Alessandro Tricario`s Streetart - Decamerone

 

Eine Reinszenierung von Bocaccios Decamerone entstand in einem verlassenen Haus in Apulien mit Fotos von Menschen, denen  Alessandro Tricario in den letzten 10 Jahren begegnete.

 

 

Alessandro Tricario  ist Fotograf und Streetartist aus dem Gargano. Er klebt Vergrößerungen seiner Fotografien aus Papier und Leim an die Wände kleiner Dörfer oder Häuser.  Inspiriert von den Werken des Straßenkünstlers JR erzählt Tricario in monumentalen Fotografien von den Menschen und Besonderheiten der Landschaft, in der er lebt.  In Decameron zeigt er Menschen, denen er in den letzten zehn Jahren begegnet ist. Jeder mit seiner eigenen Geschichte und alle mit einer anderen Sprache. Eingeschlossen in einem Landhaus, wie in Boccaccios Decameròn, auf das Schlimmste wartend, schreibt Alessando Tricario auf instagram.

 

Das Dekameron von Giovanni Boccaccio ist eine Sammlung von 100 Novellen, verfasst zwischen 1349 und 1353. Der Titel Decamerone bedeutet – in Anlehnung an das Griechische – „Zehn-Tage-Werk“. Die Rahmenhandlung verlegte Boccaccio in ein Landhaus, in das sieben Frauen und drei junge Männer vor der Pest geflüchtet sind. Im Landhaus versuchen sich die Flüchtlinge gegenseitig zu unterhalten indem jeder der Anwesenden eine Geschichte erzählt. Nach zehn Tagen und zehn mal zehn Novellen kehrt die Gruppe wieder nach Florenz zurück.

 

Decameron von Alessandro Tricario wurde ins Leben gerufen, um auf die mentale Blockade zu reagieren, die durch die Angst entstand, alles zu verlieren, wofür er in den letzten 10 Jahren gekämpft hat. Es ist das erste und einzige Lamento, das er sich traute, in der Öffentlichkeit auszusprechen. „Manchmal ist es notwendig, Dinge laut zu wiederholen, damit sie Gestalt annehmen. Viele von uns werden sich neu erfinden oder lernen, etwas anderes zu tun, und dabei auf den Resten der Fundamente, die wir gelegt haben, und auf dieser wunderbaren und verdammt ungewissen Zukunft schweben.“

 

Während Alessandro Tricario Decamerone verwirklicht ( das Video wurde am 20. März 2020 hochgeladen), lese in dem Buch Macht und Magie in Italien von Thomas Hausschild und suche ich am Niederrhein Zuflucht in der Natur, in Kirchen und kleinen Heiligenhäuschen. In dem Buch geht es um Magie, um Hexen, Heilerinnen, Besessenheit und Totenklage in Lukanien ( lamento lucano ). Hausschild schreibt: In jeder Weltreligion finden wir das elementare Bedürfnis des Menschen, seine eigene Natur zu verdoppeln, in dem er sich ein Medium, ein Gegenüber schafft, das vom Leben und vom Tod spricht. Kultur ist eine große Reserve gegen die Welt der Käuflichkeit. Hier gibt es Menschen die sich aufopfern für Ideen oder andere Menschen. Es gibt Utopisten, Fanatiker und Verweigerer. Kultur Süditaliens sieht er als Grenzbereich zwischen erster und dritter Welt. Die Kultur dieser Gegend ist eine,  in der man lernen kann, die Kräfte der Natur nicht nur zu beherrschen, sondern zu pflegen und zu begleiten. Besonders in den raueren Landschaften, wo sich Ackerbau und Industrie nicht so leicht entwickeln konnten, haben die Menschen gelernt eine gewisse Bescheidenheit zu bewahren. Dieses ( katholische geprägte) Wissen sieht er als Ausweg für den Zusammenbruch unserer Kultur, wobei er nicht auf mögliche Gründe für diesen Zusammenbruch eingeht. „Heben wir uns dieses Wissen für schlechtere Zeiten auf, als Trost oder als Anregung zur Schöpfung neu alter Rituale – oder zumindest als Andenken an das Leben der Menschen auf deren Schultern wir groß geworden sind.“

 

Wir haben in den letzten Monaten wohl alle – jeder auf seine oder ihre Weise die Erfahrung gemacht, wie sich das anfühlt. Viele von uns waren und sind damit heillos überfordert. Ich hätte mir gewünscht auf irgendein Wissen zurückgreifen zu können. Ich habe wie Alessandro kaum gewagt zu klagen und mich gefragt, was mich immer wieder zu den religiösen Bildern so anzieht. Da war ein irgendein Gegenüber. Ein Gegenüber, das mir Raum für Angst und Klage gegeben hat.

