Apulien mit allen Sinnen

 

Über das dolce far niente,  das Leben mit allen Sinnen und das eine oder andere Italien-Klischee.

 

Ragazzi di vita und süßes Nichtstun

 

"Ist Ihnen schonmal aufgefallen, dass die Italiener alle aussehen, als hätten sie gerade Sex gehabt?" so schildert Michael Moore seinen ersten Eindruck von Italien in dem Film "Where to invade next." An manchen Klischees ist durchaus was dran (auch wenn man sie nicht  verallgemeinern sollte).

 

"Ach wie neu!" denke ich daher, als einer dieser italienischen Männer am Strand auf mich zukommt und nach Tabak fragt.

Aber er will mich gar nicht anmachen, sondern bedankt sich nett und verschwindet mit dem Tabak. Am nächsten Tag treff ich ihn mit seinen Freunden am Strand wieder und wir kommen ins Gespräch, reden über Fussball, Essen und Politik, scheinbar die wichtigsten Themen in Apulien.

Michele meint: „Einen so blauen Himmel könnt ihr euch in Deutschland nicht kaufen.“

Ich gebe zu: „Ein so sanftes Meer auch nicht.“

„In Berlin war der Himmel nur ein mal so blau...“ stichelt er „...das war 2006 beim WM Finale.“ (Italien wurde in Deutschland Weltmeister). Ich will protestieren, aber ich bin zu träge und gönne ihm den Triumph.

 „Ich habe dieses Buch Christiane F. gelesen. Schlimm! Das ist doch eine wahre Geschichte aus Berlin, oder?“ fragt er .

„Ja, damals in den 80ern war Heroin die Droge. Heute ist es Chrystal Meth, eine Droge, die  leistungsfähiger macht, damit du besser arbeiten kannst.“

„Ach.. sowas brauchen wir hier nicht.“ grinst er und zieht an einem Joint. "Denkst du es ist eine Art Widerstand nicht zu arbeiten?"

 „Ja, kann sein. Apropos sind heute nicht die Regionalwahlen? Geht keiner von euch zur Wahl?“

„Nee" meint er, "das hier ist unsere Wahl“ und zeigt auf das Meer und den Strand. Eine gute Wahl denke ich.

 „Wir haben den Strand und die Sonne und ihr nur den Nebel.“ so verteidigen die Süditaliener etwas trotzig ihr kleines Paradies gegen die Norditaliener, die den Süden für faul, kriminell und rückständig halten.

 

Ein Paradies am Ende der Welt

 

Und es ist wirklich ein Paradies: Da ist diese wilde Küste mit unzähligen kleinen Sandbuchten, die das Meer in die kargen, schroffen Felsen gefressen hatte, dieses warme, sanfte, klare Meer. Da sind die kleinen Hafenstädte mit ihren Sandsteinhäusern, fast unberührt vom Tourismus. Tagsüber verschlafen, aber abends am Lungomare voller Leben. Und da sind die uralten Olivenbäume, all diese wilden Wiesen, die im Licht des Südens leuchten und die Inschriften auf den (Hafen)mauern...

 

Du hast mich gesehen, hast mich angelächelt und das Ende der Welt ist der Anfang des Paradieses.
Du hast mich gesehen, hast mich angelächelt und das Ende der Welt ist der Anfang des Paradieses.

Was für Romantiker, die Italiener doch sein müssen. Die waren vielleicht gar nicht so doofe Machos und Berlusconi-Bewunderer, wie ich immer dachte?

 

Pasolini und Vendola: katholische Kommunisten

 

Und Pasolini hat sich vielleicht geirrt, als er in seinem Aufsatz "Von den Glühwürmchen" insbesondere gegen die Süd- und Mittelitaliener wetterte, mit all seinen Sinnen habe er sehen müssen, wie die Italiener, die er gegen alle herrschenden Klischees geliebt habe, innerhalb weniger Jahre zu einem degenerierten, lächerlichen, widerwärtigen, kriminellen Volk verkommen seien. Was hat ihn nur so wütend gemacht? Und was heißt mit allen Sinnen gesehen?

 


Sinnlich beschriebt auch Nicki Vendola seinen Traum von Apulien.

„Ich habe einen Traum. Einen Traum vom Mittelmeer, von Felsen und Salz, nach wildem Rosmarin duftend, klar smaragdfarben, bläulich. Einen Traum, der sich in den Wellen der Gischt, in den Geheimnissen des Meeres verliert. Es ist ein Traum von Vermischung...“ (mehr darf ich nicht zitieren; analog nachzulesen in dem Buch von Katja Büllmann: Apulien) Vendola war von 2005 bis 2015 Präsident von Apulien. Welcher deutsche Politiker würde eine Vision, zudem eine Vision von der friedlichen Vermischung verschiedener Kulturen, auf so sinnliche Weise beschreiben? Vendola ist schwul, Katholik und Kommunist. Er hat über Pasolini promoviert, den Umweltschutz und den nachhaltigen Tourismus in Apulien gefördert sowie zusammen mit Gianrico Carofiglio (Mafiajäger und Schriftsteller) erfolgreich die Mafia bekämpft. Also Mülltrennung statt Mafia in Apulien.


