Was ist mediterrane Vernunft? Oder Odysseus vs. Moby Dick

 

Was der Süden Italiens trotz aller Unterschiede mit Afrika, Asien, der Karibik und Lateinamerika gemeinsam hat, ist dass sie an der Peripherie der Nordatlantischen Kultur liegen und dass sie das Andere des Westens sind. Es sind Quellen anderer Archive an Werten und Traditionen wie Langsamkeit, Kontemplation, Geselligkeit und Gastlichkeit.

 


Mediterrane Vernunft

Mediterrane Vernunft ist, was den Süden Italiens vom Norden Italiens und dem sogenannten Nordwesten der Welt trennt: es ist ein anderes Menschenbild, schreibt Gianluca Falanga in seinem Buch "Italien - Ein Kompass durch das geliebte Chaos."

 

Wer "Mediterrane Vernunft" googelt, wird eine Reihe mediterraner Kochtipps finden, aber nur einen Artikel zum Thema mediterrane Vernunft ( "Die Zeit", September 1983, aktualisiert im November 2012). Der Artikel heißt "Radikaler im Dienste Gottes", handelt von Thomas von Aquin und im letzten Abschnitt heißt es: "Einen wie Thomas von Aquin würde ich gerne fragen: nach Atombomben, Auf-, Ab-, Nachrüstung, nach der Christlichkeit christlicher Parteien, Drogen, Selbstmord, Leistungszwang, Fernsehen, Familie, Geburtenkontrolle, Terrorismus, Aufstand, Revolte, Revolution." Man könnte also sagen sehr aktuell.

 

Thomas von Aquin (1225 - 1274 ) war Dominikaner, Philosoph und Theologe. Die Vernunft, auf die er baute, war eine Vernunft mediterraner Prägung. In der Ethik verband er die Tugendlehre von Aristoteles mit christlich-augustinischen Erkenntnissen. Die Tugenden bestehen danach im rechten Maß bzw. dem Ausgleich vernunftwidriger Gegensätze. Als Kardinaltugenden bezeichnete er prudentia (Klugheit), iustitia (Gerechtigkeit), temperantia (Mäßigung) und fortitudo (Tapferkeit) sowie die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung.

 

gesehen in Xanten ( Niederrhein)

Mediterranes Denken

 

Für Franco Cassano (Soziologe aus Apulien) beginnt "Der südliche Gedanke" (Il pensiero mediterraneo, 1996) an den Küsten Griechenlands mit der Öffnung der griechischen Kultur. Auch er betont das rechte Mass und bezieht sich dabei sowohl auf die alten Griechen, wie auch auf Albert Camus.

 

Säkularisierung des Südens

 

Unter der Überschrift Säkularisierung des Südens fragt Cassano allerdings: Sind wir wirklich reicher oder zumindest so reich wie es der Geldindex suggeriert? Es fehlt an öffentlichem gemeinsamen Besitz, an Mut, an Respekt vor Schönheit und vor Orten, von denen andere nicht ausgeschlossen werden können. Die sogenannte Freiheit bestehe vor allem aus Akten der Aneignung und dem Ausschluss anderer von privatem Besitz: unsere Kindheit war reich an öffentlichen Plätzen, Stränden, Feldern, Hügeln, wo wir glücklich waren, ohne uns hinter Mauern zu verbarrikadieren. Die Aporie des Reichtums besteht darin, dass die Armen zwar nicht mithalten können mit den Reichen, denen es immer gelingt andere auszuschließen. Dass die Armen aber, wenn sie immer mehr denken wie die Reichen, am Ende sogar den Stolz verlieren, nicht so zu sein wie sie. Es wird unmöglich sein, Geschäftsleuten Macht zu nehmen, wenn wir nicht den Unterschied zwischen der Erfahrung der Welt und ihrem Verkauf zum Superdiscount verstehen.

Er meint, dass es neben der alten Armut, die bleibt, eine neue Art von Elend und Erniedrigung gibt, die aus dem Traum resultiert, die Reichen imitieren zu wollen. Dieser Traum hat zum Tod von Gemeinschaft geführt, öffentliche Plätze in Müllhalden privaten Abfalls verwandelt und Glück ist gleichbedeutend mit privatem Wohlergehen geworden.

