Trauer: vom lamento lucano bis zum Totentanz der Streetart

 

Über die Trauerriten der letzten Klageweiber Apuliens, den Canto della Desolata, Trauer als Friedensarbeit, den horror vacui des Jahres 2020, Übergangsobjekte und den Totentanz der Streetart.

 

Foto c/o Salvatore Picciuto "Il burqa del sud", Prozession der Madonna della Desolata in Canossa am Karsamstag
Foto c/o Salvatore Picciuto "Il burqa del sud", Prozession der Madonna della Desolata in Canossa am Karsamstag

"Jemand ist gestorben. Die Glocke des Kirchturms verkündet es durch ihr Läuten. Die Nachbarn kommen, um die Mütter, Ehefrauen oder Schwestern zu trösten und mit ihnen zu weinen. Es ist der Bestattungsbesuch. Dann werden es nur die Männer sein, die den Toten auf den Friedhof begleiten. Während die Frauen im Haus weiter weinen. Das regulierte und ritualisierte Klagen ist eine alte Überlebenshilfe in einer Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht archaisch ist, wie die des Mezzogiorno. In einer so sehr von ökonomisch manchmal inhumanen Bedingungen geprägten Gesellschaft wird der Tod unerträglich, sinnlos, wenn der zersplitternde Schmerz nicht aufgehoben werden kann im rauen Gefäß des  „pianto“. Hierin werden die formlosen Manifestazionen der Verzweiflung sozusagen stilisiert. Einige Trauerlieder, wie z.B. die in den griechisch sprachigen Kommunen Apuliens, gehören zur höchsten Form der populären Poesie." ( Pier Paolo Pasolini im Vorspann zu Stendalì )

Klageweiber  ( le prefiche )

 

In der Antike war es Brauch, für die Totenwache Frauen anheuern, um zu singen, zu weinen und sich Gesten des Schmerzes hinzugeben, wie z.B. sich auf die Brust zu schlagen, im Gesicht zu kratzen oder Haarsträhnen auszureißen. Oft versammelten sich diese Frauen jedoch auch spontan im Sinne einer kollektiven und anonymen Trauer. Der Brauch überlebte in Süditalien bis zum Beginn der 1960er Jahre - in Apulien vor allem in der Salento Grecìa. In den Dörfern im Salento, in denen noch griechischer Dialekt gesprochen wird, waren die 'chiangimuerti' oder 'rèpute' berühmt für ihren Gesang der 'nenie' griechischer Herkunft. Die sogenannten „Prefiche Grike“ kamen hauptsächlich aus dem Ort Martano. Die letzten bekannten Klageweiber waren Lucia Martanì aus Calimera und Assunta de Matteis aus Martano. In ihren Liedern wurden auch altgriechische mythologische Figuren wie Charon und Thanatos angerufen. Thanatos ist in der greichischen Mythologie der Totengott. Charon ist der Fährmann, der die Toten für einen Obolus über den Totenfluss setzte.

"Phrixos auf dem Widder" Darstellung auf einem Teller, der als Grabbeigabe diente (330 v.Chr. Apulien). Die Reise über das Meer gilt als Metapher für den Übergang ins Jenseits.
"Phrixos auf dem Widder" Darstellung auf einem Teller, der als Grabbeigabe diente (330 v.Chr. Apulien). Die Reise über das Meer gilt als Metapher für den Übergang ins Jenseits.

"Stendalì - Suonano ancora" (1959 ) von Cecilia Mangini

Der Dokumentarfilm "Stendalì - Suonano ancora" unter der Regie von Cecilia Mangini basiert auf einem der letzten Riten des Begräbnisgesangs. Stendalì heißt im Dialekt des Griko "sie klingen noch". Cecilia Mangini (geboren 1927 in Mola di Bari) ist eine italienische Dokumentarfilmerin, Drehbuchautorin und Fotografin. Der Text der Klagen, die von den Frauen im Salento-Dialekt gesungen wird, wird im Film von der Schauspielerin Lilla Brignone interpretiert: "Es ist ein Gegenmittel, das in der Lage ist, den Mangel und die Leere des Todes zu lindern. Ein populäres Gedicht, das gepflegt und bewahrt werden muss". Der erklärende Text stammt von Pier Paolo Pasolini.

