Franco Cassano und das Mediterrane Denken

Flüchtlingskrise...Fundamentalismus... Europakrise? Was hat das auf einem Reiseblog zu suchen? Es geht hier um mehr als einen touristischen Ausflug in eine andere Kultur , sondern um einen Perspektivwechsel. Vom Süden aus.

 


Franco Cassano ist Professor für Soziologie an der Universität Bari. Dies ist die Zusammenfassung eines Artikels aus der Zeitschrift Lettre (Sommer 2011), in dem Cassano beschreibt, was er unter Mediterranem Denken versteht.

 

Autonomie

 

Ein Leitgedanke des Mediterranen Denkens ist, dass der Nordwesten der Welt nicht nur wirtschaftlich die Oberhand gewonnen hat, sondern auch die Vorstellungswelt des Planeten beherrscht und aus dieser nördlichen Perspektive erscheint der Süden allzu oft als rückständig, archaisch, ungebildet, faul.

 

Um die Andersartigkeit und Autonomie des Südens zu wahren, meint Cassano, darf der Süden nicht länger nur durch die Augen des Nordens gesehen werden, sondern er muss lernen, den Wert der eigenen Perspektive auf die Welt zu erkennen und zu vertreten. Die Welt vom Süden her zu betrachten heißt vor allem, die große Geschichte von Wachstum und Wettbewerb zu hinterfragen, die so tut, als sei der Kapitalismus eine sportlicher Wettbewerb, bei dem jeder die gleichen Chance hätte, wenn er sich denn nur genug anstrengt.

 

Das Mediterrane Denken versteht Cassano als eine theoretische Bewegung, die zeigt, was das Denken des unendlichen Wachstums nicht zu zeigen erlaubt und als Versuch, das Wort Rückständigkeit von einer anderen Seite aus zu betrachten. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Verteidigung der Tradition oder eine Idealisierung des real existierenden Südens, sondern um eine Kritik an der angeblichen Neutralität und Universalität des kulturellen Modells des Nordens. Wie beherrschend dieses Modell geworden ist, sieht man daran, dass jede Kritik daran als Nostalgie oder Rückschritt gesehen wird.

 

Autonomie heißt für Cassano, seinen Weg alleine gehen, sich eigene Regeln setzten, aber auch Strenge gegenüber sich selbst.

 

Langsamkeit

 

Die zweite Bewegung des Mediterranen Denkens besteht in der Betonung der Langsamkeit als Wert, weil die unablässige Beschleunigung wesentliche Erfahrungsweisen des Menschen zerstört z.B. die Erfahrung der Liebe, Reflexion, Erziehung und Geselligkeit.

 

Auch hier geht es nicht um eine Fundamentalisierung der Langsamkeit, sondern um ein in-Frage-stellen der Verabsolutierung der Geschwindigkeit und die Möglichkeit, eine Vielzahl von Zeiten nebeneinander bestehen zu lassen. Fortschritt wird heute mit Beschleunigung gleichgesetzt, alternative Lebensweisen gelten dagegen fast immer als regressiv und nostalgisch. Die Tyrannei der Eile zerstört jegliche Form von Dauer, verabsolutiert die Gegenwart als einzig kontrollierbare Zeit und richtet Schaden am kulturellen und sozialen Gedächtnis sowie an generationsübergreifendem Wissen (Weisheit) an. Gedächtnis wird zu einem bloßen Hindernis, das die Flexibilität einschränkt.

 

Auch demokratische Werte geraten durch die ständige Beschleunigung in Gefahr. Cassano spricht von der Bereitschaft zur Diskussion, als wertvolle Tradition und erinnert an Platon, bei dem sich Tag für Tag Menschen zusammenfanden, um Themen wie Liebe, Tugend , Gerechtigkeit oder Regierungsformen zu diskutieren, eine Diskussion, die jeden Tag fortgesetzt wird also unendlich ist. Aktivisten der Langsamkeit sind für Cassano Sten Nadolny, Peter Handke, Wim Wenders, Werner Herzog, David Lynch.

 

Mediterraneo

 

Die Sichtweise des Mediterranen Denkens rückt das Mittelmeer geografisch wieder ins Zentrum der Landkarte. Dadurch wird aus einem Meer, das als blaue Grenze ein Land vom anderen trennt, ein Raum, der als Verbindung gedacht werden kann. Die Epoche der Nationalstaaten (als erste Moderne) und der Eurozentrismus sollen damit hinter sich gelassen werden.

Das soll keine Rückkehr zur antiken Geschichte sein sondern zeigen, was das Mittelmeer heute wichtig macht: seine Stellung als Schnittstelle, Vermittlungs- und Kontaktzone zwischen den Völkern. Der lateinische Begriff „ mare nostrum“ soll nicht als Besitzanspruch eines einzelnen Volkes formuliert werden, sondern als Plurales „wir“. Da, wo seit Jahrtausenden Ankünfte und Abfahrten miteinander abwechselten, gibt es kein monolithisches, ganzes „Wir“ das vor der Gefahr der Anderen in Schutz genommen werden müsste..“

 

Das plurale „wir“ versteht er als eine Gegenthese zu Reinheit, Integrität und Integralismus.

