Luigi Ghirri, Marina di Ravenna, 1986 © Eredi di Luigi Ghirri

Luigi Ghirri: Fotografien und Essays

 

Fotografieren ist vor allem die Wiederherstellung eines Gefühls des Staunens - wie das Betrachten der Welt mit den Augen eines Heranwachsenden - in Umkehrung des Sprichworts aus Ecclesiates „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“, denn in Wirklichkeit gibt es nichts Altes unter der Sonne. Und so blicken wir zuerst in die Welt selbst, dann auf die Platte und schließlich auf das fertige Bild, um das Wunder der vollbrachten Geste zu entdecken, um nichts für unbedeutend zu halten und in der Landschaft, in einem Punkt des Raumes, in einem Moment des Lebens oder in einer leichten Veränderung des Lichts die Möglichkeit einer neuen Wahrnehmung zu sehen. Eine Landschaft so zu sehen, als ob man sie zum ersten und letzten Mal sieht, bestimmt ein Gefühl der Zugehörigkeit zu jeder Landschaft der Welt ... die Landschaft ist nicht der Ort, an dem die Natur endet und die künstliche Welt beginnt; sie ist vielmehr ein Durchgang, der sich geografisch nicht eingrenzen lässt, oder besser, ein Ort unserer Zeit, unsere epochale Chiffre.

 

Luigi Ghirri 1988

 


Luigi Ghirri, Modena, 1973 © Eredi di Luigi Ghirri
Luigi Ghirri, Modena, 1973 © Eredi di Luigi Ghirri

 

Luigi Ghirri, geboren 1943 in Scandiano nahe Reggio Emilia, war Landvermesser, bevor er Anfang der 1970er Jahre begann zu fotografieren. Ghirri hatte schnell Erfolg und erlangte internationale Aufmerksamkeit. Bereits 1975 wurde er von Time-Life in die Liste der „Entdeckungen“ aufgenommen. 1982 wurde auf der photokina für seine Serie Topographie-Iconographie als einer der zwanzig bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gewürdigt.

 

Er lässt seine Bilder in normalen Labors entwickeln, macht keine Experimente in der Dunkelkammer, benutzt keine Filter, fotografiert nur in Farbe, meistens frontal von vorn. Er stand der Konzeptkunst nah. Seit den frühen 1960er Jahren wurde das Einzelbild in der konzeptuellen Fotografie obsolet. Stattdessen wollten die Künstler durch einen präzisen, strukturierten Ansatz eine visuelle Sprache schaffen, die von allen gelesen, verstanden und zur Kommunikation genutzt werden kann.  Auch Ghirri kommt es nicht darauf an, ein einzelnes herausragendes Bild zu zeigen, sondern eine komplexe Serien von Bildern zusammenzustellen, die aufeinander verweisen und auf ihre Art eine Geschichte erzählen. (Die hier veröffentlichten Einzelbilder, die mir das Museum MASILugano freundlicher Weise zur Verfügung gestellt hat, können nur einen unzureichenden Eindruck vermitteln, da sie aus dem Kontext der Bildserien herausgerissen sind).

Ghirri veröffentlicht fast 70 Essays zur Fotografie, sowohl zu seinen eigenen Bildserien als auch über andere Fotografen wie Walker Adams, William Eggleston, Ansel Adams oder Musiker wie Bob Dylan, die ihn inspirierten. Er selber beschrieb seine Einflüsse wie folgt.

 

„Auch ich kann nicht sagen, ob mich die musikalischen und poetischen Landschaften von Dylan, die Skulpturen-Architekturen von Oldenburg, die Visionen von Robert Frank oder Friedlander, die ethische Strenge von Evans oder die Kosmogonien von Brueghel, die Gespenster von Fellini, die Ansichten von Alinari, das Schweigen von Atget, die flämische Präzision, die Reinheit von Piero della Francesca oder die Farben von Van Gogh mehr erleuchtet haben."