 

 

Der erste Zuschauer-Kommentar unter dem Video lautet: "Wunderschön und tragisch! Die Szenen sind unglaublich und schließlich herzzerreißend, eine Galaxie weit weg von uns und für die heutige Welt unvorstellbar. Ich erinnere mich gut an sie in Montecalvo Irpino, meiner Heimatstadt. In einigen Mittelmeergebieten besteht diese Tradition noch immer..."

 

Ernesto de Martino, der italienische Ethnologe und Religionsforscher, schreibt in "Morte e pianto rituale: dal lamento funebre antico al pianto di Maria" ( Tod und Klageritual: vom antiken Klagelied zum Weinen Maria´s): Der Tod einer geliebten und unentbehrlichen Person ist ein Ereignis, das den Zusammenbruch eines labilen Gleichgewichts verursachen kann. Doch gerade an der Schwelle des extremen Leidens lernt der "primitive" Mensch, sich zu behaupten: Die rituelle Kontrolle des Leidens, das kollektive Weinen, entsteht. Das Ritual - und die vielen Techniken, von denen es konkretisiert wird - kann die ganze Klaviatur der Verzweiflung durchlaufen, aber eben in kontrollierter Form. Und der Mensch wird wieder zum Leben erweckt, während die quälende Gegenwart der Toten in einen schützenden Schatten verwandelt wird.

 

Seltsam was man bei Recherchen manchmal so findet. Eine japanisches Videospiel nennt sich Lamento - Jenseits der Leere :Die Welt ist in dunkle Zeiten gefallen - eine mysteriöse Leere hat es unmöglich gemacht, einige Orte (und sogar Tiere) zu berühren. Eine seltsame und tödliche Krankheit, die einen großen Prozentsatz der weiblichen Ribika-Bevölkerung getötet hat, breitet sich ebenfalls aus. (Aber das nur am Rande.)

 

Trauer als Friedensarbeit

Zwei Trauernde, Neapel, 2. Viertel 14. Jahrhundert, Marmor, von einem Grabmahl stammend ( aus der Ausstellung "unvergleichlich" Bode Museum Berlin)
Zwei Trauernde, Neapel, 2. Viertel 14. Jahrhundert, Marmor, von einem Grabmahl stammend ( aus der Ausstellung "unvergleichlich" Bode Museum Berlin)

Menschen, die sich der Erfahrung der Trauer stellen, können die Fähigkeit erwerben, auf die Gefährdung des Lebens im Ganzen (Gewalt, Krieg, Umweltzerstörung….) in lebensdienlicher Weise zu antworten. Damit wird Trauer auch gesellschaftlich und politisch relevant. Sie kann zu gelebter Friedensarbeit werden. Wie wir den Tod sehen, hat Auswirkungen auf unseren Umgang mit Trauer und unsere Art zu Trauern hat Einfluss auf unser Erleben des Todes - entweder als zerstörerische Macht oder verwandelnde Kraft. Gelungene Trauerarbeit kann zu einer tiefgreifenden Verwandlung und einer Stärkung von Gemeinschaft führen.

 

Etymologisch verweist Trauer auf: die Augen niederschlagen, schlaff sein, nachlassen, aufhören, schläfern, fallen. Trauer zieht runter, macht handlungs-  und arbeitsunfähig. Sie kann uns den Boden unter den Füssen wegreissen, lähmen und als gähnender Abgrund der Leere oder als Verstummen der Welt empfunden werden.  Diese Lähmung ermöglicht aber auch ein intensiveres Hinhorchen und Spüren, das eine Folge der Todesnähe ist. Trauer konfrontiert den Menschen mit der Frage nach dem absolut Wesentlichen im Leben. Wir konnten das am Anfang der Coronakrise bemerken, als zum Beispiel die Frage nach der Systemrelevanz gestellt wurde und wir konnten auch die Hoffnung vieler Menschen beobachten, dass jetzt ein echter Wandel stattfinden könnte. Ohne Vertrauen, ohne Trost aber kann Trauer bodenlos erscheinen. Das Gefühl des Vertrauens kann uns ein Mensch, eine Gruppe, ein Glaube, ein Eingebettet in ein großes Ganzes, vielleicht auch ein Ritual zurückgeben.