Das Mittelmeer ist ein Raum, der Völker bewegt und in Kontakt bringt, sowohl ihre Sprachen, Überzeugungen als auch ihre Vorstellungen von Zeit und Rhythmus. Andere Kulturen auf Rückständigkeit zu reduzieren ist eine Anmaßung, die der jeweiligen Tradition ihre Würde nimmt. Der Süden will keine Hilfe, sondern die Idee eines anderen Europas in dem es nicht nur den östlichen Teil eines atlantischen Imperiums darstellt.

 

Die Gefahr des Fundamentalismus existiert nach Cassano nicht nur in Form von Selbstmordattentätern, sondern auch in der Form eines aktiven Eurozentrismus, der die eigenen Prinzipien exportiert und die Andersartigkeit des Anderen auslöscht. Den Fundamentalismus des Islam versteht er als militarisierte Reaktion einer Kultur, die sich angegriffen fühlt. Das Mediterrane Denken dagegen ist eine entmilitarisierte Lesart der eigenen Tradition, die in anderen Traditionen ebenfalls neue Lesarten hervorbringen kann. Eine Tradition lässt von ihrem Integrismus ab, wenn sie sich nicht mehr bedroht fühlt.

 

Das Mass

 

Das Mass ist kein Mittelweg, sondern die Einnahme einer Position, die die Vielfalt unterschiedlicher Lebensweisen anerkennt und verteidigt. es ist ein Kriterium, um Kulturen zu vergleichen, um konstruktive Spannungen und Beziehungen herzustellen zwischen den Prinzipien „Land“ und „Meer“. Das „Land“ symbolisiert Zugehörigkeit, soziale Bindung und Identität. Das „Meer“ steht für Abfahrt und individuelle Freiheit.

 

Der Westen erzählt vor allem die Geschichte der individuellen Freiheit, in der der Einzelne durch die Welt fährt, um Erfahrungen zu machen. Der Osten erzählt dagegen von sozialem Zusammenhalt und dem , was das Abenteuer des Ichs umgibt.

Der Weg des Südens trennt sich vom Spiel um die Macht zwischen Orient und Okzident und den asiatischen Werten, er trennt sich auch von der Erzählung des Wettbewerbs und des Hinterherlaufens. Wenn das gelingt, können auch in Orient und Okzident Kräfte aktiviert werden, die Beziehungen zu anderen offen und gastfreundlich leben können.

 

Ich bin wie immer gespannt auf eure Meinung. Man muss übrigens keine eigene webseite haben um zu kommentieren. E-mail Adresse reicht.

 

 

 


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Kommentare: 4
  • #1

    Julia (Donnerstag, 08 Juni 2017 20:19)

    Hi Alexandra.
    Schöner Beitrag, der sicher zum Nachdenken anregt. Ich bin grade echt geneigt, mal den Kontakt zu Hr. Cassano aufzunehmen. Wäre bestimmt ein sehr interessantes Gespräch! Die Ansichten, die Du hier zusammengefasst hast, finde ich jedenfalls superspannend. Bezüglich der Langsamkeit bin ich übrigens zu 100% mit ihm und auch mit der Definition Italiens über den "entwickelten, industriellen" Norden. Tatsächlich habe ich nach einem Zugunglück in Apulien aus erster Hand gesehen, wie arrogant sich die Norditaliener oft gegenüber den Süditalienern geben. Selbst Youtubekommentare auf satirische Ansätze dieser Getrenntheit von Nord und Süd arten in regelrechte Tiraden aus, die vor Ignoranz (auf beiden Seiten) oft nur so strotzen. Die Entspanntheit / Langsamkeit in Süditalien war z.B. auch einer meiner Beweggründe hierhin zu kommen. Und ich sag auch jedem, der mich zu Italien was befragt, dass er, wenn er/sie das italienische Italien sehen und erleben will, mit aller Authentizität, die unsere Vorstellung des Landes und der Leute prägt, soll er in den Süden fahren. Für mich ist alles ab Rom abwärts noch das "echte" Italien. Aber ich bin als tedesca terrona auch ein bisschen voreingenommen. ;)
    Hast Du zufällig einen Link zu dem Originalbeitrag von Hr. Cassano? (2011 ist ja schon ne Weile her...) Oder war das in einer phyischen Zeitschrift gedruckt?
    LG aus Bari, Julia :)

  • #2

    Alexandra (Samstag, 10 Juni 2017 10:59)

    Liebe Julia,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, nimm doch Kontakt zu Herrn Cassano auf und berichte mir über das Gespräch.
    Darauf wär ich sehr gespannt.
    Dass der Nord-Süd Konflikt in Italien so stark ist war mir auch nicht bewußt, als ich das erste mal nach Apulien kam.
    Inzwischen habe ich einiges darüber gelesen. Teilweise standen mir die Haare zu Berge, darüber wie schlecht
    der Süden dargestellt wurde und dieses Bild findet sich teilweise bis heute auch in Reiseführen wieder.