 

Ghirri reiste nicht sehr viel. Seine Sujet war vor allem die italienische Landschaft: Plätze, Fassaden gewöhnlicher Häuser, ihre Türen, Fenster, Wandfarben, Kacheln, Gärten, Topfpflanzen oder Badeorte entlang der Adriaküste oder einfach nur Wolken am Himmel. Menschen fotografiert er selten und nur aus der Distanz.

 

Luigi Ghirri, Alpe di Siusi, 1979 © Eredi di Luigi Ghirri
Luigi Ghirri, Alpe di Siusi, 1979 © Eredi di Luigi Ghirri

Colazione sull´erba (1972-1974)

-> collazione sull´erba link zur digitalen Bibliothek Pisa

 

Der Titel der Serie "collazione sull´erba" ist eine Anspielung auf das gleichnamige Gemälde des französischen Malers Édouard Manet von 1863, das seinerzeit einen Skandal verursachte und als Kritik an der Doppelmoral der damaligen bürgerlichen Gesellschaft gedeutet wurde. Ghirri porträtiert in dieser Fotoserie die Vororte der italienischen Provinz anhand von Topfpflanzen und Vorgärten: zu sehen sind Rosen und Kakteen eingeschlossen hinter Gittern von Gartentoren, Topfpflanzen, Blumen hinter Fensterscheiben, lange Reihen von Bäumen auf Parkplätzen, die alle in der gleiche Form getrimmt wurden, einzelne Büsche, die in absurde Formen geschnitten wurden, verschiedene Vorgärten, in denen überall die gleiche Zypresse zu stehen scheint. Alles wirkt eng, fast klaustrophobisch. Es scheint kaum Himmel, kein Außen und keine Menschen zu geben. Die Pflanzen wirken allesamt verloren, deplatziert, zugerichtet, eingeengt oder eingesperrt. Dieses Gefühl wir verstärkt durch die Art wie Ghirri sie ins Bild setzt: er fotografiert frontal von vorne, vermeidet dramatische Effekte von Licht und Schatten, wodurch die Bilder flach wirken. Es gibt sehr viele vertikale oder horizontale Linien im Bild: mal sind das am Bildrand angeschnittene Zäune, Wände, Ornamente von Häusern, Säulen oder Bürgersteige, Fenster- oder Türrahmen, mal geometrische Muster an den Hauswänden.

 

Die Vororte der Provinz sind modern, sauber, aber ohne Lebendigkeit, ohne Geschichte, gefangen in einer Gegenwart ohne Zukunft. Es sind Spiegelbilder einer großen Entfremdung und Isolation, wie sie Antonioni in seinen Filme gezeigt hat. Michelangelo Antonioni war ein Meister darin, die Zustände von Entfremdung und innerer Verlorenheit des Menschen in die Sprache des Kinos zu übersetzen, Ghirri übersetzt in die Sprache der Fotografie.

 

Wenn der Mensch heute einsamer ist, liegt das daran, dass die Kommunikation schwieriger geworden ist. Meiner Meinung nach passiert das, weil wir uns in dieser Umgebung nicht zurechtfinden. Vielleicht liegt dieses Unbehagen daran, dass die Technik so rasant fortgeschritten ist.   Michelangelo Antonioni ( 1962):

 

Ich habe Sehnsucht nach einem Erzählton, der mich an andere bindet, denn alles, was ich zu schreiben weiß, sind Dinge, die vom Leben der anderen getrennt sind. Das wirklich starke Gefühl, das ich habe, könnte man besser als das des Verlorenseins beschreiben. Nicht ich im Besonderen, als Individuum. Vielmehr ist es ein Zustand, den ich scheinbar überall sehe.

 Gianni Celati zitiert von Luigi Ghirri in dem Essay „Endless worlds“

 

Der historische Hintergrund von Ghirri´s Bildern ist das Italien nach dem miracolo italiano, dem italienischen Wirtschaftswunder. Das neue Bürgertum besteht aus Menschen die scheinbar alles haben, aber nicht glücklich werden können, weil sie nicht mehr miteinander kommunizieren können und keiner Gemeinschaft mehr angehören.