 

In antiken Kulturen lag die Funktion von Trauer und Bestattungsritualen darin, die Krise, die der Tod in der Gemeinschaft auslöst, einzudämmen. In der Vorstellung archaischer Völker vollziehen der Tote sowie der Hinterbliebene einen Übergang, der eine gewisse Zeit dauert: der Tote geht über ins Totenreich, in die Gemeinschaft der Ahnen. Für die Hinterbliebenen bedeutet der Übergang eine innerliche Lösung von den Toten und eine Neuorientierung im Welt- und Selbstbezug. Während dieser Zeit sind sie dem normalen sozialen Kreislauf entzogen. Einerseits als Schonzeit für die Trauernden, andererseits für die Gemeinschaft als Schutz vor Ansteckung. Trauerrituale sind oft auch symbolische Reinigungsrituale wegen der nahen Berührung mit dem Tod.

 

In der Zwischenwelt berühren sich die Welt der Toten und der Lebenden, es bleibt eine zeitlang offen, ob der Trauende zu den Lebenden oder den Toten gehört. So wie sich der Trauernde vom Toten lösen muss, muss sich der Tote von der Welt der Lebenden lösen und im Jenseits seinen Ort finden. Am Ende verwandeln sich die Toten in verehrte Ahnen, die Trauernden erleben eine tiefgreifende Erneuerung. Die einigende Trauer wirkt außerdem gemeinschaftsstiftend und belebt die Gemeinschaft der Lebenden.

 

Der Ethnologe Thomas Hauschild beschreibt die süditalienischen Trauerrituale u.a. folgendermaßen: Teilnehmer von Beerdigungen gaben sich nach dem Beerdigungszug häufig die Hand, um die Last der Trauer oder die Verunreinigung durch den Tod zu teilen. Sie gingen möglichst nicht direkt nach Hause, um den Tod nicht ins Heim zu tragen. Das Klagen war seit jeher Sache der Frauen. Sie waren auch dafür zuständig, die Toten zu beschwören auf ihrem Bett zu blieben. Wenn die Seele der Toten dann die Grenze überschritten hat, durchwandern die Lebenden in unterschiedlichen Formen das Tal der Toten.

 

Bill Viola´s "An Ocean without a shore" ist eine ( moderne) künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tod. Verschiedene Figuren treten in dem Video durch eine Wasserwand nach vorne, wobei ihre Erscheinung zunächst Grau ist. Wenn sie die Wasserwand durchschreiten, werden sie farbig und „natürlich“. Für Viola geht es dabei um den Tod und die Präsenz der Toten, die Geister um uns herum, um Leben und Tod und deren Bewusstwerdung. „Wir wissen nur, was Licht ist, wenn wir die Dunkelheit kennen; und wir wissen nur was Leben ist, wenn wir den Tod kennen.“

 


Trauer als Horror Vacui

gesehen in Adelfia, Juli 2020
gesehen in Adelfia, Juli 2020

Wenn Trauer blockiert ist, nicht in Fluss kommt, wenn der Trost fehlt, kann sie zur Konfrontation mit dem Nichtsein werden, zur existenziellen Erfahrung von Leere, die man auch Horror vacui  ( Schrecken der Leere ) nennt. Bildliche Darstellungen des Horror vacui kennen wir von den menschenleeren Stadtansichten des surrealistischen Malers Giorgio de Chirico oder aus Filmen wie " I am legend ", in dem der Virologe Dr. Neville der letzte lebende Mensch in New York City ist. Ähnliche Bilder gab es 2020 im Fernsehen vom menschenleeren Times Square in New York oder dem Petersplatz in Rom, wo der Papst während des lockdowns eine Ostermesse ohne Gläubige abhielt.