 

Hintergrundinfos zu den einzelnen Bildern in Decamerone

 

 

DECAMERON 1

 

Vater von Abdelkhalek Amaidi, der 2008 während des Phosphataufstandes getötet wurde. Er hält das Foto seines Sohnes in den Händen. 2013 in Redeyef, im Gouvernorat Gafsa, Tunesien

 

https://ilmanifesto.it/la-rivoluzione-dei-gelsomini-avvelenata-dai-fosfati/

 

DECAMERON 2

 

Jacopo und Lorenzo, Zwillinge und Gründer der Gruppe Raggae Mellow Mood, während des Soundchecks auf der Hauptbühne des Raggae-Festival Benicassìm, Spanien ( 2010)

 

DECAMERON 3

 

Carmine und Michela, 63 oder 64 Jahre verheiratet. 2017 für seine erste Installation im Auftrag der Gemeinde Accadia (Fg) aufgenommen.

 

DECAMERON 4

 

Der Mann mit dem Strohhut, Nicola, aufgenommen für "Mediofondo Primavera", ein Langzei-Projekt über die Entvölkerung von acht kleinen apulischen Gemeinden.

 

-> Mediofondo Primavera ( sehr sehenswert !)

 

DECAMERON 5

 

Migrant aus dem Ghetto von Rignano ( kleine Gemeinde in Foggia), 3. März 2017.

 

DECAMERON 6

 

Hundemeute, um die sich Alessandro zwei Jahre lang kümmerte.

 

DECAMERON 7

 

Ein Ziegenkopf - aufgenommen für das Pastori-Projekt. Zwischen 2010 und 2011 hat er einige Hirten auf dem Gargano besucht und fotografiert.

 

DECAMERON 8 + 9

 

Sergio und Talvaldis. Sergio steht vor seinem "Picērija pie Itāļa" auf der Straße, die die Hauptstadt Lettlands mit Weißrussland verbindet. Talvadis sitzt in Begleitung einer Katze beim Abendessen in Sergios Restaurant. Aus dem November 2013 für einen Bericht über den Beitritt des "baltischen Tigers", Lettland, zur Eurozone.

 

DECAMERON 10

 

Alessandro, der Mann mit der Jokermaske, ist Tanzlehrer. Bis vor einigen Jahren hat Tricario auch Tanz-Essays fotografiert.

 

-> Webseite Alessandro Tricario

 

-> Alessandro Tricario auf instagram

 

-> Über sein neuestes Projekt : Pantheon del Gargano (Artribune)

 

SIF - Wandernde Fotoschule

Zusammen mit  Maria Palmieri lehrt Alessandro Tricario an der wandernden Fotoschule SIF. Die scuola itinerante di fotografia  will durch die Sprache der Fotografie deutlich zu machen, was in der Provinz Foggia entdeckt werden kann. Wie ein Wanderkino will die die Schule umherreisen und in Foggia mobile Fotografiekurse anbieten. Tavoliere, Gargano und die Monti Dauni sind sehr unterschiedliche Regionen einer der größten Provinz Italiens. Sie umfasst Städte, Ortschaften, Flüsse, Seen, Meere, Berge, landwirtschaftlich genutzte Ebenen, hügelige Landschaften, die ein wenig "lunar" sind, Steinbrüche und unterirdische Höhlen. Ein Gebiet, das seine Unterschiede selten als Reichtum gesehen hat und das von einer oft stereotypen Imagination geprägt ist, auch aufgrund eines wenig entwickelten Tourismus. Die wandernde Fotoschule möchte die Schönheit des Gebiets, das von Entvölkerung und Verlassenheit bedroht ist, erforschen, vor allem für junge Menschen sichtbar machen und ihr Talent fördern.

 

-> Webseite SIF

 

Streetart in Taranto

In keiner anderen Stadt Apuliens habe ich soviel Streetart gesehen wie in ->Tarantos halbverlassener Altstadt.

 

 

Apulien wird in diesem Jahr fast 4 Millionen Euro für die Schaffung von Strasenkunst bereitstellen, die die Außenbezirke der Stadt verschönern und sie einladender und integrativer machen soll.