 

Kodachrome 1970 - 1978

 

1978 veröffentlichte Luigi Ghirri sein erstes Buch „ Kodachrome“ im Selbstverlag. Thema von „Kodachrome“ ist die Zerstörung von direkter Erfahrung durch eine Invasion von Bildern in die alltägliche Lebenswelt. Acht jahrelang hatte er für das Buch fotografiert. Die ersten Bilder dieser Serie zeigen viel blauen Himmel. Vor diesem Himmel sind Häuserdächer an den untersten Rand des Bildes gerutscht. Ghirri zeigt die Strände der Adria, wo die Menschen sich vor dem Blau des Himmels und des Meeres verlieren, eine Reihe von Spiegeln in den sanitären Anlagen am Strand, leere Fussballtore, Sport- und Spielplätze, leere Bänke und Fotografien von Anzeigen, Postkarten, Werbung. Ghirri schrieb in seinem Essay zu „Kodachrome" viele Menschen hätten diese Bilder für Fotocollagen gehalten, was sie nicht sind. Er ist der Meinung, die reale Welt ist selbst zur Fotomontage geworden. Ghirri ist überzeugt, die Wiederentdeckung der direkten Erfahrung kann erst passieren, wenn man sich der Zerstörung , die passiert ist , bewusst wird.

 

-> link zur digitalen Bilbliothek , 106 Bilder

 

Viaggio in Italia ( 1984)

 

In den 80er Jahren setzt Luigi Ghirri seine landschafts- und architekturbezogenen Forschungen fort. Dabei ist er für Möglichkeiten interdisziplinärer Beziehungen offen. Er arbeitete mit Schriftstellern und Musikern wie Gianni Celati, Ermanno Cavazzoni, Antonio Tabucchi und Lucio Dalla zusammen. Gemeinsam mit Gianni Leone und Enzo Velati organisierte er "Viaggio in Italia", eine Buch- und Wanderausstellung, die in Bari beginnt und in Reggio Emilia endet. Italienische und einige ausländische Autoren nehmen teil. Die Wanderausstellung präsentierte ca. 300 Fotografien u.a. von Giovanni Chiaramonte, Mario Cresci, Vittore Fossati, Guido Guidi, Mimmo Jodice, Claude Nori. Sinn der Aktion ist eine Bestandsaufnahme des Italienbildes nach den tiefgreifenden Veränderungen, die es in den 1960er und 1970er Jahren erfahren hat. Mit der Metapher der Reise soll eine neue Strategie des Blicks bekräftigt werden, die sich auf die Suche nach einer authentischen Landschaft, der Alltagslandschaft, begibt. Die Fotografie soll zusammen mit anderen Schriften Teil einer neuen Erzählung über die italienische Landschaft werden. Es erscheinen dazu Bücher von Arturo Carlo Quintavalle auch Verso la foce von Gianni Celati. Celati beschreibt darin eine Art Wüste der Einsamkeit, die auch der normale Alltag ist.

 

 

Die Krise der kreativen Fotografie (1985)

 

Um eine Stellungnahme zur Krise der Fotografie gebeten, antwortet Ghirri, nicht die Fotografie an sich ist in der Krise, denn es gibt ein wachsendes Verlangen nach Bilder aus der medialen Welt ( Werbung, Kataloge, Bücher, Mgazine), was in der Krise ist, ist die sogenannte kreative Fotografie und diese Krise ist seiner Meinung nach selbstverschuldet.

 

"Vielleicht zahlt die gesamte Welt der "kreativen Fotografie" den Preis für eine Isolation und einen Elitismus, der ihr keinen Ruhm eingebracht hat, sondern eine Periode der Selbstmarginalisierung war, in der alle Arten von Dialogen und Beziehungen abgebrochen wurden, sowohl mit anderen Ausdrucksformen als auch mit der Gesellschaft im Allgemeinen."