 

Mit dem Horror vacui können Gefühle von Sinnlosigkeit und Heimatlosigkeit verbunden sein. Die Welt wird fremd und unheimlich. Eine weitere Angst in der Trauer kann die vor Schuld vor Verdammung sein, die Angst der eigenen Bestimmung nicht gerecht zu werden, die Angst vor Verfehlung und Versäumnissen gegenüber dem eigenen Leben sowie das Gefühl, das Leben sei nicht wirklich gelebt worden oder auch gar nichts mehr fühlen zu können.

 

Im Juli, als das Reisen wieder möglich war, habe ich am Flughafen Bari jemand gesehen, auf dessen Maske stand: "Ma io voglio buttare un grido." ( "Ich möchte eigentlich schreien.") Eine Frau trug ein T-shirt mit der Aufschrift: " In memory of when I cared."  Italien wurde vor allem durch die Bilder aus Bergamo kollektiv traumatisiert meint die italienische Philosophin Donatella di Cesare. Der Tod galt schon in der Antike als ansteckend, aber wenn die Körper wie Giftmüll behandelt werden, wird die Stadt zu einer Nekropole, zu einem aseptischen und sterilen Raum.  Auch die Art des Sterbens, einsam, ohne Freunde und Bekannte, ohne Beisetzung und gemeinsamen Abschied hinterlässt Spuren auf der italienischen Seele. Würdeloses Sterben bringt die Gemeinschaft ins Wanken und verhindert Trauerarbeit. Kollektive Trauerriten sind unersätzlich. Sie bezeichnet außerdem die gesetzlich vorgeschrieben Abstandsregeln, die Präventivpolizei aller Beziehungen, als den Gipfel einer immunitären Politik, die in den letzten Jahren mit zunehmender Fremdenfeindlichkeit und Angst vor dem Fremden geschürt wurde.

 

(Weil man die Leichen der Coronatoten für ansteckend hielt, wurden sie nicht bestattet sondern verbrannt, was in Italien unüblich ist und zu einer Überlastung der Krematorien,  nicht der Friedhöfe,  in Bergamo führte ).

 

Interview mit Donatella di Cesare / Kulturzeit

 

Kollektive Trauer: Canto della Desolata - in Canossa

Zwar gibt es die Tradition der Klageweiber in Apulien nicht mehr, aber die Tradition der Settimana Santa, die Feierlichkeiten in der Osterwoche, sind noch sehr lebendig. Sie sind  seit jeher ein Bezugspunkt für Gemeinschaftlichkeit im Sinne von Teilnahme, emotionaler Mitwirkung und Ergiffenheit gewesen. Dazu gehört auch der Canto della Desolata in Canossa. Mag sein dass das Video über die Klageweiber heute eher erschreckt und befremdet, der Gesang dieser Frauen in Canosso allerdings ist so kraftvoll , dass ich ihn mir immer wieder anhören könnte.

 

 

"Es sind die frühen Morgenstunden und das Licht und die Luft erzählen bereits unmissverständlich von einem Tag der Spannung, des Wartens, der Leidenschaft. Die Straßen im Zentrum sind blockiert, Menschen auf den Balkonen, Sommerwetter und ein Flüstern. Noch nie zuvor habe ich einen so lauten Schrei der Stille gehört." So beschreibt Salvatore Picciuto den Morgen des Karsamstags in Canosa di Puglia, an dem die Gläubigen auf die Prozession der Madonna della Vergine Desolata warten.

Hundert schwarz gekleidete Frauen, das Gesicht verdeckt von einem schwarzen Schleier,  die Hände sind das einzige, wodurch man sie voneinander unterscheiden kann. Durch die Verschleierung des Gesichts ist das Ganze frei von jeglicher Art von Exhibitionismus und der Schrei der Mutter des gekreuzigten Christus wird so am besten darstellt. Sie bewegen sich untergehakt durch die Straßen des Dorfes und singen eine bombastische, aber gleichzeitig traurige und melancholische Hymne: es ist die Hymne der Verlassenen, Stava Maria Dolente.

