Apulien mit allen Sinnen

 

Über das dolce far niente,  das Leben mit allen Sinnen und das eine oder andere Italien-Klischee.

 

Wir dösen am Strand in der Sonne, reden über Fussball, Essen und Politik, scheinbar die wichtigsten Themen in Apulien. Michele meint:

„Einen so blauen Himmel könnt ihr euch in Deutschland nicht kaufen.“

Ich gebe zu: „Ein so sanftes Meer auch nicht.“

„In Berlin war der Himmel nur ein mal so blau...“ stichelt er „...das war 2006 beim WM Finale.“ (Italien wurde in Deutschland Weltmeister). Ich will protestieren, aber ich bin zu träge und gönne ihm den Triumph. Immerhin jetzt sind wir Weltmeister.

 

„Ich habe dieses Buch Christiane F. gelesen. Schlimm! Das ist doch eine wahre Geschichte aus Berlin, oder?“ fragt er .

„Ja, damals in den 80ern war Heroin die Droge. Heute ist es Chrystal Meth, eine Droge, die dich leistungsfähiger macht, damit du besser arbeiten kannst.“

„Ach.. sowas brauchen wir hier nicht.“ grinst er, zieht an einem Joint. "Denkst du es ist eine Art Widerstand nicht zu arbeiten?"

 „Ja, kann sein. Apropos sind heute nicht die Regionalwahlen? Geht keiner von euch zur Wahl?“

„Nee" meint er, "das hier ist unsere Wahl“ und zeigt auf das Meer und den Strand. Eine gute Wahl denke ich.

 

Es gibt im italienischen kein Wort für Fernweh. „Wir haben den Strand und die Sonne und ihr nur den Nebel.“ so verteidigen die Süditaliener etwas trotzig ihr kleines Paradies gegen die Norditaliener, die den Süden für faul, kriminell und rückständig halten.

 

 

Ein Paradies am Ende der Welt

 

Und es ist wirklich ein Paradies: Da ist diese wilde Küste mit unzähligen kleinen Sandbuchten, die das Meer in die kargen, schroffen Felsen gefressen hatte, dieses warme, sanfte, klare Meer. Da sind die kleinen Hafenstädte mit ihren Sandsteinhäusern, fast unberührt vom Tourismus. Tagsüber verschlafen, aber abends am Lungomare voller Leben. Und da sind die uralten Olivenbäume, all diese wilden Wiesen, die im Licht des Südens leuchten und die ->Inschriften auf den (Hafen)mauern...

 

Du hast mich gesehen, hast mich angelächelt und das Ende der Welt ist der Anfang des Paradieses.
Du hast mich gesehen, hast mich angelächelt und das Ende der Welt ist der Anfang des Paradieses.

Was für Romantiker, die Italiener doch sein müssen. Die waren vielleicht gar nicht so doofe Machos und Berlusconi-Bewunderer, wie ich immer dachte?

 

Pasolini und Vendola: katholische Kommunisten

 

Und Pasolini hat sich vielleicht geirrt, als er in seinem Aufsatz "Von den Glühwürmchen" insbesondere gegen die Süd- und Mittelitaliener wetterte, mit all seinen Sinnen habe er sehen müssen, wie die Italiener, die er gegen alle herrschenden Klischees geliebt habe, innerhalb weniger Jahre zu einem degenerierten, lächerlichen, widerwärtigen, kriminellen Volk verkommen seien.

 

Was hat ihn nur so wütend gemacht? Und was heißt mit allen Sinnen gesehen?

 


Pasoliniplakat in Alberobello
Pasoliniplakat in Alberobello

 

Sinnlich beschreibt auch Nicki Vendola seinen Traum von Apulien „Ich habe einen Traum. Einen Traum vom Mittelmeer, von Felsen und Salz, nach wildem Rosmarin duftend, klar smaragdfarben, bläulich. Einen Traum, der sich in den Wellen der Gischt, in den Geheimnissen des Meeres verliert. Es ist ein Traum von Vermischung...“ (mehr darf ich nicht zitieren; analog nachzulesen in dem Buch von Katja Büllmann: Apulien)

 

Vendola war von 2005 bis 2015 Präsident von Apulien. Welcher deutsche Politiker würde eine Vision, zudem eine Vision von der friedlichen Vermischung verschiedener Kulturen, auf so sinnliche Weise beschreiben?

 

Vendola ist schwul, Katholik und Kommunist. Er hat über Pasolini promoviert, den Umweltschutz und den nachhaltigen Tourismus in Apulien gefördert sowie zusammen mit Gianrico Carofiglio (Mafiajäger und Schriftsteller) erfolgreich die Mafia bekämpft. Also Mülltrennung statt Mafia in Apulien.

 

Ein Leben am Meer, indem das soziale Miteinander und Sinnlichkeit einen höheren Stellenwert haben als Arbeit und Karriere... das war und ist ein Traum, den Apulien in mir wiederbelebt hat. Inzwischen kenne ich auch die Schattenseiten: Apulien ist arm und die Krise hat das Gefälle zwischen Nord- und Süditalien noch verstärkt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist enorm und viele ältere Italiener verkaufen ihre Häuser, um den Kindern unter die Arme zu greifen.

 

Madonne! ...und zurück an den Strand


 

"Ein bißchen lügen und betrügen ist doch normal. Aber warum gleich die ganze Welt zerstören?" fragt Michele mich später am Strand. Er meint damit den Weltkrieg.

Darauf habe ich keine Antwort, aber ich habe aber auch ein paar Fragen:

"Warum sieht man hier überall ->mehr Madonnen als Jesusdarstellungen?"

Diese Frage scheint er gar nicht zu verstehen. "Das ist doch die Mutter!" meint er.

Als ich frage "Warum sind die Italiener so romantisch?", herrscht betretenes Schweigen.

Ich verbessere mich schnell und sage: "Ich habe gelesen, die Italiener sind heute romantisch und morgen erinnern sie sich nicht mehr an dich." Das streitet er ab: "Nein, nein. Sie erinnern sich, aber morgen wollen sie eine andere Frau."

Vivere nel momento (Leben im Augenblick)... denk ich mir.

 

Aber was heißt das eigentlich, die Italiener, oder die Apulier, gegen alle Klischees zu lieben? Natütlich gibt es ihn nicht, den Apulier, sondern viele verschiedene "Pugliese".

Was Pasolini in seinem Text beklagte, war die Gleichschaltung vieler verschiedener Kulturen, die mit der Industrialisierung in den 70er Jahren begonnen hat. Und er behauptet, das Trauma des Zusammenstoßes einer vielfältigen archaischen Welt mit der industriellen Nivellierung habe nur einen Präzedenzfall: Deutschland in den 20er Jahren.

 

Das Suchen nach überlebenden "Glühwürmchen" und die Beschäftigung mit diesen Kulturen ist ein Anliegen dieser Apulien-Seite. Klischees sind dabei leider nicht immer zu vermeiden.

 

Der Text auf dem Plakat in Alberobello beginnt so:

„(...) Es ist der Himmel...

Es ist schwierig von der Reinheit dieses Himmels zu erzählen an diesem Sonntag Abend in Alberobello: ein nicht vorhandener Himmel, rein, gebunden an das Licht, an die fantastische Aussicht dieses Ortes."

 

-> mehr über Alberobello und der Versuch einer vollständiegn Übersetzung