Reisen zu Land und Leuten

 

Das vielleicht schönste Geschenk, das das Reisen machen kann: menschliche Begegnungen.  Aber lassen sich die organisieren?

 

Ich hätte Apulien nie so kennen und lieben gelernt, wenn die Apulier es mir nicht auf ihre Weise gezeigt hätten. Sie kennen die schönsten Plätze, besten Pizzerien und geheimsten Strände. Und sie haben mir das alles gezeigt mit einer Mischung aus Enthusiasmus, Stolz über die Schönheit des Landes und augenzwinkerndem Humor über die manchmal etwas chaotischen Zustände in Italien. Ganz nebenbei hab ich dabei nicht nur viel über Apulien gelernt, sondern auch über mich selbst.

 


Übernachten in den historischen Zentren

 

Übernachtet ihr in einer der Altstädte, seit ihr irgendwie schon mitten drin. Ihr hört die Geräusche der Kirchturmglocken, spielende Kinder, vorbeifahrende Mopeds. Wirklich laut ist es selten, denn für Autoverkehr sind die Gassen zu eng. Allerdings kann es schon mal passieren, dass eine kleine Kapelle am Fenster vorbeizieht, die eine Prozession ankündigt oder abends auf der Piazza um die Ecke ein Konzert stattfindet.


 

Im Sommer wird in vielen Orten Apuliens ein riesiges Kulturprogramm angeboten: Konzerte, Festivals, Kino und das meiste davon ist umsonst. Mein erste Reise nach Apulien sah so aus: tagsüber zu Fuß an den nahen, wunderschönen Strand, abends durch die Gassen schlendern und staunen, wie sich der verschlafene Ort in eine lebendige Flaniermeile verwandelt. Die perfekte Mischung aus Entspannung und ein bisschen dolce vita. Irgendwie hat Apulien mich so verzaubert, dass ich dachte, ich muss nächstes Jahr wiederkommen. Das hatte ich vorher noch nie gemacht: 2x an den gleichen Ort zu fahren, kam mir bis dahin fast spießig vor.

 

Zimmer mit Anschluss

 

Als ich im nächsten Jahr zum campen wiederkam, ging erstmal alles schief: eine heftige Gewitterfront und ein undichtes Zelt! Völlig entnervt wollte ich nach fünf Tagen abreisen, aber dann ist passiert, was mir schonmal während einer Kaltfront im Kubaurlaub passiert ist. Statt Badeurlaub habe ich Land und Leute entdeckt.

 

Zugegeben, ich hatte wirklich Glück, Apulier zu treffen, die englisch sprachen ( Italienisch konnte ich da noch gar nicht) und Lust hatten, mir ihr Apulien gezeigt haben. Damals fand ich es sogar ein bisschen abenteuerlich, mich darauf einzulassen. Später habe ich dann gemerkt: das ist es, worum es mir beim Reisen im Allgemeinen und in Apulien besonders eigentlich geht. Mich einlassen auf eine fremde Kultur, ein anderes Lebensgefühl und einen langsameren Lebensrhythmus, ein bißchen mehr Chaos und Spontaneität, aber alles mit Muße und ohne Stress. Nach diesem Urlaub war mir klar: ich will mehr über dieses Land wissen! Ich hab mir eine Auszeit genommen, um in der Landwirtschaft zu arbeiten und Italienisch zu lernen. Seitdem komme ich immer gerne wieder, mal mit dem Zelt, mal miete ich eine Ferienwohnung, mal mit Airbnb und vor allem wenn ich alleine Reise gerne mit Anschluss.

 

Airbnb: eine umstrittene Plattform für Individualtourismus

 

Als Bloggerin bin ich ein bißchen in einer widersprüchlichen Lage, wenn ich darüber schreibe, wie schön es ist, dass viele Orte in Apulien noch relativ unberührt vom Tourismus sind. Natürlich möchte ich, dass Touristen nach Apulien kommen, ich möchte aber nicht dass es eine zweite Cote d `Azur oder ein zweites Venedig wird, das mehr von Touristen als Einheimischen bevölkert wird und ich möchte auch, dass Apulien vom Tourismus profitiert und nicht die Branchenriesen der Reiseindustrie. Deshalb höre ich Nachrichten darüber, welche Promis gerade in Apulien geheiratet haben oder am Strand gesichtet wurden, nicht ohne Sorge. Als Berlinerin weiß ich selbst wie schnell ein Ort hip wird, sich verändert, die Mieten steigen ect..