 

"La Desolata" "Stava Maria dolente senza respiro e voce mentre pendeva in croce del mondo il Redentore" ( "Die Verlassene" Maria trauert ohne Atem und Stimme während der Erlöser am Kreuz der Welt hängt.)  In den letzten Jahren ist die Prozession der Desolata zu einem viel beachteten und studierten Ereignis geworden.  Videos und fotografische Reportagen, Presseartikel, Gedichte, Kalender, Pergamente, Gemälde dokumentieren die Tradition, die von noch intakten Riten und Bräuchen, Hingabe und Leidenschaft erzählen und das historische, soziale und kulturelle Erbe von Canosa bereichern. Zum ersten Mal seit 1966 fand die Prozession der Desolata wegen der Einschränkungen, die durch den Gesundheitsnotstand des Covid-19 auferlegt wurden, nicht statt. Pater Carmine Catalano teilte über die Facebook-Seite der Pfarrei mit, dass die suggestive "Inno alla Desolata" live gestreamt wird oder auf Radio Love FM auf der Frequenz (97.6) zu hören sein wird.

 

Salvatore Picciuto hat in den Jahren 2009 - 2013 auf seiner Webseite die Prozession der Dolorata fotografisch dokumentiert Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir erlaubt hat, zwei seiner Bilder hier zu veröffntlichen, darunter das Titelbild aus Canossa. Am Ende seiner Reportage sieht man wie die Frauen ihre Schleier abnehmen und sich umarmen und küssen. - > Burka des Südens .

 

Salvatore Picciuto: L´ora d´aria

c/o Salvatore Picciuto - L´ora d´aria
c/o Salvatore Picciuto - L´ora d´aria

 

Ein anderes Projekt heißt -> L´ora d`aria  ( Eine Stunde Luft ). Es sind Fotos, die er bei mitternächtlichen Spaziergängen mit seinen Hund während des Lockdowns in Italien gemacht hat. ( Mit seinem Hund spazieren zu gehen, war einer der wenigen Gründe, die das Verlassen des Hauses erlaubte). Man sieht geschlossene Tankstellen, Läden und Cafes, vor denen sich die Stühle stapeln, leere Straßen und Parkplätze und eine Anzeigetafel auf der 12.3 steht. Ich weiß nicht mehr, ob es das Datum war, an dem der lockdown in Italien begann. Er schreibt dazu: "....Und beim Durchqueren der Leere, die mich umgibt, wird mir klar, dass dort, wo ich lebe, in einer kleinen Provinzstadt in Süditalien, direkt um meinen Palast herum, etwas passiert ist. Jede Nacht schaue ich auf dieselben Umgebungen und Situationen, ich schaue auf dieselben Dinge, und ich bin immer da, bewegungslos. In Wirklichkeit stelle ich fest, dass sie es sind, die mich ansehen, sie sind es, die mich wie hilflose Körper, wie bewusstlose Opfer beobachten, fast so, als wollten sie mich fragen, was passiert ist. Für mich ist es nicht leicht, in dieser Situation zu fotografieren, weil ich Angst habe, weil niemand da ist, weil die Stille ohrenbetäubend ist. Aber ich tue es trotzdem, um einem Diebstahl, an dem wir keine Schuld tragen, einen Sinn, Würde und Erinnerung zu geben, oder vielleicht ist es bequem für uns, zu denken, dass wir nicht schuldig sind. In Isolation, März 2020.  "

 

Die Welt wird unheimlich und es entsteht das Gefühl, dass nicht der Fotograf die Dinge ansieht sondern umgekehrt die Dinge den Fotografen. Sehen wird existenziell, eine Frage von Leben und Tod, wenn man spürt, dass etwas vom Verschwinden bedroht ist.

 


Übergangsobjekte

 

Ins Kino gegangen geweint. Kafka ging ins Kino, um zu weinen. Das Kino ist für den modernen Menschen vielleicht der letzte Raum, in dem er anonym im dunklen Saal weinen kann. Da Trauer, Melancholie oder gar Depression handlungsunfähig machen, sind diese Gefühle in modernen Gesellschaften, in denen Eigeninitiative, Fleiß und Arbeit die höchsten Tugenden sind, tabuisiert. Sich hängenlassen oder der körperliche Ausdruck von Trauer durch lautes Klagen oder Weinen - wird nicht gern gesehen.