    Ich bin durch das Buch „Italien. Ein Kompass durch das geliebtes Chaos.“ auf die Palmengrenze
    und den „südlichen Gedanken“ gestoßen. Die Palmengrenze ist keine wirkliche Grenze, sondern eine gedachte Grenze,
    die irgendwo unterhalb von Rom den Norden vom Süden Italiens trennt. Beim italienischen Nord-Süd Konflikt geht
    um viel mehr als Lokalpatriotismus. Es geht um Unterschiede im Weltbild: den Gegensatz von protestantischer
    Rationalität und mediterraner Vernunft.
    In Apulien höre ich manchmal: wir gehören eigentlich mehr zu Afrika als zu Europa. Ich weiß nicht, ob das ernst gemeint
    ist oder eine Art trotzige Selbstironie. Wie siehst du das? Wie geht der Süden damit um?

    Ich glaube, der Artikel aus "lettre" bezieht sich auf ein Buch von Herrn Cassano, das sogar schon von 1996 ist.
    Das ist leider ein bißchen uneindeutig. Hier ist ein link zu einem Abstract des Artikels

    http://www.lettre.de/content/franco-cassano_das-mediterrane-denken

    Der Beitrag, den ich zusammengefasst habe, ist aus einer physischen Zeitschrift.
    Das mediterrane Denken ist übrigens nicht unbedingt Cassanos
    "Erfindung". Auch Albert Camus und die "Schule von Algier" hat sich schon damit beschäftigt.

    Liebe Grüße nach Bari aus Berlin,

    Alexandra

  • #3

    Julia (Mittwoch, 14 Juni 2017 17:17)

    Hi Alex,

    danke für die vielen Backgroundinfos, sehr nützlich!
    Tatsächlich ist die Denke in Süditalien eine sehr viel andere als im Norden oder gar bei uns. Auch, dass von Süditalien als Afrika gesprochen wird, hab ich schon mitbekommen. Allerdings in Bari eher nicht selbstreferenziell sondern mehr auf Regionen noch weiter südlich - speziell Sizilien, Kalabrien usw. - bezogen. Aber wenn wir mal ehrlich sind, ist die Idee so abwegig nicht. Bedenkt man, dass die afrikanische Tektonenplatte sich stetig auf die europäische zubewegt, werden die Süditaliener in den nächsten 100.000 Jahren wahrscheinlich tatsächlich so eine Art Afrikaner sein - oder die Nordafrikaner plötzlich Süditaliener. Würde ich ja zu gern sehen. Denn ich glaube, in Sachen Mentalität haben die beiden mehr miteinander gemein, als die Süd- mit den Norditalienern. :) Die sind doch dann eher schon wieder uns recht ähnlich. Muss allerdings sagen, dass die Römer, die ich bisher kennengelernt hab, sich sehr wohl noch als Süditaliener verstehen. Ich schätze die Mentalität verschiebt sich aufgrund der Größe und Internationalität Roms einfach etwas. Wäre auch eine interessante Frage an Herrn Cassano. Mal sehen, ob das klappt, dass ich den zu fassen krieg. :) Mailadresse jedenfalls hab ich schon mal gefunden. Aber nun erstmal eine Auszeit in Deutschland - auch wenn mich die 30°C+, die hier momentan dauerhaft herrschen eigentlich dazu verlocken wollen, meinen Flug zu "verpassen". :D Geht allerdings nicht. Aber ich bin ja bald wieder zurück in Terronia. ;)
    Grüß mir die Spree!! LG Julia

  • #4

    Alexandra (Samstag, 17 Juni 2017 10:33)

    Hi Julia,

    vielen Dank auch für deine Infos. Ich bin ja die meiste Zeit im Norden und versuche mir einiges über
    "den Süden" anzulesen, was die persönlichen Erfahrungen natürlich nicht ersetzen kann.
    Daher freu ich mich wenn du bestätigst, dass im Süden eine andere Denke herrscht als hier.

    Ich habe bei Recherchen zu einem Artikel über den Tarantismus gelesen, dass der italienische Süden
    bis in die 60er Jahre für viele, auch italienische Intellektuelle, als "ein vom Teufel besessenes Paradies" galt:
    primitiv, archaisch, rückständig.
    Er galt als Region, die kulturell, sozial, politisch und anthroplogisch mehr Ähnlichkeit mit dem Nahen Orient, Indien oder Afrika aufwies als mit Italiens Norden und dem Rest Europas.
    ( Das ist aus dem Buch: Der besessene Süden. Ernesto de Martino und das andere Europa)
    Der Ethnologe De Martino war wohl in den 60er Jahren einer der ersten, der versucht hat, das zu korrigiern.

    Ich dachte, vielleicht haben sich die Süditaliener mit dieser Fremdzuschreibung irgendwann selbst
    identifiziert, nach dem Motto: "Na und was wär so schlimm daran zu Afrika zu gehören? Besser als
    zu einem Europa, das uns gar nicht haben will."
    Aber das war nur so eine Vermutung..

    Jedenfalls sehr interessant deine Einschätzungen von vor Ort!! Schönen Aufenthalt in Deutschland
    und gute Rückkehr nach Puglia! Liebe Grüße von der Spree!

    Alex