 

 

Es gibt ein Recht sich zu amüsieren, aber auch eins zu schlafen.
Es gibt ein Recht sich zu amüsieren, aber auch eins zu schlafen.

 

 

Unter anderem wegen mangelndem Wohnraum und Gentrifizierung ist Airbnb in Berlin sehr umstritten. In Apulien habe ich mit Airbnb sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht: bei manchen ist von der ursprünglichen Idee - Gastgeber zeigen Gästen ein bißchen ihre Stadt - nichts übrig geblieben. Reisende, die daran gar nicht interessiert sind, können nach meiner Erfahrung genauso gut und manchmal sogar billiger über andere Portale die gleiche Wohnungen mieten. Über manche Wohnungs-Bewertung oder Top-Angebot bei Airbnb mußte ich mich im Nachhinein schon ein bißchen wundern.

Es gibt aber auch Gastgeber, die ihren Gästen zumindest mit Rat und Tat zur Seite stehen oder gerne ihre Stadt zeigen. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht und sehr geschätzt. Ich weiß aber nicht, ob Airbnb dafür der einzige und beste Anbieter ist. (Eine billige Alternative wäre couchsurfing, was mir persönlich wahrscheinlich zu eng wäre).

 

Reisevisionen 2040

Die italienische non-profit Webseite " Italia che cambia" ( Italien, das sich ändert) stellt ihre Visionen eines zukünftigen Tourismus vor: "Tourismus bedeutet Reisen, Wissen, Verantwortung, Kultur. Ein Tourismus für alle, verantwortungsbewusst, ethisch, nachhaltig, gemacht von bewusst Reisenden und vorgeschlagen von einem Netzwerk von Betreibern, die in Werten, Image und operativer Synergie vereint sind."  Sehr ausführlich mit vielen weiterführenden links.

-> Webseite: Reisevisionen 2040 (leider nur italienisch)

 

Ecobnb

->Ecobnb wirbt damit, einen Tourismus zu fördern, der Natur, Wirtschaft und die örtliche Gemeinschaft respektiert. Die Platform befindet sich scheinbar erst im Aufbau und ich habe sie gerade erst gefunden, und daher noch nicht näher damit beschäftigt ( wollte euch die Information aber nicht vorenthalten).

 

Damit die Reise menschlich nachhaltig wird

 

 

 

1. Offen und neugierig sein für Begegnung mit anderen. Campingplätze sind gute Orte für solche Begegnungen.  Wer die Sprache nicht spricht, kann sich mit Händen und Füßen durchschlagen. Viele Italiener sprechen kein englisch, sind aber begeistert, wenn  man sich bemüht ein paar Worte italienisch zu sprechen.

 

Vorsicht: Besonders italienische Männer zeigen sich gern zuvorkommend und hilfsbereit gegenüber Touristinnen. Manche hupen Frauen sogar noch auf der Straße nach. Ich bin in Apulien nie blöd angemacht oder bedrängt worden, aber als Frau allein unterwegs muss man sich auf ein anderes " Gehabe" einstellen.

-> mehr über den italienischen Machismo, Männer- und Frauenbilder

 

 

 

2. Schlendern ( Orte, Kirchen, Graffitti, Streetart oder Feste verraten viel über die Lebensweise). Wer sich nur von Reiseführern von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten leiten lässt, verpasst das beste.

 

 

 

3. Meidet touristisch überlaufene Orte, besonders die kleineren wie z.B. Alberobello oder bewegt euch an diesen Orten weg von den Zentren an die Peripherie. ->Taranto zum Beispiel ist so gut wie gar nicht von Tourismus geprägt. Meidet wenn möglich die Hauptsaison ( Mitte Juni bis Ende August).

 

 

 

4. Bloß nicht: oben ohne am Strand ist weitestgehend tabu. Leichte Kleidung in der Kirche habe ich öfter gesehen ( auch von Apuliern ). Diese Toleranz sollten Touristen aber nicht überstrapazieren, finde ich.