 

Die Notwendigkeit, um jeden Preis originell und kreativ zu sein, die verzweifelte Suche nach Neuheit und Markenzeichen, der Glaube, dass ein Künstler anerkannt wird, weil er der Außenwelt seine eigene visuelle Bearbeitung aufzwingt, ist die größte Gefahr, der sich die Forschungs - und die kreative Fotografie heute gegenübersehen. Nur wenn man die Scherben aufsammelt und den verlorenen Dialog mit der Gesellschaft (dem realen Kommunikationskanal ) wiederherstellt, kann die Fotografie einen unabhängigen und bedeutsamen Weg einschlagen.

 

Die neue Fotografie -  Representing the outside (1986)

 

Die neue Fotografie soll der Beschleunigung, zu der unser Blick durch die neuen Technologien wie Fernsehen und elektronische Medien gezwungen ist, Rechnung tragen. Es soll eine Fotografie sein, die nicht schockiert, nicht vergewaltigt, urteilt, begreift, versteckt oder transformiert, denn der magische Aspekt der Fotografie ist das Sehen und es erfordert Leichtigkeit und Transparenz, keine schwere Rüstung. Die Fotografie soll einem Gesicht, einer Landschaft, einem Ort erlauben, erkennbar, familiär und bewohnbar zu sein. So wird Fotografie zu einem magischen Spielzeug, das auf wunderbare Weise erwachsenes Bewusstsein mit der märchenhaften Welt der Kindheit vereint. Die Fotografie soll Bilder der Balance und der Versöhnung sein. Mit dieser Art von Bewusstheit, so Ghirri, können wir eine Landschaft wie zum ersten mal sehen, eine Landschaft überbordend mit Geschichten, Zeichen und Erinnerungen. Es geht nicht nur um eine Pause und um Reflexion , sondern um eine Reaktivierung der Aufmerksamkeit, die durch die Beschleunigung der Welt zerstört wird. Denn nicht nur die Luftverschmutzung ist laut Ghirri ein Problem auch die neuen Medien hindern uns am klaren Sehen.

 

Die Welt gestreichelt von Walker Evans 1986

 

Walker Evans war der Fotograf, den Ghirri wahrscheinlich am meisten bewunderte. Dem Essay „The world caressed by Walker Evans“ stellt er ein Zitat von Roland Barthes voran, dass er für wesentlich im Zusammenhang mit Evans Bildern hält.

 

"Ein altes Haus, eine schattige Veranda, ein Ziegeldach, eine verblasste arabische Dekoration, ein Mann, der an der Wand sitzt, eine verlassene Straße, ein mediterraner Baum: Diese alte Fotografie bewegt mich, weil ich ganz einfach „dort“ leben möchte. Für mich müssen Fotografien von Landschaften (städtisch oder ländlich) bewohnbar, nicht besuchbar sein. Angesichts dieser Lieblingslandschaften ist es, als ob ich mir sicher wäre, dass ich dort gewesen bin oder dorthin gehen muss." ( Roland Barthes: Die helle Kammer 1980)

 

Was Evans Bilder einzigartig macht ist für Ghirri der strenge geometrische Aufbau, der durch Leichtigkeit und Transparenz vergessen gemacht wird. Durch den Gebrach des Lichts entstehen bei Walker Evans bewohnbare Landschaften in Harmonie mit dem Menschen. Ghirri vermutet, dieser einzigartige Gerbrauch des Lichts stammt von Evans Zeit aus Europa, beeinflusst durch die italienische Renaissance.