 

Unter Säkularisierung versteht man gemeinhin die Loslösung des Einzelnen, des Staates und gesellschaftlicher Gruppen aus den Bindungen an die Kirche (Duden).Im weiteren Sinne auch den Humanismus und die Aufklärung, welche die Bindungen an die Religion gelöst und Fragen der Lebensführung dem Bereich der "menschlichen Vernunft" zugeordnet haben. (Wikipedia). Die Aufklärung wiederum verstehen wir im allgemeinen als Befreiung des Menschen von allen irrrationalen Fesseln und als Geburt des freien Individuums, das seines eigenen Glückes Schmied ist.

 

Der Süden als das fremde Andere des Nordens

  

Was der Süden Italiens trotz aller Unterschiede mit Afrika, Asien, der Karibik und Lateinamerika gemeinsam hat, ist dass sie an der Peripherie der Nordatlantischen Kultur liegen und dass sie das Andere des Westens sind. Es sind Quellen anderer Archive an Werten und Traditionen wie Langsamkeit, Kontemplation, Geselligkeit und Gastlichkeit. Mediterrane Formen von Austausch, Hybridität und Pluralität sieht er als Formen des Widerstands zu den Exzessen des Kapitalismus. Er fordert einen autonomen Weg in die Moderne nicht nur für den Süden Italiens oder die Mittelmeerregion, sondern den globalen Süden, dessen Kraft und Würde er wiederherstellen möchte. Man kann es als eine Rückkehr zu Europas mediterranen Wurzeln lesen, als Wiederentdeckung eines Raums, der totalisierenden Visionen von Kultur, Religion, Ethnie und Wirtschaft Widerstand geleistet hat.

 

Land und Meer (Zugehörigkeit und individuelle Freiheit)

 

Ein Autor, auf den Cassano sich bezieht ist Carl Schmitt ( Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung. 1942 ). Das Prinzip "Land" steht für Zugehörigkeit, soziale Bindung und Identität, das „Meer“ dagegen für Abfahrt und individuelle Freiheit.

Im Laufe der Zeit wurde im Nordwesten das Prinzip Meer verabsolutiert. Kapitän Ahab aus „Moby Dick“, der kein Zurück mehr kennt, löste Odysseus aus der griechischen Sage ab. Das Meer ohne Grenzen symbolisiert für Cassano den Beginn der modernen Ökonomie, die Befreiung der Technologie, das Verschwinden eines Punktes, wo Land und Meer in Kontakt kommen und sich begrenzen können. Der Fundamentalismus des Landes wurzelt demnach in totalitären Formen von Zugehörigkeit, Kultur, Sprache, Raum (Nationalismus). Der Fundamentalismus des Ozeans führt zu utilitaristischem Individualismus und Formen von Freiheit, die keine Beschränkungen mehr kennt.

 

Kapitän Ahab´s Bein oder der flexible Mensch

 

Bleiben wir ruhig bei dem Bild von Moby Dick. Warum kennt Käpitän Ahab kein Zurück? frage ich mich. Weil der weiße Wal sein Bein und seine Würde verletzt hat? Warum immer weiter, immer schneller, warum der Zwang zur Selbstoptimierung, der Stress, Depressionen oder Burn out? Warum keine Meuterei auf der Pequod oder warum wendet sich die Meuterei, die gerade stattfindet, nicht gegen Ahab sondern, die Fremden, die angeblich unseren hart erarbeiteten Wohlstand gefährden? Was hat unser Menschenbild damit zu tun?

 

Eine Antwort gibt Richard Sennett (Der flexible Mensch, 1998). Der getriebene Mensch, der seinen Wert durch Arbeit beweisen muss, resultiert aus dem Menschenbild des Protestantantismus.  Anders als der katholische Büßer, versucht er seinen Wert vor Gott  zu beweisen, indem er sich selbst diszipliniert durch Arbeit. Und vielleicht noch gravierender: Luthers Mensch muss sich allen Glaubensfragen allein, ohne Hilfe und nicht als Mitgleid einer Gemeinschaft in gemeinschaftlichen Ritualen stellen. Es ist eine Theologie des Individuums.  "Mühe dich stärker. Was immer ist,  ist nicht gut genug." Die Lebensgeschichte wird eine endlose Suche nach Selbstachtung und Anerkennung durch Arbeit. Für alle, die daran scheitern, bleibt nur der harte, verinnerlichte Satz: Du bist nicht gut genug.

