Anders Reisen

 

Unter Anders Reisen versteht man im allgemeinen abseits vom Massentourismus nachhaltig und umweltbewusst Reisen. Aber wie kann eine Reise auch menschlich einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen? Und lässt sich das organisieren?

 

Ich hätte Apulien nie so kennen und lieben gelernt, wenn die Apulier es mir nicht auf ihre Weise gezeigt hätten. Sie kennen die schönsten Plätze, besten Pizzerien und geheimsten Strände. Und sie haben mir vieles gezeigt mit einer Mischung aus Enthusiasmus und Stolz über die Schönheit des Landes und augenzwinkerndem Humor über die manchmal etwas chaotischen Zustände in Italien. Ganz nebenbei hab ich dabei nicht nur viel über Apulien gelernt, sondern auch über mich selbst.

 

Zugegeben, ich hatte wirklich Glück, Apulier zu treffen, die englisch sprachen ( Italienisch konnte ich da noch gar nicht) und Lust hatten, mir ihr Apulien gezeigt haben. Dabei habe ich dann gemerkt: das ist es, worum es mir beim Reisen im Allgemeinen und in Apulien besonders eigentlich geht. Mich einlassen auf eine fremde Kultur, ein anderes Lebensgefühl und einen langsameren Lebensrhythmus, ein bißchen mehr Chaos und Spontaneität, aber alles mit Muße und ohne Stress. Nach diesem Urlaub war mir klar: ich will mehr über dieses Land wissen! Ich hab mir zweimal für ein paar Wochen eine Auszeit genommen, um in der Landwirtschaft zu arbeiten und Italienisch zu lernen ( -> den Bericht findet ihr hier ). Seitdem komme ich immer gerne wieder, mal mit dem Zelt, mal miete ich eine Ferienwohnung. Wo und wie man übernachtet hat sicher großen Einfluss auf das Urlaubsgefühl.

 


Übernachten in den historischen Zentren

 

Übernachtet ihr in einer der Altstädte, seit ihr irgendwie schon mitten drin. Ihr hört die Geräusche der Kirchturmglocken, spielende Kinder, vorbeifahrende Mopeds. Wirklich laut ist es selten, denn für Autoverkehr sind die Gassen zu eng. Allerdings kann es schon mal passieren, dass eine kleine Kapelle am Fenster vorbeizieht, die eine Prozession ankündigt oder abends auf der Piazza um die Ecke ein Konzert stattfindet. Im Sommer wird in vielen Orten Apuliens ein riesiges Kulturprogramm angeboten: Konzerte, Festivals, Kino und das meiste davon ist umsonst.

 


Airbnb

Es gibt ein Recht sich zu amüsieren, aber auch eins zu schlafen.
Es gibt ein Recht sich zu amüsieren, aber auch eins zu schlafen.

 

Unter anderem wegen mangelndem Wohnraum und Gentrifizierung ist Airbnb inzwischen ziemlich umstritten. In Apulien habe ich mit Airbnb sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht: bei manchen ist von der ursprünglichen Idee - Gastgeber zeigen Gästen ein bißchen ihre Stadt - nichts übrig geblieben. Reisende, die daran gar nicht interessiert sind, können nach meiner Erfahrung genauso gut und manchmal sogar billiger über andere Portale die gleiche Wohnungen mieten. Über manche Wohnungs-Bewertung oder Top-Angebot bei Airbnb mußte ich mich im Nachhinein schon ein bißchen wundern.

 

Reisevisionen 2040 von Italia che cambia

 

Die italienische non-profit Webseite " Italia che cambia" ( Italien im Wandel) stellt ihre Visionen eines zukünftigen Tourismus vor: "Tourismus bedeutet Reisen, Wissen, Verantwortung, Kultur. Ein Tourismus für alle, verantwortungsbewusst, ethisch, nachhaltig, gemacht von bewusst Reisenden und vorgeschlagen von einem Netzwerk von Betreibern, die in Werten, Image und operativer Synergie vereint sind."  Italia che cambia erzählt, kartiert und vernetzt diejenigen, die einen positiven Wandel in Richtung größerer Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher, sozialer, ökologischer und kultureller Gerechtigkeit bewirken. Italia che cambia ist ein Verein und eine eingetragene Zeitung. Für Apulien habe ich zum Beispiel diese drei Beispiele gefunden.

 

Ciclo Murgia

 

Das CicloMurgia-Projekt zielt darauf ab, das natürliche und kulturelle Erbe der Alta Murgia durch die Förderung von Dienstleistungen für Radfahrer aufzuwerten. CicloMurgia hat zehn Radwanderwege im Gebiet des Nationalparks Alta Murgia entwickelt, und dabei Gebiete integriert, die aufgrund des Fehlens von Werbekampagnen oder der schwierigen Zugänglichkeit der Orte benachteiligt sind.