 

Das Licht ist die eigentliche Substanz, die meinen Bildern Gestalt verleiht, sagt Ghirri über seine späte Fotografie, für die er auch eine Mittelformatkamera ( 6x7) benutzt. "Für mich ist das Licht der wahre 'genius loci'. Durch meine Arbeit habe ich entdeckt, dass es in jedem Fall einen bestimmten Moment gibt, in dem sich durch das Licht sogar etwas scheinbar Unsichtbares an der Oberfläche der Welt offenbart."

Durch diese delikaten Licht- und Farbbalancen in seinen Fotografien entsteht der Eindruck einer schwebende Atmosphäre, der an die Vedutisten erinnern und von manchen Kritikern als metaphysisch beschrieben wird. Ghirri fotografiert im Gegensatz zu Evans nie schwarz/ weiß "die Welt ist nicht schwaz- weiß" und anders als Evans fotografiert Ghirri keine Menschen aus der Nähe.

 

Sicher ist es auch die ethische Haltung, die Ghirri an Evans bewundert. Walker Evans hielt die Kamera für ein ehrliches Medium, das man nicht zum Lügen zwingen kann. Der Fotograf soll mit einer forschenden, einfühlenden Haltung an sein Sujet gehen, nicht mit der Großspurigkeit eines Künstlers. Susan Sontag schrieb über Walker Evans, er strebte nach unpersönlicher Bejahung, nobler Zurückhaltung und erhellender Untertreibung. Er hatte eine Vorliebe für Architekturstilleben, Fassaden und Einrichtungsgegenstände. Evans Fotografien wollten literarsich, autorativ und transzendent sein, ein Programm, das noch auf den Humanismus von Whitman zurückzuführen ist, so Sontag in „Über Fotografie“ ( 1980).

 

Luigi Ghirri: Puglia tra albe e tramonte

 

Posthum ist 2023 das Buch „Luigi Ghirri – Puglia tra albe e tramonte“ (Apulien zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang) erschienen. Einige dieser Fotos wurden bisher nicht veröffentlicht , andere gehören zu der Arbeit „ Italienische Landschaft“. In keinem seiner  Essays findet sich ein Hinweis darauf, dass Apulien Ghirri besonders fasziniert hätte.  In den Texten des Buches wird Apulien als Wendepunkt in Ghirri`s Karriere gesehen, denn die Fotografien zeigen Menschen, vor allem Kinder, die direkt in die Kamera sehen, also im Kontakt mit dem Fotografen sind. Das Buch zeigt auch Fotografien von Familienmitliedern und Freunden. Vielleicht hat Ghirri in den apulischen Altstädten tatsächlich gefunden, was einer bewohnbaren Landschaft am nächsten kommt. In diesen Bildern verlieren die Strassen sich nicht mehr in einer undeutlichen Ferne, stattdessen werden die labyrintischen Gassen in den historischen Zentren, die Nachbarschaftshöfe und Plätze zu Orten der Begegnung, Orte die auch deshalb familiär sind, weil er hier mir seiner Familie Urlaub machte.

 

-> mehr Infos zu seine Apulienreisen

 

 

Historische Einordnung

 

Das Bedürfnis nach Bestätigung der Realität und Ausweitung des Erfahrungshorizonts, die Sehnsucht nach Schönheit, das Verlangen sich mit der Welt in ihrer Gesamtheit wieder zu versöhnen und sie zu feiern sind sinnliche Empfindungen, die in dem Vergnügen an Fotos zum Ausdruck kommen, so Susan Sontag in "Über Fotografie" ( 1980) und es ist gleichzeitig die Ursache für ein ästhetisches Konsumverhalten, dem jedermann verfallen ist. Die Industriegesellschaften und der Kapitalismus machen seine Bürger zu Bildersüchtigen - für Sontag eine unwiderstehliche Form von geistiger Verseuchung. Da das moralische Klima im Amerika um 1980 nicht mehr das gleiche ist wie in den 1930er Jahren, sind die Adjektive literarsich, autorativ und transzendent, die für Walker Evans kennzeichnend waren, heute nicht mehr glaubhaft.