 

Im 17. Jahrhundert löst die Arbeitsmoral Weltklugheit als höchste Tugend ab, meint auch Richard David Precht in dem Bestseller "Jäger, Hirten, Kritiker". Zur Zeit wird das ganze moralische Inventar der abendländischen Kultur von Aristoteles über Kant bis zur Frankfurter Schule ersetzt durch Empirie: Zahlen, Statistiken, Kosequentialismus und Risikofolgeabschätzung. Was auf der Strecke bleibt ist die Pflege von Urteilsvermögen und Urteilsfreude, von Werten, Gesinnungen, Haltungen.

 

Der südliche Gedanke

gesehen in Marseille
gesehen in Marseille

 

Der südliche Gedanke bedeutet nicht Stillstand, Idyll oder unkomplizierte Identitäten, sondern die Wiederentdeckung von Ressourcen jenseits von Wachstum.

"Wir können ihn entdecken in einer Verrücktheit, einem Schweigen, einer Pause, in der Tolpatschigkeit alter Menschen und von Kindern, in einer Bruderschaft, die weiß wie man Mitwisserschaft und Gewährenlassen vermeidet, in der Omertà einer Ökonomie, die soziale Beziehungen nicht verrät."

 

Im Hinblick auf den wirtschaftlichen Vorsprung des Nordens fragt er, wie Länder, die nicht von der Moral des Protestantismus geprägt sind, einen Prozess der Rationalisierung ankurbeln sollen. Sollen sie etwa konvertieren? Cassano meint, dass der Nordwesten der Welt nicht nur wirtschaftlich die Oberhand gewonnen hat, sondern auch die Vorstellungswelt des Planeten beherrscht. Sein Buch ist der Versuch hinter die Erkenntnistheorie des Nordens zurückzugehen, und zu zeigen, was das Denken des unendlichen Wachstums nicht zu denken wagt. Er nennt es Dekolonisierung des Geistes.

 

Meine letzte Reise ans Mittelmeer ging nach Marseille. Eigentlich wollte ich einen Artikel über die Gentrifizierung der Altsstadt von Marseille "Panier" schreiben. Bis ich einen Bericht über den Dokumentarfilm " Push " gesehen habe. Gentrifizierung ist vielleicht gar nicht das eigentliche Problem. Die Summe aller Immobilien, die weltweit von Kapitalgesellschften als Vermögenswerte gehandelt werden, liegt bei 217 Billionen Dollar ( also 217 Tausend Milliarden) einem mehrfachen des weltweiten Bruttosozialprodukts und etwa hundert mal soviel wie die Stastsverschuldung Italiens in Euro. ( TTT zum Dokumentarfim " Push")

 

Moby Dick

 

„Wann immer ich ein saures Gesicht zu machen beginne, wenn es in mir düster und triste wie im November ist und ich vor jedem Sarggeschäft meinen Schritt anhalte oder den Leichenzügen nachlaufe, besonders aber wenn der Weltschmerz in meinen Inneren die Überhand in einer Weise bekommt, dass es all meines moralischen Rückhaltes bedarf, um nicht auf die Straße hinunterzulaufen und den Leuten die Hüte von den Köpfen zu schlagen – dann ist es, wie ich weiß, hoch an der Zeit für mich, zur See zu gehen.“

 

So beginnt er, Melville´s Roman „Moby Dick“, in dem die Jagd nach dem weißen Wal gedeutet wird als Symbol wird für die leere Besessenheit einer von Gott verlassenen Welt oder Metapher der Totalerschließung der Welt. „Ich habe ein böses Buch geschrieben und fühle mich makellos wie das Lamm.“ schrieb Herman Melville in einem Brief an Nathaniel Hawthorne.

 

Ganz anders Albert Camus` Hymne an das Mittelmeer. Das Mittelmeer ist für Camus der Ort, an dem es am ehesten möglich ist „ ja “ zur Welt zu sagen: die Sonne, das Meer, die Liebe zur Schönheit und die griechischen Helden, die vom Kosmos herausgefordert und zugleich Teil von ihm sind. -> mehr zu Albert Camus Mittelmeerutopie