-> Trekking und Fahrradtourismus im Nationalpark Alta Murgia

 

 

Fattoria Sociale Naturalmente

 

Der Bauernhof Fattoria Sociale Naturalmente entstand aus Leidenschaft für die Natur, die Landwirtschaft und das Landleben, das aus langsamen Rhythmen besteht und tief mit den lokalen Traditionen und dem Respekt vor den natürlichen Ressourcen verbunden ist.
Durch den Kontaktes mit der Natur und mit den Tieren, vor allem den Eseln auf dem Bauernhof, kann man die Regeln und die Schönheit des Zusammenseins wiederentdecken. Man versteht, wie wichtig es ist, in der Natur zu sein, zu den kleinen wesentlichen Dingen und zu unseren gemeinsamen Wurzeln zurückzukehren. Der Kontakt mit den Eseln soll bei der Wiederentdeckung der Fähigkeiten helfen, anderen zuzuhören, zu entdecken und Stress abzubauen, denn wie Pirandello sagt: "Vor einem Esel bricht jedes philosophische Gerüst zusammen". ( in der Nähe des Nationalparks Altamura bei Andria)

keine eigene Webseite, -> nur facebook

 

B&B Il Girasole


Il Girasole befindet sich in einem der ältesten Gebäude in Biccari und wird von Luca, 26 Jahre alt, mit Down-Syndrom, geleitet. Luca hat am Hotelinstitut gelernt und träumte seit seiner Kindheit davon, ein Hostel zu führen. Im Jahr 2009 hat er zusammen mit seinem Bruder Pasquale im historischen Zentrum von Biccari Il Girasole eröffnete.
Luca hat eine besondere Fähigkeit, Verbindungen zu Menschen herzustellen, dank seiner besonderen Kondition, die, anstatt Barrieren zu schaffen, Barrieren abbaut. Er hat auch ein präzises Projekt zur Neuqualifizierung und Aufwertung des Territoriums durch die Wiederentdeckung der Bergregion und kleiner Dörfer wie Biccari ebtwickelt.

-> webseite il girasole

 

Als  Reiseplatformen, die die Visionen 2040 umsetzen, werden bei Italia che cambia aufgelistet:

Destinazione Umana

 

Die Idee von Destinazione Umana ist nicht zu fragen: wohin willst du reisen, sondern wen willst du kennenlernen?  Die Reisen sollen dazu anregen, einen Weg der Veränderung und des persönlichen Wachstums einzuschlagen. Veränderungen machen uns Angst und geben uns das Gefühl, allein zu sein: Aus der Begegnung mit den Geschichten und Erfahrungen derer, die dies bereits getan haben, können wir den Mut schöpfen, unser Leben zu verbessern. "Wir lieben Italien, sein unendliches Erbe an Schönheit, seine abwechslungsreiche Natur, den unglaublichen Schatz antiker Traditionen, die wie Teile eines Puzzles unsere Einzigartigkeit ausmachen. Ziele weit weg vom Massentourismus, hin zu Orten mit authentischem und "menschlichem" Charakter. Kleine Dörfer, von Entvölkerung bedrohte Gebiete im Landesinneren Italiens, Länder, die ihre Türen öffnen, damit Sie sich wirklich willkommen fühlen." So heißt es in der Selbstdarstellung. Außerdem im Fokus stehen Reisen für Frauen. Für Apulien habe ich aktuell aber leider kein Angebot gefunden.

 

Ecobnb

 

Als Alternativen zu Airbnb hat sich Ecobnb entwickelt. Ecobnb wirbt damit, einen Tourismus zu fördern, der Natur, Wirtschaft und die örtliche Gemeinschaft respektiert. Als Unterkünfte werden z.B. Bio-Hotels und -Bauernhöfe,  Baumhäuser, Bed & Breakfasts an Stränden, Alberghi Diffusi in alten Dörfern angeboten. Damit eine Unterkunft bei Ecobnbn angeeboten werden kann, muss sie 5 der folgenden Kriterien erfüllen:

  • Biologische oder regionale Lebensmittel

  • grüne Bauweise

  • 100% erneuerbare Energie

  • Energiesparlampen

  • Solares Wasserheizsystem

  • Ökologische Reinigungsprodukte

  • Mehr als 80% Mülltrennung

  • Autofreie Anreise

  • Wiederaufbereitung von Regenwasser

  • Durchlaufbegrenzer

Fairbnb

 

Eine neue Plattform für nachhaltigen Tourismus Fairbnb.coop ( befindet sich noch im Aufbau, Stand April 2020). Fairbnb wird vorerst in den Städten angeboten, die vom Massentourismus bzw. Overtourism betroffen sind. Im Zentrum von Fairbnb soll die Gemeinnützigkeit stehen.