 

Wie sah das moralische Klima in Italien aus? Pier Paolo Pasolini fuhr bereits 1959 mit einem Fotografen die gesamte italienische Küste entlang, um ein Italien zwischen dem Ende der Traditionen und der aufziehenden Globalisierung zu zeigen. Dabei warnte er vor den Folgen der Ökonomisierung aller Lebensbereiche. In den 1970er Jahren nennt den kulturellen Niedergang Italiens durch die Industrialisierung und die Konsumgesellschaft einen Völkermord. Für Pasolini sind Gesten, Gesänge, Dialekte, die Ruinenarchitektur Materas oder die Vorstädte Roms Formen des Nachlebens und Überlebens.  -> Pasolini

 

Franco Cassano, Soziologe aus Apulien schreibt Mitte der 1990er Jahre in seinem Buch -> "Der südliche Gedanke" :

„Es wird unmöglich sein, Geschäftsleuten Macht zu nehmen, wenn wir nicht den Unterschied zwischen der Erfahrung der Welt und ihrem Verkauf zum Superdiscount verstehen. "

Der Traum von Reichtum habe zum Tod von Gemeinschaft geführt, öffentliche Plätze in Müllhalden privaten Abfalls verwandelt und Glück sei gleichbedeutend mit privatem Wohlergehen geworden.(...) Die Kindheit dagegen war reich an öffentlichen Plätzen, Stränden, Feldern, Hügeln, wo wir glücklich waren, ohne uns hinter Mauern zu verbarrikadieren.

 

Über die Orte, die Ghirri fotografierte, schrieb er in dem Essay „Italienische Lanschaften“ : .. ich habe diese Orte mit einem Blick voller Zuneigung und Liebe betrachtet, in dem Versuch, ein einfaches und erstauntes Gefühl der Verbundenheit wahrzunehmen, in der vielleicht genialen Hoffnung, andere Katastrophen und andere Demütigungen zu verhindern.“

Welche Katastrophen und Demütigungen sind gemeint? In seine Essays gibt es keine Kritik wie sie Sontag, Pasolini oder Franco Cassano geäußert haben. Dazu müsste man vielleicht die einleitenden Texte in seinen Büchern lesen.

 

Ästhetik der Absenz

 

Als Reaktion auf die kommerzielle, aber auch die journalistische und künstlerische Bilderflut setzten viele Künstler seit Ende der 80er Jahre auf eine Ästhetik der Absenz, um eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Betrachter zu erzielen. Diese Tendenzen in der Kunst gab es jedoch auch schon früher, z.B. bei Nam June Paik, der einen Buddha in einen Fernseher setzte, bei Yves Klein mit seinen blauen Bildern oder bei Josef Beuys. Es sind Bilder, die sich im Grenzbereich zwischen Anwesenheit und Abwesenheit bewegen. Sie bringen eine Ikonologie des Zwischenraums hervor, durch den ein Denkraum der Besonnenheit entstehen kann so Aby Warburg zu Beginn des 20 Jahrhunderts. Der Wahrnehmungspsychologe Rudolf Arnheim spricht von „sichtbaren Lücken“: die Leere sehen, heißt etwas in seine Wahrnehmung aufnehmen, das in sie hinein gehört aber abwesend ist, heißt die Abwesenheit des Fehlenden als eine Eigenschaft des Gegenwärtigen sehen. Bereist im 19. Jahrhundert experimentierten Maler wie Cezanne oder James Ensor mit Leerstellen, indem sie Teile der Leinwand nicht mit Farbe bedeckten. "Secret Painting" (1967/68) ist ein ironischer Umgang mit dieser Ästhetik von Mel Ramsden. Zu sehen ist eine schwarze Leinwand und eine Schrifttafel, auf der zu lesen ist. „ Der Inhalt dieses Gemäldes ist unsichtbar, der Charakter und die Dimensionen des Inhalts, von denen nur der Künstler weiß, sind permanent geheim zu halten.“ ( Apulien mit seinen weissen Häusern und Altstädten scheint wie gemacht für diese Ästhetik; siehe auch -> die weißen Städte auf dieser Webseite)

