Die unheimliche Schöheit christlicher Bilderwelten

 

Auch wer nicht religiös ist, sollte in Apulien den einen oder anderen Blick in eine Kirche wagen, denn an christlicher Kunst lässt sich ein Stück Menschheitsgeschichte nach vollziehen.

 

 

gesehen in Vieste
gesehen in Vieste

"Bist du jetzt gläubig geworden?" fragen mich meine Freunde in letzter Zeit irritiert, weil ich angefangen habe, Kirchen und kleine Kapellen zu fotografieren. Ich antworte dann: "Mich interessiert die Auseinandersetzung mit Trauer, Leid und Leidenschaft." denn seit ich in Apulien an jeder Häuserecke Madonnen entdeckt habe, ist mein Interesse für christliche Bilder und Skulpturen geweckt.

 

Als aufgeklärte Menschen haben viele von uns den Zugang zu magischen Welten verloren.

Tiefe Frömmigkeit ist uns fremd und bei der katholischen Kirche denken die meisten Nordeuropäer heute zuerst an Ablasshandel, Kreuzzüge oder düstere Rituale aus dem Mittelalter. Das ist leider ein Aspekt, der uns nicht nur die Sicht auf die Schönheit christlicher Kunst verstellt, sondern auch ein Stück europäischer Menschheitsgeschichte vergessen lässt. Ein Schritt der Annäherung an christliche (katholische) Kunst wäre vielleicht, sie aus dem gewohnten Zusammenhang zu lösen und in einen anderen zu stellen.

 

Die Ausstellung "Unvergleichbar" im Bodemuseum Berlin stellt afrikanische und christliche Kunst gegenüber und eröffnet damit einen Perspektivwechsel, der uns diese Welten wieder näher bringt. Wie wäre es zum Beispiel christliche Darstellungen nicht nur eindimensional als Figuren des Leidens und der Ergebenheit sondern, wie afrikanische Skulpturen, als magische Kraftfiguren oder revolutionäre Märtyrer zu betrachten? (Letzteres käme auch Pasolinis Jesusdarstellung in "Das erste Evangelium - Mathäus" näher.)

 

Unvergleichlich - Kunst aus Afrika


Ausstellungsansicht, © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Ausstellungsansicht, © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Mangaaka, Kongo, Yombe, 19. Jh, Holz, Eisen, Porzellan, Farbpigmente, Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, © SMB, Ethnologisches Museum, Claudia Obrocki
Mangaaka, Kongo, Yombe, 19. Jh, Holz, Eisen, Porzellan, Farbpigmente, Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, © SMB, Ethnologisches Museum, Claudia Obrocki
Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum, Ausstellungsansicht, © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum, Ausstellungsansicht, © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Maria mit dem Schutzmantel, Michel Erhart, ca. 1480, Lindenholz mit ursprünglicher Fassung, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, © SMB, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Antje Voigt
Maria mit dem Schutzmantel, Michel Erhart, ca. 1480, Lindenholz mit ursprünglicher Fassung, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, © SMB, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Antje Voigt
Schmerzensmann, Spanien 16. Jhd., Terrakotta mit alter Fassung, Veröffentlichung des Fotos mit freundlicher Genehmigung des Museums
Schmerzensmann, Spanien 16. Jhd., Terrakotta mit alter Fassung, Veröffentlichung des Fotos mit freundlicher Genehmigung des Museums

 

 

Die Ausstellung "Unvergleichlich - Kunst aus Afrika" stellt afrikanische Kunst christlichen Bilderwelten gegenüber. Dabei geht es um die großen Menschheitsthemen – Schutz, Tod, Geschlecht, Macht. Und ich würde hinzufügen: Trost, Mitleid, Trauer, Leidenschaft. Das Bild, das mich beim Rundgang durch das Museum am meisten berüht hat ist dieses.

 

Veröffentlichung des Fotos mit freundlicher Genehmigung des Museums
Veröffentlichung des Fotos mit freundlicher Genehmigung des Museums

Bevor ich demnächst ausführlicher darüber schreibe - ein paar Gedanken, die für einen Perspektivwechsel hilfreich sein könnten.

 

"Die Geschichte der Schönheit ist eine des Idealismus und die Geschichte des Idealismus ist eine des Trostes." ( Susan Sonntag)

 

"Das Schöne ist das gerade noch erträglich gemachte Unerträgliche." (Byun Chul Han)

 

"Jede Zeit hat die Rennaissance der Antike, die sie verdient." (Aby Warburg)

 

Der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Aby Warburg sieht Bilder als Speicher der Erinnerung an die Leidenschaften der Menschen sowie des kulturellen Zustands einer Gesellschaft. Unter diesen Aspekten werde ich hoffentlich bald mehr schreiben können (und die Brücke zurück nach Apulien zu schlagen), denn da finden sich Darstellungen von Jesus, Maria und anderen Heiligen oder Schutzpatronen weniger in Museen als in Kirchen und im öffentlichen Raum.

 

Museumsinfo

"Unvergleichlich - Kunst aus Afrika" ( 27.10.2017 bis auf weiteres)

Bode-Museum, Am Kupfergraben, Eingang über die Monbijoubrücke
Montags geschlossen, Dienstag bis Sonntag: 10.00-18.00 uhr, Do: 10.00-20.00 uhr.

Eintritt: 12, 00 Euro, ermäßigt: 6,00 Euro, Hartz IV Empfänger mit Berlin-Pass: frei

 

Tipp: Die meisten direkten Gegenüberstellungen von afrikanischer und christlicher Kunst befinden sich im Untergeschoss.

 

Mehr Infos und Bilder zur Asstellung auf dem -> Museumsblog


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