysische Erbe. Denn mit der Aufklärung und der Betonung der Vernunft geriet irrationales, zügelloses Verhalten wieder in Misskredit. Viele berühmten Italienreisenden mieden den Süden Italiens daher aus Angst, er sei unzivilisiert und dem dionysischen Rausch zugetan.

 

Die Tanzepedemien des Mittelalters versuchte die Kirche überall in Europa durch kanonischen Exorzismus zu disziplinieren. In Nordeuropa hatte sie damit durch die Aufpfropfung christlicher Feste Erfolg, in Apulien entstand der mystisch-rituelle Symbolismus der Tarantella. Bis in die 1950er Jahre galt diese sogenannte " Tanzwut " als Beweis dafür, wie ungebildet und unzivilisiert der Mezzogiorno war.

 

Ausgiebig gefeiert wird noch heute gerne in Apulien. Gefeiert werden vor allem christliche Helden, die sogenannten Schutzpatrone des jeweiligen Ortes und manchmal geht es dabei stürmisch zu. Große Musikfestivals sind das -> Locusfestival in Locorotondo. Wild tanzen kann man bei der -> Notte de la Taranta im Salento, die an den -> Mythos der Tarantella erinnert. Manchmal spielen Tarantella - Bands auch auf Patronatsfesten.

 

Riten, Feste, Freudenfeuer: Apuliens Erbe

 

Museum des tanzenden Satyrs (Sizilien)

 

Das Museo del Satiro in Mazara del Vallo an der Westküste Siziliens wurde eingerichtet für eine antike Bronzefigur des Satyrs, die Ende des 20. Jahrhunderts einem Fischer ins Netz ging. Auf der Expo 2005 in Japan repräsentierte diese Statue Italien.

 

 

" Pure Vernunft darf niemals siegen " ist ein Lied der Band Tocotronic.

 

"Pure Vernunft darf niemals siegen
Wir brauchen dringend neue Lügen
Die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen
Und sich danach vor uns verbeugen"...

 

Heute wäre Dionysos vielleicht am ehesten ein Rockstar.  Inwiefern " Mediterrane Vernunft" bis heute von den alten Griechen beeinflusst ist, beschreibt Franco Cassano. -> Was ist Mediterrane Vernunft? Auch Albert Camus verehrte die griechischen Helden und ihr Lebensgefühl. -> mehr zu Camus. Aby Warburg spürte dem Dionysischen vor allem in der Kunst nach und widmete seinen -> Bilderatlas Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung.

 

 

Vielen Dank an "Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin-Antikensammlung" für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der (selbstgemachten) Fotos der Ausstellung " Gefährliche Perfektion " (2016).