 

Die Ästhetik der Absenz ist fernöstlichen Gedanken der Meditation nicht unähnlich. Wie bei der Meditation geht es in Ghirri´s Fotografien weniger um eine Kritik an den Verhältnissen, als um eine neue Art des Sehens und Bewusstseins in einer von Bildern überbordenden Welt.  Ghirri zeigt keine Schattenseiten, keine Industriebrachen, keine Fabriken, keine Autobahnen, nichts Hässliches und auch seine Bilder selbst haben keine Schatten. Wenn es Schatten in seinen Bildern gibt, sind sie so aufgehellt, dass sie niemals dunkel, dramatisch oder bedrohlich wirken, eine Ästhetik, die die heutige, digitale Bilderwelt beherrscht.

 

Es scheint zuweilen auch ein kühler Blick, (der Blick eines Landvermessers? ), der die Entfremdung schon in sich trägt. Die Entwicklung der Zentralperspektive in der Renaissance ist Ausdruck eines künstlichen Blicks auf die Dinge, ein Sehen, das mehr Arbeit eines Hirns als eines Auges ist (Norbert Elias).

 

Wie umfangreich Luigi Ghirri´s Werk wirklich ist, habe ich erst durch die Seite der Biblioteca Digitale Reggiana entdeckt, z.B. gibt es Veröffentlichungen von Ghirri zu Musik, Tanz, zur Basilicata, über Lucio Dalla, sogar eine Hommage an Walter Benjamin. ( - >  link zu allen von der Bibliothek digitalisierten Werken von Ghirri , hier kann man alle Bilder und Texte in eigenem Tempo durchblättern. Manchmal muss man etwas warten bis sich die Bilder aufbauen) .

 

Da Ghirri 1992 bereits mit 49 Jahren starb, wissen wir nicht, wie seine Arbeit sich weiterentwickelt hätte. Vergleichen wir Ghirris Werk mit den Arbeiten von Mimmo Jodice und Guido Guidi, zwei noch lebenden Fotografen, die ebenfalls an der Wanderausstellung „Viaggio in Italia“ teilnahmen.

 

Mimmo Jodice

Mimmo Jodice hat die Ästhetik des metaphysichen Lichts radikalisiert. In seinen Fotografien bleibt die Raum-Zeit ( z.T. durch Langzeitbelichtung ) quasi eingefroren. Es entsteht der Eindruck einer Art Unschwere, durchdrungen von einer leichten Unschärfe. In Mimmo Jodice ´s Bildern entsteht ein Gefühl des Wartens, das in jeder Facette seiner Fotos präsent ist: Warten auf das perfekte Licht, Warten auf die gewünschte Balance von Details und Nuancen, Warten, das sich in den Motiven selbst widerspiegelt - leere Stühle, verlassene Straßen, offene Fenster, trostlose Stadtlabyrinthe. Er fotografiert ausschließlich in schwarz-weiß. Außerhalb der Zeit scheint der Moment im Bild eingefroren zu sein, Zeichen einer Präsenz - aus der Vergangenheit oder vielleicht aus der Zukunft. Seine Bilder unterstützen so das "Punctum", was sich in einem Foto laut Roland Barthes auf die subjektiven Empfindungen des Betrachters bezieht. 

 

(Barthes unterscheidet bei der Auseinandersetzung mit der Fotografie zwischen "studium" und "punctum". Man kann Fotos lesen und studieren, denn jedes Foto liefert bestimmte Informationen auch über die jeweilige Kultur, in der es aufgenommen wurde. Diese Fotos kann man mögen oder nicht, aber in der Regel lösen sie keine heftigen Gefühle wie Schmerz, Leidenschaft, Lust oder Liebe aus. Das punctum dagegen verletzt und erschüttert den Betrachter des Fotos, es stellt seine Souveränität in Frage, weil es sich nicht in Information, Wissen oder Sprache übersetzen lässt. Das punctum schreit nicht, es ist ein stiller, singender Rest, der gleichzeitig verführt und verletzt).