 

Was bleibt sind Symbole der Anwesenheit durch die Angst vor Abwesenheit und Leere gemildert werden kann: Fotos, Bilder, Geschichten, Andenken, Filme. Diese Übergangsobjekte sieht Donald Winnicott als Stellvertreter von Schöpfungsprozessen und Kreativität.  In diesem Zusammenhang kann man fragen, ob nicht das Medium Fotografie eine Art Trauerarbeit im Sinne es Festhaltens von Erinnerungen aller Art ist. Ioanna Sakellaraki zitiert auf dem Flyer für ihre Fotoausstellung "The truth is in the Soil" aus Roland Barthes Buch " Die helle Kammer" : "Nothing will remain but an indifferent nature."

Ihre Fotografien über Klageweiber wurden durch den Tod ihres Vaters ausgelöst. Die Bilder stellen für sie nach ihren Worten einen Übergang zwischen dem liminalen Raum von An- und Abwesenheit dar. Sie bezeichnet sie als Auseinandersetzung mit der Frage des Werdens durch Verlust.

 

Roland Barthes versuchte, das Wesen der Fotografie in seinem berühmten Buch "Die helle Kammer" in einem Foto seiner verstorbenen Mutter zu entschlüsseln. Dabei hat er auf der Suche nach dem Wesen der Fotografie eine Reise in seine eignene Gefühlswelt gemacht.  Fotografie als Vergangenes, nicht Wiederholbares, als ein es-ist-so-gewesen scheint immer mit einem Gefühl des Verlusts und der Vergänglichkeit einherzugehen. Auch Susan Sontag schrieb in dem Essay "Objekte der Melancholie" : was eine Fotografie surreal macht, ist die unwiderstehliche Rührung, die sie als Botschaft aus vergangener Zeit auslöst. Die Zeit selbst ist das schmerzlichste, irrationalste, geheimnisvollste Phänomen der Fotografie. ("Über Fotografie", 1980 im gleichen Jahr veröffentlicht wie "Die helle Kammer")

 

Berlin, Oktober 2020
Berlin, Oktober 2020

Totentänze und Streetart

Über den wohl berühmtesten Streetart Künstler Bansky schreibt Xavier Tapies im Vorwort des Buches Provokation, Banksys Arbeiten gleichen denen des mexikanischen Künstlers Jose Posada oder Hans Holbein dem Jüngeren, z.B. seinem skandalösen Totentanz.

 

Diese Künstler seien Satiriker des establishments. Zu den bekanntesten Werken Posadas zählen seine calaveras oder Skelette, insbesondere „La Catrina“, die er mit schwarzem Humor auf die mexikanische Oberschicht münzte: Der Tod ist demokratisch. Am Ende werden sie alle zu Skeletten, ganz gleich ob sie blond oder brünett, arm oder reich waren. Die heutige Streetart sieht Tapies als  Reaktion auf eine neue Dystopie, auf eine Welt, die von ähnlicher Ungleichheit gekennzeichnet ist, wie es zuletzt 1928 der Fall war. In der Streetart kehrt zurück, was die Gesellschaft verdrängt und sie tut es im öffentlichen Raum, sichtbar für alle. Sie ist so etwas wie Ausdruck unser schlechtes Gewissen.

 

 

Bilder aus Berlin:

 

Mit seinem Streetart Projekt -> "Decameron" reagierte der Fotograf Alessandro Tricario auf den lockdown in Italien und die Angst, alles zu verlieren, wofür er in den letzten 10 Jahren gekämpft hat. Es ist das erste und einzige Lamento, das er sich traute, in der Öffentlichkeit auszusprechen. „Manchmal ist es notwendig, Dinge laut zu wiederholen, damit sie Gestalt annehmen. Viele von uns werden sich neu erfinden oder lernen, etwas anderes zu tun, und dabei auf den Resten der Fundamente, die wir gelegt haben, und auf dieser wunderbaren und verdammt ungewissen Zukunft schweben.“

 

Auf der Seite der europäischen Totentanz Vereinigung gibt es viele Beispiele von Künstlern, die sich mit Totentänzen auseinandergesetzt haben: von Hans Holbein, Stephan King, Edvard Munch, über Brecht, Dix, Rilke bis Jean Tinguely. Totentänze gibt es in unterschiedlichen Ländern und Medien ( Film, Literatur, Tanz, Grafik, Musik). Eines der eindringlichsten Beispiele eines modernen Totentanzes ist für mich die - > Schlussequenz des Horrorfilms "The Mist" nach der Vorlage von Stephan King mit der Musik von "Dead can dance". Lustiger ist dagegen das föhliche Skelett der Brüder Lumière, wahrscheinlich der erste Totentanz der Filmgeschichte.