 

Ein Leben am Meer, indem das soziale Miteinander und Sinnlichkeit einen höheren Stellenwert haben als Arbeit und Karriere... das war und ist ein Traum, den Apulien in mir wiederbelebt hat.

 

Süditalienklischees - wahr oder falsch?


"Ein bißchen lügen und betrügen ist doch normal. Aber warum gleich die ganze Welt zerstören?" fragt Michele mich später am Strand. Er meint damit wohl den Weltkrieg.

Darauf habe ich keine Antwort, aber ich habe aber auch ein paar Fragen:

"Warum sieht man hier überall mehr Madonnen als Jesusdarstellungen?"

Diese Frage scheint er gar nicht zu verstehen. "Das ist doch die Mutter!" meint er.

Als ich frage "Warum sind die Italiener so romantisch?", herrscht betretenes Schweigen.

Ich verbessere mich schnell und sage: "Ich habe gelesen, die Italiener sind heute romantisch und morgen erinnern sie sich nicht mehr an dich." Das streitet er ab: "Nein, nein. Sie erinnern sich, aber morgen wollen sie eine andere Frau."

Vivere nel momento (Leben im Augenblick)... denk ich mir oder doch alles Machos?

 

Das war quasi meine erste Begegnung mit der apulischen Kultur und Lebensart. Damals hab ich mich gefragt: wollen die mich auf den Arm nehmen oder spielen sie selber mit den Klischees, die es über den Süden gibt? Später habe ich mal einen Halbkanadier/ Halbapulier gefragt, warum er nach vielen Jahren in Kanada nach Apulien zurückgekehrt ist. "Weil das soziale Leben und der Sex hier wichtiger sind." war seine knappe Antwort und das war keine Ironie.

 

Ich habe die Jungs, die ich insgeheim "ragazzi di vita" nenne, über die Jahre nicht aus den Augen verloren und heute nach vielen weiteren Reisen würde ich sagen, es ist was dran an vielen Klischees, aber es steckt viel mehr dahinter. Es ist eine ganz andere Art von Logik, eine Art zu denken, die uns nie in den Sinn kommen würde. Beim italienischen Nord-Süd Konflikt geht um viel mehr als Lokalpatriotismus. Es geht um Unterschiede im Weltbild: den Gegensatz von protestantischer Rationalität und mediterraner Vernunft. Vieles verstehe ich heute noch nicht und werde es wohl nie verstehen, aber gespürt habe ich es schon damals und bis heute ist es eine Welt, die mich zum staunen bringt.

 

Die lange Straße aus Sand

 

Um Italien, den Nord-Südkonflikt und Pasolini zu verstehen muss man wissen, dass mit Beginn des Wirtschaftswunders Ende der 50er Jahre Italien innerhalb weniger Jahre Veränderungen erlebte, die in anderen europäischen Ländern Jahrhunderte gedauert haben. Etwa drei Millionen Menschen aus dem nicht industrialisierten Süden Italiens zogen in den Norden Italiens, die Schweiz oder Deutschland, ganze Dörfer und Äcker verödeten. Was Pasolini in seinem Text "Über die Glühwürmchen" beklagte, war das Verschwinden vieler, archaischer Kulturen, die mit der Industrialisierung und Konsumgesellschaft in Italien begonnen hat.

 

1959 hat Pasolini mit eine Fiat 1100 eine 3000 km lange Reise entlang der Küste Italiens gemacht, um die Orte, Strände, Menschen und Veränderungen zu beschreiben. Stationen seiner Reise durch Apulien waren Tarent, Gallipoli, Santa Maria di Leuca, Otranto, Brindisi, Ostuni und Bari. Dabei entdeckte er in Kalabrien und Apulien auch die Orte und Gesichter, die eine wichtige Rolle in seinem späteren Film "Das erste Evangelium Matthäus" spielen sollte. Als Pasolini  wieder in den Norden reiste schrieb er:

"Leb wohl, Süden, unermeßlicher Kafernaum, Getummel der Armen, der Hungrigen und der Sinnlichen, unverfälschter, geheimnisvoller Speicher des Lebens, der nun hinter mir liegt. "

( Pier Paolo Pasolini: Die lange Straße aus Sand)

 

-> Pier Paolo Pasolini im Salento ( ein italienischer Artikel über Pasolonis Aufenthalte im Salento auf dem Blog "Cultura Salentina - Rivista di pensiero e cultura meridionale")