 

-> Mimmo Jodice in der Galerie Karsten Greve 2023

 

Guido Guidi

Guido Guidi´s Fotos werden 2024 in Arles gezeigt werden. Etwas ans Licht zu bringen, etwas zu betrachten, beginnt für ihn mit der Vermeidung von Klischees, nicht mit der Komposition. Den Begriff "Landschaft" hält er für überstrapaziert, stattdessen spricht er von "Ansichten". Seine Fotografien, die er manchmal als "hässlich" bezeichnet, sind Ausdruck seiner Herkunft aus einer Gegend am Rande einer Vorstadt, die ehemals landwirtschaftlich genutzt, heute von einer Autobahn durchquert wird. Er konzentriert sich auf Randgebiete, die sich im Prozess der Industrialisierung oder der Verlassenheit befinden. Die touristischen Stätten, die für ihn zu "kleinen Residenzen" geworden sind, interessieren ihn nicht. Er fotografiert andere Orte als Ghirri, er fotografiert sie in radikaler Verbundenheit und Solidarität. Guidi arbeitet in der Tradition des Neorealismus der Nachkriegszeit und zeigt auch eine sich verändernde Realität, die wir nicht sehen wollen, von der wir glauben, dass es nichts zu sehen gibt.

 

Arles 2024: Wenn Bilder sprechen lernen

"Vielleicht sind die konzeptionellen Dokumentarfotografen die letzte Generation von Fotografen, die den alten Anspruch aufrechterhalten hat. Denn sind wir uns nicht täglich bewusster geworden, die Leere zu erfassen, vergeblich zu versuchen, Räume zu begreifen, die mit den Sinnen nicht mehr fassbar sind, zu verstehen." ( Urs Stahel )

Zu sehen sind Fotografien von Guido Guidi, Walker Evans und  anderen konzeptionellen Dokumentarfotografen.

 

https://www.rencontres-arles.com/en/expositions/view/1548/when-images-learn-to-speak

 

MASI Lugano 08.09.2024 - 26.01.2025: Luigi Ghirri. Viaggi. Fotografien 1970 – 1991

 

Etwas mehr als 30 Jahre nach seinem frühen Tod erinnert das MASI Lugano in einer neuen Ausstellung an Luigi Ghirri. Als Pionier und einflussreicher Vordenker, der sich intensiv mit der Fotografie und deren Rolle in der modernen Kultur auseinandergesetzt hat, schuf Ghirri in den 1970er und 1980er Jahren ein im damaligen Europa einzigartiges Werk – ein spielerisches, poetisches und tiefgründiges Nachdenken über die populäre Fotografie.

 

Mit mehr als 100 Originalabzügen erzählt der Ausstellungsparcours im MASI von der grossen Anziehungskraft, die das reale und imaginäre Reisen auf Luigi Ghirri ausübte. Er fotografierte vor allem sein Heimatland Italien und besuchte dort Touristen-Hotspots – von den Dolomiten und den norditalienischen Seen über die Badeorte an den Küsten des Mittelmeers bis zu den Sehenswürdigkeiten aus der Antike und den Themenparks. Darüber hinaus befasste er sich mit dem Konzept des Reisens und fotografierte Landkarten, Werbebilder und Postkarten, die überall in der Ausstellung zu sehen sind. Aus diesen Arbeiten ergibt sich eine Reflexion über die Art und Weise, wie die Fotografie die Erfahrung des Ortes im modernen Leben abbildet.

 

-> MASI Lugano

 

Luigi Ghirri Archiv

 

Werk, Biografie, Bibliografie und Ausstellung auf der -> Webseite des Luigi Ghirri Archiv