  1. Kollektives Eigentum: Hinter Fairbnb stehen nicht die Gründer, sondern die Menschen, die die Plattform überhaupt erst möglich machen. Diese sollen vom finanziellen Erfolg profitieren.

  2. Demokratische Führung: Um die Interessen der lokalen Bevölkerung berücksichtigen zu können, arbeitet Fairbnb eng mit der lokalen Regierung und den Menschen vor Ort zusammen. Im Austausch mit ihnen soll zum einen ein nachhaltiger Tourismus gefördert, zum anderen Entscheidungen im Sinne der Nachbarschaft getroffen werden können.

  3. Soziale Nachhaltigkeit: Der finanzielle Erfolg soll unter anderem auch in soziale Projekte investiert werden, die das Leben vor Ort verbessern sollen. Dazu zählen beispielsweise der Bau von Spielplätzen, Gemeinschaftscafés oder Projekte im Nachhaltigkeitsbereich. Über den Einsatz entscheidet die lokale Bevölkerung.

  4. Transparenz & Verantwortung: Fairbnb möchte so transparent wie möglich wirtschaften. Gleichzeitig verspricht die Plattform einen verantwortungsvollen Umgang mit personenbezogenen Daten.

Fairbnb.coop startet im April 2020 die Kampagne #IoRestoaCasa ( Ich bleibe zuhause ) und #ViaggioDomani ( Morgen reisen). Der Erlös künftiger Reisen soll zur Unterstützung von Ärzten, Krankenschwestern und medizinischem Personal, das an vorderster Front gegen das Coronavirus kämpft, verwendet werden. Kleine Eigentümer und touristische Einrichtungen können sich kostenlos anmelden.

 

Auszeit in Apulien

 

-> WWOOF vermittelt weltweit Freiwillige in die ökologische Landwirtschaft und möchte Menschen verbinden, die einen naturverbundenen Lebensstil pflegen. Ihr arbeitet in der Regel ca. 6 Stunden pro Tag und erhaltet im Gegenzug freie Kost und Logis.

 

Andere Netzwerke, die Hilfstätigkeiten im Ausland vermitteln, sind zum Beispiel:

->workaway.info

->helpx.net

 

Italienisch lernen in Apulien

 

Das italienische Sprach- und Kulturinstitut Porta d´Oriente bietet Italienischkurse im Salento ( Otranto, Lecce, Galiipoli) . Zum Angebot gehören auch Unterkünfte, geführte Touren, Kulturelles. Alle Infos auch auf deutsch, sowie ein Überblick über die schönsten Strände im Salento.  -> Porta d´Oriente

 

Damit die Reise menschlich nachhaltig wird

Vielleicht ist das ganze aber vor allem eine Sache der Einstellung? Das sind meine persönlichen Erfahrungen:

 

1. Offen und neugierig sein für Begegnung mit anderen. Campingplätze sind gute Orte für solche Begegnungen.  Wer die Sprache nicht spricht, kann sich mit Händen und Füßen durchschlagen. Viele Italiener sprechen kein englisch, sind aber begeistert, wenn  man sich bemüht ein paar Worte italienisch zu sprechen.

 

Vorsicht: Besonders italienische Männer zeigen sich gern zuvorkommend und hilfsbereit gegenüber Touristinnen. Manche hupen Frauen sogar noch auf der Straße nach. Ich bin in Apulien nie blöd angemacht oder bedrängt worden, aber als Frau allein unterwegs muss man sich auf ein anderes " Gehabe" einstellen.

-> mehr über den italienischen Machismo, Männer- und Frauenbilder

 

2. Schlendern ( Orte, Kirchen, Graffitti, Streetart oder Feste verraten viel über die Lebensweise). Wer sich nur von Reiseführern von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten leiten lässt, verpasst das beste.

 

3. Meidet touristisch überlaufene Orte, besonders die kleineren wie z.B. Alberobello oder bewegt euch an diesen Orten weg von den Zentren an die Peripherie. ->Taranto zum Beispiel ist so gut wie gar nicht von Tourismus geprägt. Meidet wenn möglich die Hauptsaison ( Mitte Juni bis Ende August).

 

4. Bloß nicht: oben ohne am Strand ist weitestgehend tabu. Leichte Kleidung in der Kirche habe ich öfter gesehen ( auch von Apuliern ). Diese Toleranz sollten Touristen aber nicht überstrapazieren, finde ich.

 

Aus eigener Erfahrung kann ich empfehlen :

 

Palazzo Ulmo in Taranto ( Gastgeber sprechen deutsch und italienisch) Hier gehts zum -> Reisebericht Taranto.

 

MonsRoni B&B in Adelfia. Wer möchte kann eine Tour mit einheimischem Touristenfüherer dazubuchen. (Gastgeber spricht englisch und italienisch) -> Reisebericht Adelfia, Trani