 

Die Tränen der Skelettfrau

 

"Tränen enthalten Schöpferkräfte. Im Mythos werden Welten durch vergossene Tränen geschaffen und was getrennt war, wird auf emotionaler Ebene wieder vereint. In alten Volkslegenden dienen Tränen als verbindendes Element, als eine Art als Klebstoff, der Seelen aneinander bindet. Wenn Tränen im Märchen vergossen werden, treten Flüsse über ihre Ufer und überfluten verdorrtes Land. Wenn sie auf Wunden Tropfen, heilen diese und wenn sie auf blinde Augen fallen, erhalten diese ihre Sehkraft zurück. Wer eine Träne berührt, empfängt ein Stück von einer Seele, etwas, das Schaffenskräfte enthält."

( aus dem Märchen „Die Skelettfrau“ in dem Buch -> „ Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés)

 

Leben

Und während er seine Limonade schlürfte, fragte er leise,

als ob ihn jemand hören und zensieren könnte:

aber Sie, entschuldigen Sie, aber ich möchte Sie das fragen,

Sie interessieren sich für den Tod?

Monteiro Rossi lächelte über das ganze Gesicht,

und das brachte ihn in Verlegenheit; erklärt Pareira.

Aber was sagen Sie da, Doktor Pareira, rief Monteiro Rossi laut aus,

mich interessiert das Leben.

(Vorwort aus dem Buch : Trauer - die Hüterin der Verwandlung von Eva Gösken)

 

Dank

Ein großes Dankeschön an Salvatore Piciutto dafür, dass er mir seine Fotos zur Veröffentlichung zur Verfügung stellt. Salvatore Picciuto hat 2010 das Projekt -> myphotoportal.com ins Leben gerufen: eine Plattform, die es Fotografen ermöglicht, ihre Aktivitäten, Projekte und Portfolios zu veröffentlichen und zu verbreiten, indem sie eine Website für Fotografie einrichten. Er arbeitet auch als Berater und Webentwickler für das Online-Fotomagazin FPmag, mit der -> Fondazione Pino Pascali Museo d'Arte Contemporanea für virtuelle Ausstellungen und mit mehreren Fotofestivals zusammen.


Diesen Artikel habe ich aus Trauer über meine -> letzte Reise nach Apulien geschrieben und aus einem Gefühl des Horrors angesichts der aktuellen Lage. Der nächste Artikel wird "Gegenfeuer - gegen das neue normal " heißen.

 

Weiterlesen

 

Ernesto de Martino: Morte e pianto rituale: dal lamento funebre antico al pianto di Maria.

 

-> il lamento funebre / Lucani in Europa ( italienisch)

 

-> Rituale gegen Angst ein Versuch über antike und moderne Rituale gegen Angst, geschrieben unter dem Einfluss des 1.lockdowns im Frühjahr.

 

Donatella di Cesare: Souveränes Virus? Die Atemnot des Kapitalismus. 2020.

"Das Virus hat die Unbarmherzigkeit des Kapitalismus ans Licht gebracht und macht offenkundig, dass der Mensch sich in seiner Verletzlichkeit unmöglich selbst retten kann – wenn nicht durch wechselseitige Hilfe. Die Corona-Pandemie zwingt uns dazu, eine neue Weise des Lebens in Gemeinschaft zu denken."

 

"Alles kontollieren zu wollen, das ist der Tod."  Gerald Hüther ( -> " Talk im Hangar 7" - Zerbrechen wir an Corona ? )

 

-> Die letzten Klageweiber Apuliens ( italienisch )

 

-> The Truth is in the Soil ( Bilder und Interview / photomonitor )

 

-> The image and the Death A Contemporary Iconology of Death. This is a research and reference stream for Unterstadt project